Sklave zweiter Klasse - DER SPIEGEL
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Sklave zweiter Klasse

Warum ein ukrainischer Junge seine Schule verklagt
Von Ralf Hoppe
• aus DER SPIEGEL 9/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben ist hart genug für die Kasjaniks, Vater, Mutter und vier Kinder, hineingepresst in ein graues, abbruchreifes Häuschen im Dolginzew-Bezirk, bekanntlich die schlimmste Ecke von Kriwoi Rog, Ukraine. Aber dann kamen noch Wladislaws Alpträume hinzu.

Wladislaw, sieben Jahre alt, zart und dunkelhaarig, wurde nachts wach, immer wieder. Saß aufrecht im Bett. »Poschaluista«, wimmerte er, »etogo nedelaitje«, bitte, tun Sie das nicht! Jelena, die Mutter, wiegte ihren Kleinen dann wieder in den Schlaf, Jurij, der Vater, strich am nächsten Morgen seinem Sohn übers Haar und befragte ihn; aber Wladislaw druckste herum, das Leben ging weiter, Wladislaw stapfte zur Schule, widerwillig wie stets. Er ist eigentlich ein kluger Junge.

Früher einmal wollte Jurij Kasjanik, 39 Jahre alt, Tischler werden. Das klappte nicht. Stattdessen hat er sein Geld als ungelernter Fabrikarbeiter verdient, bis er vor ein paar Monaten seinen Job verlor. Jetzt sind vier Kinder zu versorgen, im Alter von eins bis neun, und draußen tobt der Drogenkrieg.

»Unser Shanghai«, so nennen die Leute von Kriwoi Rog, 700 000 Einwohner, den Dolginzew-Bezirk, in dem die Kasjaniks wohnen. »Unser Shanghai« klingt spöttisch und lustig, aber so ist es nicht gemeint. Es bedeutet: Bandenkämpfe und Dealerkriege, Entführungen, Schießereien, Razzien.

In Kriwoi Rog wird Heroin gedealt, im großen Stil. Die Stadt ist Umschlagplatz für Rauschgift Richtung Westeuropa. Es gibt in Kriwoi Rog sogar eine Zeitung, die sich auf dieses Thema spezialisiert hat. »Nasch Kriminal«, was so viel heißt wie »Unser Verbrechen«, erscheint alle zwei Wochen, 20 Kopeken kostet das aufklärerische Blatt, und Sergej Jakimenko, 42, Herausgeber und Rechtsanwalt, hat die Investition noch keine Sekunde bereut.

»Hier in Kriwoi Rog fehlt vieles«, sagt Jakimenko, »nur Drogen und Verbrecher haben wir genug.« Jakimenko ist ein großer, bärenhafter Mann, er hat kaum noch Haare, aber eine Mission: »Unsere Gesellschaft«, sagt er, »muss all die Fehlentwicklungen bekämpfen, die noch aus der Zeit des Sozialismus stammen.« Deshalb gibt Jakimenko neben seinem Anwaltsjob zwei Zeitungen heraus; deshalb übernimmt er oft genug Fälle, auch wenn die Mandanten kein Geld haben. »Dies ist eine Art Antwort auf die Gewalt und die Ungerechtigkeit«, sagt er.

Jelena und Jurij Kasjanik, wohnhaft in der Tschabescha-Gasse im Dolginzew-Bezirk, haben ebenfalls eine Antwort. Sie ist schlichter, sie lautet: Wir müssen unsere Kinder beschützen.

Als an einem Nachmittag im Herbst vergangenen Jahres Wladislaw nicht von der Schule nach Hause kam, machte sich Jelena Kasjanik große Sorgen. War ihm etwas zugestoßen? Sie schnappte sich ihr Baby und hastete zur Hauptschule 84 - in Kriwoi Rog tragen die Schulen Ziffern statt Namen. Sie fand ihren Sohn auf dem Schulhof, ganz allein, mit einem Besen, er fegte den riesigen Hof. Es war eine Strafarbeit. Er weinte.

So haben Jelena und Jurij Kasjanik erfahren, dass Wladislaw in letzter Zeit sehr, sehr oft den Hof fegen musste, allein, wenn die anderen Kinder malten, turnten, lesen lernten, und dass dies der Grund für seine Verdruckstheit, seine Alpträume ist. Sie waren empört.

Man muss seine Kinder beschützen.

Jurij Kasjanik wurde vorstellig bei der Schuldirektorin. Erfuhr dort, dass Disziplinarmaßnahmen noch keinem geschadet hätten. Wenn Wladislaw seine Verdruckstheit und seinen ängstlichen, widerspenstigen Charakter ablege, brauche er auch keine Strafarbeit zu leisten. Noch Fragen? Jurij Kasjanik war empört gewesen, jetzt war er wütend.

»Ein Zweitklässler«, sagte er zu seiner Frau, »ist doch kein Sklave.« Sie sagt: »Jurij, tu was.«

Aber was? Er hat kein Geld, keine mächtigen Freunde, die Welt ist nicht gerecht. Da hörte Jurij Kasjanik im Dezember 2002 von einem Anwalt namens Jakimenko, Herausgeber der Zeitung »Nasch Kriminal«, Kämpfer gegen Verbrechen und Ungerechtigkeit. Das Anwalts- und Zeitungsbüro ist in der Galjenko-Straße 2.

Jurij Kasjanik hat kein Telefon, aber zwei Füße. Er hatte keinen Termin, aber er kann warten.

Kasjanik wartete sechs Stunden, er betrachtete die weißen Telefone, er bewunderte die hübschen Sekretärinnen, die Bürostühle mit ihren Rollen. Dann hatte der mächtige Anwalt Zeit für ihn. Und plötzlich ging alles ganz schnell.

Für den Rechtsanwalt Jakimenko ist der Fall klar: Diese Form von Bestrafung ist ein würdeloses Relikt des Sozialismus. Also geht er hin und verklagt die Schule und die Schulbehörde, es wird einen Musterprozess geben, und als Kläger firmiert Wladislaw Kasjanik, sieben Jahre alt, Schüler der Hauptschule 84. Am 16. Dezember, morgens um neun, reichte Jakimenko Klage ein, in seiner Schrift fordert er einen Schadensersatz in Höhe von 6200 Griwna, etwa 1107 Euro. So viel verdient ein ukrainischer Schullehrer in drei Jahren.

Anwalt Jakimenko ist zuversichtlich, sein Mandant ebenfalls. Wladislaws Lehrer sind eisig zu ihm, aber er muss nun nicht mehr den Schulhof fegen, immerhin.

Das Leben ist hart, weiß Jurij Kasjanik, aber man muss seine Kinder beschützen. RALF HOPPE

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