Familie So sche eigloffe
Der Forschergeist des Menschen ist rastlos. Die entlegensten Weiten des Alls hat er erkundet, die unheimlichen Tiefen des Meeres, die grünen Höllen der Urwälder. Und jetzt dringt die Wissenschaft in eine Welt ein, die so nah und doch so fremd ist: Was läuft ab, wenn die Familie am Tisch sitzt, um zu essen?
Wahrhaft tiefschürfende Fragen, so mag der von Mutters Weihnachtsgans und Großvaters Kriegsgeschichten gefällte Zeitgenosse mitunter ahnen, verbergen sich hinter der Zauberkraft des familiären Tischrituals: Wieso werden Vaters Lebenslehren immer wieder angehört, obwohl sie nach tausend Wiederholungen kein bißchen überzeugender geworden sind? Wie kommt es, daß die Schwiegertochter mit ihren Themen draußen vor der Tür bleibt? Warum läuft das Gespräch, obwohl keiner so genau hinhört, wie der andere argumentiert?
Die Konstanzer Soziologin Angela Keppler, 39, wollte eben dies genauer erkunden. Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema - und hat nun ihre Ergebnisse, die sie aus Mitschnitten von Tischgesprächen gewonnen hat, in einem Buch vorgelegt*.
Ein akribisches Protokoll von Unterhaltungen schwäbischer Familien ist hier entstanden. Kein Muckser sollte verlorengehen und kein Satz, selbst wenn sich die Teilnehmer ins Wort fielen. Keppler: »Manchmal sprachen bis zu acht Personen gleichzeitig.«
Diese Genauigkeit war offenbar nötig - denn es ging Keppler weniger um die Analyse der Inhalte von Äußerungen einzelner Teilnehmer als um nähere Erkenntnisse darüber, welche geheimen Regeln auf dem Bolzplatz des familiären Tischgesprächs herrschen.
Warum zum Beispiel kann man nur so schwer Gehör für das finden, was man eigentlich besprechen wollte? In der Gesprächssituation in der Familie gilt, was Addi Preißler (Dortmund) zum Fußball gesagt hat: »Grau is'' alle Theorie. Maßgebend is''- auffen Platz.«
Nicht die Absichten der Teilnehmer zählen, so offenbart die Studie, sondern wie sie beim Sprechen am Tisch, im Gewoge des Geredes geäußert und durchgesetzt werden können.
Familiäre Tischgespräche sind ein zunächst einmal eher undurchsichtiges Gemisch aus ritueller Wiederholung und unmerklich inszenierten Themenwechseln (wenn Streit droht); sie bilden einen zähen Redefluß, der vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurückführt _(* Angela Keppler: »Tischgespräche. Über ) _(Formen kommunikativer Vergemeinschaftung ) _(am Beispiel der Konversation in ) _(Familien«. Suhrkamp Verlag, ) _(Frankfurt/Main; 300 Seiten; 22,80 Mark. ) - und wachsen mitunter zum Strom an, der einen mitreißt, obwohl man sich doch geschworen hatte, diesmal seine wahre Meinung zu sagen. Es ist, als würden die Beteiligten von etwas gesprochen, wenn sie sprechen. Bloß von was?
Den Takt geben »kommunikative Formen und Elemente« an, wie das in Kepplers nüchterner Soziologensprache heißt. Die Festigkeit des formalen Bandes lenkt - egal, was einer genau sagt - in allen Familien die Rede bei Tisch. Und sie ist entscheidend dafür, ob eine Familie Bestand hat oder nicht. Woraus besteht so ein unsichtbares Band?
Das eine Mahlzeit eröffnende Ritual zum Beispiel. Es lenkt die Kommunikation. Auf Kepplers Bändern findet sich folgende Szene: Der Vater will das Tischgebet sprechen, aber die Tochter und deren Freund sind gerade am Streiten: »Deshalb bisch su grätig heut« - »Bin i grätig? Also bitte!« Ein Räuspern des Familienoberhauptes genügt, und die Sitte siegt: Alles verfällt in Schweigen.
Aber auch ein profanes »Guten Appetit« schneidet deutlich ins Geplauder. Der Wunsch lenkt oft den Redestrom aufs Essen um. Erst wenn dessen Beschaffenheit mehr oder weniger ausführlich erörtert ist - so geschieht es selbst in WGs ("Is da Tofu drinne?") -, dürfen die Tischgenossen an vorausgegangene Themen anschließen oder zu neuen aufbrechen. Und keiner hat gemerkt, daß ihn soeben ein »kommunikatives Element« gelenkt hat.
Aufschlußreich an Kepplers Studie ist die Beschreibung solcher verborgenen Weichen im Gleissystem des Tischgeplauders - etwa solchen, die verhindern, daß sich eine Familie zerstreitet. Folgendes erlauschte die Soziologin am Heiligen Abend bei Familie Schmidt. Mutter Schmidt möchte, daß die studierende Tochter Berta mit in die Kirche geht: »Du könntsch au mol mit uns gehn.« Doch Berta möchte nicht: »Was soll der Schabernack?«
Eine gefährliche Situation. Es riecht nach Grundsatzdiskussion, nach Demonstrationen elterlicher Enttäuschung und kindlichen Trotzes. Doch die Mutter sucht die Lage zu entschärfen - durch Frotzeln. Sie singt die Schlagerzeile: »Willst du mit mir gehn.« Nun wird die Tochter sachlich und hochdeutsch: »Ihr wißt genau, daß ich ungläubig bin.« Mit einem kleinen rhetorischen Dreh hat die Mutter eine ernsthafte Mahnung in eine spaßhafte umgewandelt - und den großen Krach vermieden.
Die Schmidts sind Meister im frühen Entschärfen von Konflikten. Wie selbstverständlich fügen sie sich, wenn die Mutter ein Entschärfungsangebot macht. Oft sind es Zeitungsartikel oder Geschichten von Nachbarn, mit denen Mutter die Familie vom Crash-Kurs abbringt. Niemand beharrt angesichts des unmerklichen mütterlichen Drucks zum Umswitchen auf seinem Thema. Die eingeübte Form siegt über den Inhalt.
Ganz anders dagegen die Müllers, eine Streitfamilie. Bei Müllers erweist sich, daß das Band kommunikativer Übereinkünfte reißen kann. Keppler beschreibt, wie eine dominante Mutter und ein wehleidiger Vater ("Ihr wisset bloß immer des, was ihr mir vorwerfen wollet") sich und ihren Kindern durch Dauerknatsch den Appetit verderben.
Die Nachzeichnung der Müllerschen Dialoge belegt, wie das Feuer des Streits blitzschnell von einem Familienmitglied aufs andere überspringt. Eben zanken sich noch die Eltern, da fallen schon - durch das bedenkliche Vorbild angestachelt - die zwei Brüder über die kleine Schwester her. Bei Müllers versagen die einen Streit verhindernden Gesprächsformen. Aber solange gestritten wird, leben sie zusammen.
Ins Arsenal immer schon eingespielter Familienrituale, so demonstrieren Kepplers Aufnahmen, gehört die Bereitschaft zum Klatsch. Der nämlich muß sein - weil er das Wir-Gefühl stärkt und die eigene familieninterne Moral. Ein anderes, noch gefürchteteres und ständig wiederkehrendes Element ist die Belehrung. Kaum setzt der Vater zum Sermon über das rechte Leben an, entsteht ein unsichtbarer Druck für die anderen zu schweigen. Ähnliches gilt, wenn einer mit den bekannten Präliminarien ("Hab'' ich des schon mal erzählt") zu einer langen Geschichte ansetzt. Dann heißt es, stöhn, zuhören.
Allerdings gilt auch in solchen Fällen, so die Studie, das oberste Unterhaltungsgesetz: Du sollst niemals langweilen! Wer belehren will, muß sich erst der Bereitschaft der anderen versichern, belehrt zu werden. Wer klatschen will, muß eine interessante Neuigkeit über einen Dritten zu bieten haben - und außerdem klären, ob der andere dies überhaupt hören will.
Verbohrtes Beharren auf Themen, in der Arbeitswelt manchmal eine Tugend, ist in der Familie verpönt. Umgekehrt fürchtet elterliches und kindliches Geplauder nichts mehr als das Verstummen. Nur Familien, die nicht reden, sind tot.
Lauter wissenschaftliche Belege für das, was wir immer schon geahnt haben? Der Verdacht liegt nahe, wenn ein vom Gesprächsklima der am Tisch versammelten Sippe schwer geprüfter Junge auf gut schwäbisch selbstzufrieden schnurrt: »Gott sei Dank isch unser Läbä so sche eigloffe, gell!«
Tatsächlich aber enthält Kepplers Studie eine überraschende Pointe: Medien und deren Botschaften bestimmen das familiäre Braten-Geplauder in weit geringerem Maß als erwartet.
Gerade bei diesem Thema schwang ja bisher St. Spekulatius seinen Bischofsstab: Die Medien ersetzten die Realität, ihre virtuellen Welten zerstörten die Gefühlsbindungen, das Gedröhne des Fernsehens lasse die Familie verstummen, entwerte deren Gespräch, lautet das Lamento.
Das nimmt sich nun viel differenzierter aus. Zwar beanspruchen Fernsehthemen großen Raum. »Doch«, so Keppler, »der Rekurs auf Medienbeiträge vergrößert die Reichweite der familiären Themen erheblich, ohne jedoch die Struktur der Gespräche signifikant zu verändern.«
Die meisten Fernsehereignisse dringen in die familiäre Kommunikation oft nur dadurch ein, daß sie im Gespräch gemeinschaftlich rekonstruiert werden. Eine harte Arbeit, denn beim Fernsehen kann derjenige, der das Thema einbringt ("Hosch du des gseha?") nie sicher sein, ob und wieviel der andere gesehen hat.
So werden längere Erläuterungen nötig, in denen es nicht nur um die Wiedergabe von Inhalten geht, sondern auch um Bewertungen und - wie im Falle der Versteckten-Kamera-Sendung »Verstehen Sie Spaß?« - sogar um eine Reflexion der Entstehungsbedingungen: »Die dürfed des ned oifach.«
Nicht die Medien machen sich das Familiengespräch gefügig. Umgekehrt wird eine nun empirisch belegte (und kaum besorgniserregende) Faustregel daraus: Auf Geschehnisse des Bildschirms weicht die Familienrede gern aus, wenn der Redefluß zu erlahmen droht - oder wenn die Spannung unter den Gesprächspartnern allzusehr steigt.
Ans Eingemachte des Gesprächsgefüges, so Keppler, geht der Medienkonsum jedenfalls fast niemals. Die »eigloffene« Familie - zusammengehalten vom formellen, aber festen Band der Redegewohnheiten - ist zäh. Y
Medien bestimmen das Familiengespräch weniger als erwartet
* Angela Keppler: »Tischgespräche. Über Formen kommunikativerVergemeinschaftung am Beispiel der Konversation in Familien«.Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main; 300 Seiten; 22,80 Mark.