Springer vs. Springer
Saal 334, Arbeitsgericht Berlin, auf dem Flur warten die Parteien in der Streitsache 80 Ca 17273/01, die letzte an diesem Dienstag. Es ist wenige Minuten nach 13 Uhr, Hinterhoflicht, taubengraues Linoleum, an den Wänden Karikaturen der Marke: Hier lacht der Oberstaatsanwalt.
Im Saal, die Tür steht offen, lacht niemand. Die 80. Kammer verhandelt Termine, vor denen das Kürzel »Gü« für Güteverhandlung steht. Es soll, theoretisch, um Frieden gehen. Aber praktisch geht es um den alltäglichen Kleinkrieg wegen Abfindung, Wiedereinstellung, Einmalzahlung - um sprödes Arbeitsrecht.
Sache 80 Ca 17273/01 muss warten, weil im Saal andere länger rangeln als die angesetzten Viertelstunden, und weil vor dem Gesetz alle gleich sind. Die »Mammut-Saug-Technik GmbH« wie die »Putzteufel Gebäudereinigung e. G.«, die »Van de Ven Videothekenverwaltung« und auch die »Axel Springer Verlag AG«, 5,7 Milliarden Mark Jahresumsatz, rund 13 600 Beschäftigte, das heißt, jetzt einer weniger - und eben deshalb vor dem Berliner Arbeitsgericht erschienen als »die Beklagte«. Der Kläger sitzt auf dem Flur, das Haar schneeweiß wie das Hemd, Anzug, Ordensspange am Revers, er improvisiert eine Pressekonferenz, seine Stimme ist das Befehlen gewohnt. »Ich will nicht wissen, wer hier welche Stolperdrähte gezogen hat«, sagt er, »ich will mein Recht.«
Recht. Das sagt er oft und wie: Gerechtigkeit. Ein wenig klingt er dabei wie Helmut Kohl, weil es auch hier um ein ganzes Leben geht, um das Finale einer langen Karriere, das schmähliche Ende der bemerkenswerten Dienstfahrt von Peter »Pepe« Boenisch, Träger des Bundesverdienstkreuzes, des Bayerischen Verdienstordens, des Großoffizierskreuzes des König-Leopold-Ordens; eigentlich Journalist, 74 Jahre alt, arbeitslos.
Vielmehr: Gekündigt. Der schöne Autoren- und Beratervertrag mit geschätzt 500 000 Mark Jahresgage und fünf Jahren Laufzeit: gelöst. Boenisch am 8. Juni mit dem dünnen Argument vor die Tür gesetzt, er habe für die »Süddeutsche Zeitung« einen Text verfasst (eine Kleinigkeit, 29. Mai, Seite 24, 51 Zeilen im Kasten, Thema: Pressefreiheit). Damit habe er seinen exklusiven Autorenvertrag mit Springer gebrochen. Ende. Aus.
Solcher Anwurf, 42 Jahre nach Boenischs Eintritt bei Springer. Nach Jahren als Chefredakteur der »Bild«, Chefredakteur der »Bild am Sonntag«, Chefredakteur der »Welt«.
Boenisch, ein hochfahrender, anspruchsvoller, auch mit 74 Jahren energischer Mann. Eitel, natürlich. Sitzt auf dem Flur des Gerichts wie ein Patrizier in schäbiger Requisite. Sieht ständig so aus, als röche er etwas, das nicht gut riecht. Mit allen Wassern gewaschen, sagt man. Hat Pferde kotzen sehen, reichlich. Und die Kotze, auch das, immer wieder aufgewischt für seine Leser.
Kommentare schrieb er in letzter Zeit, einen pro Woche ungefähr, »Bild«-Zeitung, Seite 2. Die Sätze wie Schüsse so kurz, aber nicht mehr regelmäßig ins Schwarze gesetzt. Boenisch wurde mild, in Interviews bezog er Position gegen die Jungkonservativen im eigenen Haus, in Kommentaren äußerte er Verständnis für alte Feinde, reichte gar Joschka Fischer die Hand, und legte sich folglich mit dem ganzen Hause Springer an, dessen Mythen, Tabus, Gründungslegenden.
Eigentlich ein Widerspruch in sich. Denn dieses Haus Springer, das war Boenisch selbst, jedenfalls einer seiner Fürsten. Deshalb wird er nach Gefühlen befragt auf dem dämmrigen Flur des Gerichts. Antwortet: Ja, seine Lage sei schwierig.
Entfremdung? »Ach was, Entfremdung. Das ist wie bei alten SPD-Leuten oder CDU-Leuten. Die kriegt man nicht weg von ihrer Partei, die bleiben ihrem Laden ewig treu.« Aber wenn der Laden sie zum Teufel jagt? »In den Bereich der menschlichen Enttäuschung«, sagt Boenisch, »wollen wir uns nicht begeben.« »Ich hab da zugemacht.«
Wie gut der Schutzschild hält, kann er wenig später testen. Sein »Laden« hat einen schneidigen Anwalt geschickt, Joachim Littig, 43, zitiert Paragrafen, redet Amtsdeutsch, sagt, Boenisch sei bei Springer eigentlich »nicht in persönlicher Abhängigkeit tätig« gewesen, eine Art freier Mitarbeiter, nicht viel mehr. Alles, was er sagt, klingt wie: Du magst ja deine Verdienste haben, aber ...
Boenisch schweigt, an seiner Seite Anwalt Matthias Prinz, nun holt er Luft, irgendwann, mitten hinein in Littigs Parade. Seine Stimme laut, das Befehlen gewohnt, Boenisch sagt: »Zeigen Sie mir einen freien Mitarbeiter, der fast täglich mit seinen Chefredakteuren redet«, »Zeigen Sie mir einen freien Mitarbeiter, der diese Privilegien genießt«, »Zeigen Sie mir einen, der seinen Leuten Tag und Nacht zur Verfügung steht, Tag und Nacht.« Er betritt, so scheint es, den Bereich der menschlichen Enttäuschung. Rutscht auf dem Stuhl, stützt sich schwer auf den Tisch, kämpft.
Für Güte weder Zeit noch Anlass. Die Verhandlung, diktiert die Richterin einer Gerichtsdienerin im Sommerkleid in den PC, habe »leider nicht das gewünschte Ergebnis« gezeitigt. Von nun an wird es um Geld gehen in Sachen Boenisch gegen Springer. Viel Geld. Schmerzensgeld. ULLRICH FICHTNER