WOHNEN Stets zu Diensten
Die Erinnerung ist offenbar demütigend, und sie sitzt tief. Immer und immer wieder erzählen die Abkömmlinge der Vor-68er Generation, wie sie seinerzeit als Studenten mit allen erdenklichen Raffinessen versuchten, ihre stets auf der Lauer liegenden Zimmerwirtinnen auszutricksen.
Spätnachts auf Socken den knarzenden Stellen auf dem Dielenboden der Großbürgerwohnung ausgewichen, die neue Geliebte als Cousine ersten Grades ausgegeben, nächtliches Fehlen durch außerhäusige Krankheitsanfälle einschließlich Transportunfähigkeit entschuldigt - und doch immer wissende Blicke geerntet.
Unkontrolliert wohnen, aus- und eingehen, ohne dass jemand vielsagend lächelt, das galt als große Errungenschaft des Erwachsenwerdens. Doch, wie das nun mal so ist mit den Traumata: Sie kehren zurück, oft sogar auf hohem Niveau.
Immer öfter werden Wohnungsneubauten für wohlhabende Leute in Hamburg, in Frankfurt und vor allem in Berlin nach dem Muster der alten Bürgerwohnung entworfen - und die Bewohner leisten sich freiwillig soziale Kontrolle, zahlen sogar dafür.
Im schnieken Sony Center am Potsdamer Platz, im Tiergarten-Dreieck unweit des alten Diplomatenviertels: Wo in Berlin Star-Architekten Luxuswohnungen bauen, da hält auch eine - als amerikanisch geltende - fürsorgliche Belagerung Einzug, das so genannte Doorman-Konzept.
Doormen (die auch Frauen sein können, doch für sie gibt es noch keinen neu-deutschen Begriff) sind jene Hüter der nobel Behausten, die früher Pförtner, Portier oder Concierge hießen, in Deutschland ausgestorben waren, in Amerika allerdings vielerorts anzutreffen sind.
Sie sitzen in repräsentativen Foyers von Wohnhäusern, achten darauf, dass nur hereinkommt, wer dort wohnt oder angemeldet ist. Sollte eine Wohnung verwaist, ein Fenster weit geöffnet sein und ein jäher Wolkenbruch drohen das Heim zu überschwemmen: Der Doorman eilt herbei und riegelt alles ab. Auch bei der verbreiteten Ist-der-Herd-noch-an-Panik hilft er, schaut nach und schaltet mögliche Brandstifter aus.
Dem in der Wohnung weilenden Mieter soll er ebenfalls stets zu Diensten sein. Taxen, Brötchen, Putzdienste ordern - wer seine Aktien, nicht aber seinen Alltag im Griff hat, soll beim Doorman Trost finden.
»Es gibt immer mehr internationales Publikum in Berlin, die sind die Doormen von zu Hause gewohnt und wollen sie auch hier haben«, sagt der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn, der das Doorman-Konzept für die von ihm entworfenen Eigentums- und Mietwohnungen im Sony Center vorschlug. Er fügt mit vielsagendem Blick an: »Sie verstehen, es geht um Leute, die eine Wohnung in New York, eine in London haben und jetzt auch eine in Berlin wollen.«
Schon klar: Mit Nächstenliebe hat das alles nichts zu tun. Doormen kosten nicht zu knapp, und sie sind vorzugsweise in solchen Anlagen zu finden, deren Bewohner den Begriff »peanuts« eher im übertragenen Sinne gebrauchen.
Die Eigentumswohnungen in Jahns Sony Center kosten stolze 8000 bis 12 000 Mark pro Quadratmeter. Im Vergleich dazu löhnen Käufer einer edlen Schöneberger Altbauwohnung schlappe 5500 Mark.
Natalie Baronesse Pilars de Pilar, Betriebswirtin und zur Zeit damit beschäftigt, die Sony-Center-Wohnungen an den reichen Mann zu bringen, spielt - Noblesse oblige - die Kosten runter: »Man muss bedenken, die Leute, die hier einziehen, brauchen zum Beispiel keinen eigenen Staubsauger. Die vom Doorman beauftragte Putzkolonne bringt einen mit« - eine etwas andere Auffassung von Sparsamkeit.
»Beim Doorman-Konzept werden die Vorzüge eines Hotels kombiniert mit den Vorzügen des eigenen Heims«, sagt der Münchner Architekt Christoph Sattler, der im Tiergarten-Dreieck, direkt am Landwehrkanal, einen Teil eines Wohnkomplexes errichtet hat, in dem inzwischen ein Hüter haust.
Tatsächlich wirkt der Eingangsbereich des Sattler-Baus wie eine Hotel-Lobby. Gläserne Drehtür, Parkettboden, holzvertäfelte Wände und Heizungen, superweiche Sofas und hinter einem Tresen der uniformierte und soignierte Herr, an dem keiner vorbeikommt. Selbst wer über die Tiefgarage ins Haus gelangt, kann seinem wachsamen Blick nicht entgehen. Der Doorman hat alle Ein- und Ausgänge per Kamera im Blick und besitzt somit das Herrschaftswissen über alle mitgebrachten Cousinen ersten und auch zweiten Grades.
Doch: »Klatsch und Tratsch gibt es bei uns nicht«, wehrt Doorman Wolf Hensen, früher Concierge in Fünf-Sterne-Hotels, ab. »Ich fühle mich nicht bewacht, sondern beschützt«, bestätigt treu Justus Stange, seit zehn Wochen Bewohner des Sattler-Hauses. »Im Haus meiner Großeltern gab es auch so einen Portier. Das ist doch eine ganz alte Tradition.«
Dass solcherlei Alt-Sitten ausgerechnet in den modernen und globalisierten Zeiten rastloser Mobilität und Flexibilität hervorgekramt werden, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich: Die hyperaktiven Bewohner schätzen den Doorman offenbar als eine Art Ersatzheimat. Zudem bietet der Herr über die Kameras den scheuen Reichen Sicherheit vor den Gefahren der großen, fremden Stadt.
Auch um die vorletzte Jahrhundertwende, als die modernen Städte wuchsen und zu sozialen Brennpunkten wurden, hatten die Portiers Hochkonjunktur - auch damals waren sie Schutzheilige der Reichen.
Auffälligerweise ist dieser Rückgriff auf die Portierstradition oftmals auch mit einer ästhetischen Rückkehr zu alten Bau-Werten verbunden. So reaktiviert etwa das Sattler-Haus in vielerlei Hinsicht Motive der traditionellen Bürgerwohnung: ungewöhnlich hohe Wände (3,40 Meter), Parkettboden, Erker. Bauherr Klaus Groth: »Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, die Konzepte sind die der Gründerzeit.«
Selbst der Modernist Jahn schwört in seinen Sony-Center-Wohnungen - trotz cooler Edelstahltüren - auf Parkettboden, auf die guten alten raumhohen Türen, selbst Erker hat er sich erlaubt, die allerdings sind, um die historischen Vorbilder nicht zu sehr zu strapazieren, voll verglast.
So erfüllt sich auch hier die von Zeitgeistanalytikern viel beschworene Prophezeiung, dass die Unruhen der Globalisierung nostalgische Bedürfnisse wecken. In den neuen Luxuswohnungen wird die kalte Welt der Kameraüberwachung durch eine »warme Architektur« ausgeglichen, so drückt es Bauunternehmer Groth aus. Und: Der altmodisch livrierte Türhüter trägt mit dem Lächeln, für das er bezahlt wird, zur aufgewärmten Atmosphäre bei.
Der Trend zum Doorman wird bereits kulturpessimistisch kommentiert. Es wird befürchtet, dass das Türhüter-Konzept auch bei weniger Privilegierten angewandt werden könnte - hier allerdings nicht in der Wohlfühlkombi aus Kuschelarchitektur, Sicherheit und Service. Bei den nicht ganz so Wohlhabenden bliebe womöglich nur der Bewachungsaspekt übrig - Big Brother grüßt, diesmal nicht aus dem Container. Die Berliner Zeitung »taz« warnt etwa vor »Wohnsicherheitstrakten«.
Anhaltspunkte für solcherlei Sorgen bieten die USA. Nach Schätzungen des Stadtplaners Edward Blakely leben hier fast neun Millionen Menschen in regelrechten »Gated Communities« , in hermetisch abgezäunten und bewachten Wohnanlagen. Der Wissenschaftler warnt: »No social contract without social contact« - es gibt keine lebendige Stadtgesellschaft ohne soziale Kontakte.
Tatsächlich versucht man auch in der Berliner Satellitenstadt Marzahn - nicht gerade ein Sehnsuchtsort der Reichen -, das Doorman-Konzept zu übernehmen: Fünf Portiers beobachten abwechselnd per Kamera die jeweils 25 Stockwerke zählenden Doppelhochhäuser.
Den Vorwurf, dass die Bewohner durch die Dauerbewachung in Schach gehalten werden sollen, weist Erika Kröber von der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn zurück. Es gehe nicht allein um Sicherheit, es gehe auch hier um Service. Die Doormen seien dazu da, Blumen zu gießen, Fische zu füttern und Pakete entgegenzunehmen. Mit solchen Diensten will man, so Kröber, das arg in Verruf geratene Wohnen in Hochhäusern aufwerten.
Glaubt man den Beteuerungen, kennt der Doorman in Deutschland offenbar noch keine Standesgrenzen. Um das kollektive Gedächtnis der Vor-68er allerdings zu schonen, sollte zumindest Studenten diese Sonderform des betreuten Wohnens vorerst erspart bleiben. SUSANNE BEYER