Teil 2 "Schauder durch alle Glieder"
Die Berlinerin Weege, die Indianer, die schwäbischen Musiker, sie alle starben in dieser nebligen Nacht des 19. Januar 1883: Eine gute Stunde nach Mitternacht hatte der Kapitän der "Cimbria" langsame Fahrt befohlen. Denn über die Nordseewellen trieben dichte Nebelschwaden. An Bord des Stolzes der bis vor kurzem noch auf Segelschiffe setzenden Hapag waren rund 90 Mann Besatzung und rund 400 Passagiere; im Bauch des Schiffes lagerten 59 Postsäcke und 1200 Tonnen Fracht.
Urplötzlich brach nördlich von Borkum der englische Kohlendampfer "Sultan" aus dem Nebel, auf dem Weg von Hull nach Hamburg. Die Kapitäne der beiden Schiffe versuchten noch Ausweichmanöver, da rauschte die "Sultan" aber auch schon mit solcher Macht in die Backbord-Seite der "Cimbria", dass sich die Eisenplatten nach innen bogen. Der Bug des Frachters zermalmte vier "Cimbria"-Passagiere, Wassermassen stürzten ins Schiff.
Der leckgeschlagene Stahlkoloss kippte auf die Seite. Vielen Passagieren, besonders aus den feinen Oberdecks, gelang es zwar noch, sich ins Freie zu hangeln. Aber von acht Rettungsbooten ließen sich nur vier benutzen. Davon kenterten zwei sofort, weil zu viele Menschen hineinsprangen. "Überall schwammen, laut jammernd, Passagiere und Mannschaften durcheinander, kreischende Weiber, schreiende Kinder, ein wildes, furchtbares Bild der schrecklichen Todesangst", erzählte ein Überlebender.
Ein Pärchen, so berichtete die "New York Times" damals, habe sich in Panik die Gurgeln durchgeschnitten, um wenigstens beieinander zu sterben. Eine ältere Frau sei von einer Welle weggeschwemmt worden, während sie Klagelieder sang. 15 Minuten nach der Kollision sank die "Cimbria" schließlich mit dem Bug voran auf den Meeresgrund.
Kaum mehr als 60 Menschen überlebten, 17 davon hatten sich elf Stunden lang an einem noch aus dem Wasser herausragenden Mast festgeklammert, bis ein Segelschiff sie endlich auffischte.
Der Untergang der als äußerst sicher geltenden "Cimbria" berührte die Menschen in ganz Deutschland; es war eines dieser nicht für möglich gehaltenen Desaster moderner Verkehrsmittel, wie sie auch heute noch die Öffentlichkeit schocken.
Ein Künstler komponierte damals eine Moritat ("Schauder drängt durch alle Glieder, wenn man liest von ,Cimbria'"), Schiffsexperten forderten technische Neuerungen. Die Opposition bedrängte den Reichskanzler mit strengen Fragen, und wohlhabende Bürger riefen zur Spendenaktion für "die Nothleidenden", die Opfer und Hinterbliebenen auf.
Gut 90 Jahre lang blieb die "Cimbria" danach verschollen, von starken Strömungen fast begraben im Sand der Nordsee. 1974 stieß das Suchschiff "Wega", das Informationen für die Seekarten sammelte, auf das Wrack. Doch eine Bergung wäre damals ohne das entsprechende Gerät nahezu unmöglich gewesen.
Sea-Explorer-Vorstand Keppler hat das Kapital und das Know-how. Seine Firmen bergen nicht nur seit Jahren gesunkene Yachten oder gekenterte Flussbagger, im Mai spürte er auch vor Haiti lange gesuchte Wracks auf, die womöglich im 17. Jahrhundert zur Flotte des Piraten Sir Henry Morgan gehörten (SPIEGEL 34/2001 ).
Vor zwei Wochen ließ er genau parallel zur "Cimbria" die Bergungsplattform "Buzzard" verankern, größer als eine Turnhalle. Rund um die Uhr senkt seitdem ein Kran Taucher in einem Korb auf den Grund der Nordsee. Zwei Schläuche versorgen die Spezialisten dort unten mit Sauerstoff und Licht, in einem dritten Strang läuft ein Telefonkabel. An schlechten Tagen lässt ihnen die Nordsee fünf Meter Sicht, mal ist die See aber auch so aufgewühlt, dass sich die Männer nur vorantasten können. Nach 60 bis 90 Minuten müssen die Männer jeweils wieder nach oben, zwölf Stunden später folgt der nächste Tauchgang.
An vielen Stellen kämpfen die Taucher mit einem Gemisch aus Sand und Muscheln, oft so fest wie Beton. Zwischen einem Mastfuß und der Ankerwinde, exakt in Höhe der Stelle, an der einst die "Sultan" die "Cimbria" rammte, haben sie die Spanten aufgebrochen. Mit so genannten Druckspülern wühlen sie sich nun von oben in den Bauch des Schiffes vor. Spezielle Sauger halten die Wege frei.
Von dem Drama der 437 Getöteten hat die See nichts übrig gelassen. Die beiden oberen Decks, in denen sich Passagiere und Besatzung aufhielten, hat das Meer komplett weggeschwemmt. "Und alle anderen menschlichen Reste", sagt Taucher Christoph Schmidt etwas burschikos, "haben die Fische aufgefressen."
Um vor dem Herbst die Arbeit geschafft zu haben, setzen die Leute auf der "Buzzard" nun auf die Hilfe von "Roman". Der Unterwasserroboter kann baggern, graben, spülen und heben alles ferngesteuert von einem Computer-Container auf der Plattform.
Was Roman und die Taucher nach oben fördern, soll später einmal in einer Wanderausstellung gezeigt werden. Erstes Ziel von Chefberger Keppler bleibt es aber, seine Aktionäre zufrieden zu stellen, auch wenn Archäologen die Schatztaucher immer wieder als Plünderer schmähen.
Doch Keppler braucht vor allem das Wohlwollen der Geldgeber für kommende Unternehmungen. In den nächsten zwei Jahren will Sea Explorer zehn weitere untergegangene Schiffe ausschlachten. Weltweit gibt es noch rund 100 000 Wracks zu bergen so einige davon mit wertvollen Ladungen.
Bevor seine Taucher vor Borkum in die Tiefe gingen, hatten Kepplers Rechercheure herausgefunden, dass sich auch bei der "Cimbria" der Aufwand lohnen könnte: Das Wrack ist mit modernen Methoden zugänglich, die Ladung größtenteils wasserresistent in der Expertise eines Wrackexperten heißt es, die Chance, das Frachtgut "unversehrt aufzufinden, dürfte somit gut sein". Überzeugt hatten Keppler schließlich Informationen, nach denen die "Cimbria" auf ihrer letzten Fahrt mit 800 000 Mark versichert war dreimal so hoch wie auf einer normalen Fahrt.
Theoretisch gehören Schiff und Ladung noch der Hapag oder jenen Versicherungen, die damals für einen Teil des Schadens zahlten. Doch von Hapag-Lloyd hat Keppler grünes Licht bekommen. Dafür soll das Unternehmen etwa jenen Serviettenring mit der Inschrift "Hapag" bekommen, den Taucher Valland in der vergangenen Woche unter Wasser fand. Die Hamburger hätten es sowieso schwer, ihre Ansprüche durchzusetzen, weil sie mehr als 100 Jahre lang nichts getan haben, ihr Eigentum wiederzufinden. Und die Versicherungen existieren schon längst nicht mehr.
So abgesichert, lässt es sich Keppler nicht nehmen, einige der kostbaren Stücke eigenhändig nach oben zu bringen. "Herrlich", platzt es immer wieder aus ihm heraus, und er putzt mit seiner Hand schwarzen Schlier von handbemaltem Porzellan.
Nur der Koch auf der "Buzzard" ist mit der Ausbeute bisher nicht zufrieden: Als die Taucher vier geschlossene Flaschen hochbrachten, setzte sich Hartmut Albrecht feierlich seine Kochmütze auf und entkorkte eine der Flaschen in der Hoffnung auf einen wirklich gut gelagerten Wein. Doch der Pulle entwich nur übler Gestank etwa so, sagt Albrecht, als wäre das Getränk "gemixt aus faulen Eiern".