Krieg gegen die ganze Welt
Schon seit Tagen hatten die Spezialisten aus Süddeutschland hinter ihren Booten elektronische Sonden durch das türkisblaue Wasser gezogen, immer hin und her. Sie schwitzten, Mitte Mai, in der nassen Hitze der aufziehenden Hurrikansaison, während Radio Haiti Falschmeldungen in den Äther quäkte: Europäer würden Schätze vor der Insel plündern, hieß es. Unbeirrt fuhren die Deutschen ihr Gittermuster ab, hin und her.
Bis sie ihn plötzlich sahen: »Einen Mordszacken auf den Monitoren«, sagt Klaus Keppler, 63, Ingenieur und Chef der Schatzsucher-Aktiengesellschaft Sea Explorer. Seine Leute tauchten. Und was sie unten entdeckten, war wohl tatsächlich das, wonach sie gesucht hatten: die »Jamaica Merchant«, ein Schiff des legendären Freibeuters Sir Henry Morgan.
Kanonen zielten mit muschelüberwachsenen Mündungen ins Nichts. Aus den Ritzen der Ballaststeine ragte zerrissenes Kupferblech, die alte Rumpfbeschichtung; dazwischen lag ein Anker, lagen Tonkrüge. Abends fraßen dann Säurebäder bizarre Korallenkrusten von Artefakten ab; Beschlagteile eines Kriegsschiffes aus dem 17. Jahrhundert kamen wieder ans Licht.
Zu einem Wrack hinabzutauchen, das ist für den US-Schatzsucher Barry Clifford immer eine »Reise mit einer Zeitmaschine« - und bei Piratenschiffen freuen sich Historiker über die Reiseandenken ganz besonders: »Das Problem ist, dass Piraten von Schiff zu Schiff zogen und ihr Leben in irgendeinem Loch beendeten«, so der Engländer David Cordingly, Autor des Standardwerkes »Unter schwarzer Flagge«. »Es gab lange wirklich nichts. Es ist wie eine ganze Rasse, die einfach so vom Angesicht der Erde verschwand.«
Hollywood, Romanautoren und Spieleerfinder haben sie zwar immer wieder zu neuem Leben erweckt, aber sie malten die Piratenabenteuer so regelmäßig in Multicolor aus, dass die Wirklichkeit im bunten Bilderstrudel unterging. Die Fragen blieben: Wer waren die Piraten - Freiheitskämpfer oder nur brutales Raubgesindel? Wie lebten sie - in strenger Hierarchie, von irren Despoten geführt? Und wie sahen sie aus, wie haben sie gekämpft?
Piraten haben nur wenige handfeste Indizien hinterlassen - vor allem ihre Schiffe. Jahrhundertelang waren die Schoner oder Brigantinen freilich verschollen, scheinbar für immer begraben im Schlick, überwuchert von Korallen. Doch in den vergangenen Jahren haben Archäologen und professionelle Schatzsucher mit modernster Technik gleich mehrere Seeräuberschiffe gefunden.
Bereits 1984 entdeckte Barry Clifford die »Whydah« des Piraten »Black Sam« Bellamy vor Cape Cod an der amerikanischen Ostküste. Im vergangenen Jahr dann lokalisierte er vor Madagaskar ein Wrack, das wahrscheinlich eines der berühmtesten Piratenschiffe war: die »Adventure Galley« des Freibeuters William Kidd, 1698 von ihm aufgegeben und brennend auf Reede gesunken.
Ende 1996 stießen US-Forscher an ihrer Ostküste auf ein weiteres viel versprechendes Wrack: offenbar die »Queen Anne's Revenge«, das Flaggschiff des Piraten Edward Teach, Kampfname »Blackbeard« (Schwarzbart).
Die jüngsten Funde machte der Deutsche Keppler: Mitte Mai hat seine Sea Explorer AG an der Südküste Haitis wohl nicht nur Henry Morgans »Jamaica Merchant« geortet, sondern noch einen weiteren großen Rahsegler aus der Zeit um 1670, der wahrscheinlich zu einer Flotte Morgans gehörte. Kepplers Faszination hat ihren Nukleus nicht auf den Bahamas oder Madagaskar, sondern in Sasbach bei Freiburg, in einem Büro, wo er ganz bodenständigen Geschäften nachgeht: Seine Leute vermessen Kiesgruben oder heben untergegangene Flussbagger. Doch in Regalen stehen auch die Ordner jener Projekte, die ihn fesseln. »Projekt Intan« ist auf einem Aktenrücken etwa zu lesen: Vor Indonesien hatte er einen jahrhundertealten Frachtsegler voller Porzellan, Gold und Silber entdeckt.
Auf die Idee, nach Henry Morgans Spuren zu suchen, kam Keppler durch seinen Bekannten Rick Haupt von der kanadischen Fernsehproduktionsfirma Ocean Discovery Network. Haupt wusste ebenso wie die Experten des staatlichen Museums von Haiti, dass der Freibeuter Morgan irgendwo bei der Kuhinsel, der Ile à Vache vor Haiti, mehrere Schiffe verloren hatte. Eines davon, sein Flaggschiff »Oxford«, ist angeblich vor Anker liegend in die Luft geflogen. Ein anderes war die »Jamaica Merchant«, gesunken in einem Sturm.
Keppler hat, was den staatlichen Archäologen von Haiti fehlt - Geräte und Spezialisten, um ein Wrack zu finden. Er begann mit den Seekarten: »Das war das Spannendste - mich in Morgan hineinzuversetzen und zu überlegen, wie er tickte und was er brauchte.«
In die Karibik kam Morgan etwa 1654 als Offizier einer britischen Flotte, die den Spaniern die Insel Hispaniola - heute Haiti und die Dominikanische Republik - abnehmen sollte. Das Unternehmen war ein Fehlschlag, doch Morgan bewährte sich, leitete bald selbst Überfälle auf spanische Garnisonen, zunächst noch im Dienst der Krone.
Rund zehn Jahre später beschloss er, auf eigene Rechnung zu arbeiten - wie viele Seeräuber mit dem Segen Londons, ging es doch gegen den Erbfeind Spanien. Damit war Morgan kein Pirat, der sich mit allen anlegte, sondern ein Freibeuter.
Bald wurde ein angemessener Posten für die Führernatur vakant, denn in Havanna hatten die Spanier wohl - die Quellen widersprechen sich da - den Anführer der »Brüder der Küste« hingerichtet: jenes lockeren Clubs von Raubseglern, die auch Bukanier genannt wurden. So erhielt Morgan in späteren Jahren das Kommando über eine Großflotte von bis zu 30 Schiffen und 3000 Mann - und begnügte sich nicht mehr mit Kleinkram. Statt mühsam spanische Galeonen auf hoher See zu hetzen, nahm er Kurs auf die Quellen, etwa auf das mittelamerikanische Portobello, Verladehafen für die Schätze der Region.
Nach einer gnadenlosen Kanonade nahmen Morgans Männer die Garnison ein, rafften Gold und Silber zusammen und pressten Spaniens Statthalter noch ein stattliches Lösegeld dafür ab, dass sie Portobello nicht dem Erdboden gleichmachten.
Morgan brauchte eine Zuflucht für seine Flotte. »Die Ile à Vache war ideal dafür«, sagt Schatzsucher Keppler. Potenzielle Opfer schipperten direkt am Bug vorbei, durch die Passage zwischen Haiti und Kuba. Und vor allem führten für große Schiffe nur zwei Fahrwasser in die mit Untiefen gespickte Bucht zwischen Kuhinsel und Haiti - »und die ließen sich mit Kanonen auf den kleinen Inseln einfach verriegeln. Morgan konnte drinnen lachen, während draußen die Spanier hin- und herfuhren«.
Hinter der Insel kalfaterten Morgans Bukanier ihre Schiffe, nähten ihre Wunden, teilten die Beute. Mit der sicheren Basis im Rücken griffen sie Maracaibo an, dann sogar die starke Stadt Panama.
Einmal begossen sie einen neuen Angriffsplan mit offenbar zu viel Alkohol - und dann gewaltigem Feuerwerk: Beim Salutschießen soll ein Funke in die Pulverkammer der »Oxford« geflogen sein.
Die Explosion zerriss bis zu 350 Männer. Morgan selbst soll nur überlebt haben, weil er in der Kapitänskajüte saß, mit dem Rücken zum großen Heckfenster. Die Druckwelle habe ihn durch die Scheiben in die Bucht geblasen.
Die »Oxford« müsse er an den tiefen Stellen der Bucht suchen, dachte sich Keppler. Sie dürfte mehr als fünf Meter Tiefgang gehabt haben, brauchte einen Ankerplatz mit acht Meter Tiefe oder mehr.
Auch für die Suche nach der im Sturm zerschellten »Jamaica Merchant« hatte Keppler eine Idee: Auf alten Karten ist ein gefährliches Riff vor der Ile à Vache falsch eingezeichnet.
Im Frühling schickte Keppler 28 Transportkisten mit über 2,5 Tonnen technischer Ausrüstung nach Haiti. Anfang Mai flog er selbst hinterher. Erst postierten seine Spezialisten zwei Peilsender auf den Inseln, die zusammen mit den Satelliten des Global Positioning Systems »Navigation im Zentimeterbereich ermöglichen« (Keppler). Dann schleppten sie mit Booten Magnetometer und Sonartorpedos über die Zielgebiete. Nach einigen Tagen hatten sie es: ihr Schiff.
Der mitgereiste Experte des Wrackmuseums Cuxhaven identifizierte den Anker - genau der Typ hing zu Morgans Zeit an britischen Schiffen. An einer Kanone fanden Kepplers Männer eine Markierung britischer Schmieden, die Ballaststeine stammten aus Kanada oder England. Holzreste ließ Keppler von Wissenschaftlern datieren, auch diese Ergebnisse passten.
Dass er nicht nur irgendein englisches Schiff aus der Zeit, sondern Morgans »Jamaica Merchant« gefunden hat, glaubt Keppler, seit er die Kanonen gezählt hat: sechs Stück nur, und alles kleine. »Kein Schiff dieser Größe, 34 bis 38 Meter lang, fuhr damals mit nur sechs Kanonen.« Freibeuter Morgan soll, so historische Quellen, nach dem Schiffbruch der »Jamaica Merchant« befohlen haben, ihre kostbarsten Geschütze zu bergen.
Wenig später ortete die Suchmannschaft an einer anderen Ecke der Ile à Vache ein weiteres Wrack. Kanonen von drei verschiedenen Kalibern lassen auf ein Linienschiff mit drei Decks schließen, etwa 50 Meter lang. Nicht die »Oxford«, die war kleiner, aber womöglich war der Dreidecker ein Schiff aus dem zweiten Leben des Freibeuters: Wegen seiner blutigen Verdienste geadelt, wechselte Morgan noch einmal das Metier und regierte als Vize-Gouverneur auf Jamaica. Bevor er sich dort zu Tode soff, wollte er noch jenes Piratennest hinter der Kuhinsel ausräuchern, das er so gut kannte. Doch das Unternehmen ging schief, sein Kommandoschiff sank. Und die Beschläge, die Keppler und seine Taucher vom Wrack mitbrachten, stammen, sagt sein spanischer Archäologe, aus der richtigen Zeit.
Als Morgan 1688 starb, hatte das so genannte goldene Zeitalter der Piraterie, das ungefähr von 1680 bis 1725 dauerte, erst begonnen. Es endete, nachdem Englands König Georg I. im Jahr 1717 eine Proklamation verbreiten ließ, in der er Ex-Piraten Amnestie anbot - und auf Unbelehrbare Kopfgeld aussetzte. Lange hatte die englische Krone die Seeräuber geduldet oder gar mit der Lizenz zum Töten, den Kaperbriefen, losgeschickt; nun aber fielen sie lästig. Und zur gleichen Zeit begannen die Spanier, schnelle Schiffe für die Piratenjagd auszurüsten - das Leben für Seeräuber war noch gefährlicher geworden.
In den Jahren zuvor waren die Weltmeere für Freibeuter ein wunderbares Jagdgebiet gewesen. Zwar hatten Kaperer die Schiffsrouten schon seit der Antike unsicher gemacht. Aber nie hatten sie so fett gelebt wie im goldenen Zeitalter, als langsame spanischen Galeonen Raubgold tonnenweise nach Europa schafften. Dokumentiert sind die Überfälle in einem Buch, das 1724 in London erschien, der etwas sperrige Titel: »A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pirates« - geschrieben von einem Captain Charles Johnson. Ein Mann, der nie gelebt haben soll.
Viele Historiker glauben, dass Johnson das Pseudonym von Daniel Defoe war, Autor des Romans »Robinson Crusoe«. Mit Hilfe von Zeugenberichten, Gerichtsakten und Zeitungsartikeln hat Johnson alias Defoe die berüchtigtsten Piraten seiner Zeit so gründlich porträtiert, dass sich später Drehbuchschreiber oder Romanciers bedienen konnten: bei den Geschichten über William Kidd, »Blackbeard«, »Calico Jack«, Bartholomew Roberts - Defoe hat sie beschrieben mit ihren Schlachten, Schurkereien und Saufgelagen.
Die Freibeuter des goldenen Zeitalters kreuzten in weiten Schlägen über die Weltmeere, wie sie Winde und Jahreszeiten den schwer zu manövrierenden Rahseglern diktierten. Im Sommer machten Männer wie Bartholomew Roberts oder Edward »Blackbeard« Teach Jagd auf den Handelsrouten im Norden, vor Neuengland und Kanada. Im Winter zog es sie in die Karibik, den indischen Ozean, an Afrikas Küsten - oder zum Verschnaufen in die Piratenrepublik. Die hatten die Seeräuber Benjamin Hornigold und Thomas Barrow auf der Bahamas-Insel New Providence ausgerufen, wo es am Strand Huren und Schnaps im Überfluss gab.
Ihre Mannschaften rekrutierten die Piraten meist aus der Handelsmarine und der Navy - und auch Matrosen aufgebrachter Prisen liefen zu ihnen über. Drohte nämlich auf regulären Schiffen bei kleinsten Vergehen die neunschwänzige Katze, war die Heuer mau und der Proviant mies, so erschienen die Planken der Freibeuterschiffe wie das Paradies. Eine Truppe von Gleichgesinnten und manchmal Gleichgestellten kam hier zusammen, bunt gemixt aus aller Herren Länder, oft auch befreite Sklaven darunter.
Auf vielen Piratenschiffen wurde die Beute nach festen Regeln geteilt. Verträge, die jeder Neuling mit Kreuzen oder Namen unterzeichnen musste, bestimmten das Leben - viele Kapitäne herrschten mitnichten willkürlich über Leben und Tod, waren eher Präsidenten als Diktatoren. Sie wurden von der Mannschaft gewählt und durften oft auch nur in der Hektik des Gefechts kommandieren, schliefen ansonsten nicht einmal in einer eigenen Kajüte.
Frauen an Bord waren nach den meisten Schiffsregeln bei Todesstrafe verboten - und doch kämpften auf einem Schiff sogar zwei: auf der »Dragon« von John Rackam, »Calico Jack« genannt.
In die erste, Anne Bonny, hatte »Calico Jack« sich im Piratennest New Providence verguckt. Er schmuggelte die junge Frau als Mann verkleidet an Bord. Defoe alias Johnson behauptet, die Maskerade sei keinem aufgefallen. Nach anderen Quellen war Anne Bonny lebenslustig genug, um sich nicht auf einen Mann zu kaprizieren - und damit sollen dann alle zufrieden gewesen sein. Die zweite, Mary Read, fischte die »Dragon« als Schiffbrüchige auf.
Das Duo Bonny und Read war bald als so kampfkräftig verschrien, dass beide auch gehenkt werden sollten, nachdem ein Kriegsschiff schließlich »Calico Jacks« Bande aufbrachte. Doch vor Gericht verwiesen sie darauf, dass sie schwanger seien, nach damaligem Recht Grund für den Aufschub der Todesstrafe. Was danach aus ihnen wurde, darüber widersprechen sich die Quellen.
Enttäuschend für Liebhaber von Piratenfilmen ist die wahre Kampftaktik der Seeräuber. Lassen Regisseure oder Maler meist zwei Windjammer nebeneinanderher segeln, die sich Breitseite um Breitseite zwischen die Spanten jagen, kamen Piraten in Wirklichkeit damals wie heute meist mit kleinen schnellen Schiffen von hinten. Mit Jagdkanonen am Bug schossen sie ihrer Beute Ruder oder Takelage weg. Schließlich wollten sie kapern, nicht versenken.
Ähnlich erbeutete »Black Sam« Bellamy seine »Whydah«, die der US-Schatzsucher Clifford fand. Mit seiner Slup »Sultana« hatte Bellamy im Frühjahr 1717 die Jagd aufgenommen. Nach drei Tagen hatte er die »Whydah« vor den Bahamas gestellt, nach nur zwei Salven gab ihre Crew auf. »Matrosen verdienten nicht genug, um ihr Leben gegen Piraten zu riskieren«, so Kenneth Kinkor, Historiker aus Cliffords Team.
Auf der anderen Seite stand schließlich eine wilde Meute, zusammengehalten durch den »Geist der Revolte« (Kinkor). Defoe zitiert Bellamy mit dem Satz: »Ich bin ein freier Prinz, und so habe ich dasselbe Recht, der ganzen Welt den Krieg zu erklären, wie der, der 100 Schiffe und eine Armee von 100 000 Mann hat.«
Über 100 000 Gegenstände haben Cliffords Taucher inzwischen aus »Black Sams« Wrack geborgen - Gold, Silber, aber auch Gebrauchsgegenstände, darunter vieles, was Defoes Erzählungen bestätigt. So waren kaum Kanonenkugeln an Bord, wie man sie für ein malerisches Seegefecht braucht. Dafür fanden die Berger selbst gebaute Handgranaten - hohle Eisenkugeln mit Zündschnüren - und massenhaft Schrot für die Musketen: Waffen für den Nahkampf, die das gegnerische Schiff nicht zerstörten.
Ein anderes Klischee bestätigten Cliffords Funde allerdings: Ausgesehen haben Piraten tatsächlich wie im Film, aufgedonnert wie zum Tuntenball. Überall im Wrack lag Schmuck, lagen klotzige Gürtelschnallen, schwere Ringe und Gehänge. Ein skelettierter Fuß, den die Taucher hochbrachten, steckte sogar noch in einem Stück Stoff, das einst ein feiner seidener Strumpf war. CLEMENS HÖGES