Teil II: Das Bernsteinzimmer und die Stasi - DER SPIEGEL
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Teil II Das Bernsteinzimmer und die Stasi

Befindet sich das Bernsteinzimmer in einem thüringischen Bergwerk oder in ostpreußischen Katakomben? Das Geheimnis wurde nie gelüftet, weil die Sowjets schlampig recherchierten, und weil ein Sonderkommando der Stasi kein Interesse an seiner Entdeckung hatte.
Von Erich Wiedemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Das Bernsteinzimmer und die Stasi, la belle et la bête. Was wäre passiert, wenn die Operation Puschkin erfolgreich gewesen wäre, wenn die ostdeutsche Staatssicherheit das Bernsteinzimmer gefunden hätte? Dann hätte es sich der KoKo-Haifisch Alexander Schalck-Golodkowski geschnappt, um damit Devisen zu beschaffen - wie mit vielen anderen von der Stasi aufgefundenen Raubkunstgütern, die nicht ihren alten Eigentümern zurückgegeben, sondern für Dollar und Westmark an vermögende Schattenmänner im Westen verscherbelt wurden. Die Stasi hatte ständig den Schalck im Nacken, weil der für seine Westgeschäfte gar nicht genug antike Handelsware kriegen konnte.

Die Frage stellte sich aber nicht, denn die Operation blieb erfolglos. Das Stasi-Kommando Puschkin hat in über zwanzig Jahre die entlegensten Winkel Teile der Arbeiter- und Bauernrepublik ausgeleuchtet. Es gab Phasen, da hatte Projektleiter Paul Enke ganze Hundertschaften von Hilfskräften im Einsatz. Insgesamt hat er 130 mögliche Verbringungsorte besichtigt und an 30 Stellen graben lassen. Alles umsonst.

Aktenzeichen AV 14/79 blieb ungelöst

Enkes Adjutant, Uwe Geissler, der in den achtziger Jahren den größten Teil der Feldforschung besorgte, hat auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in der gar nicht mal so großen DDR über eine Million Kilometer abgespult. Trotzdem: Aktenzeichen AV 14/79 blieb ungelöst. Sie haben in der Barbarossa-Höhle im Kyffhäusergebirge gesucht, in Klöstern, Schlössern und Burgen, in den Katakomben unter dem alten Gauforum mitten in Weimar, in stillgelegten Bergwerksstollen und in Flüssen und Teichen. Nichts. Ja, doch, auf dem Gelände von Görings Schloss Karinhall in der Schorfheide bei Berlin gruben sie einmal einen überlebensgroßen Bronzejüngling von Professor Thorak aus, in einem See bei Berlin fanden sie ein paar Statuen, die der Duce seinem Freund Hitler geschenkt hatte. Doch das war alles.

Die Berliner Gauck-Behörde bekam im November 1999 dreißig Ordner mit 10.865 Blatt Infomaterial vom Koblenzer Bundesarchiv, die bis dahin dort zurückgehalten worden waren. Der Rest ist verschollen.

Uwe Geisler meint, das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst hätten aus den Beständen der Akte Puschkin fuderweise belastendes Material über westdeutsche Biedermänner verschwinden lassen. Sicher ist: Leute von der Staatssicherheit selbst haben sich aus dem Aktennachlass nach Kräften bedient. Uwe Geisler ist auch ganz gut sortiert.

Der verbliebene Aktenberg gibt immer noch Einblicke in die oberlehrerhafte Akuratesse, mit der Enkes Bernstein-Detektive den Vorgang AV 14/79 abarbeiteten. Er gibt auch Anlass zu der Frage, ob sie das Bernsteinzimmer denn wirklich finden wollten.

Bernsteinzimmer-Jäger der Stasi: "Die hatten verdammt gute Jobs"

Der Erfolg der Operation Puschkin hätte für die Puschkin-Kommission nämlich das Ende ihrer Fettlebe bedeutet. "Die hatten verdammt gute Jobs", sagt Günter Wermusch, der Lektor, der den "Bernsteinzimmer-Report" bearbeitete. Warum sollten sie die aufs Spiel setzen dadurch, dass sie das Bernsteinzimmer fanden? Wermusch: "Spesen, Privilegien und Freiheiten, die andere nicht hatten. Wer konnte denn kontrollieren, was die trieben?" Geisler bekam alle zwei Jahre einen neuen Dienst-Wartburg de luxe. Normalerweise musste man darauf 15 Jahre warten.

Bei so einer prima Stasi-Dienststelle hätten viele gern gearbeitet. Paul Enke brauchte sich nicht die Finger schmutzig zu machen. In seiner Abteilung wurde nicht spioniert, erpresst und gefoltert. Der ganze Betrieb hatte eher ABM-Charakter.

Weil das Bernsteinzimmer Chefsache war, mussten sie für MfS-Vormann Erich Mielke immer neue Hoffnungen produzieren. Mielke ließ sich von Paul Enke, dem Genossen Bernstein, wie er ihn nannte, über den Stand der Ermittlungen ständig auf dem Laufenden halten.

So, wie die Abhängigkeiten waren, mussten die Rechercheure mehr Interesse am Wohlgefallen ihrer Obrigkeit als an einer erfolgreichen Recherche haben. Deshalb setzten sie auch konstruierte Gerüchte über das Bernsteinzimmer in Umlauf. Mielke hatte Spaß daran, die westliche Konkurrenz irrezuführen. Weniger aus Kalkül als aus der Lust an der Desinformation. Der Sinn war für die Stasi-Exekutive im einzelnen zwar nicht immer abzusehen. Aber bei der Stasi stellte man keine Sinnfragen - weil sich das für sozialistische Amtspersonen nicht gehörte

Kontakte nach Westen

Dass Enke & Co. so lange und so intensiv Kontakt zu dem westdeutschen Bernsteinzimmerjäger Georg Stein hatten, der hier als begabter Paranoiker galt, das hatte weniger mit Erkenntnismaximierung zu tun als damit, dass Stein immer die Kicks und Gags für ihre Reports lieferte, die sie brauchten, um das Interesse von Erich Mielke wach zu halten.

Georg Stein passte gut zum Schlapphut-Ambiente der Stasi-Szene. Er war der Indiana Jones der Bernsteinzimmersucher. Einmal stieg er ins Schlafzimmer einer schlafenden Exilrussin in der Schweiz ein, weil er dort was Wichtiges zu finden hoffte. Die Nachricht von seinem Harakiri-Tod wurde vom Bernsteinzimmer-Referat der Stasi begeistert aufgenommen: Da seht ihr's, die Faschisten haben unseren Mann im Westen abgeschlachtet, weil er ihnen gefährlich wurde. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Paul Enke hat seine Erfahrungen im "Bernsteinzimmer-Report" niedergeschrieben. Das Buch ist ordentlich recherchiert. Doch der Konsensmief und die ranschmeißerische Ergebenheitshudelei rücken es trotzdem in die Nähe einer Agitprop-Broschüre. Tenor: Heil euch, ihr Sowjetsoldaten, die ihr das deutsche Volk den Klauen der faschistischen Bestie entrissen habt! Die Abteilung Puschkin wird sich bemühen, durch Auffinden des Bernsteinzimmers Dank abzustatten.

Die Ostdeutschen wurden aber von den sowjetischen Brüdern für ihre Verbindlichkeiten ziemlich stiefbrüderlich honoriert. 1982 übergab Stasi-Prinzipal Mielke dem damaligen KGB-Chef Tschennikow einen ausführlichen Sachstandsbericht zur Suche nach dem Bernsteinzimmer. Die Moskauer Genossen zeigten jedoch kein Interesse an einer Zusammenarbeit. In einem Aktenvermerk heißt es dazu: "Eine Reaktion seitens der sowjetischen Freunde erfolgte darauf nicht".

Befehl von Putin

Andererseits fuhren die Sowjets den deutschen Genossen stets nach Lust und Laune in die Parade. Geisler weiß noch gut, wie sie ihm in Dresden mit ihren tollpatschigen stalinistischen Allüren eine ganz heiße Spur kaputt machten. Auf Befehl eines gewissen Wladimir Putin, der damals KGB-Major in Dresden war.

Als 1987 aus Kaliningrad (dem ehemaligen Königsberg) überraschend die Botschaft kam, das Bernsteinzimmer sei nunmehr definitiv geortet worden, und die Bergung stehe unmittelbar bevor, musste die Stasi ihre Ermittlungen auf Mielkes Order ganz schnell zurückfahren. Sie haben keinen Augenblick an die Erfolgsmeldung geglaubt, aber sie wollten ja nicht durch die Fortsetzung der eigenen Recherche den Eindruck erwecken, dass sie die sowjetischen Recherchen für dubios hielten.

In den Stasi-Akten findet sich ein Vermerk aus dem Jahr 1986, in dem es heißt: "Inzwischen sind alle Keller, Gewölbe und Gänge des Schlosses (in Königsberg d. Red.) freigelegt und sorgfältig auf Spuren nach dem Bernsteinzimmer und anderen Kunstschätzen durchforscht worden." Das war eine Lüge im Dienste der Völkerfreundschaft. In Wahrheit sind die verschütteten Gewölbe des Schlosses bis heute nicht untersucht worden.

Das Geheimnis im Kohlenkeller

Schatzsucher müssen gegen alle Striche denken und sich streiten dürfen. Doch das war in der notorisch schlecht gelüfteten DDR nicht erwünscht. Stasi-Mann Paul Enke recherchierte mit ehernen Scheuklappen auf ein virtuelles Ziel zu und selektierte alles weg, was nicht in sein Schema passte. Er und seine Leute hatten den gleichen politisch-mentalen Horizont wie die Stasi-Lodenmänner, die Dissidentenunterhosen in Einmachgläsern bunkerten, um den Sozialismus zu verteidigen. Und deshalb suchten sie im Nirwana.

Die Operation Puschkin hat an die sechs Millionen Mark verschlungen. Geldwerte Leistungen von Volksarmee und Volkspolizei nicht gerechnet. Allein für die Suche im Bergwerk "Weiße Erde" bei Aue verpulverten sie vom Herbst 1985 bis zum Frühjahr 1987 zwei Millionen. Der Schweizer Spezialbagger, den sie dafür einsetzten, kostete 5000 Mark die Woche. Nach anderthalb Jahren stellte sich dann heraus, dass der Stollen, an dem sie herumgedoktert hatten, schon lange vor Kriegsende eingebrochen war, so dass man dort gar nichts mehr hatte unterbringen können. Enke hätte das wissen können, wenn er die Akten des Bergamtes zu Ende gelesen hätte.

Kurz vor dem Ende der Operation wurde auch noch eine Staffel Bernsteinhunde eingesetzt. Erst im Jonastal, dann in Schloss Reinhardsbrunn. Bernsteinhunde sind eine reine Stasi-Züchtigung. Einer von Enkes Scouts hatte herausgefunden, dass Hundenasen sechzehnmal so empfindlich auf Bernsteingeruch reagieren wie Menschennasen. Die Befähigung der Hunde wurde in einem Feldversuch getestet. Zu diesem Zwecke zertrümmerte die Puschkin-Equipe die Bernstein-Brosche einer Referatsskretärin mit einem Hämmerchen und vergrub die Trümmer im Wald. Die Splitter wurden tatsächlich von den Schnüffeltieren geortet. Dabei blieb es dann aber auch.

Stasi-Mann Seufert: Viele Fehler gemacht

Stasi-Oberst Hans Seuffert, der nach Enkes Tod die Projektleitung übernahm, hat die zugänglichen Puschkin-Akten nach der Wende noch mal gründlich gelesen. Er sagt, es seien damals Fehler gemacht worden. Heute würde er vieles anders machen. Aber heute ist Seuffert alt und krank und im Grunde auch nicht mehr interessiert.

Die wichtigste Schlüsselfigur haben sie jahrelang vernachlässigt: Albert Popp, den Mann, der die Kunstsammlung von Gauleiter Erich Koch in Weimar abgeliefert und wieder abgeholt hatte und der auch das Geheimnis des Bernsteinzimmers gekannt haben müsste. Als Paul Enke ihn endlich ins Visier nahm, war es zu spät. Da war Albert Popp gerade zwei Jahre tot.

In einem Kohlenkeller in Popps Heimatort Elsterberg lag auch unter einem Berg nasser Braunkohle die lederne Meldetasche mit den Dokumenten, auf die sich die halbe Bernsteinzimmer-Forschung stützt - eben jene Hälfte, die davon ausgeht, dass das Objekt nicht in Ostpreußen geblieben ist, sondern nach Westen gebracht wurde.

Das Geheimnis im Kohlenkeller

Jahrelang muss die Tasche da vor sich hin gemodert haben, als Rudi Wyst, der Sohn des Georg Wyst, sie dort fand. Die äußeren Blätter seien zusammengepappt und schon ganz weggefault gewesen. Nur das Papier dazwischen habe man noch lesen können. Darunter waren auch ein paar Blatt, die sich auf das Bernsteinzimmer bezogen: Befehle, Quittungen, Ausweise, einer davon mit der persönlichen Unterschrift des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Außerdem Glasscherben, die so aussahen wie die Reste von Morphiumampullen. Eines der Schreiben war an Obersturmbannführer Gustav Wyst gerichtet. Das Reichssicherheitshauptamt teilte darin mit, dass Wyst 40 Kisten, darunter die mit dem Bernsteinzimmer, auszulagern habe, wenn der Fall Grün eintrete, also der Angriff der Roten Armee auf Königsberg.

Gustav Wyst war eigentlich ein ganz einfacher PG, von 1936 bis 1943 war er Briefzusteller bei der Königsberger Post, danach war er beim Postschutz in Polen gewesen. Wie konnte es ein Briefträger zum SS-Obersturmbannführer und zu einer schwarzen Uniform mit vier Sternen an den Kragenspiegeln bringen?

Schließlich habe sein Vater öfter mal mit Gauleiter Koch in der Gaugaststätte "Blutgericht" in Königsberg gesoffen, sagt Rudi Wyst. So was verbinde. Ansonsten sind aber keine Qualifizierungen bekannt geworden. Trotzdem, Wyst muss eine Vertrauensperson gewesen sein.

Und konnte es Zufall sein, dass die Familie von Gustav Wyst im Spätherbst 1944 von Ostpreußen ausgerechnet nach Aue-Schlema bei Elsterberg und dann weiter ins benachbarte Crimmitschau umgesiedelt wurde? Und dass sie ein Jahr später von Crimmitschau wieder nach Schlema und noch ein Jahr später nach Elsterberg zog? Die Wysts hatten doch vorher keinerlei Beziehungen zu dieser Gegend gehabt.

Rudi Wyst las die Papiere aus der Meldetasche durch, so weit sie noch lesbar waren. Dann stopfte er sie wieder in die Tasche und versteckte sie im Wäscheschrank. Eine Woche oder vielleicht anderthalb Wochen danach warf er sie in den Ofen. Alles, was übrig blieb, sei das Schloss mit Nachbildungen der heiligen indischen Affen gewesen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.

"Ich war doch erst elf"

Eine Sensation. Nur, warum hat Rudi Wyst den sensationellen Fund dann vernichtet? "Herrgott noch mal, ich wusste damals doch nicht, was das bedeutete. Ich war erst elf. Als kleiner Junge hatte ich das Bernsteinzimmer einmal im Königsberger Schloss gesehen. Aber ich hatte doch keine Ahnung, wie wichtig das war."

Rudi Wyst wusste ja nicht mal, dass das Bernsteinzimmer verschwunden war. Und man möge bitte auch seinen persönlichen Schweinehund berücksichtigen. 1947 war es in der sowjetisch besetzten Zone nicht ganz ungefährlich, ein Geheimnis zu kennen, das der sowjetische Geheimdienst NKWD auch gern gekannt hätte. Auch Rudis Mutter Gertrud wollte die Tasche los werden. "Sie war ganz hysterisch - wohl weil sie Angst hatte, die Russen könnten herauskriegen, dass sie bei der Abwehr gewesen war."

Rudi Wyst kam erst gut zehn Jahre später mit seiner Geschichte heraus. Er erinnerte sich im Gespräch mit Paul Enke noch ziemlich genau an den Wortlaut des Funkspruchs, den er in der Meldetasche gefunden hatte: "An Reichssicherheitshauptamt. Befehl ausgeführt. Aktion Bernsteinzimmer beendet. Einlagerung in B III. Zugänge befehlsgemäß getarnt. Sprengung erfolgt. Opfer durch Feindeinwirkung. Melde mich zurück. Gustav Wyst."

So stand es auch in der Aussage, die Rudi Wyst 1959 beim sowjetischen Geheimdienst KGB gemacht hatte. Die russische Stenotypistin hatte das Ortskürzel, das Wyst ihr nannte, korrekt in die kyrillische Schreibmaschine getippt: B III. Der Übersetzer, sagt Enkes Lektor Günter Wermusch, habe dann aber offenbar bei der Übertragung des Textes ins Deutsche die römische III als den russischen Buchstaben "Scha" gelesen, dem sie zum Verwechseln ähnlich sieht. Daraus wurde dann ein deutsches "Sch" wie Schule.

"B III" und nicht "B SCH"

Für Paul Enke die Grundlage für seine Bad-Schlema-Theorie. Wenn es aber "B III" und nicht "B SCH" hieß, dann war natürlich die These plausibler, dass der Bunker III am Steindamm in Königsberg gemeint war, den auch die Sowjets viele Jahre lang als Bernsteinzimmerversteck in Verdacht hatten. Dann war das Bernsteinzimmer wohl nicht in Thüringen, sondern noch in Ostpreußen. Dann konnte Enke alle seine Parameter wegwerfen. Weil das das Ende seiner Hoffnungen bedeutet hätte, blieb er bei Bad Schlema.

Außerdem, so wandte Enke ein, die Kaliningrader Kommandantur habe die Reste von Bunker III ja durchgescannt und nichts gefunden. Ja, gewiss. Nur dass die Sowjets auch dort sehr schlampig gearbeitet hatten. Ungefähr in der Mitte des Bunkers war die Decke heruntergekommen. Die Suchmannschaft hätte schweres Gerät gebraucht, um den Betonberg aufzubrechen. Das hatte sie aber vermutlich nicht. Deshalb gab sie auf, und schon deshalb konnte nichts gefunden werden.

Nur, warum hat Rudi Wyst selbst später denn die falsche Darstellung übernommen? Er hätte doch wissen müssen, wie es richtig war. Und was hat er dem KGB eigentlich erzählt, als der ihn durch Kaliningrad kutschierte, um Aufschlüsse über den Verbleib des Bernsteinzimmers zu erhalten? Er konnte doch gar nicht mehr wissen als das, was er aus den Papieren in der Meldetasche erfahren hatte.

Stasi-Oberst Paul Enke hielt die Story mit der Meldetasche praktischerweise immer für authentisch. Auch weil Georg Stein ihm erzählt hatte, die Westalliierten hätten über ihr Funkhorchsystem ebenfalls davon erfahren. Die Story ließ sich aber niemals verifizieren.

"Biete Fleisch und Fett..."

Paul Enke hat Wyst juniors Schilderungen der geheimnisvollen Kontakte seines Vaters zum nationalsozialistischen Untergrund als Bestätigung für Gustav Wysts Schlüsselrolle bei der Bernsteinzimmer-Operation gewertet. Rudi Wyst musste 1946 in einem Reformhaus in Elsterberg Zettel mit merkwürdigen Botschaften aushängen: "Biete Fleisch und Fett, suche Brot und Nährmittel. Chiffre." Eine Woche später holte er dann Briefe ab. Er kann sich aber nicht erinnern, dass sein Vater über Fleisch und Fett zum Tauschen verfügt hätte.

Waren die Zettel Positionsmeldungen für den untergetauchten Gauleiter Koch, zu dem Wyst nach dem Fall von Königsberg am 9. April den Kontakt verloren hatte? Tauschte Gustav Wyst, wie Rudi meint, verschlüsselte Botschaften mit einer Organisation aus, die das Geheimnis des Bernsteinzimmers schützen wollte? Und wenn ja, war das dieselbe Organisation, die Gustav Wyst mit einem Dollarguthaben versehen hatte und die ihm bis zu seinem Tod, zweieinhalb Jahre nach Kriegsende, Fresspakete schickte und eine monatliche Pension von 750 Mark überwies?

Rudi Wysts Erinnerungen sind als Quelle nicht durchweg erste Wahl. Paul Enke bog sie sich so zurecht, dass sie zu seiner Kerntheorie passten. In einem Aktenvermerk schrieb er dazu: "Die Angaben des Rudi Wyst (enthalten) neben emotionalen, fast fantastisch anmutenden Zügen einige Detailschilderungen, die nicht einfach als gegenstandslos abzutun sind." Das sah er professionell. Nur, dass Enke Wysts Phantasmagorien wie Fakten wertete, das war unprofessionell.

Gustav Wyst blieb auch als Toter ein Mysterium. Er starb am 14. Oktober 1947, angeblich an den Spätfolgen eines Lungensteckschusses im Krankenhaus von Greiz. Sein Ableben kam für die Angehörigen völlig überraschend. Sein Sohn und seine Ehefrau hatten ihn nur wenige Stunden vorher noch in guter Kondition vorgefunden. Und mit dem Lungenleiden hatte er schon jahrelang ganz leidlich gelebt. "Sein Tod hatte nichts mit seiner Krankheit zu tun", sagt Rudi Wyst. Womit denn dann?

Eine Krankenschwester erzählte, kurz nach dem Besuch seiner Familie seien ein paar alte Kameraden bei Wyst zu Besuch gewesen. Es müssen dieselben unbekannten Männer gewesen sein, die kurz darauf im Hause Wyst einen Rosenholzkasten mit einliegender Stahlkassette aus dem Nachlass des Verstorbenen abholten. Diesen Kasten, so sagt Rudi Wyst, habe sein Vater auf einem japanischen U-Boot aus Pillau herausgebracht.

Todesursache: unbekannt

Weil die Krankenakten verschwunden sind, ist über die Todesursache nichts mehr zu erfahren. Das Grab auf dem Elsterberger Friedhof lässt sich auch nicht mehr lokalisieren. Im Friedhofsbuch gibt es nicht einmal eine Eintragung, obwohl der Tote dort nachweislich begraben wurde. Hat ein Bernsteinzimmer-Schutzbund Gustav Wyst liquidiert, um Spuren zu verwischen? Oder war es eine Häufung von Zufällen, wie sie in turbulenten Zeiten vorkommen? Und dass Gustav Wysts Stiefbruder am Neujahrsmorgen 1947 halb nackt und vergiftet auf einem Acker gefunden wurde, war das auch einer dieser Zufälle?

Rudi Wyst glaubt selbst auch nicht daran, dass das Bernsteinzimmer Ostpreußen verlassen hat. "Die Tiefflieger schwirrten doch überall rum wie die Fliegen um die Generalsscheiße, als es drauf angekommen wäre." Konsequenter wäre es für ihn, das Gegenteil zu glauben. Dass er das nicht tut, macht ihn nun wieder etwas glaubwürdiger. Er sagt, morgen könne aber schon wieder alles anders aussehen. "Die ganze Geschichte ist noch nicht am Ende."

"...als halte es die Sonne gefangen"

Das Bernsteinzimmer - die unendliche Geschichte. Sie beginnt 1716 mit dem Entschluss des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., seine von Schwedenkönig Karl XII. besetzte Provinz Pommern schwedenfrei zu machen. Dabei sollte das Bernsteinzimmer eine Schlüsselrolle spielen.

Preußens waren immer schon sparsame Leute gewesen. Nur an ihren Kriegen hatten sie nie gespart. Friedrich Wilhelm I. hatte sogar sein Tafelsilber einschmelzen lassen und den Thronmantel seines Vaters verkauft, um seine Soldaten bezahlen zu können. Trotzdem war er nicht stark genug, um die schwedischen Besatzungstruppen aus Vorpommern hinauszuwerfen. Deshalb lud er den Kollegen Zar Peter I. aus Petersburg zu einer Gipfelkonferenz nach Berlin ein, um mit ihm die Möglichkeiten eines Bündnisses gegen die Ypsilon-Monarchie zu besprechen

Peter der Große trat auch in Berlin auf wie der Zar aller Reußen. Markgräfin Wilhelmine Friderike Sophie von Bayreuth, die Tochter des Königs, berichtete schockiert von der Habgier, mit der sich der slawische Vandale über die Preziosen ihres Vaters hergemacht habe. Unter anderem habe er "einen Schrank, der ganz mit Bernstein ausgelegt war", als Gastgeschenk erbeten. "Dieser Schrank, der einzige seiner Art, der König Friedrich ungeheure Summen gekostet hatte, hatte zum allgemeinen Leidwesen das Schicksal, nach Petersburg entführt zu werden." Gemeint war das Bernsteinzimmer, das Friedrich I. von dänischen und Danziger Kunsthandwerksmeistern hatte bauen lassen.

"Auf ein Gegenpraesent starck bedacht"

Bei Hofe fand man das Ansinnen ziemlich unverschämt. Doch Zar Peters starker Arm war nun mal nicht umsonst zu haben. Und das Bündnis mit den Russen war Friedrich Wilhelm I. so wichtig, dass er die Forderung nicht ablehnte. Im April 1717 wurde das "Bernstein-Getäffel" aus dem Schloss ausgebaut, zunächst nach Memel und von da aus weiter nach St. Petersburg transportiert.

Dafür versicherte Peter, wie es in der in Berlin erscheinenden "Correspondenz" hieß, dem Preußenkönig, mit großer Verbindlichkeit, "dass er auf ein Gegenpraesent starck würde bedacht seyn." Es bestand aus einer Lieferung von 55 langen Kerls, hoch gewachsenen russischen Gardesoldaten, die fortan als Grenadiere in der preußischen Armee dienen sollten.

Das Bernsteinzimmer wurde erst im alten Winterhaus, später dann im neuen Winterpalais und schließlich in dem nach Kaiserin Katharina benannten Katharinenpalais in Zarskoje Selo bei St. Petersburg installiert. Weil der Saal viel größer war als Friedrich Wilhelms Tabakskabinett, musste Peters Hofarchitekt Carlo Rastrelli von seinen Bernsteinmeistern noch tüchtig was dazu schnitzen und fabrizieren lassen. Zusätzlich wurden 24 venezianische Spiegel, die Bernsteinsockel erhalten hatten, in den Saal eingebaut. Dazu kamen vier große italienische Steinmosaike sowie reichlich Wappen, Leuchter, Bildchen und Figürchen und ein Fußboden aus edlen Hölzern mit Perlmuttintarsien.

...als halte es die Sonne gefangen

Der große Saal im Sommerschloss mit seiner bonbonfarbenen Melange aus Barock und Rokoko war bis zu ihrem Tod Kaiserin Katharinas Lieblingsplatz. Im warmen Schimmer der edlen Bernsteinpaneele, so berichteten die Hofhistoriker, hätten sich Majestät gern am Kartenspiel delektiert. Bernstein erinnert an Marmor, es ist nur nicht so kalt. Es macht den Eindruck, als halte es die Sonne gefangen.

Von den anderen Delikatessen, denen sich die Kaiserin hier hingab, wird nur in dumpfen Andeutungen berichtet. Die Zarin war bekanntlich mannstoll. Sie hatte so viele Affären, dass schon statistisch gesehen, einige davon auch im Bernsteinzimmer zum Vollzug gelangt sein müssen. Allerdings wohl nicht die Sache mit dem Pferd. Das wäre für die Kaiserin denn doch ein Sakrileg gewesen in dieser zerbrechlichen Umgebung.

Im Katharinenpalais blieb das Bernsteinzimmer bis zum Kriegsherbst 1941. Beim deutschen Sturm auf den Speckgürtel von Leningrad wurde Zarskoje Selo, seit der Oktoberrevolution genannt "Puschkin", von der 1. Panzer-Division und von der SS-Polizeidivision der Heeresgruppe Nord besetzt.

Das Bernsteinzimmer blieb, wo es war

Die Deutschen waren damals noch auf dem Blitzsiegtrip. Es ging alles rasend schnell. Auch die Evakuierung der Schätze von Zarskoje Selo. Das russische Museumspersonal hatte in Tag- und Nachtarbeit 20.000 Artefakte verpackt und in die Gewölbe der Isaak-Kathedrale in Leningrad gebracht. Nur das Bernsteinzimmer blieb, wo es war.

Abertausende von dünnen Plättchen im Daumennagelformat in ein paar Tagen einigermaßen geordnet abzulösen, das war unmöglich. Deshalb wurden die Paneele nur provisorisch mit einem Splitterschutz aus dickem Packpapier abgedeckt. Vielleicht würden sich die Deutschen daran ja nicht vergreifen. Der Krieg war noch nicht mal ein Vierteljahr alt, und die Russen hatten noch die Hoffnung, der Feind werde sich an die Haager Landkriegsordnung halten, die nationale Kulturgüter unter einen besonderen Schutz stellt. Das war eine trügerische Hoffnung, wie sich nach der Besetzung des Schlosses zeigte.

Die höheren Chargen bezogen in den Prunksälen des Katharinenpalais Quartier. Weil sie keine Gebrauchsmöbel hatten, kochten sie ihren Eintopf und ihren Muckefuck auf Rokokotischen und Renaissance-Kommoden. Mit teilweise verheerenden Folgen.

Das Bernsteinzimmer, das eh nicht mehr in bestem Zustand war, kriegte auch tüchtig was ab. Die Pappe bot zwar einen gewissen Schutz gegen Granatsplitter, aber nicht gegen den Vandalismus der Einquartierten. Der Gefreite Hans Hundsdörfer aus Göppingen schrieb ganz entsetzt in einem Feldpostbrief an die Lieben daheim: "Schlafende Soldaten mit verschmutzten Stiefeln auf den kostbaren Kanapees und Sesseln konnte man überall beobachten; auch schon mal ein grobes Schild, hingenagelt in die eingelegten Türen: 'Belegt von 1. Kp.'"

"Anderntags sah das Bernsteinzimmer schon einigermaßen wüst aus"

Und über das Bernsteinzimmer: "Ich sah zwei Landser, wie sie sich mühten, aus Neugier die Verkleidung herunterzureißen. Zutage kamen wunderbar leuchtende Bernsteinschnitzereien. Als die beiden ihre Seitengewehre zückten, um sich Erinnerungsstücke herauszubrechen, schritt ich ein. Anderntags sah das Bernsteinzimmer schon einigermaßen wüst aus." Alle wollten ein Andenken an Katharina die Große. Allerdings, auch russische Zivilisten nutzten die Gunst der Stunde zu Beutezügen nach Zarskoje Selo.

Im Oktober 1941 begannen Rittmeister Ernstotto Graf Solms-Laubach und Hauptmann Georg Pönsgen mit der geordneten Demontage des Bernsteinzimmers. Was in Königsberg ankam, war eine stark gerupfte Fassung des Jahrtausendkunstwerks: Das Intarsienparkett, die Kerzenleuchter, ein gut ein Meter hohes Wandfries und diverse Ornamente fehlten. Es sei ein "vergewaltigtes, geschändetes Bernsteinzimmer" gewesen, "eine einzige Anklage gegen seine Räuber", empörte sich später Stasi-Mann Paul Enke.

Das Bernsteinzimmer umfasste neben Mosaiken, Spiegeln und Schnitzereien 55 Quadratmeter Panneaus. Das war zu viel für den Raum im dritten Oberschoß des Königsberger Schlosses, in dem es untergebracht werden sollte. Alfred Rohde, der Direktor der Königsberger Kunstsammlungen, ließ zwar zwei Wände herausnehmen, aber der Platz reichte trotzdem nicht aus für das Gesamtkunstwerk. Deshalb blieb ein Teil des Bernsteinzimmers in den Kisten, hauptsächlich die nachgearbeiteten Stücke, die nach nationalsozialistischem Kunstverständnis sowieso als "Russendreck" galten.

Hier ist allerdings eine Ehrenerklärung für Alfred Rohde angebracht. Er war alles andere als ein faschistischer Kunstverächter. Für einen Kulturfunktionär des Großdeutschen Reiches war er sogar von geradezu tollkühner Weltoffenheit. In der Gemäldegalerie des Schlosses, in der er das Bernsteinzimmer unterbrachte, hatte er 1942 noch Bilder von so genannten Entarteten wie Liebermann, Modersohn-Becker und Lovis Corinth gezeigt.

Aber es lag in der Natur der Sache und in der Natur seines Amtes als Sachwalter der nationalsozialistischen Kunstpolitik, dass Rohde die gewaltsame Akquisition des Bernsteinzimmers begrüßte. In einem Jubelartikel für die Kunstzeitschrift "Pantheon" hieß Rohde das Bernsteinzimmer herzlich willkommen, da es nunmehr "zurückgekehrt (ist) in des Wortes bester und tiefster Bedeutung in seine Heimat". Was günstigstenfalls für weniger als die Hälfte des Gesamtkunstwerkes zutraf. Denn der Rest war ja in Zarskoje Selo nachträglich hergestellt worden.

Die "Heimführungsthese" findet Anhänger

Die deutschen Konservativen, vor allem der Hochadel, unterstützten begeistert die Heimführungsthese. Mit einer verwegenen Begründung: Die russische Zarenfamilie sei seit Peter dem Großen weitgehend deutschstämmig. Seit Peter III., der Halbdeutscher war, hätten alle Thronfolger in den deutschen Adel eingeheiratet. Die Zaren der letzten fünf Generationen seien praktisch Deutsche gewesen. Da die Bolschewiken die letzte Zarenfamilie, also dessen rechtmäßigen Besitzer, ausgelöscht hätten, habe das Bernsteinzimmer aus dem russischen Potsdam, wie Otto von Bismarck St. Petersburg genannt hatte, an die nächsten Verwandten, also den deutschen Adel oder an das Land Preußen, zurückfallen müssen.

Diese Rechtsauffassung teilte der deutsche Führer mit den Männern des 20. Juli, die ihn zu beseitigen versuchten. Die Rebellen gegen Hitler wollten eine konstitutionelle Monarchie, und der neue König sollte in Königsberg gekrönt werden. Und zwar im Bernsteinzimmer.

Die Geschichte von der "honigähnlichen Masse"

Fürs großdeutsche Publikum wurde der Raub zur Rettungsaktion umgefälscht. In der "Berliner Volkszeitung" vom 19. März 1942 hieß es dazu: "Die Bolschewisten hatten kein Interesse an der Erhaltung des Schlosses Zarskoje Selo und seiner Kunstschätze Sie legten ihr Geschützfeuer auf das Schloss. Aber das Bernsteinzimmer war von deutschen Soldaten in Sicherheit gebracht worden." So wie nach Kriegsende das Parthenon-Vries und der Schatz des Priamos von den sowjetischen Soldaten nach Moskau in Sicherheit gebracht wurden.

Tatsache ist immerhin: Das Bernsteinzimmer hatte damals im Bewusstsein der sowjetischen Nation keinen so identitätsstiftenden Rang wie heute. Der Mythos des achten Weltwunders hat sich erst über die Jahre langsam aufgebaut. Das gilt für den russischen ebenso wie für den deutschen Kulturraum.

Zwei Jahre lang war das Prachtstück im Königsberger Schloss zu besichtigen. Das öffentliche Interesse hielt sich aber auch hier in Grenzen. Königsberg war Anfang 1944 noch eine beinahe gemütliche Provinzmetropole. Ostpreußen galt als einigermaßen bombensicher, weil für die britischen und amerikanischen Luftflotten die Distanz von England nach Ostpreußen zu groß war und die Sowjets keine passenden Flugzeuge hatten.

Jeder ahnte: Die Apokalypse war nicht mehr weit

Die Situation änderte sich im Juni, bald nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Die Straßen füllten sich mit Flüchtlingen aus dem Baltikum, im Tal des Pregel standen vieltausendköpfige herrenlose Viehherden, die aus ihren Gattern ausgebrochen waren. Jeder ahnte: Die Apokalypse war nicht mehr weit. Ende Juli wies Ernst Gall, der Direktor der Staatlichen Verwaltung Schlösser und Gärten in Berlin, seinen Königsberger Statthalter, Direktor Alfred Rohde, an, das Bernsteinzimmer wegen der bedrohlicher werdenden Lage nach Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel auszulagern.

Die Kisten standen schon auf den Lastwagen, als Koch davon erfuhr. Es kam, was kommen musste: höchstinstanzlicher Wutanfall, alles musste wieder abgeladen werden. Volkspädagogisch gesehen, hatte Koch ja auch recht. Wenn es rauskam, dass die Führung schon anfing, das Tafelsilber wegzuschaffen, dann war es aus mit der ostpreußischen Widerstandskraft. Das wäre hochgradig wehrkraftzersetzend gewesen. Das Bernsteinzimmer sollte selbstverständlich geschützt werden, aber es sollte in Ostpreußen bleiben.

Nazi-Größen im Dauerstreit um Kunstschätze

Die Verfügungsgewalt für die Königsberger Kunstschätze war ständig umkämpft zwischen Gauleiter Koch und Alfred Rosenberg, dem Minister für die besetzten Ostgebiete. Rosenberg hatte angeordnet, die ganze gesammelte Raubkunst von Ostpreußen nach Mittel- und Süddeutschland bringen zu lassen. Koch nahm aber von Rosenberg keine Befehle entgegen. Er beugte sich nur der Order von ganz oben, das heißt von Führer Adolf Hitler oder von dessen Stellvertreter Martin Bormann, mit dem er befreundet war.

Kunstwerke der ersten Wahl, die aus mehreren Teilen bestanden, mussten ab 1944 zur Vermeidung von Totalverlusten an zwei verschiedenen Stellen gelagert werden. Das war Führerbefehl. Deshalb ließ Rohde den kleineren Teil des Bernsteinzimmers, hauptsächlich in Russland hergestelltes Dekor, vorübergehend in einen Tiefkeller im Südteil des Schlosses bringen. Die Original-Paneele aus Berlin kamen vermutlich in den Hochbunker am Botanischen Garten, wo auch andere bibliophile Raritäten lagerten, darunter Handschriften von Martin Luther und Immanuel Kant.

Königsberg war mit Kunstschätzen überladen. Zum Kunsterbe seiner 700-jährigen Geschichte als kultureller Mittelpunkt Ostpreußens kamen die Schätze, die der "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" (ERR) in den besetzten Gebieten geraubt und hier deponiert hatte. Erich Koch, in Personalunion Gauleiter von Ostpreußen und "Reichskommissar für die Ukraine", hatte zusätzlich aus Kiew ganze Güterzüge mit Kunstgütern nach Königsberg bringen lassen - die größte Ikonensammlung Europas, fuderweise wertvolle Möbel und alte Meister, darunter viele Italiener und Niederländer des 16., 17. und 18. Jahrhunderts.

Britisches Stahl- und Phosphorgewitter

Dass Koch schon im Frühsommer 1944 vorsorglich Anweisung gegeben hatte, das Bernsteinzimmer einpacken lassen, das war eine gute Entscheidung. In der Nacht vom 26. auf den 27. August brach vollkommen unerwartet ein britisches Stahl- und Phosphorgewitter über die Stadt herein. Luftmarschall Sir Arthur Harris ließ das Stadtgebiet zwischen Cranzer Allee und Herzog-Albrecht-Allee von 200 Bombenflugzeugen in Schutt legen. Dann wartete er zwei Tage, bis die Königsberger aus dem Weekend am Haff zurück waren und schlug noch mal zu. In der Nacht zum 30. August griff er mit 189 Fliegenden Festungen die Innenstadt um das Schloss und die Universität an. Es war zynischer Terror, der nur die Bevölkerung demoralisieren sollte, der aber militärisch keinen Sinn machte.

Vom Schloss blieb nur eine rauchende Ruine. Schlossinspektor Friedrich Henkensiefen sagte später, das Bernsteinzimmer habe nach Auskunft von Rohde trotzdem nichts abgekriegt. Und so steht es sinngemäß auch in einer Mitteilung Rohdes vom 2. September 1944 an seinen Vorgesetzten, Direktor Ernst Gall, in Berlin. Auch der Hochbunker war glimpflich davon gekommen.

Wie wahrscheinlich ist die Geschichte von der "honigähnlichen Masse"?

Die Lehrerin Liesel Amm aus Berlin, eine Freundin von Rohdes Tochter Lotti, hatte es anders in Erinnerung. Sie sagt, sie habe am Morgen nach der Bombennacht Rohde im Schlosshof getroffen. Er sei sehr verstört gewesen und habe auf ihre Frage nach dem Bernsteinzimmer gemurmelt: "Alles hin, alles hin." Dann habe er sie in ein Kellergewölbe geführt, damit sie die Katastrophe selbst besichtigen konnte. Sie sagt, sie habe "eine honigähnliche Masse (gesehen), die von verkohlten Holzstücken durchsetzt war."

Liesel Ammanns Darstellung hat noch Jahrzehnte später Verwirrung gestiftet. Dabei war, was sie erzählte, schon aus physikalischen Gründen unglaubhaft. Bernstein ist gehärtetes Harz und leichter entflammbar als fast alle Holzarten. Wenn Holz verkohlt, ist Bernstein schon verbrannt. Und zwar so gut wie rückstandslos. Börnstein nannten es die alten Deutschen. Zu deutsch: Brennstein. Im Mittelalter, als es noch in dicken Klumpen am Strand lag, wurde es zuweilen auch zum Feueranzünden benutzt.

Ob Liesel Amm zu ihren Beobachtungen etwas hinzu gedichtet hat oder ob Alfred Rohde log, weil er glaubte, er könne sein geliebtes Bernsteinzimmer am besten schützen, indem er es für zerstört erklärte - wer weiß? Nur, wenn es wirklich eine Schutzbehauptung von Rohde war, warum hat er sie dann nicht durchgehalten? Ganz entgegen der überprüfbaren Faktenlage hielt sich jedenfalls viele Jahre lang die These, das Bernsteinzimmer sei verbrannt, und man brauche nicht mehr danach zu suchen.

Sockelelemente in zerbrochenen Kisten

Die Stasi spürte 1981 in Potsdam die ehemalige Schlossverwalterin Ida Hirschmann geborene Krüger auf, die 1944 im Schlosskeller gewohnt hatte. Sie konnte sich gut an die zerbrochenen Kisten mit den Sockelelemente erinnern, die 1942 beim Wiederaufbau des Bernsteinzimmers nicht verwendet worden waren. Die Arbeiter hatten sie hier stehen gelassen, wohl weil sie sie nicht für so wichtig hielten, und den Rest in die tiefergelegenen Kasematten gebracht. Die Kisten mit den Sockeln hatten vor ihrer Tür gestanden. Sie waren zerstört, aber der Rest war heil geblieben.

Zur Sicherheit ließ Rohde die unversehrten Paneele in den ersten Septembertagen erst mal in den Keller des Nordflügels neben der "Gaugaststätte Blutgericht" bringen, einer Schankstube aus dem Mittelalter, in der früher die Ordensritter ihre Dissidenten zu foltern und hinzurichten pflegten. Der Nordflügel lag zwar nicht so tief wie der Südflügel, aber er war trotzdem sicherer, weil er die dickeren Decken hatte. Alfred Feyerabend, der Wirt, hat den Transfer auch bestätigt.

Das "Blutgericht" war in jenen Tagen ein Dorado für Zombies und Desperados der nationalsozialistischen Elite. Die Führungskräfte der ostdeutschen Frontprovinz trafen sich in den letzten Kriegsmonaten hier zu ihren Kameradschaftsabenden. Sie hockten dann da bei Schönbuscher Bier und (weil Fleisch knapp war) gebratenen Krähen an alten Eichentischen, sangen vaterländische Lieder und träumten von dem Endsieg, der nicht mehr kommen konnte. Es war ein Ort von höllischer Heiterkeit.

Der Keller neben dem "Blutgericht" war für das Bernsteinzimmer nur ein Zwischenlager. Feuerwehrleutnant Wilhelm Stolzke hat 1989 ausgesagt, Kollegen hätten im Spätsommer 1944 auf Kochs Befehl den Transport des Bernsteinzimmers von Königsberg nach der alten Ordensburg Lochstädt an der Samländer Bernsteinküste begleitet.

Bernsteinzimmer oder Bernsteinkabinett?

Die Königsberger Feuerwehr hat im Herbst 1944 Bibliotheken, Archive und Kunstschätze aus ganz Osteuropa nach Burg Lochstädt gebracht. Das ist durch die Einsatzbücher belegt. Aber hat Wilhelm Stolzke wirklich das Bernsteinzimmer gemeint oder vielleicht das so genannte Bernsteinkabinett, das auch zu den Schlossbeständen gehörte, das aber längst nicht die Bedeutung hatte wie das aus Zarskoje Selo?

Nichteingeweihte konnten das leicht verwechseln. Und wenn er wirklich das Bernsteinzimmer meinte, war es dann das ganze oder das halbe Zimmer? Wenn es nur die Hälfte aus dem Schlosskeller war, dann wäre die andere Hälfte ja wohl im Hochbunker am Botanischen Garten geblieben. Leider hat keiner in die Kisten hinein geschaut.

Fracht aus Königsberg

Im Oktober 1944, als die Angriffsspitzen der Roten Armee bei Gumbinnen und Goldap die deutsche Grenze überschritten, war es vorbei mit der ostpreußischen Gemütlichkeit. Bei Ostwind konnte man jetzt die Front deutlich hören. Alles wurde knapp. Sogar die Krähen. Höchste Zeit, sich für den Exodus fertig zu machen.

Die braunen Machthaber waren hektisch bemüht, das deutsche Zivilisations- und Kulturerbe und darüber hinaus die Raubkunst vor den anrückenden Sowjettruppen in Sicherheit zu bringen. Doch die sowjetische Feuerwalze rollte schneller auf Königsberg zu, als die deutschen Strategen kalkuliert hatten. Es blieb kaum noch Zeit, alle Wertsachen planmäßig in die dafür vorgesehenen Verstecke zu schaffen. Deshalb mussten in eiligen Last-minute-Operationen passende Ersatzverstecke gefunden werden. Jetzt brauchte auch Alfred Rohde ganz dringend ein Endlager für sein Bernsteinzimmer.

Wahrscheinlich wurden die Pläne mehrmals geändert

So lange die Russen noch nicht in Sicht waren, hatte Rohde nur nach Schutzräumen in Ostpreußen gesucht, in denen seine Kunst vor Kriegseinwirkungen geschützt war. Am 6. September 1944, also gut eine Woche nach dem britischen Bombenangriff, hatte er noch beim Fürsten Alexander zu Dohna-Schlobitten angefragtgefragt, ob der in seinem Herrensitz bei Elbing diverse Kunstgüter, - u. a.das Bernsteinzimmer - unterbringen könne. Doch Fürst Schlobitten hatte das Haus schon voll - mit Kulturgut, das ihm die Wehrmacht zur Aufbewahrung überlassen hatte.

Im Oktober kam Rohde in Wildenhoff, dem Gut des Grafen Schwerin, wo Koch seine Charkower Ikonensammlung lagerte, um Asyl für die Kunstwerke aus dem Schloss ein. Mit welchem Erfolg, ist unbekannt.

Polnische Kriegsgefangene bezeugten später, dass Ende 1944 in Wildenhoff eine Waggonladung Kisten eingemauert worden sei. Esther Gräfin Schwerin erklärte dagegen dem Bundesarchiv, bis zum 21. Januar 1945, dem Tag, an dem sie die Flucht nach Westen antrat, sei das Bernsteinzimmer in Wildenhoff nicht angekommen.

Als Verstecke kamen ferner die Schlösser und Herrenhäusern rings um Königsberg in Frage. Unter anderem Burg Lochstädt natürlich. Wenn es stimmte, dass eh schon die Hälfte des Bernsteinzimmers in Lochstädt war, dann hätte Rohde sie auch dort lassen und eventuell auch die zweite Hälfte dort hinschaffen können.

Kurz vor der Wende: Marinepioniere rücken zur Suche an

1989 wurde in Lochstädt zum erstenmal gesucht. Die Marinepioniere aus Pillau rückten mit schweren Bergpanzern und mit Hacke und Spaten an, um erst mal vierzig Jahre alten Baumbestand, dann einen Meter Humus und dann eine Menge Mauerwerk zu beseitigen. Sie fanden auch das "Bernsteinzimmer". Aber nicht das von Meister Rastrelli, sondern jenes Zimmer, in dem die Burgherren seinerzeit ihren Bernstein aufbewahrt hatten. Sonst wurde nichts Wichtiges gefunden. Wohl auch, weil die Pläne, wie sich später herausstellte, seitenverkehrt kopiert waren und weil die Marinemaulwürfe deshalb auf der falschen Seite der Burg gruben.

Anfang Juni haben Geologen mit hochsensiblen Messgeräten große Hohlräume in dem Schuttberg entdeckt, die bislang unbekannt waren. Dort soll jetzt weitergesucht werden. Auch in Königsberg gab es reichlich Stauraum: Gruften, Gewölbe, die Kasematten der alten Befestigungsanlagen. Die Stadt war umgeben von 16 Festungswerken aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, die insgesamt 1242 Räume umfassten. Die Nazis hatten dann noch ein paar Dutzend Bunker dazu gebaut.

Als auch Rohde klar wurde, dass Ostpreußen nicht zu halten war, stellte sich die Alternative so: entweder eine riskante Evakuierung in Richtung Westen mit der vagen Aussicht, das Bernsteinzimmer langfristig für Deutschland zu retten, oder ein Versteck in Ostpreußen mit der Aussicht, dass die Sowjets es nicht finden würden, dass es aber auf lange Zeit, wenn nicht für immer verloren war. Doch das war natürlich nicht seine Entscheidung. Noch nicht.

Ende 1944 standen die Zeichen auf Westauslagerung. Regierungsrat Arthur Graefe vom Sächsischen Ministerium für Volksbildung kündigte am 23. November in einem Brief an seinen Gauleiter Martin Mutschmann die bevorstehende Ankunft einer Sendung "unersetzlicher Kunstschätze von hohem Denkmalwert aus der Provinz Ostpreußen (z. B. das berühmte Bernsteinzimmer)" an. Sie sollten in der Burg Kriebstein im Zschopautal, in Wechselburg und auf der Sachsenburg "alles im Umkreis von 30 Kilometer um Chemnitz" sowie im Herrenhaus Großgrabe bei Kamenz in Ostsachsen eingelagert werden.

Anfang Dezember trat Rohde eine Rundreise durch Sachsen an, um die Verstecke zu prüfen. Es ist belegt, dass er am 8. und 9. Dezember erst auf Burg Kriebstein, dann in Großgrabe und auf der Sachsenburg war. Vermutlich besuchte er auch noch Wechselburg und zwei oder drei andere Lagerstätten.

Fracht aus Königsberg

Wenige Tage vor Weihnachten traf dann auch Fracht aus Königsberg in zwei Eisenbahnwaggons in Kriebstein ein. Das Bernsteinzimmer war aber nicht dabei. Jedenfalls hat die Rote Armee später nichts gefunden. Allerdings hat sie auch nicht alles durchsucht. Laut Stasi-Akten von 1982 mussten nämlich "laut Dokumenten Keller existieren, die derzeit nicht nachweisbar sind." Sie sind bis heute nicht gefunden worden.

Am 12. Januar 1945 meldete Rohde dem Städtischen Kulturamt schriftlich, er sei nunmehr dabei, die Paneele zu verpacken. Er gedenke sie nach Sachsen zu bringen. Sehr wahrscheinlich war er bei Kriebstein geblieben. Kurz darauf muss er sich aber anders entschlossen haben. Am selben Tag trat die Rote Armee mit 2,2 Millionen Soldaten und 32.000 Geschützen auf einer Frontbreite von 900 Kilometern zur Großoffensive an. Götterdämmerung für Königsberg.

Alles sollte jetzt möglichst auf einmal raus. Koch hatte Rohde angewiesen, verschiedene Sammlungen aus den besetzten Gebieten mit Vorrang versandfertig zu machen. Außerdem Kunst und wertvolle Möbel, die die Gestapo in den Häusern von hingerichteten Teilnehmern des Aufstands vom 20. Juli beschlagnahmt hatte. Schlosshistoriker Gerhard Strauss hat 1975 in einem Brief, der sich bei den Stasi-Akten findet, mitgeteilt, er wolle "schwören, dass Anfang Januar 1945 45 Kisten im Schlosshof standen, von denen mir Rohde sagte, sie enthielten mindestens teilweise das Bernsteinzimmer." Nur, Strauss hat natürlich die Kisten auch nur von außen gesehen.

Und wenn es denn das Bernsteinzimmer war, warum musste es auf den Abtransport warten?

Vielleicht weil Erich Kochs private Raubkunstsammlung, die er zusammen mit dem Bernsteinzimmer auf die Reise schicken wollte, aus unerfindlichen Gründen noch nicht verpackt war. Koch hatte sie bis auf weiteres in seinem Gut Groß-Friedrichsberg in Metgethen bei Königsberg zwischengelagert. Sie sollte erst nach Pommern und dann nach Süddeutschland gebracht erden.

Nach dem Krieg fanden sich Zeugen, die gesehen haben wollen, wie die Kisten mit dem Bernsteinzimmer in Metgethen vergraben wurden. Ein SS-Kommando sei Mitte Februar 1945 angerückt und habe in der Wellerschen Mühle, einem Anwesen Kochs, von ukrainischen Fremdarbeitern eine Grube ausheben lassen. Dann seien von zwei Lastwagen bisher im Königsberger Schloss aufbewahrte Kisten mit der Aufschrift "Bernstein" entladen und verbuddelt worden. "Die findet keiner mehr", soll der kommandierende SS-Offizier gesagt haben. Die Ukrainer seien dann in einer nahen Kiesgrube erschossen worden.

Das würde bedeuten, dass Koch seine eigene Sammlung - die am 9. Februar in Weimar eintraf - abtransportieren ließ und das hundertmal wertvollere Bernsteinzimmer ohne Not zurückließ. Wirklich schwer vorstellbar.

Der "Haff-Notweg"

Das Bernsteinzimmer musste wohl auch deshalb warten, weil der formelle Führerbefehl, der inzwischen für die Evakuierung obligatorisch war, noch nicht vorlag. Hohe Kunst war reichsunmittelbare Chefsache. Der Chef war aber in diesen Tagen unabkömmlich. Obenan auf seiner Agenda stand nämlich nicht die Rettung der schönen Künste, sondern die Rettung seines Tausendjährigen Reiches. Kurz vor Ultimo wollte er die Wende im Weltkrieg einleiten. Er hatte sich in die Bunkeranlage "Adlerhorst" bei Bad Nauheim begeben, um die Ardennenoffensive gegen die alliierten Truppen zu leiten.

Lotti Rohde, die spätere Lotti Elias, hat ausgesagt, dass die 25 Kisten, die das Bernsteinzimmer enthielten, am 23. Januar zum Königsberger Hauptbahnhof gebracht worden seien. Sie waren etwa zwei Meer lang, mit Nummern und mit dem Namen "Königsberg" gezeichnet. Weil der Vorstoß der Russen nach Elbing die Bahnverbindung nach Westen am selben Tag abgeschnitten habe, so Lotti Elias, seien sie aber zurückgeblieben. Rohdes Sekretärin Magdalene Rau will die Kisten auch noch am 25. Januar, dem Tag ihrer Flucht, im Keller der Schlossruine gesehen haben.

Lücken im Belagerungsring

Die Landverbindung mit dem Reich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz unterbrochen. Der Weg durchs Samland und auch der Seekanal nach Pillau blieben noch eine Woche offen. Außerdem gab es in dem Ring, den die Rote Armee um Ostpreußen gelegt hatte, Lücken. Wer die nötige Ortskenntnis und den nötigen Schneid hatte, konnte noch durchkommen. Ein Fall für SS-Standartenführer Karl Hubertus Graf Schimmelmann.

Man hätte Schimmelmann, wenn er Angehöriger einer ritterlicheren Armee gewesen wäre, als die SS es war, einen Haudegen genannt. Er hatte mit Talent und Verwegenheit alle Ehrenabzeichen erworben, die der Orden unter dem Totenkopf zu vergeben hatte. Er war ein Prachtkerl von einem arischen Herrenmenschen. Und dazu auch noch gebildet, mit einer starken Neigung zu den schönen Künsten und der klassischen Musik. Der richtige Mann für einen solchen Auftrag.

Es ist nicht verbürgt, dass es wirklich das Bernsteinzimmer war, das Schimmelmann gerettet hat. Er hat aber, wie die Stasi-Akten belegen, ein wichtiges Objekt in Sicherheit gebracht. Und ein wichtigeres Kunstobjekt als das Bernsteinzimmer gab es zu diesem Zeitpunkt in Königsberg nicht.

Königsberg war zwar in der letzten Januar-Woche noch lange nicht verloren. Doch als Schimmelmann und seine Männer mit ihren vier Halbkettenfahrzeugen vom Typ "Opel-Blitz Maultier" zu ihrem Kommandounternehmen aufbrachen, schlugen schon sowjetische Artilleriegranaten in den südlichen Vororten ein.

Der "Haff-Notweg"

Der Weg über die Nehrung war bis zum 30. Januar, dem Tag der endgültigen Eroberung von Tolkemit durch die Rote Armee und damit der Trennung Ostpreußens vom Reich, offen. Schimmelmann und seine Männer nahmen vermutlich den "Haff-Notweg". Das war ein Bypass zur alten Reichsstraße 1, der, wenn auch meist nur nachts, noch ein paar Tage passierbar blieb.

Am 19. Februar wurde der nördliche Zugang zur Nehrung und damit die Landverbindung zwischen Königsberg und Pillau mit Unterstützung schwerer Schiffsartillerie von den Deutschen wieder freigekämpft. Danach gab es sogar wieder einen begrenzten Eisenbahnverkehr zwischen Königsberg und Pillau. Erst am 6. April ging die Frische Nehrung endgültig verloren. Rohde hatte theoretisch also noch mehr als sechs Wochen Zeit, um seinen Schatz aus Ostpreußen herauszuschaffen.

Auch so viel ist sicher: Die Schlösser und Burgen, die Rohde ausgesucht hatte, wurden irgendwann wieder von der Liste gestrichen. Da wäre das Bernsteinzimmer nämlich überall schnell gefunden worden. Einen so kostbaren Schatz musste man schon ein bisschen sorgfältiger verstecken.

Dr. Root: Niemand weiß, wer er war und woher er kam

Gleich südlich der Danziger Buch beginnt die Spur zu zerfasern. Kurz danach muss auch das Transportkommando gewechselt haben. Standartenführer Graf Schimmelmann kommt nach der Abreise aus Ostpreußen in den Quellen nicht mehr vor. Dafür taucht im nächsten Streckenabschnitt ein Major Dr. Root als Leiter des Kommandounternehmens aus den Quellen auf. Aber nur einmal. Niemand weiß, wer er war und woher er kam.

Und dann ist da auch noch die Geschichte, die Unterleutnant Dmitri Jefimowitsch Gruba von der 5. sowjetischen Panzerarmee erzählte. Er will am 23. Januar beim Angriff auf Tolkemit mit seinen drei Panzern einen Tross aus fünf oder sechs Schlitten im Haff versenkt haben. Kurz darauf, so sagt er, habe ihnen ein gefangener deutscher Zivilist, der die Attacke beobachtet hatte, erklärt, sie hätten das Bernsteinzimmer versenkt.

Bernsteinzimmer - das war ein Begriff, mit dem Unterleutnant Gruba nichts anfangen konnte. Der Zivilist habe, so sagte er, ihn darauf hin zu einem Schloss in Cadinen geführt. Im Keller habe man hinter einer aufgebrochenen Wand vier große Kisten und darin vier Kristalllüster gefunden, außerdem ein paar Spiegel mit Goldrahmen. "Das ist alles, was von dem Bernsteinzimmer geblieben ist", habe der Gefangene gesagt.

"Wissen Sie jetzt, was Sie vernichtet haben?"

Wenn die Story stimmt, dann müsste das Bernsteinzimmer oder ein Teil davon ja noch vor Tolkemit auf dem Meeresgrund liegen. Und das Meer ist da nicht tief. Wobei die Frage offen bleibt, ob die Kisten überhaupt untergegangen wären. Holz ist leichter als Ostseewasser, Bernstein etwa gleich schwer. Rohde hätte also die schweren Stein- und Metallteile - Leuchter, Spiegel, Mosaike - auf die Kisten mit den Paneelen verteilen müssen, so dass ihr durchschnittliches spezifisches Gewicht höher war als das spezifische Gewicht von Salzwasser. Nur, warum hätte er das tun sollen? Er musste ja nicht damit rechnen, dass die Kisten ins Wasser fallen würden.

Ein Opel-Blitz-Konvoi kommt noch mal vor in der Bernsteinzimmer-Saga. In den Stasi-Akten findet sich die Aussage des polnischen Kraftfahrer Alfons Kairis, der damals in Diensten des Kaiser-Friedrich-Museums in Posen stand. Er hat erzählt, um die Jahreswende 1944/45 seien mehrere Militärlaster vom Typ Opel-Blitz vor dem Museum aufgefahren. Die Ladung sei mit Segeltuchplanen fest verschnürt gewesen. Er sei dann mit Museumsleiter Siegfried Rühle und einem Major nach Paradies gefahren, einem kleinen Ort mit Bahnanschluss in der Nähe von Posen. Unterwegs hätten sich die zwei Herren darüber unterhalten, ob man die "Bernsteinkapelle" nicht auch in einem Salzbergwerk lagern könne. In Paradies sei die Ladung - etliche bis zu zwei Meter lange Holzkisten, die die Aufschrift "Königsberg" trugen - auf einen Eisenbahnwaggon geladen worden.

Kairis lud zusätzlich eine Münzsammlung und zwei Kisten mit dem Dom-Schatz von Gnesen (heute: Gniezno) auf den Waggon. Die Herren seien dann nach Posen zurückgefahren. Kurz darauf beobachtete die Rot-Kreuz-Schwester Ilse Gudden im Bahnhof Stettin mehrere Eisenbahnwaggons, die mit hölzernen Kisten, Gemälden und Büchern beladen waren. Sie hat es deshalb nicht vergessen, weil es ein so bizarres Bild war: endlose Züge mit Toten und Verwundeten und zu Tode erschöpften Flüchtlingen und mitten in dem apokalyptischen Elend ein Zug voll schöner Kunst.

Das Bernsteinzimmer im Osten: Sechs Wochen Anarchie (Teil III)

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