Teneriffa: Horror nach der Flammenhölle - DER SPIEGEL
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Teneriffa Horror nach der Flammenhölle

Die verwüsteten Landstriche der Kanaren wirken wie Kriegsgebiete. Gigantische Feuer fraßen sich tagelang durch Wälder und Dörfer. Vor allem auf Teneriffa und Gran Canaria haben sie Existenzen zerstört - und erzeugen Angst, dass sich derartige Katastrophen wiederholen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Puerto de la Cruz - Man sieht erst auf den zweiten Blick, wie müde Humberto Gutiérrez ist. Der Koordinator der Löschtruppen in Teneriffa wirkt mit seinen lockeren halblangen Haaren, den Lachfalten im braungebrannten Gesicht und dem lässigen gelbgrünen Overall im ersten Moment wie der Darsteller irgendeiner Feuerwehrmänner-Heldenserie. Doch seine Lippen sind aufgesprungen, er hat Ringe unter den Augen und spielt nervös mit dem Jeepschlüssel, ohne es zu merken. Stumpf blickt er auf die gespenstische schwarze Waldkulisse hinter sich, auf den mit heller Asche überzogenen Boden, auf die verkohlten Pinien, zwischen denen immer wieder Ascheschwaden hindurch wehen. An einigen Stellen raucht der Boden noch. "Das wird mindestens 15 Jahre dauern, bevor sich die Fauna hier erholt hat", sagt der Umweltingenieur. "Ich bin seit 13 Jahren im Beruf - und es ist das erste Mal, dass ich mich machtlos fühle."

Dabei will er auf der Rundtour durch die verbrannten, stinkenden Waldflächen eigentlich von den Erfolgen der Feuerwehrleute erzählen. Zeigen, wo sie die Flammen niedergekämpft haben, indem sie ihnen Wasser und schaufelweise Dreck entgegenschleuderten, damit das Feuer nicht die ganze Insel frisst. Zeigen, wo die rund 1000 Einsatzkräfte einfach machtlos waren angesichts der ungeheuren Zerstörungswut, der Rekordtemperaturen von über 40 Grad und des erbarmungslosen Windes, der die Lösch-Helikopter am Einsatz hinderte. Denn längst haben sich die Kritiker gemeldet.

Zu wenig Einsatzkräfte habe es gegeben, nur so konnte sich das verheerende Feuer auf der Touristeninsel so weit nach Westen ausbreiten, sich in nur sieben Stunden durch fast 15.000 Hektar fressen und zwischenzeitlich über 8000 Menschen aus ihren Häusern vertreiben. 500 Feuerwehrleute seien im Einsatz gewesen, und noch einmal genauso viele Freiwillige, sagt er immer wieder. "Auch mit dreimal so viel Leuten hätten sie das nicht verhindern können. Und auch nicht mit 30-mal so viel", sagt Gutiérrez mit Nachdruck, als die heimische Journalistenschar die ersten bohrenden Fragen stellt. Seine Botschaft ist klar: So etwas passiert einfach, Naturgewalt. "Feuer gibt es jedes Jahr", sagt Gutiérrez.

Gewaltige Feuersbrünste - "Einfach nur brutal"

So gewaltige Feuersbrünste haben die Kanaren jedoch lange nicht erlebt. Auf Gran Canaria toben die Flammen seit dem Wochenende, verwandelten ein ganzes Dorf in eine Geisterortschat, zwangen Tausende, ihre Häuser zu verlassen und nächtelang in Turnhallen und Schulen zu übernachten. Auf Teneriffa brach das Feuer am Montag aus. "Einfach nur brutal", beschreibt der Mitarbeiter eines deutschen Anzeigenblattes auf der Insel die Flammen, die sich vor seinen Augen in Windeseile die Berge hochfraßen. Eine junge Frau in Teneriffa erzählt, wie sie nach dem Ausbruch des Feuers die ganze Nacht wach blieb: "Wir haben die Flammen auf den Hügeln beobachtet, ob sie in unsere Richtung kommen oder vom Wind nach Westen geweht werden", sagt sie.

Die Gewalt, mit der sich die Flammen ausbreiteten, sei beängstigend gewesen, heißt es immer wieder. Rekordtemperaturen über 40 Grad machten den Kampf, die Flammen zu besiegen, fast aussichtslos. Noch dazu hinderte ein heftiger Saharawind die Löschhelikopter am Abheben. Auf Satellitenbilder sahen die beiden Inseln deshalb zeitweise aus wie Kriegsgebiet, so viel Rauch stieg auf. 35.000 Hektar insgesamt waren von den Bränden betroffen, eine Fläche so groß wie München. In Teneriffa ist ein Viertel der Waldfläche betroffen, in Gran Canaria ein Drittel, auch ein Teil des Naturschutzgebiets "Palmitos Park", das 150 verschiedene Vogelarten beheimatet, ist dort verbrannt. Es ist die schlimmste ökologische Katastrophe, die die Inseln je erlebten, heißt es.

Der kleine Ort Mogán in Gran Canaria sieht inzwischen aus wie ein Geisterdorf, die verzweifelten Bewohner kehrten schon vor zwei Tagen zurück zu den Trümmern ihrer Existenz. Immer wieder laufen die Bilder durchs Fernsehen, zeigen, wie die Bewohner buchstäblich vor dem Nichts stehen. "Mit den Tränen, die ich geweint habe, hätte ich mein Haus retten können", beschrieb ein Mann sein Unglück. In einem anderen Ort musste ein Dorfbewohner gezwungen werden, sein Anwesen zu verlassen: Er weigerte sich beharrlich und schüttete aus Verzweiflung eimerweise Wasser vom Balkon. Die anderen schon evakuierten Einwohner versuchten danach mehrmals, die Straßensperren zu brechen, um zurück zu ihrem Hab und Gut zu kommen.

Seit Jahren lebt die Bevölkerung in Angst vor dem Zündler

Kein Wunder, dass es jede Menge Wut und auch wilde Gerüchte über die Brände gibt. Seit zehn Jahren breche in Teneriffa immer wieder in der gleichen Region Feuer aus, erzählt eine lustige Frau mit knallrot gefärbtem Zopf, die in einem Tante-Emma-Laden bedient. "Es gibt so eine Geschichte von so einem Mann, der im Verdacht steht." Auch ein anderer Kanarier hat davon schon gehört: "Er soll in der Gegend von La Corona wohnen." Sicher ist, dass es die Behörden in Teneriffa inzwischen für sehr wahrscheinlich halten, dass jemand das Feuer aus Absicht gelegt hat. Man habe entsprechende Spuren gefunden, erzählt ein Insider. Dass die Polizei bisher offensichtlich mit den Zündlern, die seit Jahren die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen, nicht fertig wird, empört viele Insulaner besonders. Auch Gutiérrez erzählt an der Brandstelle: "Seit Februar gab es hier alle zwei Wochen ein Feuer." Es sei eben schwierig, die Schuldigen zu finden, darauf hat er auch keine wirklich Antwort.

Brandstiftung ist häufig der Grund für gigantische Feuersbrünste in Spanien, so wahnsinnig es sich anhört. In Gran Canaria hatte ein 37-jähriger Waldarbeiter gezündelt, der so die Verlängerung seines Vertrages erzwingen wollte. Viele Menschen hoffen jetzt, dass an ihm ein Exempel statuiert wird. Denn laut Gesetz kann er zu einer Haftstrafe bis zu 20 Jahren verurteilt werden. Doch an den klimatischen Gründen für den Brand wird das auch nichts ändern. "Es gibt hier jedes Jahr Feuer", sagt Gutiérrez noch einmal, bevor er sich in den Jeep setzt und mit seinen Gästen durch den aufstiebenden Staub davon donnert. Immerhin, für dieses Mal scheint es zu Ende. Das Wetter hat vor einem Tag gedreht, es ist merklich kühler geworden, sogar ein paar Regentropfen fallen. Sie werden helfen, auch noch die letzen Flammen zu löschen - dann muss der Schaden betrachtet werden. Und die Frage zum x-ten Mal diskutiert werden, wie man den Naturgewalten, wenn sie einmal entfesselt sind, Einhalt gebieten kann.