Terrorismus: Dunkelmann aus Londonistan - DER SPIEGEL
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Terrorismus Dunkelmann aus Londonistan

Die Spuren im Mordfall des US-Reporters Daniel Pearl führen zu britischen Fanatikern, indischen Gangstern und pakistanischen Ex-Militärs.
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Der Eintrag im Tagebuch stammt vom April 1993 und beschreibt einen wahrlich prallen Monat: "Mit Hilfskonvoi bis Split in Kroatien gereist. Zu krank, um ihn nach Bosnien zu begleiten. Mudschahidin getroffen, die erst Training in Afghanistan empfehlen. Zurück nach England in den Wissenschaftsbetrieb, Prüfungen vorbereiten. Immer noch bei Diskussionen verschiedener Gruppen dabei. Kann nicht sesshaft werden. Reise nach Pakistan. Gehe zum Büro der Harkat ul-Mudschahidin in Lahore."

Ein umtriebiger junger Mann also, der da vor knapp neun Jahren sein Leben auf die radikale Schiene brachte. Der an der renommierten London School of Economics studierte und sich zugleich für muslimische Fundamentalisten begeisterte. Der, nachdem er eine 45-minütige Bosnien-Dokumentation über die "Zerstörung einer Nation" gesehen hatte, den Balkan missionieren wollte, dann aber in Zentralasien unter sechs verschiedenen Pseudonymen zum Dschihad-Eiferer wurde.

Spätestens seit dem 13. Februar hat es Ahmed Omar Said Sheik, einer aus der Millionenschar von Asiaten mit britischem Pass und Wohnsitz in "Londonistan", wie die multikulturelle Metropole unter Terroristenjägern heißt, zu weltweiter Berühmtheit gebracht. An jenem Tag wurde er in Pakistan als Drahtzieher im Entführungsfall des "Wall Street Journal"-Reporters Daniel Pearl präsentiert. In Gewahrsam war Sheik seit einer guten Woche ­ und Pearl mindestens seit 14 Tagen tot.

Die schillernde Figur des 29-jährigen gebürtigen Pakistaners vermittelt einen Einblick in die bizarre Szene der Gotteskrieger und Geheimdienste im zentralasiatischen Krisenbogen. Denn Sheiks Karriere und Kontakte sind ebenso vielschichtig wie verwirrend und eine wichtige Facette des radikalen religiösen Fanatismus.

Im Oktober 1994, kaum 18 Monate waren seit seinem Balkan-Ausflug vergangen, wurde der als impulsiv und ehrgeizig geltende Sheik nach einigen in Afghanistan absolvierten Schulungen aktiv: Der Gotteskrieger entführte in Saharanpur nördlich von Delhi drei britische und einen US-Touristen, um inhaftierte Gesinnungsgenossen freizupressen, insbesondere Masud Aschar, den Führer der Harkat ul-Mudschahidin. Diese Gruppe, die für ein muslimisches Kaschmir kämpfte, genoss die Gunst des pakistanischen Geheimdienstes ISI.

Sheik scheiterte, er wurde festgenommen und im Zuchthaus Zellennachbar ausgerechnet von Aschar. "Dicke Freunde" seien sie geworden, ermittelte die "New York Times". Ende 1999 wurden beide aus indischer Haft freigelassen, im Austausch gegen 155 Passagiere einer von fünf Islamisten gekaperten Indian-Airlines-Maschine (SPIEGEL 2/2000).

Bald darauf gründete Aschar eine Gruppe namens Jaish-i-Mohammed, die ebenfalls ein von Indien unabhängiges Kaschmir anstrebt. Anführer ist ein Brigadier Abdullah, der unter dem neuen Militärmachthaber Pervez Musharraf in Ungnade gefallen war. Schon wenig später hielt sich Sheik in Abdullahs Nähe auf ­ genauso wie er sich mit dem auf die Entführung reicher Geschäftsleute spezialisierten Inder Aftab Ansari, 31, anfreundete.

Ansari beschaffte Kapital, Sheik wusste es zu investieren: 100 000 Dollar sollen an den Selbstmordpiloten Mohammed Atta geflossen sein. Weitere Summen wurden in die Terroristenausbildung, in Waffen und Sprengstoff investiert. Auch für die Anschläge auf das Parlament in Neu-Delhi am 13. Dezember 2001 und das US-Kulturzentrum in Kalkutta am 22. Januar macht Indiens Regierung das Duo verantwortlich.

Am 23. Januar, einen Tag nach dem Attentat von Kalkutta, wurde Ansari in Dubai verhaftet ­ und Daniel Pearl entführt.

Sheik habe die Presse während der kurzen Gefangenschaft Pearls via E-Mails mit Fotos des gekidnappten Journalisten gefüttert, sagen übereinstimmend mehrere Zeugen. Die Kehle des Mordopfers hat aber wohl ein anderer durchschnitten: Die Untersuchungsbeamten halten Sheiks Version für glaubwürdig, nach der er am 1. Februar über Mittelsmänner eine verschlüsselte Nachricht von der Ermordung Pearls erhielt.

Deshalb bleibt die pakistanische Regierung in Zugzwang. Die Weltöffentlichkeit will alle Täter vor Gericht sehen. Die USA fordern Sheiks Auslieferung. Und Islamabad kann die für dieses Jahr in Aussicht stehenden 600 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe aus Washington nicht aufs Spiel setzen.

Also geht die Jagd weiter. Derzeit konzentrieren sich die Fahnder hauptsächlich auf Amdsched Hussein Faruki, einen früheren Leibwächter des seit Dezember unter Hausarrest stehenden Aschar. Faruki soll den US-Journalisten zum vermeintlich konspirativen Treffen mit radikalen Islamisten gelockt haben ­ ein Treffen ohne Wiederkehr.

RÜDIGER FALKSOHN