Ulrike-Prozess Mutmaßlicher Mörder galt als kinderlieb
Frankfurt an Oder - Die Zeugin ringt vor dem Landgericht in Frankfurt an der Oder um Worte: "Ich war geschockt und hielt das nicht für möglich." Am 1. März, eine Woche nach dem Verschwinden der kleinen Ulrike aus Eberswalde in Brandenburg, entdeckt die Bewährungshelferin des verurteilten Autoknackers Stefan Jahn ein Phantombild in der Zeitung. Das Konterfei ähnelt dem ihres seit Tagen spurlos verschwundenen "Schützlings". Sie ahnt: Jahn ist der Gesuchte.
Sie informiert die Polizei, vier Wochen später nimmt diese den 25-Jährigen als mutmaßlichen Mörder des Mädchens fest. Nun im Gerichtssaal sitzt die Bewährungshelferin Stefan Jahn noch einmal gegenüber. Sie schildert den Alltag des Angeklagten, der gestanden hat, die zwölfjährige Ulrike aus Eberswald vergewaltigt und getötet zu haben, in den zwölf Monaten vor der Tat.
Rund ein Jahr vor dem Verbrechen, im Januar 2000, war der seit Jahren als Autodieb bekannte Jahn auf Bewährung entlassen worden. "Er erzählte, dass er ein neues Leben anfangen möchte", sagte die Zeugin. Immer wieder betonte er: "Ich will nie mehr in den Knast." Von seiner Zukunft habe er eine sehr genaue Vorstellung gehabt: "Er wollte eine Familie haben, eine Wohnung und Arbeit."
Immer wieder versucht der junge Mann, dessen Mutter früh an Krebs starb und dessen Stiefvater ihn regelmäßig geprügelt haben soll, Kontakt zu Frauen aufzunehmen; etwa zu einer alten Freundin in Eberswalde. Aus der Haft hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht.Ohne Erfolg. "Sie freute sich darüber. Aber sie hatte inzwischen einen Freund und ein Kind", schildert die Bewährungshelferin.
Er betreute die Kinder
Auch die Wohnungssuche in Fürstenwalde bleibt lange ohne Erfolg. Jahn findet Unterschlupf bei einem früheren Kumpel, den er aus dem Gefängnis kennt. Danach bei einer jungen Frau und bei einem befreundeten jungen Paar. In allen Wohnungen leben auch Kinder. "Er half im Haushalt, kaufte ein, betreute die Kinder", berichtet die 62-Jährige, die den Angeklagten als höflich und zurückhaltend beschreibt. Sie schildert auch, wie er mehrere ihm angebotene Jobs ausschlug. Im Mai 2000 etwa sei ihm eine Tätigkeit als Produktionshelfer in Bayern angeboten worden. "Er hat dem Arbeitsamt gesagt, er sei krank und könne nicht."
Anfang Februar kommt Jahn nicht mehr zu seiner Bewährungshelferin. "Er war spurlos verschwunden", sagt sie. Später, noch lange bevor Ulrikes Leiche gefunden wird, sieht die Frau das Phantombild. "Ich habe der Kripo erzählt, dass Stefan Jahn dem Bild ähnlich sieht, dass er ein notorischer Autodieb ist, sich gerne in Eberswalde aufhält und verschwunden ist."
Doch diese Hinweise reichen noch nicht, um die Wohnung des 25-Jährigen, in der die Rollläden seit Wochen geschlossen sind und der Briefkasten überquillt, zu durchsuchen. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Handhabe gegen den Mann", sagt der Leitende Staatsanwalt von Frankfurt an der Oder, Carlo Weber, mehrere Wochen später. Im Fall Ulrike kamen rund 4000 Hinweise aus der Bevölkerung.
Vor dem Fahndungsfoto fängt Jahn an zu zittern
Dann taucht Jahn plötzlich wieder bei seiner Bewährungshelferin auf - und diese geht mit ihm zur Speichelprobe bei der Polizei. Dort hängt auf dem Gang ein Fahndungsfoto zum Fall Ulrike. "Er sah sich das Foto nicht an, aber fing an, schrecklich zu zittern. Ich dachte, jetzt läuft er weg", berichtet die Zeugin. Doch der 25-Jährige bleibt. Am 28. März, fünf Wochen nach dem Verschwinden Ulrikes, nimmt ihn die Polizei fest.
Im Gefängnis fragt ihn seine Bewährungshelferin, warum er das schreckliche Verbrechen begangen hat. Er habe regungslos und erstarrt dagesessen und gesagt, er wisse es nicht, sagt die Zeugin. Später schreibt Jahn in einem Brief: "Ich trau mich nicht, den Eltern (von Ulrike) in die Augen zu sehen wegen der Tat." Auch am sechsten Verhandlungstag sitzt der Angeklagte mit hängenden Schultern und gesenktem Blick im Saal. Den Blicken von Ulrikes Mutter weicht er noch immer aus.