"Vatileaks"-Prozess: Rom versucht Verfahren klein zu halten - DER SPIEGEL
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"Vatileaks"-Prozess Um Gottes willen keinen Skandal

Es geht um Geldwäsche, Verrat und Intrigen - die "Vatileaks"-Affäre beschert dem Machtzentrum der Katholischen Kirche eine der schwersten Krisen seiner jüngeren Geschichte. Jetzt wird dem Kammerdiener des Papstes der Prozess gemacht - möglichst kurz und diskret, hoffen die Kirchenoberen.
Papst Benedikt in Freiburg (September 2011): Hoffen auf einen kurzen Prozess
Papst Benedikt in Freiburg (September 2011): Hoffen auf einen kurzen Prozess

Papst Benedikt in Freiburg (September 2011): Hoffen auf einen kurzen Prozess

Foto: Johannes Simon/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Kirchenstaat mitten in Rom heißt amtlich "Vatikanstadt" und ist - mit knapp 600 Staatsbürgern auf 44 Hektar Grund - das kleinste unabhängige Land. Mangel an großen Sälen gibt es dort aber nicht. Der Apostolische Palast gehört zu den größten Bauwerken der Welt, die Audienzhalle bietet 12.000 Sitzplätze. Trotzdem wird das wohl spektakulärste mediale Ereignis des Jahres in einen winzigen Raum verbannt.

Samstagmorgen, 9.30 Uhr, soll der weltweit mit Spannung erwartete Prozess gegen den früheren Kammerdiener und engen Vertrauten von Papst Benedikt XVI., Paolo Gabriele, sowie dessen Helfer, den beurlaubten Informatiker im kirchlichen Staatssekretariat, Claudio Sciarpelletti, beginnen: In einem winzigen Saal, in dem nur wenige Menschen Platz finden.

Außer den drei Richtern und ihrem Stab, einigen Verwandten der Angeklagten, den Anwälten und ihren Mandanten, zwei Redakteuren der Vatikanmedien "Osservatore Romano" und "Radio Vatikan", dürfen jeweils gerade einmal acht Journalisten die Sitzungen im Gerichtssaal verfolgen, zum Teil im Rotationsverfahren. Tonaufnahmen, Fotos, Filme sind verboten, es gibt nur das, was die auserwählten Berichterstatter nach draußen tragen. Irgendwie ist die Verhandlung damit zwar öffentlich, aber irgendwie auch nicht. Und das ist kein Zufall. Der Vatikan will den Prozess ereignisarm gestalten, schnell abwickeln und den ganzen Vorgang möglichst abhaken. Der von Vatikansprecher Federico Lombardi "Vatileaks" getaufte Enthüllungsskandal soll endlich ein Ende haben.

Im Wochen-, manchmal auch im Tagesrhythmus kündeten über die Vatikangrenze geschmuggelte Dokumente seit Jahresanfang von unchristlichen Vorgängen hinter den dicken Mauern des Kirchenstaates. Von Korruption, Bestechung und Geldwäsche war die Rede, von Menschen, die gegen das Übel kämpften und anderen, die diesen Kampf blockierten. Es ging um Neid, Missgunst und die Unfähigkeit mancher Vatikan-Oberen. Der Vatikan ist eine Schlangengrube und der Papst, so der vorherrschende Tenor, hat sein Reich nicht im Griff. Er mag ein guter Wissenschaftler sein, aber einen Staat führen kann Benedikt XVI. offenbar nicht. Obschon er als unumschränkter Herrscher regiert, kein Parlament fragen muss und Gesetze neu schreiben kann.

Gabriele hatte sich hochgearbeitet: Warum sollte er dem Papst schaden?

Nach vielen Details in etlichen Zeitungen fasste der Journalist Gianluigi Nuzzi die vertraulichen Schriftstücke in einem Buch zusammen , das über Nacht zum Bestseller wurde und die Verzweiflung rund um den Petersdom weiter wachsen ließ.

Intensiv suchten die Kirchenführer nach dem "Raben". So nennt man in Italien einen, der geheime Dokumente in die Öffentlichkeit trägt. Recht bald wurden sie fündig. Denn nur wer ungehinderten Zugang zu den päpstlichen Gemächern hat, kam in Frage. Und das sind nicht viele: Der deutsche Sekretär des Papstes , Georg Gänswein, gehörte dazu, auch Ingrid Stampa, die Haushälterin und "eine der wenigen Frauen, auf die der Pontifex hört", wie es heißt. Zwei, drei weitere Personen und eben Paolo Gabriele. Gegen ihn sprach am Ende alles, vor allem eine im Nuzzi-Buch gezeigte Rechnung. Nur er und Sekretär Gänswein hatten Zugriff auf sie.

Am Abend des 22. Mai wurde Gabriele enttarnt, aber erst am nächsten Abend wurde er verhaftet. Doch er nutzte den Tag nicht, um die kompromittierenden Schriftstücke aus seiner Wohnung zu entfernen. Als die päpstlichen Gendarmen sein Haus durchsuchten, fanden sie einen auf den Papst persönlich adressierten Scheck über 100.000 Euro, ein dickes Goldstück und ein kostbares Buch aus dem 16. Jahrhundert - Geschenke von reichen Gläubigen an das Kirchenoberhaupt. Was wollte Gabriele mit den unverkäuflichen Wertsachen? Er habe sie offenbar im "allgemeinen Chaos" vergessen, sagte er.

Viele wollen nicht glauben, dass dieser stille, schlichte, oft grimmig blickende, dem Papst tief ergebene Mann der Urheber von "Vatileaks" sein soll. Gabrieles Vatikan-Karriere hatte im Petersdom begonnen: Der junge Italiener musste die Böden auf Hochglanz polieren, bis ihn ein älterer Monsignore einem Erzbischof als Kammerdiener empfahl. 2006 wechselte er in die Dienste des Papstes, servierte ihm das tägliche Brot, begleitete ihn auf Reisen.

In der Via dei Pellegrini, inmitten des Vatikan, wurde ihm eine schöne Wohnung zugeteilt, dort lebte er, allseits beliebt, mit Frau und drei Kindern. Benedikts Haushälterin Stampa wohnte in der Nähe und kam oft vorbei zu einem Plausch - bis "Paolino", wie ihn die meisten Bekannten nannten, als Rabe enttarnt wurde und in die selten genutzte vatikanische Arrestzelle kam. Dort blieb er fast zwei Monate eingesperrt, bis er am 21. Juli in den Hausarrest entlassen wurde.

"Das Böse zwischen uns"

"Warum hat er das gemacht?", habe der Papst immer wieder gefragt, wird aus dem Vatikan kolportiert. Gabriele sei doch "wie ein Sohn" gewesen. Wie konnte es möglich sein, so Ratzinger, "dass das Böse sich zwischen uns gemischt hat"?

Einen "medialen Schock" habe er auslösen wollen, soll Gabriele bei den Vernehmungen über seine Motive gesagt haben. Um dem Papst zu helfen. "Er hat mir gesagt, er sei vollkommen mit sich im Reinen", erzählte Buchautor Nuzzi kürzlich, nach einem Gespräch mit seinem Dokumenten- Lieferanten, "er habe im vollen Bewusstsein möglicher Konsequenzen gehandelt, weil er es als Gläubiger für seine Pflicht gehalten habe".

Nachvollziehbar ist das kaum: Er wollte dem Papst helfen? Und hat er ihm nicht objektiv geschadet? Und Nuzzi, der Bestsellerautor? Gabriele sei nicht der einzige Rabe gewesen, deutet er an. Aber auch die anderen, die möglicherweise mit im Raben-Nest gehockt hatten, hätten ausschließlich das Wohl des verehrten Papstes im Blick gehabt. "Nur einige brave Katholiken", seien am Werk gewesen, behauptet der Journalist. Rechtschaffene Menschen, "die es für weniger schlimm gehalten haben, all diese Dokumente ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, als Scheinheiligkeiten und skandalöse Vorgänge zu verheimlichen." Dient das alles womöglich nur der Verschleierung ganz anderer Zusammenhänge?

Die Vatikanoberen sehen keine braven Schäfchen am Werk. Sie finden es im Gegenteil schlimm, dass die schmutzige Wäsche vom "Heiligen Stuhl" in der Öffentlichkeit bestaunt und kommentiert werden konnte. Sie wollen Gabriele einen kurzen Prozess machen.

Den Fahrplan dazu hatte der Papst mit den zuständigen Kardinälen und Vatikan-Juristen schon Ende Juli entworfen. Gabriele wird wegen "schweren Diebstahls" angeklagt, Sciarpeletti wegen Beihilfe . Andere, viel gravierendere Straftatbestände - wie Vergehen gegen die Sicherheit des Kirchenstaates - bleiben außen vor. Ob sie später aufgegriffen werden, steht dahin. Auf diese Weise bleibt der Inhalt der brisanten Dokumente, so das Kalkül der Vatikan-Strategen, weitgehend außen vor. Die Suche nach den Zusammenhängen und den Verantwortlichen soll in aller Stille im engeren Zirkel des Kirchenreiches fortgesetzt werden.

"Wenn sie mich umbringen, steht hier drin warum"

Es soll zügig gehen. Die Beweislage ist klar, der Angeklagte hat gestanden und den Papst um Verzeihung gebeten. Allzu viel Arbeit dürften Giuseppe della Torre, der Vorsitzende des Vatikantribunals, und seine Beisitzer - der römische Jura-Professor Paolo Papanti-Pelltier und der Kirchenrechtler Venerando Marano - also nicht haben. Bis zu sechs Jahren Haft drohen dem Delinquenten, aber vermutlich wird die Strafe geringer ausfallen. Schließlich hat er nur Kopien von Schriftstücken gestohlen. Am Ende, so wird in Rom spekuliert, werde der Papst ihn sowieso begnadigen und die Geschichte damit endgültig ins Archiv verbannen.

Es darf nur nichts dazwischenkommen. Auch nach der Verhaftung des Raben hat es neue Enthüllungen gegeben. Wenn es in Wahrheit nicht nur um die Befindlichkeit einiger "braver Katholiken" ging, sondern um eiskalte Machtkämpfe skrupelloser Gruppierungen, um Gelder der Mafia vielleicht, die in der Kirchenbank gewaschen wurden, oder um korrupte Würdenträger und ihre Geschäfte, dann ist die Sache wohl noch lange nicht vorbei. "Ich habe im Vatikan Dinge gesehen, die mir Angst machen", schreibt der ehemalige Vatikan-Bankiers Ettore Gotti-Tedeschi in einem aktuellen Memo.

Seit 2009 war der Geld-Experte Chef der Vatikanbank "IOR" (Istituto per le Opere di Religione, zu deutsch Institut für Religiöse Werke), er sollte dort aufräumen, für Transparenz sorgen, Schluss machen mit Geldwäsche-Geschäften. Am 24. Mai dieses Jahres musste er nach einem einstimmigen Misstrauensvotum des Vorstands zurücktreten. Er habe "bestimmte Aufgaben von vordringlicher Wichtigkeit nicht ausgeführt", teilte die Vatikan-Pressestelle öffentlich mit. Einen Tag darauf gab der Vatikan bekannt, dass man am 23. Mai den päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele verhaftet habe.

Und Gotti-Tedeschi hinterlegte bei zwei Freunden ein Memorandum. "Wenn sie mich umbringen", sagte er, "steht hier drin warum."