Volksentscheid in Berlin: Tempelhofer Freiheit
Volksentscheid zum Tempelhofer Feld Die ganz große Freiheit
Berlin - Bis zu dem Baum da hinten. Bis dahin soll sie gehen. Die sogenannte Randbebauung. Paul Decruppe malt mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger eine Linie in den Horizont. Der 58-Jährige steht auf einer leichten Erhöhung und blickt durch dicke Brillengläser über das riesige Feld.
Der Wind pfeift, Drachen surren durch die Luft. Inlineskater und Skateboarder gleiten klein in der Ferne auf breiten Bahnen aus Asphalt. Radfahrer fahren vorbei, Spaziergänger schlendern entlang. Im Gras sitzen, liegen und grillen Menschen.
Hinter Decruppe liegt der Schillerkiez, ein Viertel im Norden Berlin-Neuköllns, vor ihm der "Stadtteilgarten Schillerkiez", Projekt einer Nachbarschaftsinitiative für Erwerbslose. Decruppe hat die Initiative 2010 gegründet. Der Garten befindet sich am Rand des ehemaligen Geländes des Flughafens Berlin Tempelhof. Und das ist ein Problem.
Am Sonntag werden die Berliner in einem Volksentscheid über die zukünftige Nutzung des Geländes bestimmen. Es geht um die Randbebauung des Tempelhofer Feldes: Der Senat will äußere Flächen des 305 Hektar großen Geländes - das sind rund 430 Fußballfelder - bebauen. Immerhin 230 Hektar Grünfläche sollen bleiben und zu "barrierefreiem Erholungsraum" werden, so der Plan des Senats. Decruppes Garten müsste weichen. Die Bürgerinitiative "100% Tempelhofer Feld" will die Bebauung verhindern. Das Feld stünde für selbstorganisierte Bürgerfreizeit und Bürgerengagement, ein Stückchen Freiheit eben, mitten in der Großstadt.
"Das war ja verrückt"
Eine junge Frau in giftgrüner Jacke mit der gelben Aufschrift "100% Tempelhofer Feld" drückt Decruppe einen Flyer in die Hand. Den hellblauen Windbreaker bis obenhin zugezogen, geht er die Erhöhung hinunter, feldeinwärts. Aus alten Holzpaletten und anderen Brettern gebastelte Kästen stehen da, in denen Kräuter, Blumen und kleine Sträucher wachsen. "In die Erde dürfen wir nicht. Die sagen, sie wissen nicht, was da an Kerosinbelastung ist. Aber es ist wahrscheinlich auch, damit wir schnell wieder weg sind, wenn die das wollen", sagt Decruppe und lacht.
"Die", das ist der Berliner Senat. "Wir", das ist der Stadtteilgarten, eines von vielen Projekten, die seit der Eröffnung des Tempelhofer Felds als Park im Mai 2010 auf dem Gelände entstanden sind, genehmigt vom Senat zur "Zwischennutzung". Decruppe wohnt im Schillerkiez und wollte "rauf aufs Feld", seit 2008 der Flugbetrieb in Tempelhof endgültig eingestellt wurde. "Ich war schon dabei, als die Polizei hier mit riesigen Wasserwerfern stand. Das war ja verrückt", erzählt er. Aktivisten hatten 2009 unter dem Namen "Squat Tempelhof" versucht, das umzäunte Gelände zu besetzen. Sie fürchteten Privatinvestoren, teure Wohnungen und steigende Mieten.
Inzwischen ist der Stadtteilgarten zum Treffpunkt für Erwerbslose aus dem sozial schwachen Kiez geworden. "Sobald man das Feld betritt, ist die Stimmung eine ganz andere. Man lernt sich hier ganz anders kennen als auf der Straße", sagt Decruppe. Er war selbst viele Jahre arbeitslos, seit drei Jahren arbeitet er in einer nahe gelegenen Kita. Dort macht er mit den "Zwergen", wie er die Kinder nennt, Verkehrserziehung. Aus seinem Rucksack kramt er ein Foto: "Das erste Beet war ein Laubsack mit Erde befüllt und ein paar Blumen drin."
So will es der Senat: Grafische Darstellung des Masterplans
Foto: SPIEGEL ONLINEEine Zentralbibliothek sieht der "Masterplan" vor, Gewerbeflächen und Wohnungen - 4700 insgesamt. Die könne die Stadt dringend gebrauchen, meint Daniela Augenstein, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. "Es gibt einen enormen Zuzug in die Stadt, was schön ist, aber dazu führt, dass der Wohnungsmarkt enger wird und die Mieten anziehen", sagt sie. Alleine im letzten Jahr seien über 50.000 "Neu-Berliner" in die Stadt gekommen, in den vergangenen drei Jahren über 130.000.
"Ein klassisches Eigentor"
Am Tempelhofer Damm, auf der westlichen Seite des Feldes, solle als Erstes gebaut werden, sagt Augenstein. "Es gibt bereits eine Vereinbarung mit zwei landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, die dort bauen sollen - mindestens 50 Prozent der Wohnungen zu sechs bis acht Euro Kaltmiete." Diese konkrete Planung am Tempelhofer Damm solle auch als Grundlage für die anderen Baufelder dienen. "Das heißt", erklärt Augenstein, "kein Luxuswohnen, keine Privatisierung und eben auch eine soziale Mietentwicklung."
Im Gesetzesentwurf sind allerdings keine Details zum Wohnungsbau festgehalten. So herrscht Misstrauen im Stadtteilgarten. "Das sind einfach Erfahrungen mit diesem Senat, der ständig im Wechsel ist", sagt Jutta Wert. Sie sitzt auf einem Gartenstuhl und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Bei einigen regelmäßigen Besuchern des Gartens wird die Empörung laut. Christian Puder meldet sich zu Wort. Er trägt das gleiche beigefarbene Käppi wie Paul Decruppe - Erkennungszeichen unter den Stadtteilgärtnern. Die Gegner der Bebauung wären für den Stillstand, laute der Vorwurf des Senats, sagt Puder. Plakate der SPD titeln "Berlin statt Stillstand". Puder lacht. "Ein klassisches Eigentor", meint er. "Mehr Stillstand als beim neuen Flughafen gibt's doch gar nicht."
Ein Viertel der Wahlberechtigten, rund 625.000 Berliner, müsste dem Gesetzesentwurf der Initiative "100% Tempelhofer Feld" zustimmen und den des Senats ablehnen, damit das Feld vorerst bleibt, wie es ist. Dafür sprechen sich laut einer Umfrage von infratest dimap im Auftrag des rbb derzeit 54 Prozent der Berliner aus. Erhält die Initiative dennoch nicht die nötige Anzahl an Stimmen, kann das Abgeordnetenhaus den Masterplan beschließen. Auch die 230 Hektar Freifläche sollen dann "behutsam weiterentwickelt" werden, sagt Daniela Augenstein. Dort ginge es vor allem um infrastrukturelle Veränderungen wie "Durchwegungen", erklärt sie, "oder auch mal eine Bank".
Paul Decruppe dreht sich eine Zigarette. Er will keinen Stillstand. Er besteht auch nicht darauf, dass sein Garten bleibt, wo er ist. Er ist kein Mitglied des Vereins um die Bürgerinitiative, aber er will mitreden bei der Planung des Feldes. Alles Mögliche könne man mit dem Gelände machen. Sportplätze wären etwa wichtig für das Viertel, vielleicht sogar ein Platz für Verkehrssicherheitstraining mit den Kita-Zwergen. Den Masterplan des Senats hält er für unüberlegt: "So ein Gelände wie das hier, das kriegste ja nie wieder."