Soziologin über Liebe und Beziehungen »Mir ist der ganze Sex viel zu aufgeladen«
SPIEGEL: Frau Newerla, es scheint mir derzeit en vogue zu sein, die Zweierbeziehung als Lebensmodell abschaffen zu wollen – es sind gerade etliche Bücher dazu erschienen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Newerla: Mir geht es nicht um die Abschaffung von irgendwas, sondern um Vielfalt von Lebensmodellen. Es gibt viele Menschen, die nicht »erfolgreich« darin sind, jemanden fürs Leben zu finden. Die haben aber vielleicht trotzdem Wünsche, die sie nicht allein umsetzen können oder wollen, wie Kinder kriegen oder ein Haus mit Garten kaufen.
SPIEGEL: Sie schreiben, wir als Gesellschaft hätten eine Intimitätskrise. Was meinen Sie damit?
Newerla: Ich habe das am Onlinedating untersucht. Es gibt einen Grundkonflikt: Einerseits wollen die Leute the one and only finden, andererseits wollen viele ganz viel ausprobieren. Durch das Onlinedating wird vielen Leuten bewusst, dass es diverse Möglichkeiten gibt, Intimität zu gestalten und sich auszuprobieren.
SPIEGEL: Und wieso steckt die Intimität in der Krise?
Newerla: Da geht es um Nähe und wie Menschen sie erleben. Wissenschaftlich ist das nicht ganz einfach zu fassen, weil Intimität subjektiv nun mal sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Im Phänomen des Ghosting wird das sehr deutlich, also dem Kontaktabbruch ohne Kommentar. Das geht natürlich beim Onlinedating relativ leicht. Manche erleben schon durchs Schreiben eine besondere Art von Nähe und Intimität, die sind von Ghosting dann verletzt. Und die andere Person hat den Austausch vielleicht gar nicht so nah wahrgenommen.
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SPIEGEL BESTSELLER ist als Beileger der SPIEGEL-Ausgabe 25/2023 erschienen.
SPIEGEL: War es früher denn besser, als Kennenlernen noch nicht digital stattfand?
Newerla: Nein, diese Kritik am Onlinedating halte ich für zu einseitig. Die Dating-Apps haben bestimmte Prozesse beschleunigt und machen sie ökonomisch, keine Frage. Aber unser ganzer romantischer Lifestyle ist geprägt durch Konsum. Wir fahren zum Beispiel nach Paris, um unsere Liebe wieder aufzufrischen. Das ist also nichts Neues. Was gern übersehen wird, ist das Potenzial im Onlinedating. Es verknüpft Menschen. In der queeren Szene ist das schon lange ein sehr gutes Mittel, um miteinander in Kontakt zu kommen, weil vielleicht andere Räume dazu fehlen.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt Sex in der Intimitätskrise?
Newerla: Wenn wir umgangssprachlich von Intimität sprechen, meinen wir damit oft Sex. »Wir sind intim miteinander« bedeutet, wir haben Sex miteinander. Das ist ein Problem. Natürlich kann man sich Sex übers Onlinedating organisieren. Aber man kann online eben auch ganz viele andere Arten von Intimität organisieren, wie romantische Freundschaften oder geteilte Sorgearbeit. Mir ist der ganze Sex viel zu aufgeladen. Da folge ich der Theorie, die sagt, dass es eine Folge des Patriarchats ist, dass wir heute Intimität mit Sexualität verknüpfen.
SPIEGEL: Warum?
Newerla: Weil das der einzige Ort ist, wo Männer intim sein können.
SPIEGEL: Ach ja.
Newerla: Wir haben kein sehr entspanntes Verhältnis zum Sex, anders als zum Essen, was ja auch ein Genuss ist. Es gibt einen freien, liberalen Umgang mit Sex. Aber nur der Sex in Liebesbeziehungen gilt als der authentische, der wahre Sex. Diese Dualität halte ich für problematisch. Aus den Interviews meiner Forschung lese ich heraus, dass viele eigentlich auch im sogenannten schnellen Sex etwas Wahres sehen. Der kann ja auch sehr intim sein. Aber irgendwie passt das nicht zu der Erzählung, dass »schneller Sex«, der über Onlinedating entsteht, etwas Wertvolles sein kann.
SPIEGEL: Das ist das Romantikdiktat?
Newerla: Ja, die Norm, sich romantisch zu verbinden. Und die wirkt, seit wir auf der Welt sind. Alles erzählt von der lebenslangen romantischen Liebe: Filme, Musik und sogar Behörden, indem sie die Ehe fördern. Da fällt es natürlich schwer, andere Formen von Intimität und intimen Beziehungen zu entwickeln. Dabei müssen wir dringend mehr Diversität im gesellschaftlichen Zusammenleben organisieren. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, die Zahl der Singlehaushalte wächst, und romantische Beziehungen und Ehen sind brüchig. Das alte Konzept trägt nicht mehr.
SPIEGEL: Eigentlich wissen wir, dass die meisten Beziehungen nicht für immer halten. Warum glauben wir das trotzdem jedes Mal aufs Neue?
Newerla: Das romantische Versprechen ist groß: Du wirst glücklich, wenn du’s endlich gefunden hast. Den Deckel zu deinem Topf. Wenn du scheiterst, hast du einfach noch nicht den Richtigen oder die Richtige gefunden.
SPIEGEL: Oder mit dir stimmt was nicht.
Newerla: Oder die ganze Generation ist beziehungsunfähig, weil wir einfach nicht mehr gelernt haben, uns zu binden. Auch das wird ja immer wieder behauptet. Ich halte das für sehr kurz gedacht. Wir sind nicht unfähig, uns zu binden. Vielleicht binden wir uns heute auf andere Weise.
SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch: »Wenn wir die Zwänge des Romantikdiktats hinter uns lassen, können wir vielfältiger sein, als wir es jemals zuvor waren.« Was haben Sie da vor Augen?
Newerla: Wenn wir uns davon lösen, dass nur diese eine Form von Miteinander uns glücklich machen kann, könnten wir viel experimentieren. Es gibt ja schon sehr viele Formen von intimen Beziehungen jenseits der romantischen Liebe, die gut funktionieren. Freundschaften zum Beispiel; es ist unser aller Erfahrung, dass die länger halten. Es könnten sich ganz viele neue Formen von intimen Beziehungen entwickeln, von denen wir heute nicht mal eine Vorstellung haben. Es wäre wirklich gut, da Vielfalt zu fördern. Im Koalitionsvertrag steht, die Verantwortungsgemeinschaft einführen zu wollen, also die Möglichkeit, für andere Menschen offiziell Verantwortung zu übernehmen. Das kann für Alleinerziehende oder eine Hausgemeinschaft sein. Ich halte das für ein gutes Mittel, um diese Vielfalt zu fördern, weil nicht vorgegeben wird, wer da drin zu sein hat. Und wie viele Menschen. Das finde ich tatsächlich revolutionär, weil es das Potenzial hat, die Zweisamkeit zu sprengen.
SPIEGEL: Besteht nicht die Gefahr, dass wir, wenn wir schon unsere romantischen Beziehungen komplett überfordern, auch noch unsere Freundschaften überstrapazieren?
Newerla: Deshalb ist es wichtig, sich davon zu lösen, dass es eine Person gibt, die alles erfüllt. Aber das ist richtig viel Arbeit. Ich habe diverse Gespräche mit Freunden darüber geführt, und die haben alle gefragt, wie sie das auch noch bewerkstelligen sollen neben ihrem vollen Alltag.
SPIEGEL: Die Vorstellung, sich mehreren anderen Menschen gegenüber zu verpflichten, ist ja auch nicht nur schön.
Newerla: Wir müssen weg von dieser Vorstellung eines statischen Modells des Miteinanders. Wir gehen immer davon aus, dass die Beziehung, die wir haben, so bleibt, wie sie ist, aber das stimmt gar nicht. Sobald Kinder kommen, verändert sich eine Beziehung zum Beispiel grundlegend. Auch andere Beziehungen wandeln sich ständig: die zwischen Geschwistern, die zwischen Mutter und Kind. Alles ist eigentlich im Wandel. Wir reden nur nicht darüber. Es ist ein Problem, selbstverständlich davon auszugehen, dass die eine Person meiner Liebesbeziehung immer da ist. Darüber müssen wir sprechen, gesellschaftlich, aber auch individuell. Ich bin nun nicht die Einzige, die sagt, dass man miteinander sprechen sollte in der Ehe.
SPIEGEL: Da ist was dran. Aber nicht alle Menschen haben die Möglichkeit, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Mit Menschen welcher Schichten haben Sie für Ihre Untersuchung gesprochen?
Newerla: Mein Setting ist schon eher ein liberales akademisches gewesen. Aber meine Beobachtungen kommen nicht nur aus meinen eigenen Forschungen, ich habe auch viel andere Forschung gesichtet. Alle Menschen führen intime Beziehungen, also auch Menschen, die kein starkes soziales Kapital haben. Ich kenne zum Beispiel viele Initiativen, wo alleinerziehende Mütter online zusammenfinden, sich organisieren und Entlastung schaffen. Durch die geteilte Sorge entstehen Freundschaften, vielleicht auch mehr. Ich möchte niemandem absprechen, dass er es nicht schaffen kann, über seine intimen Beziehungen zu sprechen, auch wenn ich weiß, wie viel Arbeit es ist und dass es bestimmte Voraussetzungen dafür braucht.
SPIEGEL: Ihre Danksagung am Ende des Buches an »Fritz« klingt sehr romantisch: »der mich erdet, antreibt, auffängt, hält und bremst«. Sind Sie doch romantisch?
Newerla: Ja klar, und das ist was Schönes. Fritz hat mir geholfen, dieses Buch zu schreiben. Ohne die Transformation, die wir zusammen durchgemacht haben, wäre es nie entstanden.
SPIEGEL: Wie sah diese Transformation aus?
Newerla: Das beschreibe ich im Buch: Wir hatten eine romantische Beziehung, und jetzt ist er »Familie«. Ich habe keinen anderen Namen dafür. Er ist eine bedeutungsvolle Person in meinem Leben, aber er ist nicht der Einzige, und er wohnt nicht in Berlin, wir teilen also nicht den Alltag. Da habe ich andere Menschen. Ich mag das Bild mit dem Sahnehäubchen für die romantische Beziehung: Man hat einen Erdbeerhaufen von Beziehungen jeglicher Art. Und dann ist da oben die Sahne drauf. Ohne sie wäre es ein bisschen schade. Vielleicht. Auf jeden Fall: Die Sahne ist nicht die Basis, sondern das sind die Erdbeeren.