14 Karat - DER SPIEGEL
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GESELLSCHAFT / US-FAHNEN-KULT 14 Karat

• aus DER SPIEGEL 41/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Lumpenbündel war in ein Sternenbanner gehüllt. Obenauf ruhte der Kopf eines schlummernden Amerikaners.

Ein Polizist weckte den Mann und verhaftete ihn -- wegen Entwürdigung der US-Flagge. Richter Valan Boring schickte den Angeklagten sechs Monate ins Gefängnis.

Zu acht Monaten Haft wurde der Friseur Edward Slater verurteilt, weil er öffentlich eine kleine US-Plastikflagge verbrannt hatte.

Der Student Edward Franz erhielt sogar ein ganzes Jahr Freiheitsentzug: Er hatte sich (ähnlich dem Hippie Abbie Hoffman) aus dem Fahnentuch der Nation eine Weste nähen lassen.

In Las Vegas drohten die Schulbehörden, einen Lehrer zu entlassen, weil er die Fahne nicht grüßen mochte: Überall in den USA fühlen sich Patrioten aufgerufen, »die großartigste Flagge der ganzen Welt« (so der Kongreß-Abgeordnete Carl Albert) zu verteidigen.

Diese Patrioten sehen ihr Amerika bedroht -- durch den verlorenen Krieg in Vietnam ebenso wie durch Hippies und Liberale, Intellektuelle und militante Neger. Deren Proteste haben das Selbstbewußtsein vieler traditionsbewußter US-Bürger getroffen. Nun suchen sie Selbstbestätigung -- bei »Stars und Stripes«,

Millionen Amerikaner klebten das Sternenbanner an Windschutzscheiben

* Der Hippie Abbie Hoffman bei seiner Festnahme.

und Stoßstangen ihrer Autos. Kaufhäuser dekorieren ihre Schaufenster mit dem rot-weiß-blauen Tuch. »Die Flaggenfabrikanten können mit der Nachfrage kaum mithalten«, ermittelte der Kongreßabgeordnete Jack Edwards.

Das Magazin »Readers Digest« verteilte Millionen Abziehbilder des Sternenbanners. Im Bundesstaat Georgia verspricht eine Bank den Schwarzen in den Gettos -- als Belohnung für einen sauberen Hinterhof -- eine US-Fahne sowie eine neue Abfalltonne. Und die Gulf Oil Corporation verschenkte 22 Millionen Abziehfahnen an ihren Tankstellen.

Mit Geschäftssinn durchsetzten Patriotismus zeigte auch New Yorks berühmtester Juwelier Tiffany: Er offeriert für 15 Dollar ein 14karätiges Sternenbanner zum Anstecken -- »für jene, die noch immer so stolz auf die amerikanische Flagge sind wie Wir«.

Als sich Tausende junger Amerikaner dem Wehrdienst entzogen, Erfassungsbescheide verbrannten oder sich am Sternenbanner ihre Füße abputzten, empfahl der Kongreß-Abgeordnete James Haley: »Schafft sie 200 Meilen raus aufs Meer. Dort legt ihnen Handschellen an. Hängt ihnen einen Anker um den Hals, schmeißt sie über Bord und sagt ihnen, sie könnten in jedes Land schwimmen, dessen Flagge sie respektieren.«

Obwohl das Banner mit den 50 Sternen in allen 50 US-Staaten gesetzlich geschützt ist, schufen die Volksvertreter ein Bundesgesetz. Fahnen-Verächter müssen mit einem Jahr Haft und 1000 Dollar Geldstrafe rechnen.

Bestraft werden kann, wer eine Darstellung entwürdigt, »die nach Meinung einer Durchschnittsperson einer Fahne entspricht«. Theoretisch ist schon das absichtliche Zerreißen einer Briefmarke mit dem Banner darauf strafbar.

Doch Flaggen-Schutz allein genügt den Patrioten nicht. »Wir fordern unsere Führer auf, amerikanisch zu fühlen und Amerikaner zu sein«, verlangte ein Bürger namens Elmer Hanson in selbstfinanzierten Rundfunk-Werbespots. Denn nur so »können wir uns gegen die ausländischen Kräfte wehren, die unseren wundervollen »way of life' in der großartigsten Nation der Welt zerstören wollen«.

Kongreßabgeordneter Henry Schadeberg: »Eine aufwühlende Botschaft.«

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