20 Programme - DER SPIEGEL
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BELGIEN 20 Programme

Nirgendwo in Europa können -- über Kabel -- so viele Fernsehprogramme empfangen werden wie in Brüssel.
• aus DER SPIEGEL 46/1971
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Marvin Kordic, 32, sprachkundiges Mitglied der amerikanischen Mission bei der EWG in Brüssel, freute sich: »Ein solches Fernsehangebot ist sogar in Amerika selten.«

Mit Kordic freuen sich bereits fast 80 000 Einwohner von Brüssel. Sie können mehr TV-Programme empfangen als alle anderen Europäer.

Der Grund: Geschäftstüchtige Gesellschaften haben die empfangsgünstige Zentrallage des belgischen Flachlands erkannt und bemühen sich mit wachsendem Erfolg, die Unlust der Belgier an ihren beiden einheimischen Fernsehprogrammen auszunutzen.

Diesen Markt entdeckten vor drei Jahren vor allem die Kabelgesellschaften Brutell und Coditell sowie Radio Public, eine Gesellschaft, die seit 1933 in Belgien ausländische Radiosendungen über Kabel verkauft.

Die drei Gesellschaften schlossen mit der belgischen Regierung zunächst Lizenz-Verträge mit einer Laufzeit von 19 Jahren. Diese Verträge können nach ihrem Auslaufen um jeweils neun Jahre verlängert werden.

Dann wandten sich die Kabelleger an die Gemeinden der Hauptstadt. 13 von 19 Brüsseler Bürgermeistern ließen sich vom Argument der Vertreter überzeugen, Kabelfernsehen werde schließlich den unschönen Antennenwald der Brüsseler Gemeinden eingehen lassen.

Tatsächlich brauchen die Gesellschaften nur einige wenige Zentralantennen, stationiert auf Brüssels höchsten Hochhäusern und der Basilika, Brüssels hoch gelegenem Kitschmonument, um Fernsehsendungen aus Nachbarländern aufzufangen und durch unterirdische Kabel zum Endverbraucher weiterzuleiten.

Kabel-Kunden können gegenwärtig drei deutsche, zwei belgische Programme und das Fernsehprogramm Luxemburgs empfangen. Im Januar wird das Angebot um die beiden britischen Programme BBC II und ITA erweitert. Inzwischen bieten die Kabelgesellschaften ihre Programmvielfalt auch in Lüttich, Namur, Verviers und Löwen an.

Die Kabelgesellschaften wollen ihr Angebot noch erweitern: Im belgischen Rochefort begannen sie dieser Tage mit dem Bau einer Empfangsstation, die das überseeische Angebot der Fernsehsatelliten anzapfen soll. In knapp zwei Jahren, so Jan Verhoopen von Radio Public, »können wir 20 Programme verbreiten«. Die Teilnahme an solchem Fernsehvergnügen ist verhältnismäßig billig. In den Gemeinden der belgischen Hauptstadt, in denen die Gesellschaften ihre Kabel schon gelegt haben, dauert der Anschluß an die europäischen Fernsehprogramme knapp zwei Tage. Der Hausanschluß kostet rund 73 Mark. Für den Anschluß an die Zentral-Antenne, die auch Farbprogramme auffängt, muß der Kunde alle drei Monate eine Gebühr von rund 30 Mark zahlen.

Wegen der verhältnismäßig hohen Investitionskosten, die hauptsächlich durch teure Bildfilteranlagen und die hochwertigen Kabel entstehen, lohnt sich ein solches Geschäft nur in Ballungsgebieten. Auch in Brüssel schießen die Kabelgesellschaften noch zu. Ein Sprecher von Radio Public: »In rund sieben Jahren dürfte sich das Geschäft rentieren.

Die Kabelgeschäfte haben aber Grund, den Gewinn für früher zu erhoffen: Radio Public gewinnt zur Zeit täglich 100 neue Kunden.

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