Hausmitteilung 2000
Ende September reiste der Hamburger Arzt und Psychotherapeut Erich Schröder zu einer Fachtagung nach Paros, im Gepäck ein Referat über »Selbsterfahrung unter griechischem Licht«. Es wird ein Höllentrip: Vor der Kykladen-Insel rammt die Fähre »Express Samina« einen Felsen, 80 Menschen ertrinken. Schröder wird gerettet, aber der Schock sitzt tief, Nachwirkungen quälen den Arzt noch immer. Für die Jahreschronik hat er aufgezeichnet, wie er das Unglück überlebte - ein präzises Protokoll, das »ich aus therapeutischen Gründen schreiben wollte, um mich von dem Trauma zu erleichtern« (Seite 248).
Neonazis, Rassenhass, Antisemitismus: Fassungslos beobachtet der schwarze US-Journalist Hans J. Massaquoi den neuen Rechtsextremismus in Deutschland. Massaquoi, der 1926 in Hamburg als Sohn einer Deutschen und eines Afrikaners geboren wurde und jetzt in New Orleans lebt, hat in seinen Bestseller-Memoiren »Neger, Neger, Schornsteinfeger!« von seiner Jugend im Nazireich erzählt. In den neuen Schreckensbildern erkennt er die Gespenster der Vergangenheit und fürchtet eine Rückkehr »in die rassistische Barbarei« (Seite 308).
Über die neue TV-Unterhaltung à la »Big Brother« hatte sich Thomas Gottschalk sehr unfreundlich geäußert. »Big Brother«, Kultsendung der Jugend, sei ein Programm für Doofe. Das hat ihm viel Kritik eingebracht. Doch Gottschalk legt unverdrossen noch einmal nach. Als Helmut Sorge, SPIEGEL-Korrespondent in Los Angeles und Gottschalk-Freund, den Entertainer in dessen Haus in Malibu anrief und um einen ausführlicheren BB-Kommentar bat, sagte Gottschalk sofort zu. Im Büro des SPIEGEL-Mannes diktierte er einer Mitarbeiterin aus dem Stand druckreif, warum er die Sendung genauso abscheulich findet wie einst den spießigen Treppenhaus-Tratsch in seiner oberfränkischen Heimat (Seite 84).
Franz Xaver Kroetz, Alt-Revoluzzer und Rabiatus unter Deutschlands Stückeschreibern, hatte die Passionsspiele in Oberammergau »schon immer mal sehen« wollen - aus theatralischer Neugier. Als die Jahreschronik den Dramatiker zum Festspielbesuch animierte, machte sich Kroetz mit Gattin Marie Theres Relin auf den Weg - einen Leidensweg. Am Besuchstag wüteten Unwetter, die Gattin vermisste benutzbare Toiletten, das Laienspiel fand der Autor sehr profan. SPIEGEL-Autor Erich Follath, als Verfasser eines Passions-Krimis ("Wer erschoss Jesus Christus?") im Dorf mächtig angefeindet, beschreibt, wie die Oberammergauer mit dem Massen-Rummel fertig werden (Seiten 128, 132).
Dreimal war die Weitspringerin Heike Drechsler bei Olympischen Spielen dabei, zuerst 1988 - noch als DDR-Athletin - in Seoul. Zwei Goldmedaillen hat sie gewonnen, zuletzt eine in Sydney beim »Wettkampf meines Lebens«. Da war sie 35 und aus sportlicher Sicht schon eine ältere Dame. Im ICE 795 zwischen Stuttgart und München hat die viel beschäftigte Olympionikin SPIEGEL-Redakteur Michael Wulzinger getroffen und von der »euphorisierenden Stimmung« in Sydney erzählt. Wulzinger hat ihre Impressionen für die Jahreschronik aufgezeichnet (Seite 238).
In den »Tagesthemen« hatte die ARD-Moderatorin Gabi Bauer schon mehrfach über den stupenden Erfolg des Zauberlehrlings Harry Potter berichtet, gelesen hatte sie noch nichts. Als die Jahreschronik die studierte Anglistin um eine Potter-Würdigung bat, war sie »Feuer und Flamme«, vertiefte sich in die englische Originalausgabe von »Harry Potter und der Feuerkelch« und verfasste eine kritische Hommage an den Liebling aller Muggel: Ein »Kinderidyll, davon träumen auch Erwachsene« (Seite 272).