USA Amüsante Jahre
Gemeinsam mit seiner Frau und einigen engen Freunden hatte der US-Präsident am Mittwochabend vergangener Woche in Washington Abschied gefeiert - einer von vielen ähnlich sentimentalen Anlässen, mit denen Bill Clinton bis zum 20. Januar seinen schrittweisen Rückzug aus Amt und Würden zelebriert.
Doch das Fest war schnell vorüber, der Abend nur angebrochen, die offiziellen Termine abgehakt, das begleitende Pressekorps bereits entlassen. Was tun? Der abgespeckte Kalender bewies einmal mehr, dass ein US-Präsident nach der Wahl seines Nachfolgers selbst dann nicht mehr richtig wichtig genommen wird, wenn der nächste Amtsinhaber noch nicht einmal eindeutig feststeht.
Doch wie die sprichwörtlich »lahme Ente« erschien Clinton nicht, als er überraschend und nur von wenigen Sicherheitsbeamten begleitet im »National Press Club« in der Nähe des Weißen Hauses auftauchte, um an der Buchpräsentation seines ehemaligen Sicherheitsberaters Anthony Lake teilzunehmen. Im Gegenteil: In kleiner Runde, in die es auch einen SPIEGEL-Redakteur verschlagen hatte, gab Clinton sogar seine bisherige Zurückhaltung auf und kommentierte den Dauerstreit um den Ausgang der Präsidentschaftswahl mit ungewöhnlich eindeutigen Worten.
»Al Gore hat in Florida gewonnen«, bekräftigte der Präsident seine Ansicht über das Wahlergebnis im »Sunshine«-State, dessen 25 Wahlmännerstimmen bislang dem republikanischen Konkurrenten George W. Bush zugeschlagen wurden. Angesichts des wachsenden öffentlichen Drucks auf Gore, seine Niederlage einzugestehen, empfahl Clinton seinem Stellvertreter wie seinen Landsleuten Geduld: »Am wichtigsten ist - die ganze Geschichte muss an den Tag.«
»Amerika wird zum Gespött der Welt, wenn die umstrittenen Stimmen nicht gezählt werden«, befürchtete Clinton, weil das tatsächliche Ergebnis einen republikanischen Präsidenten George W. Bush nachträglich als Verlierer ausweisen werde: »Dank der großzügigen Gesetze in Florida werden dort in ein paar Wochen Studenten mit ihrem Professor eintreffen und Gelegenheit erhalten, sämtliche Stimmen nachzuzählen - was dann?«
Die Sorge des Präsidenten ist berechtigt. Wissenschaftler, aber auch Selbsthilfegruppen und sogar einzelne Bürger, die ein überprüfbares Interesse nachweisen können, dürfen eine erneute Nachzählung der Stimmzettel beantragen und persönlich überwachen. Das ist bereits geschehen. Ironischerweise haben ausgerechnet Republikaner in Palm Beach beantragt, das Wahlergebnis im umstrittenen Stimmbezirk privat nachzuzählen.
Schon jetzt läge Gore bei genauer Überprüfung der Voten vorn, behauptete Clinton und sezierte mit genüsslicher Akribie die Widersprüche und Pannen des Urnengangs - angefangen vom missverständlichen Layout der »Schmetterlingsliste«, das vor allem ältere Wähler zur falschen Stimmabgabe verleitete.
»Wie erklärt man sonst die Tatsache, dass ausgerechnet jüdische Überlebende des Holocaust für den antisemitischen Kandidaten Pat Buchanan votierten?«, fragte der Präsident. »Und wie kam es, dass Schwarze, die zum ersten Mal wählten, falsche Anweisungen erhielten und ihre Stimmkarte zweimal lochten?«
Wie üblich überrumpelte Clinton mit seinen Detailkenntnissen auch die letzten Zweifler, die er mit beinahe hypnotisierender Intensität auf seine Seite zu ziehen suchte. Fast schien es, als fürchte Bill Clinton, der umstrittene Wahlausgang könne Schatten auf seine achtjährige Amtszeit werfen, von der er nur ungern und voll Melancholie Abschied nimmt:
Dass er im November beim Besuch der einstigen Feinde in Vietnam beinahe wie ein Rockstar gefeiert wurde, hat ihn geradezu überwältigt. Auch wenn nicht alle Verhandlungen spannungsfrei verliefen, verstand er sich mit anderen Gesprächspartnern - etwa dem Bürgermeister von Ho-Tschi-minh-Stadt - prächtig. »Ich hatte plötzlich das Gefühl, mit dem Bürgermeister von Columbus, Ohio, zu reden.«
Als eine der empfindlichsten Niederlagen seiner Regierungszeit verbucht Clinton die Tatsache, dass die USA den Pakt gegen das Verbot von Anti-Personen-Minen nicht ratifizierten. »Es gehört zu den bittersten Momenten der vergangenen acht Jahre, dass wir den nicht unterschrieben haben. So wie der Vertrag vor den Kongress kam, hatte er keine Chance.«
Für ein Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern sieht er während seiner Amtszeit kaum noch Chancen. »Wer hätte gedacht, dass wir eine neue Intifada erleben würden?«, fragt er. Doch insgesamt ist Clinton mit seiner Bilanz durchaus zufrieden. »Ich war vielleicht nicht der größte Präsident«, resümiert er launig die Zeit im Weißen Haus, »aber ich hatte acht amüsante Jahre.«
Ein paar mehr hätten es allerdings sein dürfen. Mit erkennbarem Bedauern kommentierte Clinton seinen baldigen Abgang in die Geschichte: »Die Verfassungs-beschränkung auf zwei Amtszeiten gilt leider nicht nur für zwei aufeinander folgende Perioden, sie gilt für das ganze Leben.« STEFAN SIMONS
* Mit Königin Nur von Jordanien (l.) und Filmstar Robert DeNiro am vergangenen Donnerstag beim Engel-Ball 2000 in New York.