Angstlücke und Vertrauensschwund - DER SPIEGEL
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Angstlücke und Vertrauensschwund

SPIEGEL-Umfrage zum Streit um Frieden und Rüstung (III): Bonn und die Perspektiven
• aus DER SPIEGEL 50/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wissen die Deutschen noch, was sie wollen? Zweifel sind erlaubt, wie es scheint.

Wären am nächsten Sonntag Bundestagswahlen, so erhielte die CDU/CSU die absolute Mehrheit, und es käme zum Regierungswechsel in Bonn. 50 Prozent ermittelte das Bielefelder Emnid-Institut bei der SPIEGEL-Umfrage in der ersten Oktoberhälfte für die Unionsparteien. Mit nur noch 36 Prozent lag die SPD so niedrig wie seit 20 Jahren bei keiner Bundestagswahl, und auch die 8 Prozent der FDP würden die Koalition nicht vor einer Niederlage bewahren. Im November ergaben sich bei einer weiteren Emnid-Umfrage für alle Parteien fast gleiche Prozente (CDU/CSU: 49, SPD: 36, FDP: 9, Grüne: 5 Prozent).

Aber den Wechsel, den sie herbeiführen würden, sobald sie Stimmzettel in die Hand bekämen, wollen die Deutschen derzeit nicht.

Das offenbarten die Antworten auf die Emnid-Frage: »Was ist Ihre persönliche Meinung: Würden Sie es begrüßen, wenn es vor 1984, dem Jahr der nächsten Bundestagswahl, zu einem Regierungswechsel käme und eine neue Regierung von der CDU/CSU und der FDP gebildet würde, oder würden Sie es begrüßen, wenn die Koalition von SPD und FDP bis 1984 hielte?«

53 von 100 Befragten sprachen sich gegen, nur 45 von 100 für einen Wechsel aus.

Die meisten Bundesbürger rechnen auch nicht mit einem Bruch der Bonner Koalition. Als Emnid um eine Prognose bat ("Was vermuten Sie ...?"), erklärte eine Zwei-Drittel-Mehrheit, sie nehme an, daß SPD und FDP bis 1984 durchhalten würden.

Warum wollen die Bundesbürger den Wechsel in Bonn nicht, wenn er doch ihren politischen Wünschen entsprechen würde? Wer diese Frage beantworten will, muß sich mit der Grundstimmung der Deutschen in der Bundesrepublik vertraut machen.

Die Emnid-Untersuchung für den SPIEGEL bietet dafür hinreichend Material. 2150 Männern und Frauen, repräsentativ für 44 Millionen Bundesbürger ab 18 Jahren, waren knapp hundert Fragen gestellt worden.

Es ging um die Neutronenwaffe, den Nato-Doppelbeschluß und andere zentrale Themen der Auseinandersetzung um Frieden und Rüstung (worüber in den beiden ersten Beiträgen berichtet wurde). »Batterien von Fragen« (Demoskopen-Deutsch) galten überdies der Einstellung zu den Parteien und zu führenden Politikern, zu denkbaren Koalitionen und zu Kontroversthemen wie Atomkraft und Hausbesetzungen. Weitere Fragen waren den Ängsten der Deutschen und ihren Gedanken über die Zukunft gewidmet (siehe Graphiken).

Drei sichere Erkenntnisse vermitteln die in fünf Tabellenbänden gesammelten Daten der Emnid-Untersuchung:

* Die Grundstimmung der Bundesbürger ist in nahezu jeder Hinsicht pessimistisch; in einem so hohen Maße war dies zu keinem anderen Zeitpunkt in den letzten drei Jahrzehnten festzustellen.

* Die Deutschen halten für möglich oder sogar für wahrscheinlich, daß die nahe und ferne Zukunft noch dunkler wird als die Gegenwart.

* Die Zweifel daran, daß sie selbst Einfluß auf die Entwicklung nehmen S.87 können, sind größer, als sie jemals waren.

Schwächer geworden ist die Zuversicht, daß es keinen Dritten Weltkrieg geben wird. Von 1979 bis 1981 wurde aus einer Mehrheit von 80 Prozent, die ihn für »unwahrscheinlich« hielt, eine Minderheit von 47 Prozent, die diese optimistische Ansicht noch heute vertritt. Hingegen ist der Anteil derer, die einen Weltkrieg für »möglich« erklären, von 17 auf 46 Prozent gestiegen. »Wahrscheinlich« ist er nach Ansicht von früher 2 und nunmehr 6 Prozent.

Sogar binnen weniger Monate ist die Meinung über die wirtschaftliche Lage umgeschlagen, wie ein Vergleich der SPIEGEL-Umfrage mit einer anderen vom April 1980 zeigt. Fast viermal soviel Männer und Frauen halten die allgemeine Lage für »schlecht« oder »sehr schlecht«. Umgekehrt bezeichnet nicht mehr fast jeder zweite, sondern nur noch jeder siebente die wirtschaftliche Situation als »sehr gut« oder »gut«.

Auch die eigene wirtschaftliche Lage wird weit kritischer beurteilt. Nicht mehr 57, sondern nur noch 36 Prozent nennen sie »gut« oder gar »sehr gut«.

Den Meinungsforschern gilt die Einschätzung der allgemeinen und der eigenen wirtschaftlichen Lage als wichtiges Indiz für das Meinungsklima. Durchweg wird die eigene Situation positiver gewertet als die allgemeine Lage. Ist die Differenz gering, so ist die Grundstimmung optimistisch; ist sie groß, sprechen die Demoskopen von einer »Angstlücke«. Viele Bürger erfüllt dann die Sorge, die schwierige Gesamtsituation werde sich auch noch für sie selbst negativ auswirken.

Im vergangenen Jahr gab es fast keine »Angstlücke«, denn die Differenzen waren überaus gering. 57 Prozent der Bundesbürger hielten die eigene, 48 Prozent die allgemeine Lage für gut. Umgekehrt blieben bei beiden Fragen die negativen Antworten ("schlecht« und »sehr schlecht") unter 10 Prozent. Heute aber klaffen die Ansichten über die allgemeine und die eigene Lage weit auseinander (siehe Graphik »Jeder Dritte zur Wirtschaftslage ...« auf dieser Seite).

Gemessen an dem, was die Deutschen nach ihrer eigenen Überzeugung zu erwarten haben, geht's ihnen sogar in den gegenwärtigen düsteren Zeiten noch gold. Diese Überzeugung spricht aus den Antworten auf eine Frage nach der »Zukunft in den nächsten Jahren":

Daß fortan »der Lebensstandard sinken wird«, nehmen die meisten Bundesbürger an (56 Prozent). Nur eine Minderheit meint noch, daß er gehalten werden kann (39 Prozent). Zur Ansicht weniger Außenseiter (5 Prozent) ist die Erwartung geworden, es werde so weitergehen wie seit mehr als drei Jahrzehnten, und der Lebensstandard werde sich auch künftig erhöhen.

Die Ansichten sind kaum anders, wenn es um die Perspektive nicht nur für S.89 ein paar Jahre, sondern auf weite Sicht geht.

Fortan läßt sich nach überwiegender Meinung der Leitsatz nicht mehr verwirklichen, den sich viele Eltern mehrerer Generationen zur Lebensaufgabe gemacht hatten: Die Kinder sollten es »mal besser haben«. Nur noch 14 von 100 Bundesbürgern erwarten dies. Die Meinungen der anderen sind geteilt. Die einen nehmen an, daß künftig die »Kinder etwa so leben werden wie die heutigen Erwachsenen«, die anderen glauben nicht mal mehr das: »Die Kinder werden es schlechter haben.«

Weder von der Regierung noch von der Opposition in Bonn erwarten die Deutschen, daß sie diese Entwicklung stoppen oder gar umkehren können.

Das Urteil über die Arbeit der Regierung erbat Emnid, wie üblich, in Schulnoten. Der Unterschied der Ergebnisse vom April 1980 und vom Oktober 1981 ist augenfällig. Nicht mehr 33, sondern nur noch 12 Prozent gaben der Regierung Schmidt gute Noten, umgekehrt halten nicht mehr nur 13, sondern 30 Prozent deren Arbeit für »mangelhaft« oder »ungenügend«.

Doch obwohl die Bundesbürger über die Regierung kritischer als je zuvor seit Schmidts Amtsantritt denken und bei einer Wahl für einen Wechsel sorgen würden, hat sich die Einschätzung der Opposition nicht wesentlich geändert. 1980 meinten 34, auch jetzt meinen nur 37 Prozent der Bundesbürger, daß sie es »besser machen« würde.

Mit anderen Worten: Die meisten Deutschen würden zwar eine andere Regierung wählen, aber nur relativ wenige glauben, daß es dann besser würde.

Die Diskrepanz zwischen eigenen Wünschen und der Wirklichkeit gehört auch auf anderen Gebieten zu den Erfahrungen und Einsichten der Bundesbürger.

Jeder zweite sympathisiert mit der Friedensbewegung oder ist sogar bereit, sie zu unterstützen. Als aber drei Antworten zur Wahl gestellt wurden, wie sich wohl die Existenz und die Aktivitäten der Friedensbewegung auswirken würden, entschieden sich die Befragten am häufigsten für die pessimistischste: »Es ist ziemlich egal, wie stark die Friedensbewegung ist; darauf, ob abgerüstet oder aufgerüstet wird, hat sie doch keinen Einfluß.«

Weit verbreitet ist auch die Skepsis, wie wohl die Abrüstungsverhandlungen in Genf enden werden. 39 Prozent der Bundesbürger rechnen mit einem »Scheitern der Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjet-Union und einem neuen Rüstungswettlauf«.

Das Vertrauen schwindet, wie die Äußerungen zu sogenannten Verdrossenheits-Statements zeigten. 59 Prozent der Befragten stimmten dem Satz zu: »Unsere großen Parteien sind nicht mehr fähig, die zahlreichen Probleme in unserer Gesellschaft zu lösen.« Und sogar 78 Prozent bejahten die Behauptung: »Die meisten Politiker wissen gar nicht mehr, was die einfachen Leute denken.«

Ganz gleich, ob die Bundesbürger zu den Grünen gehören oder zu den Strauß-Wählern in Bayern, ob sie gerade erst volljährig wurden oder schon lange Rentner sind, ob sie keinen Beruf gelernt haben oder Akademiker sind: Zwischen 64 und 90 Prozent jeder Teilgruppe, die Emnid auszählte, pflichteten dieser Meinung bei.

Die Bonner Parteien stellen sich den Bundesbürgern derzeit nicht so dar, daß deren Verdrossenheit gedämpft werden könnte. Allerdings sind die Schwierigkeiten, mit denen CDU/CSU und FDP zu kämpfen haben, kaum zu vergleichen mit dem Tief, in das die SPD gesackt ist.

Seit Emnid im Dezember 1964 damit begonnen hat, allmonatlich die sogenannte Sonntagsfrage zu stellen ("Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?"), war die Zahl der SPD-Anhänger nur im März und April 1974 so niedrig wie gegenwärtig. Das waren die Monate unmittelbar vor dem Sturz des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt.

Die SPD hat, vergleicht man das 1980er Wahlergebnis mit den Zahlen der SPIEGEL-Umfrage, sieben Prozent ihrer Wähler verloren, die CDU/CSU sechs Prozent gewonnen. Das allein sind schon Veränderungen, die einem politischen Erdrutsch gleichkommen. Aber keineswegs sind alle Wähler, die die SPD verlor, zur CDU/CSU übergelaufen. Auch andere Wählerströme sind in den letzten Monaten geflossen. Insgesamt dürften etwa 15 Prozent der Bundesbürger in den Monaten seit der Wahl die Partei gewechselt haben, schätzt Emnid-Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner, der die SPIEGEL-Umfrage leitete.

Die SPD ist so unpopulär geworden, daß die Demoskopen ihre Arbeitsmethoden änderten. Viele Jahre hindurch mußten sie die Partei-Zahlen korrigieren, um realistische Ergebnisse zu erhalten. Der Grund: Es gaben weit mehr Leute an, sie hätten bei der letzten Wahl für die SPD gestimmt, als es nach dem Wahlergebnis gewesen sein konnten. Neuerdings geben sich nur noch etwa so viele Bundesbürger als SPD-Wähler aus, wie es wirklich gewesen sind. Anhand der Daten führt Schöppner die SPD-Baisse vornehmlich auf vier Gründe zurück.

Der erste: »19 Prozent der Jungwähler zwischen 18 und 25 Jahren wählen S.91 Grün. Der SPD fehlen jene jüngeren Wähler, die früher geradezu selbstverständlich nachrückten.«

Der zweite: »Eine Trotz-Mentalität breitet sich aus. Von den Wählern, die sich 'links' einstufen, entscheidet sich jeder achte für die CDU/CSU. Noch vor einem Jahr waren es nur halb so viele. Aus anderen Untersuchungen kennen wir zwei ihrer Argumente: Die SPD solle sich in der Opposition regenerieren, und der CDU/CSU müsse Gelegenheit gegeben werden, zu regieren und zu zeigen, daß sie auch nicht besser mit den Problemen fertig wird.«

Die beiden anderen Gründe erklären die laut Schöppner weit höheren Verluste von Wählern, die sich der Mitte zuordnen. Der dritte Grund: »Die aktuellen Streitpunkte - Raketen, Atomkraft, Hausbesetzungen - polarisieren die SPD-Wähler am stärksten. Ganz gleich, wie sich die SPD hier jeweils entscheidet, sie stößt einen weit größeren Wähleranteil vor den Kopf als andere Parteien, die sich festlegen. Die deshalb häufig angewandte Chamäleon-Taktik - sich den Linken links, den Rechten rechts darzustellen - stößt intellektuelle Wähler ab.«

Der vierte: »Je schwärzer die wirtschaftliche Zukunft gesehen wird, desto stärker treten Statusdenken und Wohlstandsorientiertheit, also für die CDU/ CSU typische Leitbilder, beim Wahlentscheid in den Vordergrund. Die Folge ist, daß die Unionsparteien und die SPD bei den Wählern der politischen Mitte gleiche Sympathiewerte erhalten, vor allem bei Arbeitern und bei den 30- bis 40jährigen.«

Vor welchen Problemen die SPD steht, ist auch an den Werten abzulesen, die sich für ihre Spitzenpolitiker auf den Sympathieskalen ergaben. Dabei geht es um Werte zwischen -5 und +5, so daß schon Veränderungen um halbe Punkte nennenswerte Verluste oder Gewinne bedeuten können.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat Sympathien verloren, aber er liegt noch immer vor FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher und CDU-Chef Helmut Kohl, und er liegt sogar weit vor SPD-Chef Willy Brandt und CSU-Chef Franz Josef Strauß, die beide auf der Sympathieskala nahe dem Nullpunkt angesiedelt sind.

Die SPD hat weit mehr Sympathien verloren als Schmidt. Während aber die Partei bei Anhängern wie bei Gegnern Ansehen etwa gleichermaßen einbüßte, zeigen sich bei den Schmidt-Werten erhebliche Unterschiede.

Sie sind die Konsequenz aus der Auseinandersetzung um Raketen und Doppelbeschluß. Denn bei den entschiedensten Rüstungsgegnern, den Grünen, fiel Schmidt von + 1,4 auf - 0,6 Punkte zurück, während seine Popularität bei den CDU/CSU-Wählern sich sogar erhöhte, wenn auch nur geringfügig.

Der Raketenstreit hat die Probleme, die der Kanzler und seine Partei miteinander haben, weit mehr Deutschen bewußt werden lassen. Bis dahin nahm nur ein relativ kleines, politisch interessiertes Publikum die internen Spannungen wahr. Für die meisten war Schmidt die aus seiner Partei herausragende Figur, attraktiv für schon vorhandene wie für potentielle Wähler. Nun aber können Schmidt und SPD ihre Differenzen in zentralen Fragen nicht mehr verbergen. Was zum Beispiel den Nato-Doppelbeschluß betrifft, so nimmt eine Mehrheit der Bundesbürger an, daß Schmidt ihn bejaht, aber nur eine Minderheit, daß diese Ansicht auch in der SPD vorherrscht.

Wie Schmidt in der Volksmeinung ein Stück nach rechts, so ist Brandt nach links gerückt. Als einziger Parteichef genießt er bei den Grünen (die sich überwiegend als »Linke« verstehen) Sympathien, mehr sogar als bei den Wählern der Koalitionspartei FDP.

Ob sich diese Doppelkopf-Strategie mit linkem Brandt und rechtem Schmidt für die SPD positiv auswirken wird, steht dahin. Sie könnte auch den Eindruck erwecken, daß hier eine Partei verlorene Wähler mit zwei Zungen und halben Wahrheiten zurückzugewinnen versucht.

Ein weiteres Problem wird an den Zahlen Erhard Epplers deutlich, des meistgenannten SPD-Politikers, wenn es um die Friedensbewegung geht. Bei den »Grün«-Wählern ist Eppler fast so populär wie zum Beispiel Brandt bei den SPD-Wählern, aber für eben diese Anhänger S.94 seiner eigenen Partei zählt Eppler offenbar nicht mehr recht dazu. Ihnen ist er, wie die Sympathiewerte zeigen, fremder als die FDP-Minister Otto Graf Lambsdorff und Gerhart Baum.

Die CDU/CSU krankt derzeit nur an einem Personalproblem, allerdings einem gewichtigen. Während die Partei sich des Zustroms vieler Wähler erfreut, hat sich die Einstellung der Bundesbürger zum Parteichef Helmut Kohl nicht nennenswert verbessert.

Er gewann nur relativ wenig Sympathien hinzu, und für ihn geradezu blamabel ist das Ergebnis, wenn die sogenannte Kanzler-Frage gestellt wird:

»Angenommen, Sie könnten den Bundeskanzler direkt bestimmen und hätten zwischen Helmut Kohl als dem Kandidaten der CDU/CSU und Helmut Schmidt als dem Kandidaten der SPD zu wählen, für welchen von beiden würden Sie sich entscheiden?«

Mit 41 Prozent liegt Kohl nur um dürftige drei Prozent besser als vor eineinhalb Jahren der damalige Kanzlerkandidat Strauß, und noch immer ist selbst 17 von 100 CDU/CSU-Wählern ein Kanzler Schmidt lieber als ein Kanzler Kohl.

Auch der Vergleich mit anderen CDU-Größen fällt zuungunsten von Kohl aus. Mehr Sympathien als er besitzen sein Kieler Rivale Gerhard Stoltenberg und sogar Walther Leisler Kiep, der als Minister in Niedersachsen, als Bonner Politiker im zweiten Glied und als Spitzenkandidat für Hamburg populärer zu werden verstand als der Chef der Opposition in Bonn.

Schlimmer noch: Sowohl Stoltenberg als auch Kiep sind bei den Wählern des potentiellen Koalitionspartners FDP weit beliebter als Kohl. Würde die FDP irgendwann die Koalition wechseln wollen, so würde sie wohl zu bedenken haben, daß den Vorstellungen ihrer Wähler ein Bundeskanzler Stoltenberg eher entsprechen würde als ein Bundeskanzler Kohl.

Als einzige Bundestagspartei scheint die FDP aller Sorgen ledig zu sein. Sie hat ziemlich so viele Anhänger wie am Tag der Wahl behalten und damit ihren Zugewinn gegenüber früheren Jahren stabilisiert. Ihr Chef Genscher ist in der Partei und im Publikum unumstrittener und populärer denn je. Die FDP-Minister Baum und Lambsdorff genießen Ansehen auch im Lager politischer Gegner, der eine rechts, der andere links: Lambsdorff bei Unions-Anhängern, Baum bei Grün-Wählern.

Und wenn es nach der Volksmeinung geht, bleibt die FDP auch Regierungspartei. Das zeigten die Antworten auf die Koalitionsfrage:

»Bei den Bundestagswahlen erhält meistens keine Partei die absolute Mehrheit. Es ist dann notwendig, daß zwei Parteien zusammen eine Koalition bilden. Angenommen, daß dies auch nach den nächsten Bundestagswahlen wieder S.95 so sein wird, welche Koalition würde Ihren Wünschen entsprechen?«

Ergebnis: Eine Große Koalition hat die wenigsten Befürworter (14 Prozent). Für die beiden anderen Koalitionen der FDP entweder mit der CDU/CSU oder mit der SPD sprachen sich etwa gleich viele Befragte aus (43 und 41 Prozent).

Unter den FDP-Wählern allerdings ist die Koalition mit der SPD weit populärer (62 Prozent gegenüber 32 Prozent für ein Regierungsbündnis mit den Unions-Parteien).

Schon seit mehreren Wochen wird die öffentliche Debatte, wenn es um Koalitionen in Bonn geht, nur darüber geführt, ob die FDP den Partner wechseln soll. Zweifel daran, ob sie dies überhaupt kann, ohne den Verlust vieler Wähler und das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde befürchten zu müssen, hat die Parteiführung mit einem angeblich internen, aber nicht ohne ihr Zutun publik gewordenen Papier des Generalsekretärs Günter Verheugen zu zerstreuen versucht.

Es ist der Bericht über eine Meinungsumfrage, die von der FDP bei einem weithin unbekannten »Institut für praxisorientierte Sozialforschung« (Ipos) in Auftrag gegeben worden war. Ipos ist der Zweitname der renommierten Mannheimer »Forschungsgruppe Wahlen«, die für das ZDF allmonatlich das »Politbarometer« erarbeitet.

Ipos hatte zu klären versucht, unter welchen Bedingungen die FDP-Wähler zu einem Bündnis mit der CDU/CSU bereit wären, und auch die Frage gestellt, wie sie sich verhalten würden, wenn sich die FDP vor der nächsten Wahl auf eine Koalition mit den Unions-Parteien festlegen würde.

Verheugen kam aufgrund der Studie zu dem Ergebnis, daß die FDP ohne S.97 Gefahr den Partner wechseln könne: Sie würde »ein Drittel ihrer Wähler abgeben, vorwiegend an die SPD, und nur ein Viertel dazugewinnen, vorwiegend von der Union«, aber demnach insgesamt nur »10 Prozent ihrer Gesamtstärke« verlieren.

Verheugens Schluß: »Die Einstellungen der FDP-Wählerschaft zur Koalitionsfrage legen der Partei ein bestimmtes Verhalten weder zwingend nahe, noch schließen sie ein bestimmtes Verhalten zwingend aus.«

Doch mit seinem Rechenexempel hatte der FDP-General genau das getan, wovor ihn die Ipos-Wahlforscher in ihrem bis heute tatsächlich intern gebliebenen Bericht gewarnt hatten:

Wegen der besonders großen Probleme »bei der Abfrage hypothetischer Situationen können die Größenordnungen des Verlustes beziehungsweise des Gewinnes von Wählern im Fall einer Koalitionsaussage zugunsten der Unions-Parteien nur als Orientierungsgröße verstanden werden«.

Noch deutlicher: Man müsse »davon ausgehen, daß ... die Bekundungen, die FDP dann nicht mehr zu wählen, realistischer sind als die Aussagen, die FDP dann wählen zu wollen«. Und die Ipos-Experten wiederholten ihre Erkenntnis im allerletzten Satz ihres Berichtes: »Die für diesen Fall zu erwartenden Verluste der FDP, vor allem an die SPD, sind sehr viel wahrscheinlicher als die möglichen Gewinne von ehemaligen Unions-Wählern.«

Davon freilich war in Verheugens Papier nicht die Rede, er hätte sonst auf sein Rechenkunststück verzichten müssen.

Tatsächlich können die Demoskopen einer so kleinen Partei wie der FDP nicht ausrechnen, ob sie bei einem Manöver wie dem Koalitionswechsel die Fünf-Prozent-Hürde überwinden wird. Sie können lediglich die politische Einstellung der FDP-Wähler erforschen.

Das tat Emnid bei der SPIEGEL-Umfrage mit doppelt so vielen Befragten wie Ipos und weit mehr Fragen.

Nach den Emnid-Ergebnissen hat die FDP weitaus die mobilste Wählerschaft aller Parteien: Es

* zählen sich zu den »überzeugten Anhängern« ihrer Partei nur 7 Prozent der FDP-, aber 19 Prozent der SPD- und sogar 25 Prozent der CDU/CSU-Wähler;

* »stimmen mit dieser Partei weitgehend überein, sind aber in einigen Punkten anderer Meinung« 45 Prozent der FDP-, 44 Prozent der Unions- und 52 Prozent der SPD-Wähler;

* »stehen den politischen Ansichten dieser Partei zwar nahe, sind aber in vielen Punkten anderer Meinung« 43 Prozent der FDP-, aber nur 29 Prozent der CDU/CSU- und 28 Prozent der SPD-Wähler.

Auch die Frage nach den Stamm- und den Wechselwählern ergab beträchtliche Unterschiede. Nur 23 Prozent der FDP-Anhänger, aber 62 und 67 Prozent der Unions- und der SPD-Wähler erklärten, S.99 sie wählten »immer diese Partei«. Wenn nach politischen Problemen gefragt wurde, waren die FDP-Wähler mit ihren Ansichten den Wählern ihres Koalitionspartners zumeist näher als den Wählern der Oppositions-Parteien.

So hat sich das Vertrauen der CDU/ CSU-Wähler in die amerikanische Politik erhöht, seit Reagan im Weißen Haus sitzt, das Vertrauen der FDP- und SPD-Wähler hingegen vermindert. Das Wehner-Wort über die CDU/CSU, ihre Außen- und Sicherheitspolitik sei »entspannungsfeindlich«, findet bei Wählern beider Koalitionsparteien etwa gleich viel Zustimmung (59 und 51 Prozent, teils mit, teils ohne Einschränkung).

Die Neutronenwaffe wird von FDP-Wählern überwiegend abgelehnt, von CDU/CSU-Wählern überwiegend für notwendig gehalten, entweder unabhängig von Abrüstungsverhandlungen oder nach deren Scheitern.

Und auch wenn es um die derzeitige Koalition geht, äußern sich die FDP-Wähler nicht wie Partner einer Ehe kurz vor der Scheidung.

Mit dem »Einfluß der FDP auf die Regierung« sind sie sogar zufriedener als im April vorigen Jahres. Damals 55, nunmehr nur 38 Prozent erklärten den Einfluß für »zu gering«. Umgekehrt ist er 34 von 100 SPD-Wählern »zu groß«.

In einigen außenpolitischen Fragen ähneln sich die Meinungen der FDP- und der CDU/CSU-Wähler, etwa wenn es um einen Abzug der US-Truppen aus Europa geht (den je 71 Prozent bedauern würden) oder darum, ob Moskau es mit der Entspannungspolitik ernst meine; davon sind nur je 33 Prozent der Unions- und FDP-Wähler, hingegen 45 Prozent der SPD-Wähler überzeugt, bei den meisten überwiegt Zweifel oder sogar Mißtrauen.

Und auch über die Rolle des Staates sind sie sich einig, aber der Unterschied zu den SPD-Wählern ist minimal.

68 Prozent der FDP- und 69 Prozent der Unions-, aber auch 58 Prozent der SPD-Wähler meinen: »Die Selbsthilfe und Verantwortung der Bürger muß stärker gefördert werden.« Nur jeweils eine Minderheit stimmte der Gegenmeinung zu: »Die Betreuung der Bürger durch den Staat muß weiter ausgebaut werden.«

In der Lebenseinstellung wiederum sind sich die SPD- und FDP-Wähler näher. 51 und 56, aber 64 Prozent der Unions-Wähler bekennen sich zum Leistungsprinzip: »Ich betrachte mein Leben als eine Aufgabe, für die ich da bin und für die ich alle Kräfte einsetze. Ich möchte in meinem Leben etwas leisten, auch wenn das oft schwer und mühsam ist.« Die Gegenmeinung vertritt etwa jeder dritte Unions-Wähler, aber fast jeder zweite Anhänger der Koalitionsparteien: »Ich möchte mein Leben genießen und mich nicht mehr abmühen als nötig. Man lebt schließlich nur einmal, und die Hauptsache ist doch, daß man etwas von seinem Leben hat.«

Insgesamt steht fest, daß der größere Teil der FDP-Wähler umdenken müßte, wenn ihre Partei die Koalition wechselt, und es ist offen, wie viele Anhänger dazu bereit wären.

Ein womöglich für die Existenz der FDP entscheidendes Problem ließen die S.101 Ipos-Forscher völlig außer acht, als sie die verschiedenen Koalitionsmöglichkeiten durchspielten.

Es ist das Problem Franz Josef Strauß. Der CSU-Chef besitzt bei FDP-Wählern keine Sympathien und steht auf der Skala tief im Minus (- 1,8 Punkte). Schon allein wegen eines potentiellen Ministers Strauß würde ein beträchtlicher Teil der FDP-Wähler lieber die Partei wechseln, als einer Koalition der FDP mit der CDU/CSU zum Sieg zu verhelfen.

Geändert haben sich die Antworten von FDP-Wählern auf die Frage, ob sich ihre Partei »vor Wahlen festlegen soll, daß sie mit einer der beiden anderen Parteien eine Koalition bildet, oder ob sie offenlassen soll, mit wem sie nach der Wahl zusammengehen will«.

Früher überwog die Meinung, die FDP solle sich vor der Wahl entscheiden, heute sind die Meinungen geteilt: 48 Prozent sind für, 52 Prozent gegen eine Festlegung.

Womöglich gerät die FDP unabhängig davon, mit wem sie koaliert, in Existenznot: dann nämlich, wenn sich der Raketen-Streit verschärft und es zu einer Polarisierung der Meinungen kommt.

Schon heute gehen die Ansichten der Gegner und der aktiven Anhänger der Friedensbewegung weiter auseinander als zwischen CDU/CSU- und SPD-Wählern. Beispiele:

84 Prozent der Gegner sind dafür, sich bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Bonn und Washington dem Kurs der USA anzupassen. 81 Prozent der Anhänger sind dafür, dann auf Distanz zu gehen.

73 Prozent der Gegner glauben den USA, daß sie das militärische Gleichgewicht anstreben, 66 Prozent der Anhänger sind überzeugt, daß die USA eine Überlegenheit wollen.

80 Prozent der Gegner erklären, die Sowjet-Union mißbrauche die Verständigungsbereitschaft des Westens, 76 Prozent der Anhänger sagen, Moskau meine es ernst mit der Entspannungspolitik.

Ein neutrales Deutschland lehnen 79 Prozent der Gegner ab, 70 Prozent der Anhänger befürworten es.

Und auch wenn es um ganz andere Themen geht, etwa um Atomkraft, Radikalenerlaß oder Hausbesetzungen, stehen sich die Meinungen dieser beiden Gruppen konträr gegenüber (siehe Graphiken auf Seite 99).

Dies sind offenbar nicht mehr nur Meinungen zu diesen oder jenen Fragen, die sich pro und contra gebildet haben, sondern Weltanschauungen, die unversöhnlich geworden sind.

Derzeit handelt es sich bei Gegnern wie bei aktiven Anhängern der Friedensbewegung um Minderheiten von jeweils knapp zehn Prozent. Verschärft sich der Streit um Raketen und Neutronenwaffen - etwa dann, wenn in der Bundesrepublik begonnen wird, sie zu stationieren -, so werden sich viele, wenn nicht die meisten Bundesbürger auf die eine oder die andere Seite schlagen.

Eine solche Polarisierung wäre nicht nur für die FDP gefährlich. Sie könnte auch der SPD erheblich schaden, weil sich der Meinungsstreit dann auch in ihren eigenen Reihen erheblich zuspitzen und die Partei vermutlich spalten würde.

Ende

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