WEHNER Auch du
Der harte Mann der deutschen Sozialdemokraten wurde weich.
Die 300 Funktionäre der SPD im Kleinen Saal der Godesberger Stadthalle erstarrten auf ihren Sitzen, als der rhetorische Vulkan Wehner -- sonst noch allemal in Tätigkeit -- sich am Dienstagabend letzter Woche plötzlich umdüsterte.
Vor der Arbeitsgemeinschaft B ("Die geistige Situation und die politische Wirklichkeit -- zur Diskussion mit der jungen Generation") des »Bundeskonferenz« genannten Treffens von über 800 Funktionären und Würdenträgern der SPD sprach Wehner zwar den Genossen Mut und Hoffnung zu -- seine eigene Zukunft aber rückte er in ein gefühliges Dunkel.
Herbert Wehner zu den Genossen: »Meine Zeit, wie die jedes anderen Menschen, geht zu Ende. Und ich habe den Eindruck, sie geht bald zu Ende.«
Wehner fuhr fort, sein Thema in Moll zu variieren. Er erzählte des längeren von einem Freund, dem ehemaligen »militärischen Adjutanten« der 1919 in Berlin ermordeten Spartakisten-Führerin Rosa Luxemburg: »Wir fanden uns beide (1939 nach dem deutschen Einmarsch in Polen) als politische Flüchtlinge, von denen man nicht öffentlich Notiz nehmen durfte, in Moskau. Dann starb er. Er hatte Glück, ich nicht.«
Wehners »Schwanengesang« erklang in einem Augenblick, in dem die zum Baracken-Establishment zählenden Teilnehmer des Godesberger Genossen-Treffens bereits erleichtert aufatmeten. Denn wider Erwarten vieler Spitzenfunktionäre der SPD war jeglicher Aufstand gegen die Parteiführung ausgeblieben.
Den Unmut in Partei- und Gewerkschaftsrängen über den schweren Stand der Partei in der Großen Koalition hatte die Baracke schon vor der Bundeskonferenz -- zumindest teilweise -- abgeleitet. Vor dem Godesberger Meeting
> konnte auf 41 Gebietskonferenzen Dampf abgelassen werden,
> profilierte sich Willy Brandt als zäher Widerpart seines Kanzlers und Parteichef-Kollegen Kiesinger (SPIEGEL 45, 46/1967),
> klärten Fernseh-Hearings über die Notstandsgesetze manche Mißverständnisse im Parteivolk.
Zudem wirkte die Zusammensetzung der Konferenz ausgesprochen aufstandshemmend: Minister und Abgeordnete aus Bund und Ländern, Bezirks- und Unterbezirksvorsitzende« dazu Angestellte der Partei. Karl Wienand, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, taxierte abschätzig: »Wer war denn da -- alles 3000-Mark-Leute und dazu die Parteiangestellten.«
Spätestens am Dienstagnachmittag also verabredeten sich die Genossen zufrieden auf ein Bier oder zwei in die Kneipen Godesbergs oder Bonns.
Um so tiefer traf sie Wehners düstere Prophetie.
Gewiß hatte der SPD-Vize, der an Diabetes leidet, schon im Frühjahr des öfteren auf seine angegriffene Gesundheit verwiesen.
Aber nach einem zweimonatigen Sommerurlaub in seinem Ferienhaus auf der schwedischen Ostsee-Insel Öland fühlte der Koalitionär sich wieder so fit, daß er Ende August beim Besuch in Kiesingers Sommerquartier Kreßbronn den (20 Hektar messenden) Schleinsee zweimal schwimmend durchquerte.
Besorgte Fragen nach seiner Gesundheit wies er damals mit bewährter Barschheit ab.
Doch schon bald darauf beschäftigte ihn das Krankheitsthema wieder. Ungeduldigen Spitzen-Nachwuchs in der Partei beschied er bissig, er fühle sich so krank, daß er sowieso nicht mehr lange durchhalten könne.
Und nun in Godesberg sprach Wehner -- wenn auch nebelhaft -- sogar von seiner Nachfolge: »Selbstverständlich bin ich abwählbar ... Es geht nur um eines dabei, Genossen: Versucht es so zu machen, nicht was mich betrifft, sondern überhaupt ... versucht es so zu machen, daß ihr für das Nachrücken sorgt. Auch du, Dröscher* -- aber nicht, daß ihr vorher andere glaubt so madig machen zu können, daß auch die, die nachrücken, daran noch ersticken werden.«
Er selber gehöre »einem Jahrgang an, der das Pech oder das Glück hat -- wie man es nimmt -, immer gerade hinterhergekommen zu sein, wenn etwas Wesentliches passiert ist«.
»Insofern«, beschied Herbert Wehner die Godesberger Genossen, »kann die Partei also beruhigt sein.«
* Der Kirner Bundestagsabgeordnete Wilhelm Dröscher war im September gegen Wehners willen zum Vorsitzenden des SPD-Bezirks Rheinland-Hessen/Nassau gewählt worden und hatte am Dienstagmorgen in der Wehner-Arbeitsgemeinschaft der Bundeskonferenz vor den »Erbhöfen« in der Partei gewarnt.