Auf Null - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 70

ADENAUER Auf Null

• aus DER SPIEGEL 16/1963
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Boccia ist ein Spiel, das, ohne übermäßig den Verstand zu belasten, große Aufmerksamkeit erfordert und gute Nerven und einen guten Blick, ein Abmessen der Entfernung und der Kraft, die einzusetzen ist.

Konrad Adenauer am 10. April 1963 im Deutschen Fernsehen.

Konrad Adenauer ist zum letzten Gefecht angetreten. Seine Gegner sind allerdings nicht mehr, wie in den 13 Jahren seiner Kanzlerschaft, die Sowjet -Union und die Sozialdemokraten, die als politische Institutionen den Bundeskanzler Adenauer überdauern werden. Während die letzten Sandkörner aus dem Stundenglas seiner Macht verrinnen, scheint Konrad Adenauer nur, noch einen Feind zu kennen: Vize-Kanzler Ludwig Erhard. Ihm will er den Weg ins Kanzleramt versperren.

Auch die beiden Partei-Emissäre, Sonderminister Heinrich Krone und Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner, die ihm am vorletzten Wochenende in Cadenabbia die Zustimmung zu Erhards Kanzler-Kandidatur abringen wollten (SPIEGEL 15/1963), hatten nicht vermocht, den Partei-Patriarchen umzustimmen. Konrad Adenauer gab nur in einem Punkt dem Drängen seiner Parteifreunde, die um die Stellung der CDU in Bund und Ländern zittern, nach: Er bestätigte seine Bereitschaft, im Herbst dieses Jahres abzutreten.

Und er war sogar bereit, dies öffentlich zu wiederholen. Am 10. April, um 20.29 Uhr, erklärte der Bundeskanzler im Ersten Programm des Deutschen Fernsehens auf eine entsprechende Frage des Reporters Ernst Weissenfeld: »Ich wußte, daß Sie diese Frage mir stellen würden. Und Sie gestatten wohl, daß ich die Antwort verlese, damit kein Zweifel entstehen kann. Ich habe so oft erklärt, daß ich im Oktober oder November 1963 um meinen Rücktritt bitten würde, daß ich diese ganze Rederei nicht mehr verstehe. Ich bleibe bei dem, was ich erklärt habe.«

Diese »ganze Rederei« war indes von Konrad Adenauer selbst provoziert worden - und zwar mit Vorbedacht. Ursprünglich wollte Adenauer in seinem Kampf gegen eine Kanzlerschaft Ludwig Erhards die Christdemokraten vor die Wahl stellen, entweder auf Erhard zu verzichten oder noch über den Herbst hinaus das Joch seiner Herrschaft zu ertragen.

Von seiner ultramontanen »Villa Collina« - zu deutsch »Villa Hügel« - am Comer See hatte er diese ultimative Forderung mit gezieltem Fernfeuer vorzubereiten gesucht:

- In Sendschreiben an einige CDU -

Politiker (unter den Empfängern:

Bundesarbeitsminister Blank und

der ehemalige rheinland-pfälzische

Justiz- und Kultusminister Süsterhenn)

beklagte sich Konrad Adenauer,

er sei während der Regierungskrise im Herbst vorigen Jahres »durch Drohungen« gezwungen worden, den 1. Oktober 1963 als Rücktrittstermin zu akzeptieren.

- Er lud Journalisten zu Kamin-Gespräch

in die Urlaubsresidenz und machte sich über die »Kanzler -Sucher« lustig. In allen Interviews gab er zu - verstehen, daß er am liebsten bis ans Ende seiner Tage weiterregieren würde.

Vergnügt hatte sich Konrad Adenauer in seinem italienischen Domizil über die Wirkung seiner Fernwaffen Bericht erstatten lassen. Er lachte laut, als ihm Besucher erzählten, der geschäftsführende CDU-Vorsitzende Josef Hermann Dufhues, einer der Kanzler-Sucher, habe sich vor Ärger geradezu verfärbt, als Theo Blank auf einem Empfang des CDU-Parteipräsidiums in der vorletzten Woche die Jagd nach einem neuen Bundeskanzler als »Witz« und »Unsinn« abtat.

Parteimanager Dufhues, der zwecks Meinungsforschung in Sachen Kanzlerwechsel alle CDU-Landesverbände bereist hatte, knurrte: »Von Konstanz bis Flensburg habe ich keinen gefunden, der auch dieser Ansicht ist.«

Blanks Absicht, seine Kampagne für Adenauers Dauer-Kanzlerschaft

auch vor die Öffentlichkeit des christdemokratischen Parteivolks seines westfälischen Wahlkreises Bocholt-Borken zu tragen; wurde allerdings durch interne Anstrengungen vereitelt. Im christlich-demokratischen Pressedienst wurde überdies verkündet, die große Mehrheit der Fraktion halte Blanks Verlängerungs-Idee für »abwegig und unrealistisch«.

Bonner Korrespondenten, die - einer Sensation gewärtig - ins Kölpinghaus des ländlichen Bocholt zur CDU-Versammlung geeilt waren, speiste Redner Blank mit der Bemerkung ab: »Das, was manche hier zu hören hoffen, sage ich nicht.«

Wie sehr Blank dem Kanzler aus der Seele gesprochen hatte, merkte die CDU-Führung in Bonn Anfang letzter Woche, nachdem die Lawine von Adenauer-Interviews von Süden her die Bundeshauptstadt eingedeckt hatte.

Die alljährlichen Cadenabbia-Pilger, Bonn-Chronist Walter Henkels und der Bonn-Korrespondent des Bayrischen Rundfunks Max Schulze-Vorberg, beeindruckte der Uralt-Kanzler, mit einer Kv-Bescheinigung: Ein kürzlich gefertigtes Elektrokardiogramnm (EKG) habe ergeben, daß sein »Organismus den Betrieb noch nicht einzustellen gedenke«.

Kanzlergast Claus-Heinrich Meyer ("Stuttgarter Zeitung"), Mitverfasser einer kürzlich vom Dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks ausgestrahlten Sendereihe »Lernt Rheinisch

mit dem Bundeskanzler« (SPIEGEL 9/1963), schrieb daraufhin, daß den 87jährigen außer einer »Ptose am linken Auge« offenbar keinerlei physische Schwächen plagen, und Hans-Werner Graf von Finckenstein ("Die Welt") registrierte: »Er ist, wie man im Sportlerjargon sagt, in Hochform.«

Daß Adenauer sich wirklich in Hochform fühlt, bezeugte auch ein Interview, das er dem »Quick«-Korrespondenten Hans Wüst gab, dem er im Collina-Salon seine Sorgen über die Zukunft von Volk, Staat und Partei anvertraute (Adenauer zum Illustrierten -Reporter: »Was sagen Sie zu diesem deutschen Volk?"). Wüst war nicht nur einst CSU-Pressemanager, sondern ist als Ernst Aranus auch Verfasser eines Aufklärungswerks und popularisierte überdies für Postminister Stücklen das Postleitzahlsystem ("Vergiß mein nicht: die Postleitzahl").

»Kanzler auf Abbruch - das ist doch ein Unding«, entrüstete sich Konrad Adenauer. »Das ist alles so ungünstig und so schlecht. Nehmen Sie die zeitliche

Begrenzung meines Amtes. Weiß ich, was im Herbst ist?«

Mit der Andeutung, daß die ernste Lage einer »unsicheren Welt« es gar nicht zulasse, den Regierungschef der Bundesrepublik auf einen Rücktrittstermin festzulegen, scheuchte Konrad Adenauer die Christdemokraten auf.

Bei der CDU-Bundestagsfraktion und der Bundesparteileitung erkundigten sich CDU-Landesverbände, örtliche Organisationen und Bundestagsabgeordnete telephonisch: Bleibt es bei Adenauers Demission im Herbst oder nicht?

Fraktionsgeschäftsführer Will Rasner wurde im Ostseebad Timmendorfer Strand aufgestöbert, wo er gerade Urlaub machte. Rasners Kommentar: »Berichte, denen zufolge Dr. Adenauer eine Verlängerung seiner Amtszeit über diesen Zeitpunkt hinaus wünscht, sind gegenstandslos. Andere Rückschlüsse dürfen aus den jüngsten Kanzler - Interviews nicht gezogen werden.«

Wenn es auch Krone und Rasner in Cadenabbia gelungen war, den Bundeskanzler

unter Hinweis auf die Wahlniederlagen der CDU in Berlin und Rheinland-Pfalz und auf die Stimmung im Parteivolk zu bewegen, seine Rücktrittsbereitschaft zu bekräftigen - mit seiner Bedingung »Erhard nie« läßt der CDU-Patriarch die schwere Krise in seiner Partei andauern.

Denn alle Landesverbände haben sich einhellig für Erhard als neuen Bundeskanzler ausgesprochen, weil sie ihn für den besten Wahlmagneten halten.

Außerdem hat der Bundeswirtschaftsminister in seinen Gesprächen mit den Kanzler-Suchern Brentano und Dufhues inzwischen seine beste Trumpf-Karte ausgespielt: Er werde unter einem anderen Kanzler nicht länger im Amt bleiben.

Fast zur gleichen Minute, in-der Adenauer am 10. April im Ersten Fernsehprogramm Ernst Weissenfelds Frage nach seinem Rücktritt beantwortete, erklärte Ludwig Erhard im Zweiten Fernsehprogramm dem Journalisten Günter Gaus auf eine entsprechende Frage:

»Ich habe die Entscheidung getroffen, und ich möchte Sie und Sie am Bildschirm fragen, ob so viel Phantasie dazugehört, die Frage zu beantworten. Ich glaube nein!«

In langen Telefongesprächen haben daraufhin die beiden Kurfürsten der CDU, der Apulien-Urlauber von Brentano und der in Bochum residierende Partei-Manager Dufhues abgesprochen, nun ihrerseits dem Bundeskanzler mit Gewaltmaßnahmen zu drohen: Notfalls soll Adenauer durch ein konstruktives Mißtrauensvotum vom Bundestag abgesetzt und Erhard zum Bundeskanzler gewählt werden.

Darüber hinaus wurden sich Brentano und Dufhues einig, daß der Kanzlerwechsel nicht erst im Herbst, sondern bereits im Sommer vollzogen werden müsse, um die CDU, deren Landesverbände auf eine frühzeitige Lösung der Nachfolgefrage drängen, vor weiterem Schaden zu bewahren.

Nach diesem neuen Terminplan, den Brentano demnächst in Cadenabbia vortragen will, wäre Konrad Adenauers

letzte Amtshandlung die Betreuung der Staatsbesucher Kennedy und de Gaulle im Sommer. Anschließend soll der Bundestag dann den Übergang vollziehen.

Adenauer erwägt derweil in der »Gruft«, wie der Salon der Villa Collina genannt wird, seine nächsten Züge. Dein »Quick«-Interviewer Wüst verriet er die Absicht, die Pläne seiner Parteigenossen gründlich zu durchkreuzen: »Ich will mir hier in Ruhe darüber klarwerden, ob... und wo ich angreifen soll. Damit ist es mir ernst. Aber dem mußte erst ein großes Durcheinander vorangehen.«

Die Angriffsrichtung hat der Kanzler schon vorgezeichnet. Als Besucher ihn darauf hinwiesen, Ludwig Erhard liege bei allen Umfragen immer noch, an der Spitze, erwiderte Konrad Adenauer: »Den bring ich noch auf Null.«

Kanzler-Interview in »Quick": »Was sagen Sie zu diesem deutschen Volk?«

Die Zeit

Das Osterei des Kolumbus?

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 70