Krise in Libyen: Neue Gefechte um Bengasi
Angriff auf Bengasi Rebellen flehen Westen um Hilfe an
Bengasi - Trotz einer angekündigten Waffenruhe haben die Truppen von Muammar al-Gaddafi am Samstag eine Offensive gegen Bengasi begonnen. SPIEGEL-ONLINE-Reporter Jonathan Stock berichtet von näherkommendem Artilleriefeuer, im Süden der Rebellenhochburg sind Rauchwolken zu sehen. Ein Kampfjet wurde über der Stadt abgeschossen und ging in Flammen auf.
Der Flieger soll allerdings zu den Streitkräften der Gaddafi-Gegner gehören - das berichtet der arabische Sender al-Dschasira unter Berufung auf einen Sprecher der Rebellen. Dem Sender zufolge sind Gaddafis Getreue bereits in die Stadt eingedrungen. Die Truppen setzten demnach auch schweres Artilleriefeuer und Raketen gegen Wohngebiete ein ( alle aktuellen Informationen finden Sie im Liveticker). Ein britischer Reporter berichtet, die Truppen Gaddafis hätten zwar Raketenwerfer dabei, würden aber hauptsächlich mit Maschinengewehren schießen.
Weniger gut vorbereitet scheinen die Gegner des Regimes: "Die Atmosphäre in der Stadt ist sehr angespannt, die Kämpfer der Rebellen sind immer noch unorganisiert, fahren mit Taxis den Soldaten Gaddafis entgegen", berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Stock. In den Straßen Bengasis errichteten die Menschen Barrikaden, teilweise aus Bettgestellen und Metallresten. Junge Männer bauten Molotow-Cocktails, um sich zu verteidigen.
Auch die Stadt Zintan im Westen des Landes sei angegriffen worden, berichteten die Rebellen. Das Regime Gaddafis bestreitet die Offensive. Die Truppen hätten nach Attacken der Rebellen "in Selbstverteidigung" gehandelt, heißt es in einer Erklärung der staatlichen Nachrichtenagentur Jana. Ein Sprecher warf den Rebellen vor, sie wollten eine militärische Intervention von außen provozieren.
Den Gaddafi-Gegnern zufolge ist auch die Stadt Misrata am Samstag mit Artillerie beschossen worden. Die Uno hatte Gaddafi in einer Resolution mit Luftschlägen gedroht, sollte er weiter gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Am Mittag kommt der Nato-Rat in Brüssel zu einer Sondersitzung zusammen. In Paris treffen sich Regierungsvertreter von EU, USA, Arabischer Liga und aus Afrika zu Beratungen über das weitere Vorgehen.
Sie hatten Gaddafi mit schnellen Reaktionen gedroht - doch nun kommen sie offenbar zu spät. "Wir Libyer denken, dass die Internationale Gemeinschaft versagt hat. Gaddafi hat schon so viele Verbrechen verantwortet, dieser Krieg gegen sein eigenes Volk ist ein weiteres", sagte Fateh Terbel, Mitglied des provisorischen nationalen Übergangsrates, SPIEGEL ONLINE. "So wie sie jetzt mit ihm umgehen, ist es nicht akzeptabel. Sie haben Hilfe versprochen, es ist keine Hilfe gekommen."
Ein Rebellensprecher klagte: "Wo sind die Westmächte? Sie haben gesagt, sie könnten binnen Stunden zuschlagen." Mustafa Abdul Jalil, der Vorsitzende des oppositionellen libyschen Übergangsrats, richtete über al-Dschasira einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: "Die internationale Gemeinschaft greift spät ein, um Zivilisten vor Gaddafis Truppen zu schützen. Heute gibt es in Bengasi eine Katastrophe, wenn die internationale Gemeinschaft nicht die Resolution des Uno-Sicherheitsrats durchsetzt."
Noch am Freitag hatte der französische Uno-Botschafter Gérard Araud angekündigt, dass einige Stunden nach dem Gipfel in Paris Luftschläge beginnen könnten. Das Treffen soll um 13.30 Uhr beginnen. Schon rund eine Stunde vorher wollen US-Außenministerin Hillary Clinton, Englands Premier David Cameron und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy zusammentreffen.
Ein Gaddafi-Sprecher sagte, die Weltmächte hätten kein Recht, sich in die inneren Angelegenheiten Libyens einzumischen. Die westlichen Mächte würden es bereuen, wenn sie es doch täten.
Der Weltsicherheitsrat hatte in der Nacht zum Freitag ein Flugverbot über Libyen beschlossen und militärische Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung erlaubt, die allerdings keine Bodentruppen vorsehen. Deutschland hatte sich bei der Abstimmung im Weltsicherheitsrat enthalten.