Atomkraft 54 Staaten proben den GAU
Paris/Berlin - In den Morgenstunden des Dienstags passiert im französischen Atomkraftwerk Gravelines bei Dünkirchen, was nicht passieren darf: In einem der sechs Reaktoren versagen die Instrumente, radioaktive Stoffe dringen nach draußen. Eine giftige Wolke droht auch Nachbarländer wie Belgien, England oder Deutschland zu verseuchen. Die Bevölkerung ist panisch, erste Bürger ergreifen die Flucht.
Doch alles geschieht nur virtuell: In der Phantasie der beteiligten Beamten und Ingenieure, in Computer-Programmen, auf einer per Passwort geschützten Internet-Seite. Selbst die "Journalisten", die Ministerien mit Fragen überschwemmen, sind nur Studenten, die freiwillig mitspielen.
Die Ukraine beteiligt sich, die USA halten Abstand
Was am Dienstag und Mittwoch in der Provinz Nord-Pas de Calais geschieht, ist nicht die erste Notfallübung in einem Atomkraftwerk. Noch nie aber war die Riege der Teilnehmer so groß und international wie beim Manöver "Jinex1" (First Joint International Exercise). Die Europäische Union und die Weltgesundheitsorganisation gehören zu den sechs internationalen Vereinigungen, die das Unglücksszenario seit Februar 2000 ausgeklügelt haben.
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Der Vorsitz liegt bei der IAEA in Wien, der Atomorganisation der Uno. 54 Staaten trugen sich freiwillig auf ihre Teilnehmer-Liste ein, darunter sind alle Länder Europas, auch der Tschernobyl-Staat Ukraine. Argentinien, El Salvador, Südkorea und andere Nationen jenseits von Atlantik und Ural beteiligen sich ebenfalls. Die USA aber, damals noch von Clinton regiert, haben keine Anmeldung abgeschickt. "Über die Gründe kann ich nur spekulieren", sagt Melissa Fleming, Sprecherin der IAEA.
Nicht um das Löschen von Bränden im Kraftwerk oder die Logistik von Evakuierungen geht es bei der Übung, sondern um Daten, um Pressemitteilungen, Interviews, Bürger-Hotlines, kurz: um Informationspolitik. Man wolle testen, ob der Fluss der Nachrichten von Regierung zu Regierung funktioniert, ob Medienanfragen beantwortet werden, sagt Fleming. Und wie reagiert wird, wenn Bürger drängen: "Darf ich noch Gemüse essen? Soll ich meine Kinder ins Haus holen?"
Meteorologen beobachten die "radioaktive Wolke"
In Frankreich spielen neun offizielle Stellen mit, auf Bundesebene in Deutschland sind es wegen der größeren Entfernung zum "Unglücksreaktor" nur drei: das Amt für Strahlenschutz, der Wetterdienst, das Umweltministerium in Berlin. Dessen Sprecher Martin Waldhausen stellt klar: "Wir werden nicht proben, die Stadt Aachen zu evakuieren", das wäre "viel zu aufwendig". Wichtiger sei, dass "der Kopf der Alarmorganisation funktioniert".
So stellt sich Waldhausen selbst darauf ein, von Berlin aus fiktive Gespräche mit Reportern zu führen. Auch wird geprüft, ob grenznahe Messstationen ihre Ergebnisse rasch genug übermitteln. Oder wann die Meteorologen wissen, ob die radioaktive Wolke über deutschen Gemüsegärten abregnet. Zwei Beobachter der ebenfalls beteiligten OECD schauen im Trittin-Ressort zu, schreiben einen Bericht mit Verbesserungsvorschlägen.
Wie und wann genau der "fiktive" Unfall geschieht, welches Ausmaß er haben wird, das weiß auch das Ministerium noch nicht. Schließlich solle die Jinex-Simulation "praxisnah" ablaufen, sagt Waldhausen. Nicht nur umfangreicher, sondern auch qualitativ besser als frühere internationale Übungen findet er sie. Denn bisher hätten sich Ministeriumsmitarbeiter verschiedener Staaten nur am "Round Table" über ihre Notfallpläne informiert, per Referat.
Ein GAU ist "nicht beherrschbar"
"So eine Papierübung suggeriert, dass man etwas im Griff hat, das in Wirklichkeit nicht beherrschbar ist", sagt hingegen Veit Bürger, Atom-Experte von Greenpeace Deutschland. Bei einer realistischen Probe dürften "nicht nur Faxgeräte bei Behörden rattern". Feuerwehrleute müssten ausrücken, Ärzte in Krankenhäuser Patienten untersuchen. Am besten solle die Polizei versuchen, "an einem Samstagnachmittag eine Stadt wie Hamburg zu evakuieren." Das Ergebnis steht für den Atomgegner fest: "Das ist nicht zu machen."
Schon eine schwere PR-Panne in Gravelines
Für den Druckwasser-Reaktor an der Nordseeküste wird der "fiktive" Störfall nicht der erste sein. So brach 1997 in der Transformatoren-Halle ein reales Feuer aus. Insgesamt aber gilt das leistungsstärkste Kraftwerk Frankreichs, das 1980 ans Netz ging, als relativ sicher und modern.
Doch auch die Behörden der Region zwischen Dünkirchen und Calais können einiges über Informationspolitik lernen: Erst im April wurden Kliniken und Notärzte überraschend in Alarmzustand versetzt. Das Gerücht ging um, man wolle 10.000 Anwohner evakuieren, ein massiver Störfall in Gravelines solle vertuscht werden. Die Behörden dementierten, klärten aber nicht auf.
Erst zehn Stunden später faxte das Innenministerium Konkreteres: Ein Depot mit Giftgasbomben aus dem Ersten Weltkrieg müsse geräumt werden, das war der wahre Grund des Alarms. Da aber war das Vertrauen der Bevölkerung in das Kraftwerk vor ihrer Haustür schon zerstört.