Bagdad-Blues: Chaos und Konsumrausch - DER SPIEGEL
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Bagdad-Blues Chaos und Konsumrausch

Das Alte ist noch nicht vergessen, das Neue noch nicht greifbar: Dreieinhalb Monate nach dem Fall Bagdads schwankt die irakische Hauptstadt zwischen Depression, Nervosität und Konsumrausch. Zoll- und steuerfreie Waren überschwemmen die Stadt und wecken Begehrlichkeiten. Im Chaos herrscht das Recht des Stärkeren.
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Bagdad - 25 Millionen Dollar würden die Amerikaner für das Pik-Ass spendieren. Harum ist es gerade mal hundert Dollar wert - und selbst die sind nicht echt. "Saddam war Ali Baba", sagt der 16-Jährige und wirft die Karte auf den Tisch. Mit seinen Freunden sitzt er im Sonnenuntergang am Tigris, raucht ein Pfeifchen und kloppt Karten, um die Zeit bis zum ungewissen nächsten Tag zu vertreiben. So wie die US-Armee ein Spiel mit den Bildern der meistgesuchten Ex-Herrscher ausgegeben hat, so zockt Harum mit Karten, auf dessen Rückseiten Hundert-Dollar-Noten zu sehen sind: Sie sind verschieden, die Sehnsüchte der Besatzer und der Besetzten.

Harum spielt am Ende eines Tages, an dem er beim Blick über den Tigris wieder Rauch aufsteigen sieht. Die US-Armee hatte das Bagdader Nobelviertel Mansur abgeriegelt und schweres Gerät aufgefahren. Dann hat eine Spezialeinheit ein Haus angegriffen, in dem sich Pik-Ass versteckt halten sollte. Mehrere Detonationen waren zu hören, fünf Menschen starben, mindestens acht wurden verletzt. Saddam, das Phantom, sorgt jeden Tag für Unruhe.

Das Alte noch nicht vergessen, das Neue noch nicht da

In Bagdad wird viel falsch gespielt zurzeit. Die Täuschung wird zur Wahrheit, weil man keine andere hat. Eine Stadt und ein Land im Übergang, das Alte noch nicht vergessen, das Neue noch nicht greifbar und schon gar nicht akzeptiert. Diese Schwebe wird vom Frust und der Nervosität dominiert - auf beiden Seiten. "Sie sind aus Deutschland? Sie Glücklicher", sagt der US-Soldat am Checkpoint vor dem ehemaligen Hotel Al-Rashid, in dem nun US-Verwalter Zukunft planen. Zu dritt stehen sie da, notdürftig durch ein Tarnnetz vor der glutheißen Sonne geschützt. Nervös sind sie, weil in jedem Auto, das sich nähert, der Tod sitzen könnte. Mit jedem Tag, an dem die Anschläge auf US-Soldaten nicht aufhören, werden sie wütender. "Ich frage mich manchmal, was ich hier soll", sagt der GI. Als undankbar und überflüssig empfindet er den Stress zwischen Bewohnern und Besatzern.

Normalerweise ist er in Deutschland stationiert. Seit drei Monaten schiebt er Dienst im Irak. "So schnell wie möglich zurück nach Deutschland", formuliert er sein Ziel, "am liebsten in den Winter". Aber auf die ersehnte Eiszeit muss er noch warten: Neun Monate, sagt er, wird er mindestens noch bleiben. Neun Monate zu viel für ihn - und für viele Iraker, die sich ebenso nervös in ihren Autos dem Checkpoint nähern. Die neue Freiheit macht nicht alle glücklich. "Man versteht die Amerikaner nicht. In drei Monaten haben sie nichts zu Stande gebracht und uns noch ärmer gemacht", beklagt sich der ungeduldige Fahrer eines alten Toyotas. Gerne sieht er darüber hinweg, dass kein US-Soldat am Checkpoint danach fragt, woher all die Fernseher stammen, die er auf seinem Rücksitz in nagelneuen Kartons in die Stadt fahren will.

Waren kommen zoll- und steuerfrei in die Stadt

Bagdad schwankt zwischen Depression, Unsicherheit und Konsumrausch. An der Grenze von Jordanien stehen die Sattelschlepper Schlange. Ungehindert und zollfrei kutschieren sie Autos, Fernseher, Satellitenantennen und Kühlschränke in das Zweistromland.

Das Meiste davon findet man dann im Bagdader Stadtbezirk Karade wieder. Dort pulsiert seit Beginn der amerikanischen Besatzung das Herz des Geschäftslebens. Vor den Geschäften in den Hauptstraßen Karade Tahir und Karade Charidsch stapeln sich die Kartons. Die neue Macht schaffte die Einfuhrzölle ab und erhebt auch keine Steuern. Noch nie waren Konsumgüter deswegen für die Iraker so billig wie jetzt - für jene, die es sich leisten können.

Im Obrigkeitsstaat von Saddam Hussein waren vor allem Kommunikationsgeräte verboten. Bis zu 400 Schüsseln und Empfangsgeräte zu Preisen für 100 bis 200 Dollar werden nun täglich in Bagdad verkauft: Willkommen, neue bunte Fernseh-Welt. Satellitentelefone gehen für 600 Dollar über den Tisch. Möglicherweise eine Fehlinvestition: Seit einigen Tagen ist es sporadisch möglich, mit Mobiltelefonen zu telefonieren. Dann erscheinen für kurze Zeit Begrüßungs-SMS von Netzanbietern aus Bahrein und ironischerweise Kuweit auf dem Display. Als ob der Feind aus dem letzten Golfkrieg nun seine Geschäfts-Fühler ausstreckt und die freundliche Übernahme plane. Anarchie lockt die Goldgräber, egal, ob es um Plastikstühle, Zigaretten oder Immobilien geht.

Doch die Mehrheit der Menschen in Bagdad hat noch immer mit sehr viel existenzielleren Problemen zu kämpfen. In einige Stadtteile werden die Straßen komplett zu Müllverbrennungsanlagen umfunktioniert, weil sich niemand um den Dreck kümmert: Den Unrat anzuzünden ist der einzige Weg, die Ungeziefer fernzuhalten und den Ausbruch von Seuchen zu verhindern.

Überall lauert die Angst

Zwei Drittel der Stadt leiden weiter unter Stromausfall, fehlendem Frischwasser und vor allem der Unsicherheit. Am helllichten Tag werden junge Frauen entführt, vergewaltigt und an Bordelle verkauft. Der Verkehr ist chaotisch, weil keine Ampel funktioniert und erst sporadisch neue Verkehrspolizisten auftauchen. Wer ein Auto besitzt, lebt gefährlich: An jeder Kreuzung warten Hijacker. Fast jeder hat eine Waffe zu Hause, um seine Familie, sein Hab und Gut gegen Banden zu verteidigen.

Haben oder Nicht-Sein ist für viele die Frage. Das nimmt absurde Ausmaße an. "Wir wurden von Krankenhäusern gebeten, dort keine Protein-Kekse mehr an die Kinder zu verteilen", berichtet Margret Hassan von der Hilfsorganisation Care, die seit 1991 in Bagdad arbeitet. Denn die wichtige Ergänzung für unterernährte Kinder lockt Plünderer an, gegen die sich die Krankenhausangestellten nicht wehren können.

Eine verwunschene Stadt

Wenn es Nacht wird in Bagdad, hofft man, dass das Knattern der Klimaanlage die Schüsse übertönt. Jeden Tag erfährt die Welt, wie viele US-Soldaten wieder ermordet wurden. Aber kaum jemand zählt die toten Iraker, die im Chaos zu Opfern der Macht des Stärkeren werden - der oft genug der eigene Nachbar ist.

Bagdad ist zurzeit eine verwunschene Stadt, die den Blues spielt. Auf dem Platz vor dem Palestine-Hotel, wo vor knapp drei Monaten kameratauglich die Saddam-Statue kippte, ist nun die große Geldwechslerbörse. Saddam ist dort noch auf den Noten in dicken Bündeln präsent.

Man trifft Geschäftsmänner aus den USA, die offen mit einem Revolver-Gurt über die Straße spazieren und nach Whisky riechen, als sei der Wilde Westen wieder da. Man trifft verzweifelte Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die um ihr Leben fürchten müssen, weil sie helfen wollen. Man trifft an jeder Ecke Iraker, die Landsleute zum Eintritt in eine der neuen 26 Parteien bewegen wollen. Man trifft die Einwohner, die mal laut, mal leise sagen: Unter Saddam war alles besser und dann zum Aufstand aufrufen. Und jene, die sich wünschen, man hätte die Saddam-Söhne nicht getötet und im Fernsehen gezeigt, sondern in Bagdad öffentlich gepfählt. Noch werden jeden Tag unter Irakern und Amerikanern die Karten neu gemischt. Pik-Ass ist auf seltsame Art noch im Spiel. Und keiner weiß, wie es sticht.