Terror in Belgien: Anschlag auf das Herz Europas
Trauer in Brüssel Den Hass nicht siegen lassen
Mit einem Zischen öffnet Frederic de Gram seine rote Halbliterdose Bier. Jupiler, für ihn das beste belgische Bier, und darauf kommt es ihm jetzt an: nationale Identität zeigen. "Auf Belgien!", ruft er laut und sechs, sieben andere machen es ihm nach: "Auf Belgien!"
Es ist kurz nach 22 Uhr, und an der Place de la Bourse, dem Platz vor der ehemaligen Börse im Herzen Brüssels, stoßen Wildfremde miteinander an. Sie rauchen, hören gemeinsam Musik, zwischendurch brandet leise Applaus auf. Dabei ist ihnen kaum zum Feiern zumute.
"Was für ein schrecklicher Tag", sagt Frederic de Gram. Er kommt aus Charleroi, wollte nur einen Freund in Brüssel besuchen. Dann explodierten die Sprengsätze, die mindestens 34 Menschen töteten, mehr als 200 Menschen verletzten und den Terror nun auch in die Hauptstadt Europas trugen. Panik habe er gehabt, sagt er, und sich auch am Abend in keinen Bus getraut. Als er die Bilder im Fernsehen sah, "hätte ich losheulen können". Schließlich fuhr er mit dem Taxi zur Börse.
Trauer in Brüssel
Foto: SPIEGEL ONLINEJetzt steht er hier, ein kleiner Mann in blauem Parka, und trinkt neben einem aus Teelichtern geformten Peace-Zeichen etwas hilflos sein Bier - nicht aus Durst, sondern aus Solidarität. "Gestern Paris, heute Brüssel, vielleicht trifft es morgen Deutschland", sagt er. "Wir müssen zeigen, dass wir unser Leben weiterführen und uns nicht einschüchtern lassen."
So denken die meisten hier. Mehrere Hundert Menschen haben sich vor dem neoklassizistischen Gebäude der ehemaligen Brüsseler Börse versammelt, manche eingehüllt in Nationalflaggen. Zusammenhalt, Einheit, das Attentat werde die Belgier zusammenschweißen, das sagen fast alle. Die Menschen sitzen eng nebeneinander auf den Stufen vor den sechs erhabenen Säulen aus dem 19. Jahrhundert, als ginge es darum, ein Stück altes Europa zu verteidigen. Sie haben Transparente befestigt, auf denen kämpferisch steht: "Vereint gegen den Hass". Oder, in Anlehnung an das Paris-Attentat: "Je suis Bruxelles."
"Umarmung kostenlos"
De Grams Freund David Basini holt sein Handy heraus und spielt ein Lied an, das einige sofort zum Mitsummen animiert: "Imagine" von John Lennon. Auch Basini sagt auf die Frage, ob so eine Versammlung nicht das ideale Ziel für einen weiteren Anschlag wäre: "Wenn das passiert, dann passiert es eben. Wir lassen uns nicht terrorisieren. Wir müssen zeigen, dass wir keine Angst haben." Dann kommt ein Fremder auf ihn zu, den er stürmisch umarmt.
Es ist Arnaud Marechal, ein Sozialpädagoge. Er hat ein lila Schild mitgebracht. Mit weißer Farbe hat er auf Englisch und Französisch darauf geschrieben: "Umarmung kostenlos".
Arnaud Marechal
Foto: SPIEGEL ONLINEMarechal gehöre zu einer Gruppe von "Huggern", Umarmern, die zweimal die Woche mit solchen Schildern durch die Brüsseler Kneipen zieht. "Normalerweise spielen wir laute Musik dazu und machen eine Menge Quatsch", sagt er. Für heute habe er das angepasst und trete zurückhaltender auf. "Das kommt sehr gut an. Mich haben in den letzten Stunden bestimmt 250 Menschen umarmt. Manche haben geweint, aber das Schönste ist: Bestimmt die Hälfte von ihnen hat gelächelt, selbst jetzt, in dieser Situation."
"Wo ist unser König, wenn wir ihn mal brauchen?"
Den Hass nicht siegen lassen - diese Botschaft hört man am häufigsten an diesem Abend nach den Attentaten. Sie steht, zusammen mit vielen anderen Wünschen, in bunter Kreide auf dem Asphalt geschrieben. Da wimmelt es vor roten Kreideherzen mit Solidaritätsbekundungen. Manche Brüsseler haben einfache Strichmenschen gemalt, die sich die Hände reichen, andere richtige Kunstwerke geschaffen. Aber man findet hier auch schon jene Fragen und Forderungen, die Brüssel in den nächsten Tagen beschäftigen wird: "Mehr Stärke", steht da, und: "Wo ist unser König, wenn wir ihn mal brauchen?"
Martin Swabey
Foto: SPIEGEL ONLINE"Mehr Sicherheitskräfte, das bringt gar nichts", glaubt Martin Swabey, 34, ein Künstler mit dunkler Wollmütze und grober Strickjacke. Nach der Festnahme von Salah Abdeslam habe er geahnt, dass so etwas irgendwann passieren müsse." Das Wichtigste sei nun aber, dass die multikulturelle Gesellschaft sich nicht spalten lasse. "Ich habe einen deutschen und einen britischen Elternteil, bin hier 1989 auf eine französische Schule gegangen - welche Stadt sollte besser zu mir passen? Ich liebe Brüssel!"
Am Morgen war er Augenzeuge des Attentats geworden, das seine geliebte Stadt wohl stärker verändern dürfte, als ihm lieb ist - trotz der zur Schau gestellten Normalität. Swabey war an der U-Bahnstation Maelbeek vorbeigefahren, in der sich um 9.11 Uhr ein Selbstmordattentäter in die Luft gejagt hatte. "Plötzlich sah ich dunklen Rauch und Polizisten wie verrückt herumrennen", erzählt er. Er kehrte in seine Wohnung zurück, ging ins Internet und entschied dann: "Ich bleibe nicht zu Hause. Verdammt noch mal, ich gehe jetzt sofort wieder raus!" Gegen zehn Uhr morgens sei er das erste Mal an der Börse gewesen, obwohl die Situation da noch sehr unübersichtlich war.
David Basini dagegen stand da noch unter Schock. Er kam erst Stunden später. Nun hat er sein nächstes Bier aufgemacht und aus seinem Handy tönt der beliebten Chanson "Je veux". Es ist ein rasantes, fröhliches Lied zum Träumen und Mitsingen, nun vorgetragen zu einem traurigen Anlass. "Ich möchte Liebe, Freude, gute Laune", heißt es darin, und: "Lasst uns losgehen, zusammen, und meine Freiheit entdecken."
David Basini, Frederic de Gram
Foto: SPIEGEL ONLINEEin paar Meter weiter hat jemand ähnlich träumerisch auf den Boden geschrieben, er wünsche sich "mehr Sterne im Himmel über Brüssel". Die Realität in Brüssel kurz vor Mitternacht sieht anders aus: Der Himmel ist wolkenverhangen, keine Sterne in Sicht. Nur der Mond leuchtet auf eine Stadt, die aufwachen wird - und dann Antworten finden muss auf den schlimmsten Terroranschlag in ihrer Geschichte.
Anschläge in Brüssel: Momente des Terrors, Stunden des Zusammenhalts