Gebrüder Hussein: Streit um die Leichen - DER SPIEGEL
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Gebrüder Hussein Streit um die Leichen

Haben die Söhne des gestürzten irakischen Diktators Saddam Hussein ein Recht auf ein würdevolles Begräbnis? Zwischen Angehörigen ihres Stammes und dem US-Militär hat jetzt ein Gerangel um die beiden Leichen begonnen. In Bagdad griffen die US-Soldaten derweil mit schweren Waffen ein Haus an - offenbar auf der Suche nach Saddam.
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Bagdad/Kairo - Das Haus lag in einer der besseren Wohngegenden von Bagdad. Anwohner berichteten von Gerüchten, dass sich dort der gestürzte Präsident Saddam Hussein oder Mitglieder seiner Familie aufgehalten hätten. US-Generalstabschef Richard Myers sagte, es gebe eine Flut neuer Informationen, und er sei sich sicher, dass Saddam gefunden werde.

Die Hintergründe des Angriffs waren zunächst unklar. Soldaten sperrten den Mansur-Bezirk und weigerten sich, Auskunft über die Aktion zu geben. Aus einem Krankenhaus verlautete, dass fünf Leichen aus dem Bezirk gebracht worden seien. Ein Anwohner sagte, das Haus sei mit schweren Waffen darunter Raketen oder Granaten beschossen worden. Während der Luftangriffe im April hatten US-Bomber schwere Anti-Bunker-Bomben auf den Mansur-Bezirk abgeworfen. Angeblich sollen sich damals Saddam und seine Söhne dort aufgehalten haben.

Ein Stammesführer des Bu-Nasir-Clans, dem die Husseins angehören, teilte mit, er habe die Amerikaner gebeten, ihm die Leichen von Udai und Kussei zu übergeben. Er wolle sie beerdigen. "Ich habe nichts mit Politik zu tun, sondern tue nur das, was die Stammesregeln und der Islam vorschreiben", sagte Scheich Mahmud Nada dem Fernsehsender al-Dschasira. Die Amerikaner hätten seine Anfrage zunächst abgelehnt.

Die US-Verwaltung in Bagdad erklärte, sie berate noch mit dem neuen irakischen Regierungsrat und verschiedenen Geistlichen darüber, was mit den Leichen geschehen solle. Auch ein Verwandter von Udai und Kussei in London habe wegen der Leichen angefragt.

In Kerbela kam es in der Nacht nach Angaben des Senders zu Unruhen, nachdem US-Soldaten in der Nähe eines Schreins aufgetaucht waren, der den schiitischen Muslimen heilig ist. Laut al-Dschasira wollten die Soldaten für Ruhe sorgen, nachdem bewaffnete Iraker mehrere Menschen verletzt hatten. Augenzeugen sagten dem Sender, die Amerikaner hätten einen Iraker getötet und neun weitere verletzt. In der Region ist inzwischen ein offener Machtkampf zwischen den Anhängern verschiedener schiitischer Religionsführer entbrannt. Dabei geht es auch darum, wie man mit den US-Soldaten umgehen soll.

Mehrere Länder wollen in den kommenden Wochen Soldaten in den Irak schicken. Thailand wird nach einem Bericht der Zeitung "Bangkok Post" ab September 886 Techniker und medizinisches Personal entsenden. Das japanische Parlament billigte in der Nacht zum Samstag die Entsendung einer noch nicht festgelegten Zahl von Soldaten in den Irak. Gestern machte sich ein bulgarisches Vorauskommando von später 500 Mann auf den Weg in den Irak.

Den USA kommt die Hilfe aus anderen Ländern sehr gelegen. Die Serie der tödlichen Angriffe auf US-Soldaten im Irak reißt nämlich nicht ab. Bewaffnete Iraker töteten am Wochenende bei zahlreichen Attacken gegen die US-Truppen mindestens fünf Amerikaner. Für weitere Unruhe sorgten außerdem ein Zwischenfall an den heiligen Stätten der Schiiten in Kerbela.

Wie das US-Zentralkommando mitteilte, starb bei einem Panzerfaust-Angriff auf eine Patrouille in der Nähe der Stadt Hilla am Sonntagmorgen ein amerikanischer Soldat, ein zweiter wurde verletzt. Bei einer Attacke mit Handgranaten seien am Samstag vor einem Kinderkrankenhaus in der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Bakuba außerdem drei weitere Soldaten ums Leben gekommen. Augenzeugen berichteten dem arabischen TV-Sender al-Dschasira ein vierter Soldat sei später seinen schweren Verletzungen erlegen. Heute war zudem bei einem Überfall mit Handfeuerwaffen und Panzerabwehrraketen in Abu Ghureib westlich von Bagdad ein US-Soldat ums Leben gekommen.

In Bagdad wurden am Sonntag nach Meldungen von al-Dschasira außerdem zwei US-Soldaten und fünf irakische Studenten verletzt, als eine Handgranate aus einem oberen Stockwerk einer Religionsakademie auf sie geworfen wurde.

US-Militärpolizisten sollen Gefangene misshandelt haben

Ein Vertreter der US-Verwaltung bestätigte indes, dass gegen vier US-Militärpolizisten Untersuchungen wegen des Verdachts der Misshandlung von irakischen Gefangenen eingeleitet worden seien. "Es gibt Untersuchungen wegen Amtsmissbrauchs", sagte er. "In diesem Stadium kommentieren wir das aber nicht weiter", fügte er hinzu.

Den Männern des 320. Militärpolizei-Bataillons aus Pennsylvania wird vorgeworfen, am 12. Mai irakische Soldaten in einem Gefangenenlager brutal geschlagen und getreten zu haben, so dass es zu Knochenbrüchen kam. Die US-Soldaten sind die ersten im Irak-Konflikt, gegen die wegen der Misshandlung von Kriegsgefangenen ein Prozess eröffnet werden könnte.

Die Soldaten selbst erklärten, sie seien in dem größten amerikanischen Gefangenenlager in Irak, Camp Bucca, von Häftlingen attackiert worden und hätten aus Notwehr gehandelt. "Einige meiner Militärpolizisten wurden von Gefangenen angegriffen. Wir mussten Gewalt anwenden, um die Kontrolle wiederzuerlangen. Alles vertretbar", schrieb einer der Beschuldigten fünf Tage nach dem Vorfall in einer E-Mail an Verwandte.

Das US-Militär ermittelt zudem wegen des Todes eines irakischen Häftlings im vergangenen Monat in einem Gefangenenlager nahe Nassirijah, auch britische Behörden untersuchen den Tod zweier Häftlinge sowie Vorwürfe von Misshandlungen durch Soldaten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte schon vergangenen Monat, die USA hielten irakische Gefangene unter "brutalen, unmenschlichen oder erniedrigenden" Bedingungen fest.

Die vier Beschuldigten sind noch nicht in Haft, dürfen sich aber nicht frei bewegen und wurden auf einen Stützpunkt in Kuwait versetzt. Wegen Misshandlung, Pflichtverletzung, Falschaussage und Behinderung der Justiz könnten sie zu Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren verurteilt werden.

Wolfowitz kritisiert arabische Medien heftig

Der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz hat in scharfer Form arabische Medien wegen "falscher und für unsere Truppen gefährlicher Berichterstattung" kritisiert. Al-Dschasira habe beispielsweise wahrheitswidrig über eine Festnahme eines Schiitenführers berichtet, worauf es Angriffe gegen die Sicherheitskräfte gegeben habe, sagte Wolfowitz in einem Interview des Fernsehsenders Fox News nach der Rückkehr von einer mehrtägigen Irak-Reise.

"Diese Medien tragen eine Verantwortung, dies ist kein Spiel,... wir können das nicht akzeptieren", sagte Wolfowitz. Mitverantwortlich seien auch die Regierungen der Länder, in denen die Medien ihren Sitz hätten. Man habe inzwischen mit der Regierung von Katar, dem Sitz von al-Dschasira, gesprochen. "Die Antworten waren nicht zufriedenstellend", sagte der stellvertretende Verteidigungsminister. Die US-Regierung müsse nun prüfen, was zu tun sei. Es sei nicht tolerabel, das Medien, die früher dem Saddam-Regime zugeneigt gewesen seien, nun Hass gegen Amerika säten.