Alarm in den USA Amerikas Giftpost-Panik
Alarm in den USA: Amerikas Giftpost-Panik
Foto: AP/dpaDas Gift kam in zwei Etappen. Die ersten Briefe mit Todessporen gingen an die TV-Sender ABC, CBS und NBC, die "New York Post" sowie den Verlag des Klatschblatts "National Enquirer". Weitere landeten drei Wochen später in den Büros von zwei demokratischen Senatoren.
Elfeinhalb Jahre liegen sie zurück, die Anthrax-Anschläge von 2001, doch viele Amerikaner belasten sie bis heute. Fünf Menschen starben und 17 weitere erkrankten bei dieser schlimmsten Bioterror-Episode in der US-Geschichte, kurz nach den Attentaten vom 11. September.
Aus Furcht wurde bald Panik. Viele Amerikaner machten ihre Post nur noch mit Handschuhen auf oder gar nicht mehr. Dann endeten die Briefe so plötzlich, wie sie begonnen hatten. Ein Verdächtiger beging 2008 Selbstmord, seine Schuld wurde aber nie bewiesen. Das FBI legte den Fall im Februar 2010 zu den Akten.
Und jetzt ging das alles wieder von vorne los. Drei mutmaßliche Gift-Kuverts stellte das FBI diese Woche in Washington und anderswo sicher. Eines war direkt an Präsident Barack Obama adressiert, ein zweites an den republikanischen Senator Roger Wicker aus Mississippi, ein drittes - wie sich am Mittwochabend herausstellte - an einen Justizbeamten, ebenfalls aus Mississippi. Alle wiesen dem FBI zufolge bei "vorläufiger" Prüfung Spuren des Pflanzengifts Rizin auf.
Giftbriefe nach dem Terrorschock
Auch die Senatoren Richard Shelby, Joe Manchin, Carl Levin und Jeff Flake meldeten potentiell giftigen Posteingang. Zumindest bei Flake aber war es falscher Alarm. Trotzdem wurden am Mittwoch zwei Trakte des US-Kapitols zeitweise evakuiert, aus Vorsicht.
Am Abend dann bestätigte das FBI die Festnahme eines Verdächtigen: Paul Kevin C. aus Corinth in Mississippi - eine Autostunde vom Wohnort des Senators Wicker entfernt.
Wie damals folgen die Giftbriefe einem ersten Terrorschock, dem Bostoner Bombenattentat. Und wie damals ist ein Zusammenhang eher unwahrscheinlich: "Es gibt keine Hinweise auf eine Verbindung mit dem Anschlag in Boston", beeilte sich das FBI klarzustellen.
Stattdessen scheint es sich hier um eine eher persönliche Sache zu handeln. Die Briefe an Obama und Wicker trugen nach Informationen von CNN und anderer Sender den Poststempel Memphis, Tennessee, Datum 8. April 2013 - eine Woche vor dem Bostoner Marathon. Das spräche gegen einen Trittbrettfahrer.
Beide Briefe hätten die gleiche kryptische Nachricht enthalten: "Wer etwas Falsches sieht und es nicht aufdeckt, macht sich zum stillen Partner." Identische Unterschrift: "KC" - was auf den nun Festgenommenen passen würde.
Doch welcher Attentäter unterzeichnet schon mit seinen Initialen? Dies sind nervöse Tage in den USA, in denen alle Informationen mit Vorsicht zu genießen sind. Unsicherheit geht um, auch und vor allem bei den Medien.
Anthrax-Fall bis heute rätselhaft
All das erinnert an die Panik nach 9/11. Die Trümmer des World Trade Centers rauchten noch, da trafen eine Woche später die ersten Anthrax-Briefe ein. Als erster starb Bob Stevens, ein Fotoredakteur der "Sun", eines Schwesterblatts des "National Enquirers". Ottilie Lundgren, eine 94-jährige Witwe, war im November 2001 das letzte Todesopfer. Ihre Verbindung zu den Briefen bleibt rätselhaft.
Rätselhaft blieb auch die Aufklärung des Falls. Besser gesagt: seine mangelhafte Aufklärung.
Die FBI-Akte "Amerithrax" war von Anfang an mit Fragezeichen versehen. Der Biowaffen-Experte Steven Hatfill, den die Fahnder zuerst ins Visier nahmen, entpuppte sich als unschuldig - das FBI musste per außergerichtlicher Einigung 5,8 Millionen Dollar zahlen.
Als zweiter Mann kam 2005 Bruce Ivins ins Fadenkreuz. Nachdem er sich 2008 umgebracht hatte, erklärte ihn das FBI zum einzigen "Schuldigen". Ein Prozess, der das hätte beweisen können, fand nie statt. Auch eine Untersuchung der National Academy of Sciences stellte die FBI-Befunde in Zweifel.
Nichtsdestotrotz wurden die Maßnahmen gegen Bioterror verschärft. Fast 50 Milliarden Dollar gab die US-Regierung seit 2001 dafür aus: für Gegenmittel, Impfstoffe, Forschung. Kritiker halten dies aber für nicht ausreichend.
Die jetzigen Fälle zeigen jedenfalls, dass die Aufmerksamkeit der Behörden kaum nachgelassen hat. Allein der Secret Service durchleuchtete 2011 mehr als 1,4 Millionen Briefsendungen ans Weiße Haus. Sie werden weitab der Präsidentenresidenz abgefangen, wie auch die Briefe an die Kongressmitglieder, die erst mal in einer Poststelle außerhalb landen.
Trotzdem stellt das Wirrwar von 2001 die jetzigen Entwicklungen unter Vorbehalt - zumal Rizin-Tests notorisch unzuverlässig sind. Die FBI-Angaben zur Festnahme des Verdächtigen C. beschränken sich denn auch auf zwei karge Sätze. Sie vermerken immerhin den exakten Moment seiner Festnahme: 17:15 Ortszeit.