Irans inhaftierte US-Wanderer: Mütter im Hungerstreik
In Iran inhaftierte Wanderer Letzte Hoffnung Hungerstreik
Hamburg - Sie erzählen ihre Geschichte in Fernsehshows, sind nach Teheran geflogen, sie trommeln auf Facebook, Twitter und in Blogs für Unterstützung - jetzt greifen die Angehörigen der in Iran inhaftierten US-Wanderer zu drastischen Mitteln, um auf das Schicksal der beiden jungen Männer aufmerksam zu machen: Sie wollen Shane Bauer und Josh Fattal, beide 28, freihungern.
Die iranischen Behörden werfen den beiden US-Bürgern Spionage vor. Bauer und Fattal waren im Juli 2009 an der irakischen Grenze vom iranischen Militär festgenommen worden und sitzen seitdem in Haft. Angeblich hatten sie eine unmarkierte Grenze überquert, als sie im irakisch-kurdischen Grenzgebiet wanderten. Die Männer beteuern, sie hätten die Grenze versehentlich übertreten. Nach Ansicht der Ankläger sind sie aber keine harmlosen Rucksacktouristen, sondern Journalisten, die für pro-israelische Internetseiten arbeiteten.
Seit Freitag befinden sich die Mütter der Angeklagten nun im Hungerstreik. Cindy Hickey aus dem US-Bundesstaat Minnesota - ihr Sohn ist der inhaftierte Shane Bauer - teilte in einer Erklärung mit, sie wisse keinen anderen Ausweg, als "aus Solidarität" mit den Gefangenen auf Nahrung zu verzichten. "Wir alle leiden sehr und sind verzweifelt." Laura Fattal, Mutter von Bauers Kompagnon, sagte, sie würden ab sofort nur noch Wasser zu sich nehmen.
Sollte die Aktion körperlich zu riskant werden ("erst dann, wenn wir wirklich nicht mehr weitermachen können"), würde Bauers Verlobte, die 32-jährige Sarah Shourd, in den Streik eintreten und die Frauen ablösen. Nach und nach sollen dann alle Verwandten, Freunde und Unterstützer das Radikalfasten fortführen - als eine Kette der Hungerstreikenden.
Anwalt Zugang verwehrt
Shourd wurde ebenfalls verhaftet, kam aber im vergangenen Herbst wegen nicht näher erklärter gesundheitlicher Probleme gegen Kaution frei. Irans Hardliner-Präsident Mahmud Ahmadinedschad betonte in der Vergangenheit, die Amerikaner hätten das Gesetz gebrochen. Er werde sich jedoch bei den Justizbehörden, die von den Geistlichen des Landes kontrolliert werden, für Milde einsetzen.
Passiert ist allerdings wenig. Bislang gibt es noch nicht einmal ein offizielles Verfahren gegen die Männer, und das seit fast zwei Jahren Gefangenschaft. Die Verhandlung vor dem Revolutionsgericht in Teheran wurde zwar Anfang Februar eröffnet - Videoaufnahmen aus dem Gerichtssaal gelten als das letzte offizielle Lebenszeichen der beiden Männer.
Doch bereits die zweite Anhörung, angesetzt auf den 11. Mai, wurde ohne Kommentar überraschend verschoben. Die Nachrichtenagentur Fars schrieb von "unklaren Gründen". Es sei auch nicht bekannt, wann der Prozess gegen Bauer und Fattal weitergehe. Ihr Anwalt Massud Schafii wartete nach eigener Aussage am Tag der Anhörung vergeblich auf seine Mandanten. Seit Prozessbeginn habe er Bauer und Fattal trotz mehrfacher Anfrage nicht sehen dürfen.
Extrem gefährlicher, verminter Wanderpfad
Über die Gruppe sind nur Basisfakten bekannt: Sarah Shourd und Shane Bauer lebten vor ihre Festnahme zusammen in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er arbeitete dort als freier Fotojournalist, sie als Englischlehrerin. Fattal, ein befreundeter Umweltaktivist, besuchte die beiden im Juli 2009, bevor sie zum Wandern in den Nordirak aufbrachen.
Den Angeklagten droht bei einer Verurteilung wegen Spionage bis zu zehn Jahren Haft. Prominente wie Cat Stevens oder Muhammed Ali haben sich bereits öffentlich für die Freilassung der Männer stark gemacht; Barack Obama, Desmond Tutu oder Ban Ki Moon schickten Briefe der Anteilnahme. Das Medienecho ist dennoch verhaltener als etwa bei der Befreiungsaktion für die US-Reporterinnen Laura Ling und Euna Lee, die nach fünf Monaten in nordkoreanischer Haft freigekommen waren.
Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Motive der jungen Amerikaner für ihre riskante Wanderung in der Grenzregion nicht zweifelsfrei geklärt sind. Die Gruppe war in extrem abgelegenem, schwer zugänglichem und vermintem Gebiet unterwegs. Selbst Journalistenkollegen fragten nach der Festnahme öffentlich, warum das Trio ausgerechnet in jener gefährlichen Region auf Walz gingen.
Die Gefangenenaffäre belastet das frostige Verhältnis zwischen Iran und den USA zusätzlich. Beobachter fürchten, dass Teheran die Wanderer als Erpressungsmittel nutzen könnte. Die US-Regierung unterhält seit 1977 keine diplomatischen Beziehungen zu Teheran, Kontakte laufen ausschließlich über Schweizer Diplomaten.
Bauers Mutter Cindy Hickey glaubt weiter an die Unschuld ihres Sohnes - und gibt im US-Frühstücksfernsehen freimütig zu, mit dem Hungerstreik vor allem Aufmerksamkeit erregen zu wollen. "Natürlich. Dafür gehen wir soweit wie möglich." Hickey sagt, sie gehe mittlerweile "vom Schlimmsten" aus. "Nach so langer Zeit ohne Kontakt fragt man sich: Sind sie überhaupt noch am Leben? Das ist meine größte Angst."