Kerrys Antrittsrede: "Eine Demonstration der Stärke" - DER SPIEGEL
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Kerrys Antrittsrede "Eine Demonstration der Stärke"

Nach der Antrittsrede von John Kerry als offizieller Präsidentschaftskandidat hat für die Demokraten das bange Warten auf die nächsten Umfragewerte begonnen. War seine Rede auf dem Parteitag der große Wurf? Nach ersten Einschätzungen der US-Medien zeigte er sich kämpferischer als früher.
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In einer Analyse der "New York Times" ist Kommentator Todd S. Pudrum voll des Lobes für John Kerry. Seine Rede sei eine "Demonstration der Stärke" gewesen. Seit Monaten versuchten seine Wahlkampfstrategen, schreibt Pudrum, den demokratischen Gegenkandidaten des Republikaners George W. Bush als den Mann darzustellen, der genug Kraft hat, Amerika als eine starke Nation zu bewahren und der sich um sein Volk kümmern wird. Donnerstagnacht habe er vor dem größten Publikum, welches er jemals hatte, gezeigt, dass er diese beiden Punkte glaubhaft vertreten könne.

In seiner "energischen Rede" habe Kerry selbst das Wort "Stärke" rekordverdächtige 17 Mal benutzt, bemerkt Pudrum. Kerry habe sich nicht nur als eine "plausible", sondern als eine mehr als ernstzunehmende Alternative zu Bush empfohlen.

Kerry habe in seiner Rede die amerikanischen Traditionen von "Kraft und Selbstbeschränkung" verkörpert. Der Senator habe differenziert argumentiert, als er sagte, dass es in diesen gefährlichen Zeiten einen richtigen und einen falschen Weg gebe, Stärke zu beweisen. Stärke sei mehr als hart klingende Sprüche.

Kerry wirkte nach Ansicht des Beobachters besonders überzeugend, als er Bush den Spiegel vorhielt, schreibt die "NYT". Schließlich habe Bush bei seiner Wahl vor vier Jahren versprochen, dass nach der Ära Clinton wieder Anstand und Moral ins Weiße Haus einziehen müsse. Doch Bush habe dieses Versprechen nicht erfüllen können. Zudem lobte die "NYT" Kerrys Replik auf große demokratische Präsidenten wie Franklin D. Rooswelt und John F. Kennedy und seine direkte Ansprache der amerikanischen Mittelklasse.

Weit vorsichtiger lobte die "Los Angeles Times" die "entschiedene" und "mitreißende" Rede als eine gute Antwort auf die Angriffe aus dem Wahlkampfteam seiner politischen Gegner, die Kerry vor allem als zögerlichen Menschen ohne Führungsqualitäten darzustellen versuchten, der den Bedrohungen des internationalen Terrorismus nicht begegnen könne. Allerdings kritisierte die "LA Times", dass seine Rede in weiten Teilen undeutlich blieb und sich auf Phrasen beschränkte. So habe Kerry weder verraten, wie zukünftig mit der Besatzung des Irak verfahren werden soll, noch habe er den Krieg als Fehler verurteilt.

Seine Rede habe sich eben doch zu großen Teilen mehr an seine Anhänger als an das gesamt amerikanische Volk gewandt, resummiert die "LA Times".

Der TV-Sender CNN sieht Kerry auf seiner Website nach der Bostoner Rede als einen Mann, der "Wiederauferstehung" feierte, nachdem seine Träume vom Einzug ins Weiße Haus im vergangenen Jahr schon zerstört schienen. Damals hatte Kerry hinter seinem demokratischen Rivalen Howard Dean zurückgelegen.

Kerry habe eine Rede gehalten, die "kraftstrotzender" gewesen sei als von einem anderen demokratischen Kandidaten in den vergangenen 40 Jahren, hieß es in der "USA Today". Der Senator habe zwar "im Plauderton", aber mit Schwung gesprochen.

Die "Washington Post" ist nicht so überzeugt von Kerrys Rede. Der Kandidat versuche den Präsidenten auf einem Feld zu schlagen, das für Demokraten bisher undenkbar gewesen sei. Kerry fordere Bush zu einer Debatte über klassisch republikanische Themen heraus: Werte und Sicherheit.

Er habe die Ansprache genutzt, um dem bisherigen Urteil entgegenzutreten, er sei zu liberal, zu verkopft und zu wenig humorvoll. Zudem habe er versucht, die Politik der Bush-Administration auf den Kopf zu stellen und in häufig deftigen Worten klargemacht, dass er einen anderen Weg gehen wolle, das Land sicher, wirtschaftlich erfolgreich und weniger entzweiend zu regieren.

Das Blatt bemängelt, dass Kerry wichtige Fragen vernachlässigt habe. So habe er lediglich ganz spärlich das Thema Irak gestreift, das seinen Wahlkampf doch so wesentlich geformt habe, die Partei allerdings geteilt und seine Kandidatur zeitweise arg belastet habe. In einer Zeit, in der die Amerikaner nach einem Ausweg suchten und sich fragten, ob Kerry einen Plan für den Irak habe, der sich von Bushs unterscheide, habe er lediglich versichert, dass er wisse wie es geht - Details blieb er schuldig, schreibt die "Washington Post" weiter.

Selten, geißelt der Autor schließlich, sei eine Antrittsrede auf einem Parteitag mit so viel Medienrummel und Drama inszeniert worden.