Milosevic: Noch ein Haftbefehl - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Milosevic Noch ein Haftbefehl

Slobodan Milosevic weist alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. Das Uno-Kriegsverbrechertribunal bereitet unterdessen einen weiteren Haftbefehl vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Belgrad - Es gehe um Verbrechen im Bosnien-Krieg 1992-95, sagte Chefanklägerin Carla Del Ponte in einem Interview mit der römischen Zeitung "La Repubblica". Beim bisherigen Haftbefehl ging es um Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg 1998/99.

Die genauen Anklagepunkte des neuen Haftbefehls seien noch im Einzelnen zu prüfen. Dazu zähle auch Völkermord, kündigte Del Ponte an. "Ein zweiter Haftbefehl ist fertig. Ich muss ihn nur noch unterschreiben." Das solle bis Ende dieses Monats geschehen. Zugleich äußerte sich Frau Del Ponte optimistisch, dass Belgrad Milosevic an das Haager Tribunal ausliefert. "Ich denke, dass Milosevic noch in diesem Jahr in Den Haag sein wird."

Der gestürzte Machthaber war am Sonntag festgenommen worden, nachdem er seinen Widerstand aufgegeben hatte. Ihm wird in Belgrad Amtsmissbrauch und Korruption vorgeworfen. So sollen Zollgelder in Höhe von 233 Millionen Mark in private Taschen umgeleitet worden sein.

Bei seiner Vernehmung bestritt der frühere Staatschef Jugoslawiens nach Angaben seines Anwaltes die gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Milosevic wies in einem Interview mit der liberalen rumänischen Tageszeitung "Curentul" die ihm vorgeworfene Aggression gegen die Kosovo-Albaner zurück. Zugleich warf er den Nato-Staaten vor, in Südosteuropa ihre "neokolonialistischen" Pläne mit Waffengewalt durchsetzen zu wollen.

Milosevic sagte in dem vor einer Woche geführten Gespräch: "Wir haben gegen niemanden etwas Feindliches unternommen. Die Wirklichkeit (...) ist eine andere: Nicht das Problem der Albaner im Kosovo hat die Nato-Generäle 'sensibilisiert'. Ziel der Politik des Westens ist die Globalisierung, was Zerstörung der nationalen Identität, Föderalisierung, Abhängigkeit von ausländischen Finanzinstitutionen bedeutet. (...) Man wollte nicht, dass wir im Europa der Einheitswährung als Macht existieren."

"Nicht in einer Luxuszelle"

Bei den Kosovo-Friedensverhandlungen in Rambouillet 1999 habe man Belgrad "inakzeptable Bedingungen" aufzwingen wollen. Das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sei "keine juristische, sondern eine politische Institution. Es steht im Dienst jener, die den Tod Jugoslawiens wollen."

Der Anwalt des Ex-Diktators legt unterdessen Wert auf die Feststellung, dass sein Mandant nicht in einer Luxuszelle untergebracht ist. "Es ist ein Gefängnis, ein serbisches Balkan-Gefängnis. Kein Fernsehen, kein Radio, Sauna, Pool oder Kraftraum", sagte Toma Fila, Anwalt des früheren Präsidenten. Milosevic werde seine Hofgänge aber ohne die anderen Häftlinge machen können.