Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,
neue Umfragen sehen die Befürworter des Brexit in Großbritannien vorne. Käme es so, würde Boris Johnson womöglich Premierminister. Würde dann auch Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt, wäre die historische Achse des Westens, Großbritannien-USA, unter Kontrolle zweier mindestens seltsamer Männer, zweier Freaks der Politik: impulsiv, aggressiv, populistisch, unkonventionell. Sie würden sich vielleicht nicht durch Traditionen und Gepflogenheiten gebunden fühlen. Die aber sind ein beruhigendes Element der Politik. Mit Trump und Johnson käme eine Unberechenbarkeit in die Welt, eine neue Nervosität. Es wäre ein Bruch, das Ende einer relativen Stabilität im Westen.
Zwölfter Mann
In Lille gilt heute eine Art erweiterte Eigentorregel. Am Nachmittag spielt dort Russland gegen die Slowakei. Eigentore können nicht nur die Spieler erzielen, sondern auch die russischen Hooligans. Sollten sie sich vor, während oder nach dem Spiel wieder so gewalttätig zeigen wie am Wochenende in Marseille, wird Russland vom Turnier ausgeschlossen. Fans gelten als der zwölfte Mann eines Teams, als ein Faktor für Erfolg oder Misserfolg. Nie war das wahrer als heute.
Besser als Zimbabwe
In Karlsruhe stellt heute die Humanistische Union den Grundrechte-Report zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland vor. Es ist nicht zu erwarten, dass Deutschland hinter Zimbabwe und Guatemala zurückgefallen ist. Missstände aber gibt es weiterhin, und das ist traurig genug. Noch trauriger finde ich, dass dieses Gefühl verloren gegangen ist, die Grundrechte seien für Deutschland auf ewig in Stein gemeißelt. Wer die Entwicklungen in anderen Demokratien betrachtet, in Polen und Ungarn, Trumps Wahlkampf, den Aufstieg der Rechtspopulisten auch in Deutschland, der weiß, dass es etwas zu verteidigen gilt.
Unter Wasser
Heute beginnt in Brüssel das EU-Forum zur Entwicklungspolitik. Es geht unter anderem um die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung, die natürlich jeder kennt, weil sie so wichtig sind. Falls Sie das eine oder andere Ziel vergessen haben (so wie ich), hier sind sie: Keine Armut / Keine Hungersnot / Gute Gesundheitsversorgung / Hochwertige Bildung / Gleichberechtigung der Geschlechter / Sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen / Erneuerbare Energien / Gute Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum / Innovation und Infrastruktur / Reduzierte Ungleichheiten / Nachhaltige Städte und Gemeinden / Verantwortungsvoller Konsum / Maßnahmen zum Klimaschutz / Leben unter dem Wasser / Leben an Land / Frieden und Gerechtigkeit / Partnerschaften, um die Ziele zu erreichen.
Morgen frage ich das ab.
Gewinner des Tages...
... sind die Frauen. Seit dem Wochenende hat die Welt drei Gewaltexzesse gesehen, die islamistisch motivierten Attentate in Orlando und Magnanville, die entfesselten Hooligans in Marseille. Es waren Männer, die ausgerastet sind. Es sind fast immer Männer. Ich glaube nicht, dass die Welt besser wäre, würde sie vor allem von Frauen regiert. Es ist aber offenkundig, dass sie besser wäre, hätten alle Männer ein Verhältnis zu persönlicher Gewalt wie Frauen.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
- US-Ermittler nehmen Ehefrau des Orlando-Attentäters ins Visier
- CNN-Starmoderator Cooper interviewt Floridas Staatsanwältin zu Orlando: "Glaubst du wirklich, du bist ein Champion der Gay-Community?"
- Clinton gewinnt in Washington die letzte Vorwahl der US-Demokraten
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, Ihr
Dirk Kurbjuweit, stellvertretender Chefredakteur DER SPIEGEL