Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist unendlich traurig, dass Jo Cox sterben musste. Ein Mann ermordete die Labour-Abgeordnete gestern auf offener Straße in Birstall. Bei Attentaten auf Politiker in Demokratien gibt es danach die Hoffnung, dass der Täter ein Irrer sein möge. Wäre der Täter bei halbwegs normalem Verstand und hätte Jo Cox ermordet, weil sie für den Verbleib ihres Landes in der EU war, hätte Großbritannien eine Staatskrise. Aus der harschen Auseinandersetzung um den Brexit hätte jemand die Schlussfolgerung gezogen, dass ein Mord seine Position stärkt. Dies würde die politische Kultur des Landes in Frage stellen und den an sich ja notwendigen Streit um den Brexit diffamieren. Kommt die Tat aus einer allgemeinen Verwirrung, wie bei Lafontaine oder Schäuble, fällt das weg. Ein Trost wäre das nicht, aber eine Erleichterung.
Grün gegen Schwarz
Der wichtigste Berliner Termin für heute war bis gestern die Sitzung des Bundesrats. Seit gestern ist aber wahrscheinlich, dass die Vertreter der Bundesländer heute nicht darüber abstimmen werden, ob die Bundesrepublik Marokko, Algerien und Tunesien als sichere Herkunftsländer einstuft. Es ist offenbar nicht gelungen, der Bundeskanzlerin eine Mehrheit zu verschaffen. Die meisten Bundesländer mit Grünen in der Regierung würden gegen diesen Plan stimmen. Offenbar sind die Grünen immer noch eine werteorientierte Partei. Damit wäre Schwarz-Grün im Bund weiterhin eine ziemlich schwierige Konstellation.
Nerven national
In Wien geben heute Vertreter dreier rechtspopulistischer Parteien eine gemeinsame Pressekonferenz, Heinz-Christian Strache von der FPÖ, Marine Le Pen vom Front National und Marcus Pretzell von der AfD. Der Internationalismus national orientierter Parteien bleibt ewig ein Widerspruch und ist nicht glaubhaft. Die Chauvinisten von der AfD würden ein Deutschland schaffen wollen, dessen Dominanz- und Auserwähltheitsanspruch den Chauvinisten vom Front National schwer auf die Nerven ginge, da sie ein dominantes und auserwähltes Frankreich vor Augen haben. Die FPÖ wiederum hätte nichts gegen eine Anlehnung an Deutschland, was aber nicht internationalistisch gemeint wäre, sondern nationalistisch. Dieses Gebilde ginge dem Front National noch mehr auf die Nerven.
Liebe Nachbarn
Deutschland hat gestern Abend 0:0 gegen Polen gespielt. Damit haben sich beide Seiten an den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag gehalten, dessen 25-jähriges Jubiläum heute in Berlin gefeiert wird. Aber musste denn, bei aller Freundschaft, wirklich Höwedes mitspielen? Damit ist die rechte Angriffsseite praktisch tot. Wie wäre es mit Joshua Kimmich?
Gewinner des Tages
Als SPD-Chef Sigmar Gabriel so richtig wütend war, hat er diese Wut in seinen Computer getrommelt. Er hat einen Text geschrieben, und diesen Text schickte er an uns, an den SPIEGEL. Wir drucken nur äußerst selten das, was Politiker schreiben, aber diesen Gabriel wollen wir unseren Lesern auf keinen Fall vorenthalten. Der Text findet sich in der neuen Ausgabe, die heute Abend digital erscheint und morgen am Kiosk liegt. Gabriel zürnt gegen die radikale bürgerliche Rechte, die ihn manchmal an seinen Vater erinnere - "und der war ein unverbesserlicher Nazi". Er zürnt auch gegen die linken Intellektuellen und fordert sie auf, "ihre gezierte und selbstverliebte Distanzierung von der ruppigen Welt der Parteiendemokratie abzulegen". Mit diesem Wutausbruch ist Gabriel mein Gewinner des Tages.
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
- McCain macht Obama mitverantwortlich für das Orlando-Attentat
- Ballack kritisiert die DFB-Elf: "Persönlichkeit und Charakter fehlen"
- Philadelphia führt Zuckerabgabe auf Getränke ein
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag, Ihr
Dirk Kurbjuweit, stellvertretender Chefredakteur DER SPIEGEL