Saudi-Arabien: Das Öl, die Macht und das Geld - DER SPIEGEL
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Das Öl, die Macht und das Geld Saudi-Arabiens schwarze Kronjuwelen

Ein Nomadenjunge wird vom Laufburschen zum Ölminister Saudi-Arabiens - und einer der mächtigsten Wirtschaftspolitiker der Welt. Diese und andere Geschichten erzählt Susanne Koelbl in ihrem neuen Buch. Ein Auszug.
Ölminister Ali an-Naimi
Ölminister Ali an-Naimi

Ölminister Ali an-Naimi

Foto: Naseem Zeitoon/ REUTERS
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Kurz bevor sein jüngster Sohn in einem Beduinenzelt aus schwarzem Ziegenhaar geboren wird, im Wüstendorf ar-Raka, etwa dort, wo sich heute das quirlige Zentrum der Ölstadt Khobar befindet, beschließt der Perlentaucher Ibrahim an-Naimi, seine Ehefrau Fatima zu verlassen. Die junge Beduinin bleibt mit fünf Kindern zurück. Fatima ist zierlich, kaum 1,50 Meter groß. Sie war mit 14 Jahren verheiratet worden. Ihrem Jüngsten, Ali, bleibt vom Vater zunächst nur der Name von dessen Stamm, Naimi.

In der Welt, in die der spätere Chef von Saudi Aramco, der heute größten Erdölfördergesellschaft und profitabelsten Firma aller Zeiten, hineingeboren wird, scheint die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen. Der Sommer 1935 ist sengend heiß im Osten der Arabischen Halbinsel, die Winternächte sind bitterkalt. Die Bauern und Beduinen trotzen der Natur ihren Lebensunterhalt ab, weithin abgeschnitten von den Ereignissen jenseits ihres Lebensraums. Selbst zu den heiligen Stätten Mekka und Medina zieht es wegen der wirtschaftlichen Depression in den Jahren zwischen den Weltkriegen nur noch wenige Pilger.

Ali an-Naimi ist vier Jahre alt, als er seinen ersten Job antritt. Er hütet die Lämmer seiner Familie. Aber er kann nicht zählen. Als auffällt, dass er täglich mit ein oder zwei Lämmern weniger nach Hause kommt, baut sein Onkel eine Falle für den Wolf, der die Jungtiere offensichtlich in den Dünen reißt. Der Wolf tappt hinein. Er wird erschossen, und dem Tier das Fell abgezogen. Die Kinder erhalten ein Stück Wolfsfleisch. Es schmeckt salzig.

Ali erhält einen Wolfszahn. Der Onkel hängt ihm diesen um den Hals. Er soll ihm Stärke verleihen.

Das einzige Mädchen unter den fünf Naimi-Kindern ist dagegen schwächlich. Sie stirbt. "Wir waren Überlebende", schreibt Naimi später über seine Kindertage.

"Der wichtigste Mann, von dem Sie noch nie gehört haben"

Ali an-Naimi erzählt diese Geschichte im Jahr 2016, in seiner Autobiografie. Da ist er 82. Die Zeit damals war nicht unglücklich, heißt es dort, aber hart. Sie habe die Menschen zäh gemacht. Tatsächlich ist Naimi, der zu diesem Zeitpunkt gerade pensioniert wurde, am Ende seines Lebens einer der einflussreichsten Männer der Welt. Der einstige Beduinenjunge besitzt fast siebzig Jahre Erfahrung in der Ölindustrie. Im Anschluss an seine Zeit als Aramco-Chef diente er seinem Land noch fast 21 Jahre als Ölminister.

Das Ölministerium in Riad ist eine der machtvollsten Schaltzentralen der Weltwirtschaft. Von hier aus werden die Märkte befeuert oder gedrosselt. Kein anderes Land hat die Kapazität, an einem Tag Hunderttausende Barrel Öl einfach zurückzuhalten oder zusätzlich zu pumpen. Der langjährige US-Notenbankchef, Alan Greenspan, nennt Naimi deshalb, als dieser noch Minister ist, "den wichtigsten Mann, von dem Sie noch nie gehört haben".

Naimi ist selbst nur drei Jahre jünger als das Königreich. Seine Geschichte erzählt, wie sich die bis dahin isolierte tribale Gesellschaft des Wüstenreichs in weniger als einer Lebensspanne zu einer modernen Nation von höchster globaler Bedeutung verwandelt.

Als König Abd al-Asis 1932 die Macht übernimmt und die vier von ihm eroberten Regionen Hedschas, Nadschd, Ost-Arabien und Süd-Arabien zu einem Staat vereint, braucht er dringend Geld für den Aufbau seiner jungen Nation. Der Erste Weltkrieg hatte deutlich gemacht, dass Öl auf absehbare Zeit eine entscheidende Ressource in der Kriegführung sein würde - und in der Industrie. König Abd al-Asis beginnt deshalb unverzüglich mit der Suche. Dabei ist vollkommen unsicher, ob es überhaupt Ölvorkommen gibt in seinem Reich.

Ein Jahr später, 1933, unterzeichnet Riad bereits den ersten Konzessionsvertrag mit der amerikanischen Explorationsfirma Standard Oil Company of California, kurz Socal, dem heutigen Ölkonzern Chevron. Die Geologen aus San Francisco machen sich in die Wüste auf, um das schwarze Gold zu finden. Es geht um "Explorationsrechte auf rund 930.000 Quadratkilometern Land für 60 Jahre". Im gleichen Jahr wird auch die Konzessions- Verwaltungsgesellschaft Casoc gegründet, die California Arabian Standard Oil Company. Die Casoc ist der Vorläufer von Saudi Aramco.

Im März 1938 stößt der Chefgeologe Max Steineke, Sohn deutscher Auswanderer, tatsächlich in über 1400 Meter Tiefe auf Öl. Bei weiteren Bohrungen im Umkreis entdecken Khamis bin Rimthan und er 1940 das Abqaiq-Feld, ein gewaltiges Reservoir mit einem Umfang von vielen Milliarden Fässern Öl.

Diese Funde verändern alles: das Königreich, die Interessenpolitik in der Region - und damit die Welt.

Am 14. Februar 1945 ist US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf dem Rückweg von der Krim nach Washington. Der Zweite Weltkrieg ist militärisch entschieden. Er ist aber noch nicht zu Ende. Der schon todkranke Amerikaner kommt direkt von der Jalta-Konferenz, auf der die Alliierten die Teilung Deutschlands beschlossen haben. Im Suezkanal empfängt Roosevelt an Bord des Schweren Kreuzers U.S.S. "Quincy" König Abd al-Asis. Ihre beiden Länder hatten erst 1939 diplomatische Beziehungen aufgenommen. Es ist das erste Mal, dass sich ein amerikanischer Regierungschef und ein saudischer Monarch begegnen.

Die Basis der Allianz wurde damals geschmiedet

Auf den ersten Blick könnten die beiden Staatsmänner kaum unterschiedlicher sein. Roosevelt ist umfänglich gebildet, weit gereist, Präsident einer der fortschrittlichsten Nationen der Welt. Der damals 69-jährige saudische König wiederum hat nie eine Schule besucht. Er kam nie weiter als ins irakische Basra und herrscht über eines der ärmsten Länder der Welt.

Doch beide, Ibn Saud und Roosevelt, sind kluge Strategen. Sie begreifen die schier grenzenlosen Möglichkeiten, die langfristig für beide Seiten in dieser Verbindung liegen. Sofort entwickeln sie ein gutes persönliches Verhältnis. In diesem Moment legen die beiden Männer in mehreren Verträgen das Fundament für die bis heute bestehende Allianz: Danach stehen die USA dem Königreich militärisch gegen Feinde bei - und (auch wenn das nicht schwarz auf weiß festgeschrieben wird) Saudi-Arabien garantiert den Amerikanern dauerhaft die Lieferung von Öl zu günstigen Preisen.


Weitere Eindrücke und Geschichten aus Saudi-Arabien finden Sie im neuen Buch von Susanne Koelbl:

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Zwölf Wochen in Riad: Saudi-Arabien zwischen Diktatur und Aufbruch - Ein SPIEGEL-Buch - Mit zahlreichen farbigen Abbildungen

Koelbl, Susanne
Hersteller: Deutsche Verlags-Anstalt
Seiten: 320
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