Tierseuche "Sind am Rande einer Katastrophe"
Berlin - "Wir sind am Rande einer Katastrophe", warnte Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn. Einige der 350 in Nordrhein-Westfalen getöteten Schafe, die von englischen Betrieben mit Fällen der Maul-und-Klauen-Seuche stammten, seien "leicht infektiös" gewesen, hatte zuvor ein Sprecher ihres Ministeriums mitgeteilt.
Bei einer Untersuchung der Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten bei Tieren seien in drei von 30 Gewebeproben der Schafe Antikörper gefunden worden. Das deute daraufhin, dass die Schafe Kontakt zu infizierten Tieren hatten. Erst die anschließende Untersuchung der Zellkulturen werde eindeutig ergeben, ob sie an der Maul- und Klauenseuche erkrankt waren.
In Deutschland wird zudem eine Herde im rheinischen Kreis Neuss mit 1500 Schafen, die Kontakt zu infizierten Beständen in Großbritannien hatten, vorsorglich getötet. Die Zöllner auf den deutschen Flughäfen kontrollieren das Gepäck der England-Reisenden auf tierische Lebensmittel, die als Überträger des hochansteckenden Virus in Frage kommen. "Jede Salamischeibe wird untersucht, die auf einem Brot gefunden wird", sagte eine Sprecherin des Hauptzollamtes am Frankfurter Flughafen. Rund 30 Zollbeamte seien pro Schicht im Einsatz.
Unterdessen wächst in der Viehwirtschaft die Furcht vor den möglichen Folgen einer Epidemie auch in Deutschland. "Dann gibt es auch einen Einbruch am Schweinefleisch-Markt", fürchtete ein Sprecher des Deutschen Vieh- und Fleischhandelsbunds die Reaktion der Verbraucher.
Auch andere europäische Staaten unternehmen rigorose Schritte, um die Gefahr einer Ausbreitung der in Großbritannien grassierenden Seuche zu bannen. In Frankreich wurde mit der Tötung von 20.000 aus Großbritannien importierten Schafen begonnen. In Spanien werden 540 ebenfalls von der Insel eingeführte Schweine notgeschlachtet, obwohl sie keine Krankheitsanzeichen haben.
Wanderverbot droht
In Großbritannien hat sich die Zahl der Verdachtsfälle auf 16 erhöht. Um eine Ausbreitung zu bremsen, sind drei Parks in der Umgebung von London sowie zahlreiche Tiergärten geschlossen worden. Die Jagd wurde landesweit verboten. Auf der Insel ist die Verbrennung von 7000 Rindern, Schafen und Schweinen angeordnet worden.
Im BBC-Fernsehen deutete Landwirtschaftsminister Nick Brown ein mögliches Wanderverbot in ländlichen Gebieten an. Es werde überlegt, ob die Nutzung öffentlicher Wege in der Nähe von Viehhöfen gesetzlich verboten werden solle. Große Sportveranstaltungen werden möglicherweise abgesagt, da die Fans durch verseuchtes Gebiet reisen müssten und so die Viren in noch nicht betroffene Gebiete schleppen könnten, befürchten die Behörden.
Erneut betonten Experten, dass das Virus dem Menschen nicht gefährlich werden könne. "Theoretisch kann man selbst das infizierte Fleisch essen", sagte Matthias Kramer von der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten bei Tieren. "Das Risiko, sich zu infizieren, ist zu vernachlässigen."
Die Tötungsaktion in Nordrhein-Westfalen, die den kompletten Bestand einer Hofanlage in Neuss bei Düsseldorf betrifft, begann unter weiträumiger Polizei-Absperrung. Bei den Tieren handelt es sich um 750 Mutterschafe und ihre Lämmer. Sie hatten zusammen mit 80 Schafen gestanden, die aus einem MKS-infizierten britischen Betrieb importiert und bereits Sonntagnacht gekeult worden waren. In NRW waren in den vergangenen Tagen 400 Schafe vorsorglich getötet worden.