US-Wahl Parade der Außenseiter
Hamburg - Sie sind die Außenseiter, die Amerikaner nennen sie die "Mavericks": Neben den Demokraten und den Republikanern haben 24 weitere Parteien Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen in den USA aufgestellt. Bewerber um das Weiße Haus müssen sich in jedem Bundesstaat auf eine Liste setzen lassen. Manche von ihnen sind nicht einmal in zehn Staaten registriert.
Immerhin: Unter den Außenseitern gibt es vier Kandidaten, die in fast allen Bundesstaaten antreten: Dies sind der unabhängige Bewerber Ralph Nader, Bob Barr von der Libertarian Party, die Grüne Cynthia McKinney und Chuck Baldwin von der Constitution Party.
Für die kleinen Parteien ist es im amerikanischen Wahlsystem schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden. Erstens müssen die Kandidaten genügend Sponsoren finden, um die Wahlwerbung zu finanzieren. Doch das Geld fließt natürlich nicht an diejenigen, die kaum Chancen auf einen Sieg haben.
Zudem werden Republikaner und Demokraten durch die staatliche Wahlkampfkostenerstattung bevorzugt. Schließlich räumen die Medien den übrigen Bewerbern keine ernst zu nehmende Plattform ein - in den TV-Duellen war nicht einmal ein Zuschauerplatz für sie reserviert.
Trotz ihrer Außenseiterposition können kleine Parteien große Spielverderber sein, auch wenn sie Demokraten oder Republikanern nur wenige Stimmen abjagen. In den unentschlossenen Swing States können schon ein paar Prozente entscheidend sein, die dann demjenigen zugute kommen, der am meisten Stimmen geholt hat.
Denn nicht die absolute Zahl an Wählerstimmen ist für den Sieg relevant, sondern die Zahl der Wahlmänner - und die Wahlmänner eines Staates wählen immer geschlossen für die siegreiche Partei in diesem Staat.
Triumph der Außenseiter
Das letzte Mal, das ein Außenseiter gewann, war 1860: Wegen der Spaltung der Demokraten zog Abraham Lincoln als erster Republikaner ins Weiße Haus. Im 20. Jahrhundert haben dann mehrere Außenseiter mit ihrer Kandidatur den Wahlausgang beeinflusst:
- 1912 trat Ex-Präsident Theodore Roosevelt aus der republikanischen Partei aus und gründete die "Progressive Party". Damit spaltete er das konservative Lager und ermöglichte den Sieg des Demokraten Woodrow Wilson.
- 1968 trat der Ex-Demokrat George Wallace als unabhängiger Kandidat an und erreichte 13 Prozent der Stimmen. Er siegte in fünf Staaten - North Carolina, Michigan, Maryland, Florida, Tennessee und Florida.
- 1992 sammelte der unabhängige Kandidat Ross Perot 18 Prozent der Stimmen, in Maine und Utah stach er sogar George Bush Senior beziehungsweise Bill Clinton aus. Dank Perots Kandidatur schaffte es Clinton ins Weiße Haus.
- Im Jahr 2000 trat der unabhängige Kandidat Ralph Nader an und erreichte 2,8 Millionen Stimmen - die dem Demokraten Al Gore zum Sieg fehlten.
Gibt es bei der Wahl am 4. November wieder einen solchen "Stimmendieb"? SPIEGEL ONLINE stellt mögliche Kandidaten vor.
Ralph Nader, der Verbraucherschützer
Zum fünften Mal bewirbt sich Ralph Nader um das Präsidentenamt. Seine Kandidatur im Jahr 2000 war äußerst umstritten, brachte er doch George W. Bush ins Weiße Haus: Im hart umkämpften Florida lag Bush 537 Stimmen vor Al Gore. Nader erhielt 97.488 Stimmen und gewann damit die Stimmen, die Gore gereicht hätten, um US-Präsident zu werden.
Der Sohn libanesischer Einwanderer startete seine Anwaltskarriere auf den Elite-Unis Princeton und Harvard. Seine Spezialgebiete: der Verbraucherschutz und der Kampf gegen die Großkonzerne.
Mit 31 Jahren veröffentlichte Nader den Bestseller "Unsicher bei jeder Geschwindigkeit". Darin kritisierte er Sicherheitsmängel der Autoindustrie. Als herauskam, dass General Motors einen Detektiv auf Naders Privatleben angesetzt hatte, stiegen die Verkaufszahlen des Buches erst recht an. Für den Eingriff in seine Privatsphäre verklagte er General Motors und erhielt 425.000 Dollar als Entschädigung. Auch sonst blieb seine Kritik nicht folgenlos: Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das strengere Sicherheitsauflagen bei Autos vorschrieb. So wurde Nader als Verbraucherschützer im ganzen Land bekannt.
Mit Wachspapier gegen Süßwarenproduzenten
Nader gibt den Kampf gegen die vermeintlich Größeren nicht auf: Wenn er ein Hotelzimmer betritt, sucht er den gesetzlich vorgeschrieben Hinweis über die Höhe der Telefonkosten. Findet er nichts, freut er sich, gegen die Hotelkette vorzugehen. Oder er bewahrt die Verpackung eines Fruchtriegels auf, weil er daran eine dünne Schicht Wachspapier entdeckt, die einen Würgereiz auslösen könnte. Auch mit dem Riegel-Hersteller wird er sich anlegen. Diese Geschichten trug das amerikanische Magazin "Rolling Stones" zusammen.
Sein Lieblingsthema für den fünften Wahlkampf ist das von ihm gehasste US-Rettungspaket zur Finanzkrise: Nicht die Banken, sondern die Hausbesitzer brauchen nach Naders Ansicht Hilfe. Das Paket helfe nur den "Schwindlern und Spekulanten an der Wall Street". Sein weiteres Programm: Nader möchte Solarenergie und Windkraft ausbauen, Steuern auf Kohle und Wertpapierspekulationen einführen und ein öffentliches Gesundheitssystem für alle Amerikaner einrichten. Die Militärausgaben sollen gekürzt und binnen sechs Monate alle US-Soldaten aus dem Irak abgezogen werden.
Dieses Jahr tritt Nader als Unabhängiger an, zusammen mit dem Vize-Präsidentschaftskandidat Matt Gonzalez, einem Anwalt aus San Francisco. Unter den Außenseiter-Kandidaten ist Nader der bekannteste. Wieder könnte er den Demokraten gefährlich werden - wenn es knapp werden sollte.
Cynthia McKinney, grüne Verschwörungstheoretikerin
Die schwarze Cynthia McKinney ist eine schillernde Figur: Sie glaubt an Verschwörungen, wird von den Konservativen gehasst und trägt goldene Tennisschuhe.
Eine jahrelange politische Karriere hat sie bereits hinter sich: Für die Demokraten saß die 53-Jährige im Repräsentantenhaus - von 1993 bis 2003 und von 2005 bis 2006. Nach den Anschlägen am 11. September glaubte sie an eine Regierungsverschwörung: So hätte die Regierung von den Terroranschlägen gewusst, diese aber nicht gestoppt. Mit derart abseitigen Ansichten schaffte sie es zwar ins Rampenlicht - aber sie machte sich auch viele Feinde.
Einer davon ist der Journalist Jonah Goldberg, der 2003 besonders bösartig über McKinney schrieb: Er hält sie für "dumm wie Salz und so ekelerregend wie Arafats seit drei Wochen nicht gewechselte Unterhosen". Vor der Tirade hatte McKinney in einer Kongress-Rede die Bush-Regierung attackiert. Sie kritisierte die engen Verbindungen zwischen Regierung und Öl- sowie Rüstungsindustrie.
McKinney als Tupac-Anhängerin
Wieder in die Schlagzeilen geriet sie, als sie 2006 ohne Sicherheitskontrolle ins Kapitol eilen wollte. Ein Polizist hielt sie auf und wollte sie mit einem Metalldetektor untersuchen. Dabei dürfen Abgeordnete üblicherweise ohne Kontrolle passieren. Der Sicherheitsbeamte hatte McKinney jedoch nicht erkannt - woraufhin sie ihm öffentlich Diskriminierung vorwarf. Nachdem Parteifreunde sie dafür kritisierten, entschuldigte sie sich und nahm die Vorwürfe zurück.
Die Demokraten ließen sie fallen und nominierten McKinney nicht mehr als Abgeordnete. 2007 wechselte sie zu den Grünen, die sie ein Jahr später zur Präsidentschaftskandidatin nominierten. Ihr Programm richtet sich, wie auch bei Nader, gegen den Irak-Krieg und das Rettungspaket zur Finanzkrise. Als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin tritt die 36-jährige Journalistin Rosa Clemente an.
Charles O. Baldwin, Kritiker der US-Zentralbank
Sein größter Auftritt war die Rolle, die er in der Lewinsky-Affäre gespielt hat: Chuck Baldwin hat das Amtsenthebungsverfahren gegen den Ex-Präsidenten Bill Clinton maßgeblich vorangetrieben. Denn in Moralfragen ist der Gründer der Crossroad Baptist Church in Pensacola, Florida, sehr konservativ: Mit den Vorwürfen des Justizbetrugs und des Meineids versuchte er, Clinton zu stürzen - vergeblich.
Baldwin wechselte mehrmals die Seiten: Bis 1980 war er Demokrat und trat dann den Republikanern bei, wo er die Kandidatur Ronald Reagans unterstützte. Im Jahr 2000 kehrte er jedoch den Republikanern den Rücken - aus seiner Sicht war die Politik Bushs und die seiner Partei zu liberal. Baldwin trat noch im selben Jahr als Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten an, unter anderem für die "Constitution Party" (Verfassungspartei) und die Unabhängigkeitspartei Alaskas.
Amerika wie Deutschland 1933?
Die Anti-Terror-Gesetze nach dem 11. September 2001 lehnte er rigoros ab. Die Regierung habe an Macht gewonnen, indem sie die "Angst der Menschen ausgespielt hat", behauptete er. Auf einer Internet-Seite fragte Baldwin im Februar 2006: "Erleben wir gerade den Aufstieg des Vierten Reiches?" Er verglich die Begeisterung der Christen für Bush mit der der deutschen Kirchen für Hitler: "Offenbar hat Präsident Bush für viele Evangelikale die Aura eines amerikanischen Führers." Die Verfassungspartei nominierte Baldwin am 26. April 2008 als Präsidentschaftskandidaten.
Seine konservativen Ansichten verbreitet er in Zeitungen, Internet-Kolumnen und einer Radio-Talkshow: Der Vater dreier Kinder ist gegen Abtreibung und setzt sich vehement dafür ein, dass die Amerikaner weiterhin privat Waffen besitzen dürfen. Die Vereinten Nationen lehnt Baldwin ebenso ab wie den Einsatz im Irak. Frauen sollten seiner Meinung nach nicht in die Armee eintreten. Illegale Einwanderer will der Kandidat, der von der Polizei die "Nationale Medaille für Patriotismus" erhielt und in Florida Gefängnispfarrer ist, entweder abschieben oder einsperren.
Das von der Regierung durchgeboxte Bankenrettungspaket in Höhe von 700 Milliarden US-Dollar lehnt Baldwin ab - und empfiehlt, die verantwortlichen Banker für ihr Versagen ins Gefängnis zu stecken. Um die Finanzkrise zu lösen, will er die heiligsten Kühe der US-Wirtschaft schlachten: die amerikanische Zentralbank Federal Reserve, die Bundessteuerbehörde und die Einkommensteuer. Baldwin geht sogar noch weiter und fordert die Abschaffung des Papiergeldes - das Währungssystem solle wieder auf Gold und Silber basieren.
Bob Barr - vom CIA-Agenten zum Anwalt für Bürgerrechte
Nicht nur Baldwin, auch Robert L. Barr - genannt Bob - ist ein Abtrünniger: Zwischen 1995 und 2003 saß Barr noch als Republikaner für den Bundesstaat Georgia im Repräsentantenhaus. Der Bruch mit seiner Partei kam nach dem 11. September 2001: Barr kritisierte die Ausweitung des Überwachungsstaates und die zunehmenden Eingriffe in die Freiheit der Persönlichkeit scharf.
Ein radikaler Wandel: In den siebziger Jahren arbeitete Barr für den Geheimdienst CIA. Dass er noch 2001 für den "Patriot Act" stimmte - eine Gesetzesvorlage, die den Geheimdiensten weit reichende Befugnisse in der Terrorbekämpfung einräumte - bedauerte er später. Barr kämpfte ab sofort als Anwalt für Bürgerrechte, Abtreibung, Homo-Ehe, die Legalisierung von Drogen und den Schutz der Privatsphäre. Dafür adelte ihn die New York Times zum "Mr. Privacy".
Vielen Amerikanern ist Barr weniger durch seine politischen Thesen als durch seinen Auftritt in dem Film "Borat" bekannt: In der Parodie reist der kasachische Fernsehreporter Borat in die USA, trifft dort auf eine Schwulenparade und schüttelt Politikern die Hände - darunter auch die von Bob Barr.
Mauerbau zwischen Staat und Wirtschaft
Am 25. Mai 2008 wählte die "Libertarian Party" Barr zum Präsidentschaftskandidaten - und Wayne A. Root als seinen Vize. Das wichtigste Thema des 59-Jährigen ist die Wirtschaft: Er will die Ausgaben der Regierung für Wohlfahrt, Militär und Unternehmen drastisch verringern und Subventionen streichen. Der Steuerzahler solle entlastet und eine "Trennmauer" zwischen Staat und Wirtschaft aufgebaut werden. Als finanzielles und menschliches Fiasko empfindet Barr den Irak-Krieg - weshalb er einen sofortigen Rückzug der Truppen befürwortet.
Trotzdem ist er nicht grundsätzlich gegen den Gebrauch von Waffen: In den USA ist Barr Vorstandsmitglied der National Rifle Association, der größten US-Waffenlobby. Nach dem Schulmassaker von Littleton 1999 brachte er einen Gesetzentwurf durch das Repräsentantenhaus, mit dem der Verkauf von Schusswaffen auf öffentlichen Messen vereinfacht wurde.
Sozialisten, Alkoholhasser und Abtreibungsgegner
Nader, McKinney, Barr und Baldwin treten in den meisten Bundesstaaten an. Dagegen haben es viele weitere Kandidaten nur in einzelnen Bundesstaaten auf den Wahlzettel geschafft. Sie bewerben sich um das Amt des Präsidenten, weil sie Obama und McCain ablehnen. Manchen Konservativen sind die Republikaner zu weit links. Andere halten die Demokraten für nicht links genug.
Die konservativen Anhänger der "America's Independent Party" sind für den Schutz der traditionellen Familie und gegen Abtreibungen - Werte, die sie seit der Nominierung von McCain nicht mehr bei den Republikanern vertreten sehen. Deswegen schicken sie den ehemaligen Reagon-Diplomat und Ex-Radiomoderator Alan L. Keyes als Bewerber ins Präsidentenrennen. 1996 und 2000 hatte Keyes erfolglos versucht, Kandidat der Republikaner zu werden.
Gleich drei sozialistische Parteien schicken eigene Kandidaten ins Rennen. Für die "Party for Socialism and Liberation" tritt Gloria La Riva an, die oft nach Kuba reist und schon Reden in Havanna hielt. In ihrem Blog nennt sie die kubanischen Wahlen als Lehrstunde der Arbeiterdemokratie: "Obwohl US-Medien Kuba allgemein als Diktatur ohne freie Wahlen beschreiben, ist Kubas Wahlsystem tatsächlich ein höchst organisiertes und mitbestimmendes Parlamentssystem."
Über 50 aussichtslose Kandidaten
In Kuba hat sich auch Brian P. Moore umgesehen, besonders um das dortige Gesundheitssystem zu studieren. Er bewirbt sich als Präsident für die Sozialistische Partei der USA. Dritter Sozialist ist Roger Calero, der für die "Socialist Workers Party" antritt: "Wenn Preise steigen, sollen die Löhne in gleichem Umfang steigen. Bei hoher Arbeitslosigkeit sollten die Arbeitsstunden bei gleichem Lohn reduziert werden, um die Arbeit gleichmäßig zu verteilen."
Gene Amondson kämpft nicht gegen den Kapitalismus, sondern gegen den Alkohol. Er träumt immer noch von der glorreichen Zeit des amerikanischen Alkoholverbots. In diese "goldenen Jahre" möchte er zurück und tritt für die "Prohibition Party" als Präsidentschaftskandidat an.
Auch Charles Jay von der "Boston Tea Party" und Ted Weill von der "Reform Party" haben es in wenigen Bundesstaaten auf den Wahlzettel geschafft. Immerhin sind sie damit auf die Liste des Politikjunkies Ron Gunzburger gekommen, der auf "Politics1.com" im Internet die aussichtslosesten Kandidaten dieses Wahlkampfs aufführt. So nennt er 50 Bewerber für das Amt des Präsidenten, die in keinem Bundesstaat auf dem Wahlzettel stehen.
Das Weiße Haus werden sie wohl nur als Touristen zu sehen bekommen.