Baaders Erben - DER SPIEGEL
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FRANKREICH Baaders Erben

Der Mord an Renault-Chef Georges Besse stürzte Paris wieder in Terroristenpanik. *
• aus DER SPIEGEL 48/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die drei Neun-Millimeter-Kugeln trafen den Generaldirektor des Automobilgiganten Renault. Georges Besse, in die linke Schulter, über der linken Augenbraue und in die Brust. Frankreich trafen sie ins Mark. Denn: »Renault«, so das Magazin »L'Evenement du jeudi«, »das ist Frankreich.«

Die Ermordung »einer Nummer eins in Frankreich«, wie Staatspräsident Francois Mitterrand den Auto-Manager postum pries, hat den Franzosen schlagartig klargemacht: Sie führen einen Zwei-Fronten-Kampf gegen den Terrorismus.

Der eine gilt den nahöstlichen Attentätern, die mit einer Serie von Bombenanschlägen im September - 13 Menschen starben, 250 wurden verletzt - Paris in Schrecken versetzten; der andere den Killern der französischen »Action directe«, die mit deutschen, belgischen und italienischen Terroristen zusammenarbeiten.

Besonders geschockt reagierte Frankreich auf die Erkenntnis, daß in den Untergrundgruppen zunehmend Frauen dominieren. »Amazonen des Terrors« nennt sie die französische Presse. Denn es waren zwei Frauen zwischen 25 und 30, die Georges Besse mit kaltem Professionalismus umbrachten - sieben Augenzeugen beschrieben es fassungslos.

Am vergangenen Montag, kurz vor 20 Uhr, ließ sich Bessie, 58, wie gewohnt von seinem Fahrer gegenüber seiner Wohnung am Boulevard Edgar-Quinet Nr. 16 absetzen. Die etwa 50 Meter bis zur Haustür ging er zu Fuß.

Zwei junge Frauen nähern sich ihm, »Ist er das?« fragt die eine. Die andere: »Ja, ganz sicher.« Ein erster Pistolenschuß in die Schulter wirft Besse aufs Trottoir. Dort wird er mit zwei gezielten Kugeln in Kopf und Brust exekutiert. Die Terroristin ist zufrieden: »Gut so, gehen wir.« Einer schreckensstarren Passantin empfiehlt sie: »Du da, hau ab!«

Die Mordnachricht platzte in die abendlichen Fernsehnachrichten und warf Frankreich sofort in die Terroristenpanik vom September zurück. Premierminister Jacques Chirac. Verteidigungsminister Giraud, Sicherheitsminister Pandraud eilten an den Tatort - der Mord wurde zum Staatsereignis. Folgerichtig fand die Trauerfeier, wie für einen von Frankreichs Größten, am Freitag in Gegenwart des Präsidenten im Ehrenhof des Pariser Invalidendoms statt.

24 Stunden nach dem Mord bestätigte sich, was für die Pariser »Brigade criminelle« gleich festgestanden hatte: Verantwortlich ist Action directe. Ein Metro-Fahrgast fand an der Station Raspail ein Flugblatt mit dem typischen fünfzackigen Stern, mit dem auch die deutsche RAF signiert. Daß beide Terror-Gruppen ein ähnliches Symbol benutzen, unterstreicht die enge logistische und wohl auch personelle Zusammenarbeit der RAF mit der Action directe.

Innenminister Pasqua, in den letzten Wochen vor allem beschäftigt mit der Abwehr unerwünschter Immigranten, reagierte am Mittwoch mit derselben geschäftigen Hilflosigkeit, die er schon gegen die Nahost-Terroristen gezeigt hatte. Er appellierte an die Bevölkerung, bei der Fahndung zu helfen, und ließ - zum zweiten Mal - in ganz Frankreich Steckbriefe kleben. Eine Million Franc setzte er aus für die Ergreifung von zwei Veteraninnen der Action directe: Nathalie Menigon, 29, und Joelle Aubron, 27.

Dabei ist nicht sicher, ob wirklich diese beiden Frauen Besse erschossen haben. Fest steht nur, daß sie besonders gefährlich sind. Nathalie Menigon ist seit 1977 Gefährtin des flüchtigen Actiondirecte-Chefs Jean-Marc Rouillan.

Beide saßen schon im Gefängnis. Rouillan wurde aber nach dem sozialistischen Wahlsieg von 1981 amnestiert, Nathalie Menigon aus gesundheitlichen Gründen entlassen: Anlaß ständiger wütender Vorwürfe der Rechten gegen die Linke, Joelle Aubron ist Ehefrau von Regis Schleicher, der am 3. Dezember in Paris mit anderen wegen der Ermordung von zwei Polizisten 1983 vor Gericht stehen wird.

Nach etwa zwei Dutzend Anschlägen seit Anfang 1985 hat Action directe mit Georges Besse jetzt eine Galionsfigur der französischen Industrie ermordet.

26 Jahre lang war Besse einer der führenden Köpfe der zivilen Nuklearindustrie. Einen Ruf als ökonomischer Wunderheiler hatte er sich mit der Sanierung des 1982 verstaatlichten Buntmetallkonzerns Pechiney erworben. Zur Legende wurde Besse, als er - 1985 von den Sozialisten berufen, 1986 von der Rechtsregierung bestätigt - die »Regie Renault« mit einem Verlust von 12,5 Milliarden Franc aus 1984 übernahm und es schaffte, das Defizit in diesem Jahr auf nur fünf bis sechs Milliarden zu reduzieren. Für Ende 1987 hatte Besse erstmals seit 1980 wieder mit Gewinn gerechnet.

Obwohl der Renault-Chef auf einer von den Pariser Geheimdiensten erstellten Liste von 452 gefährdeten Personen stand, fühlte er sich nicht bedroht. Pünktlich wie seine Heimkehr am Mordabend lief auch sein Tagesplan ab. Sein R 25 war nicht gepanzert, der Fahrer unbewaffnet, Polizeischutz hatte der Mann mit der Rugbyspielerfigur stets abgelehnt.

Denn das Staatsunternehmen unter dem Rhombus-Zeichen ("Wenn Renault hustet, hat Frankreich die Grippe, heißt es im Volksmund) ist seit Generationen gleicherweise Symbol für Industrieleistung wie für gewerkschaftliche Macht, für Staatsdirigismus wie für sozialen Fortschritt. Vor wem und warum, so dachte Besse sollte er sich als erfolgreicher und sozial denkender »patron« fürchten?

Die Terroristen sahen es anders - kein Wunder, daß »Le Monde« in einem Leitartikel von der »schizophrenen Logik der Erben Baaders« sprach.

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