SCHULEN Bafög statt Pershing
In der integrierten Gesamtschule Hannover-Linden falteten die Schüler der achten Klasse im Kunstunterricht Kraniche aus Papier. Das Basteln von Papiervögeln, so erläuterte eine vom Lehrer verteilte Lernanweisung, sei 1945 für viele verseuchte Opfer der Hiroschima-Bombe »zu einer hoffnungserweckenden Tätigkeit« geworden, »um nicht in totale Lethargie und Resignation zu verfallen«.
Nebenan lasen Gleichaltrige einen Text über zivilen Ungehorsam in Indien. »Wie hieß eigentlich der, der Gandhi erschossen hat?« fragte ein Schüler den Sozialkundelehrer Maibaum; der mußte erst mal nachgucken.
Den Primanern in der Sekundarstufe II lieferte derweil Goethes Zauberlehrling, dem der Besen über den Kopf wächst, und Rilkes Gedicht vom Panther, der im Käfig hin und her geht, die aktuellen Bezüge: Rüstungsspirale und Ausweglosigkeit. »Man muß«, so der Lehrer, »auf möglichst breiten Wegen zur Friedensproblematik kommen.«
Es war kein Schultag wie jeder andere in der Bundesrepublik. In Klassenzimmern und auf Schulhöfen regte sich die Friedensbewegung: mal still und nachdenklich, wie in Hannover-Linden, mal krachend deutlich, wie in einem Duisburger Gymnasium, wo »Mohrenköpfe statt Raketen« aus einer eigens für physikalische Demonstrationen konstruierten Maschine flogen.
Schätzungsweise sechshunderttausend Schüler und Lehrer folgten dem Aufruf der Friedensbewegung und widmeten am Donnerstag dem Raketenthema Schulzeit - wenn sie nicht für den Frieden schwänzten und sich an Sit-ins, Blockaden, Demonstrationen oder Gebetsstunden beteiligten.
In Hamburg-Hoheluft blockierten Schüler für kurze Zeit den Verkehr, indem sie sich zu einem »Die-in« auf die Fahrbahn legten. An der Sophie-Scholl-Gesamtoberschule in Berlin-Schöneberg bildeten 60 Lehrer und 1000 Schüler eine »Friedenskette« zwischen zwei geschichtsträchtigen Objekten in Schulnähe: einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg direkt auf dem Schulgelände und dem Alliierten Kontrollratsgebäude um die Ecke. In schwarzen Kleidern, totenbleich geschminkt, erschienen Schüler in München zum Unterricht.
In Bremen blockierten mehr als zehntausend Jugendliche und Kinder die regionale Bundeswehrverwaltung. Vor dem Gebäude legten sie im Chor ein »Friedensgelöbnis« ab: »Ich gelobe, daß ich Zeit meines Lebens keinen anderen Menschen und kein anderes Volk auf Befehl als meinen Feind betrachte.« Wo Bundeskanzler Kohl zu Hause ist, in Ludwigshafen-Oggersheim, nahmen Eltern von Schülern an einem Friedensgottesdienst in der evangelischen Markuskirche teil. In Köln-Holweide hörten Siebtkläßler Großeltern zu, die vom letzten Weltkrieg berichteten und den schlimmen Folgen.
An der kaufmännischen Berufsschule in Gelsenkirchen stellten Pennäler mit Papier, Pappe und Plastik dar, wieviel Sprengstoff auf jeden Kopf der Bevölkerung entfällt. Bei einem »Bunkerlauf« in Hamburg lernten Schüler, daß bei einem Raketenangriff drei Minuten Vorwarnzeit mitnichten ausreichen, um im Sprint von der Schule in einen Schutzraum zu gelangen.
An Symbolik solcher Art war kein Mangel, und die vielen Transparente mit Texten wie »Bafög statt Pershing« oder »Schüler-Power gegen Raketenbauer« waren Beleg genug: den einen dafür, daß politische Agitation betrieben wurde, »unvereinbar mit dem Erziehungsauftrag der Schule« (so der Hamburger Elternbund), den anderen dafür, daß »der Frieden zu wichtig ist, als daß ihn die Schulen ignorieren könnten« (so ein Hamburger Lehrer).
Die vielen Friedensstunden, die in keinem Lehrplan standen, hatten Minister wie Parlamentarier und Elternvereine schon seit Wochen beunruhigt. Der konservative Philologenverband warf der Friedensbewegung vor, sie trage »Krieg in die Klassenzimmer«. Bonns _(Bei einem »Die-in« am Donnerstag ) _(vergangener Woche in Hamburg-Hoheluft. )
Bildungs-Staatssekretär Anton Pfeifer (CDU) befürchtete, die Schulen könnten »als Basis für politische Agitation mißbraucht« werden. Und der Hamburger Unionsvorsitzende Jürgen Echternach bedachte die Funktionäre von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die zu diesem Friedenstag aufgerufen hatten, mit dem Spruch: »Es ist ein unvertretbares und unverantwortliches Verbrechen, so mit den Kindern umzugehen.«
Am liebsten hätten Christdemokraten den Friedenstag gleich ganz untersagt. Es müsse verhindert werden, forderte der bayrische Kultusminister Hans Maier (CSU), daß »Schulen und Schüler als Reservoir zur Gewinnung von Demonstranten benutzt werden«. Maiers baden-württembergischer Kollege Gerhard Mayer-Vorfelder verwies darauf, daß besondere »Projekt- und Studientage« während der Unterrichtszeit verboten seien. Der rheinlandpfälzische Kultusminister Georg Gölter (CDU) untersagte sogar die Teilnahme an ökumenischen Friedensgottesdiensten, die Schulleiter und Pfarrer schon verabredet hatten.
Sozialdemokratische Bildungspolitiker nahmen den Friedenstag gelassener. Sie verwiesen, wie der Hamburger Senator Joist Grolle, darauf, daß »verstärkter Friedensunterricht natürlich zu begrüßen« sei, hatten keine Einwände gegen Friedensgottesdienste während der Unterrichtszeit und überließen die Entscheidung über die Ausgestaltung des Projekttages den Schulleitern.
In Hessen und Bremen ließen sich die Kultusminister Hans Krollmann und Horst-Werner Franke sogar einfallen, was die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« ("FAZ") eine »Kriegslist« nannte. Um Lehrer und Schüler, die für den Frieden schwänzten, nicht hinterher bestrafen zu müssen, verlangten die Minister, der ausgefallene Unterricht solle nachgeholt werden.
Friedenserziehung im Klassenzimmer - unstrittig zwischen Union und SPD ist da gerade noch, daß »die Erziehung zum Frieden ein vorrangiges Bildungsziel ist«, so der Baden-Württemberger Mayer-Vorfelder. Doch der parteiübergreifende Konsens, den noch 1980 der damalige sozialdemokratische Verteidigungsminister Hans Apel formulierte ("An den Schulen muß deutlich gemacht werden, daß unverzichtbare Voraussetzung für die Friedenssicherung das Gleichgewicht der militärischen Kräfte ist und der Dienst in der Bundeswehr Friedensdienst bedeutet"), ist dahin.
Unter dem Eindruck der absehbaren Stationierung neuer Atomraketen wandelte sich die Ansicht der Sozialdemokraten zur Friedenserziehung so stark, daß sie sich im Frühjahr nicht mit der Union über bundeseinheitliche Unterrichtslinien zur Friedenserziehung einigen konnten (SPIEGEL 13/1983). »Wir haben«, beschreibt Hamburgs Bildungssenator Grolle den veränderten Kurs der Genossen, »unsere Schüler nicht für wie immer definierte Verteidigungsinteressen zu erziehen«. Vielmehr: _____« Es ist an der Zeit, daß wir uns dem zum tödlichen » _____« Widersinn erstarrten Sicherheitswahn unserer Politiker » _____« verweigern. Wir haben uns lange genug Mut zum Sterben » _____« einreden lassen, es ist an der Zeit, Mut zum Leben zu » _____« beweisen. »
Grolles Ansicht deckt sich mit den Positionen der GEW, deren Vorsitzender Dieter Wunder die Lehrer aufforderte, »ungeachtet aller kultusministerieller Vorgaben« die westdeutsche »Friedenswoche« und die »Abrüstungswoche« der Vereinten Nationen in den Schulen zu begehen. Wunder: »Leitvorstellung für die Erziehung zum Frieden ist die Ächtung des Krieges in jedweder Form. In dieser Absicht darf sich kein Lehrer beirren lassen.«
In einem Punkt freilich waren sich Unionspolitiker und Sozialdemokraten einig: In seltener Eintracht wiesen die Kultusminister jeder Couleur Begehr auf _(Am Donnerstag vergangener Woche. )
Unterrichtsbefreiung zurück - immer unter Verweis auf Verordnungen und Erlasse, auf die gesetzliche Schulpflicht und das Gebot parteipolitischer Neutralität für Lehrer.
Dabei halten sie es sonst ganz schön locker mit der Schulpflicht. Sie verordnen ohne weiteres und hier wie da Schulfreiheit, wenn der Papst durchs Land reist, die Queen kommt, es im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt ist oder die Jugend-Nationalmannschaft Fußball spielt. Als Ende September Nato-Truppen ins Herbstmanöver rückten, fiel am Niederrhein gleich vier Tage lang die Schule aus - zu viele Militärfahrzeuge auf den Schulwegen.
Protest gegen Raketen wurde anders qualifiziert. Schüler, die für den Frieden schwänzten, mußten mit Nachsitzen, Strafarbeiten, Klassenbuch-Eintragungen oder gar Schulverweisen rechnen. Lehrern drohten die Minister mit Disziplinarordnungen, nach denen, je nach Verstoß, Gehaltskürzungen, Versetzungen oder Entlassungen ausgesprochen werden können.
Es nutzte nichts. Sechs Wochen vor der möglichen Stationierung neuer Atomwaffen in Westdeutschland waren die Schulen nicht mehr von einem Konflikt freizuhalten, der allerorten die Bürger bewegte und die größte außerparlamentarische Opposition seit Gründung der Bundesrepublik gezeugt hatte.
Und gewiß schlugen die Emotionen auch auf die Schulen durch. »Da geht es Lehrer gegen Lehrer und Schüler sowie Schüler gegen Lehrer und Schüler«, wußte NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn zu berichten, und die »FAZ« zitierte vergangene Woche einen Bad Homburger Studienrat, »das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Meinungen habe eine Polarisierung und eine Emotionalisierung bei den Kollegen zur Folge gehabt wie selten zuvor« - »gegenseitige Verketzerungen und verbale Beleidigungen«.
Kultusminister Girgensohn beklagte zudem »eine Indoktrinationswelle gegenüber denen, die nicht an der Demonstration am 22. Oktober in Bonn teilnehmen wollten«. Andererseits sei versucht worden, »das Recht auf eine Gewissensentscheidung der Schüler und Eltern einzuschränken«. So seien für diesen Tag Klausuren mit dem Hinweis festgelegt worden, daß sie nicht mehr nachgeschrieben werden könnten; von Schülern würden schon bei eintägigem Fehlen ärztliche Atteste verlangt.
Um die Gebote und Verbote der Kultusministerien zu unterlaufen, hatten Gewerkschafter ihren Kollegen listige Vorschläge zur Gestaltung des Friedenstages unterbreitet. In einem Brief an baden-württembergische Vertrauenslehrer schrieb die GEW: _____« Mehrere Kollegen diskutieren lautstark auf dem » _____« Pausenhof, sich zufällig um sie sammelnde Schüler können » _____« sie ja kaum wegschicken ... Von unbekannter Hand wird ein » _____« Plakat mit der Aufschrift »Schweigen » _____« für den Frieden« aufgestellt oder auf den Boden » _____« gelegt, Lehrer stellen sich dazu und schweigen; an » _____« Schüler werden selbstgebackene Friedenstauben verschenkt; » _____« eine Gruppe von Lehrern, die keine Aufsicht haben, singt » _____« auf dem Pausenhof Friedenslieder oder andere Lieder (zum » _____« Beispiel: »Die Gedanken sind frei"). »
Manche Schuldirektoren, die Friedens-Demos während der Schulzeit nicht so schätzen, ließen sich auch etwas einfallen. Um ihre Schüler in den Klassenräumen zu halten, schlossen Schulleiter beispielsweise in Berlin, Osnabrück und München die Schulen ab. So kletterten Schüler gelegentlich aus den Fenstern, um sich Demonstrationszügen anzuschließen, andere, etwa Mädchen des Sophie-Scholl-Gymnasiums in München, riefen von drinnen: »Wir sind eingesperrt, aber trotzdem für den Frieden.«
So vielfältig die Aktionen von Schülern und Lehrern auch waren, eines war allen gemein - keine Krawalle, keine Gewaltaktionen. Daß, etwa in Berlin, Schulwände mit Parolen besprüht ("Amis raus aus Berlin") oder vorübergehend Straßen blockiert wurden, machte, neben dem Schwänzen, die schwersten Regelverstöße aus.
Fast überall gab es lediglich Intensivkurse in Staatsbürgerkunde, wenn auch auf besondere Art. Bundeswehrsoldaten diskutierten mit Friedensbewegten, Schüler interpretierten Gedichte und Prosatexte oder schauten sich den Antikriegsfilm »Die Brücke« an.
Auch in konservativen Schulen wurde das Thema keineswegs ignoriert; dafür ist das 700 Jahre alte Ratsgymnasium zu Hannover Beispiel. Dort, wo 550 Schüler noch Griechisch und Latein lernen, hatte der Direktor und Altphilologe Heinz Papenhoff die Gestaltung des besonderen Tages der Schülerselbstverwaltung überlassen. »Von oben gab es keine Beanstandung«, freut er sich, »wir hätten da was gehört, da der Sohn vom Oberschulrat auf unsere Schule geht.«
Genehmigt hatte Papenhoff, von 8.15 bis 10 Uhr, »Informationen und Diskussionen in den einzelnen Klassen«, anschließend Gruppensingen in der Schulhalle, darunter auch Lieder des linken Barden Franz Josef Degenhardt. Papenhoff: »Ich habe die Texte gelesen. Nichts zu beanstanden.«
Nichts zu beanstanden hatte der Direktor auch an der »Schweigestunde im Nadelarbeitsraum«. In dem kahlen Zimmer flackerten 10 Kerzen, drei Schüler saßen davor. Zwei starrten in die Flammen, einer schlief.
In der Turnhalle versuchten derweil Schüler, Spiele ohne Sieger zu spielen - schwierig, da keiner so recht wußte, wie so etwas geht. Als Papenhoff über den Schulhof ging, war er erleichtert. »Das läuft ja alles störungsfrei.«
Entsprechend sanft und ganz anders, als sie es zuvor angedroht hatten, reagierten denn auch die meisten Kultusminister nach diesem Donnerstag. In Schleswig-Holstein, wo Schüler während des Unterrichts beispielsweise Soldatengräber besucht oder Bürger interviewt hatten ("Halten Sie es für möglich, daß es jemals wieder einen Krieg in Deutschland geben wird?"), ließ Kultusminister Peter Bendixen (CDU) verlautbaren, ihm sei nichts Verbotenes zu Ohren gekommen.
Bendixens rheinland-pfälzischer Parteifreund und Kollege Gölter störte sich nun nicht mehr daran, daß Schüler, trotz seines Verbots, Gottesdienste besucht hatten: »Uns sind keine gravierenden Fälle von Disziplinarverstößen bekannt geworden.« Und selbst wenn ihm noch etwas zugetragen werden sollte, wissen Mainzer Ministeriale, will der Christdemokrat stillhalten.
Sogar in Baden-Württemberg übte das Kultusministerium Zurückhaltung. Nirgendwo im Land habe ein Lehrer verbotene Friedensaktionen »ausgelöst, veranstaltet oder angeführt«.
Mit Konsequenzen müssen dagegen Schüler und Lehrer in Berlin und Bayern rechnen. In der Halbstadt, wo Tausende Lehrer statt in den Schulen auf den Straßen ihr Lehramt versahen, blieb Bildungssenatorin Hanna-Renate Laurien (CDU) hart: »Es kann nicht folgenlos bleiben, wenn man seinen Dienst unterbricht und zum Meinungsstreik aufruft. Es kann auch nicht folgenlos bleiben, wenn Lehrer sogar Grundschüler aufgefordert haben, mit ihnen Menschenketten zu bilden.«
Und in München hängt die Bestrafung von Schülern davon ab, in welcher Schule sie für den Frieden gelernt haben. Die Besucher von Lehranstalten unter Landesregie müssen mit Verweisen rechnen; in kommunalen Schulen bleiben die Friedens-Eleven ungeschoren.
Bei einem »Die-in« am Donnerstag vergangener Woche inHamburg-Hoheluft.Am Donnerstag vergangener Woche.