CDU Baggern an der Basis
Eingeklemmt zwischen zwei lokalen Größen saß Angela Merkel am vergangenen Dienstag leicht unbehaglich auf dem Podium im Konferenzsaal des Bremer Holiday-Inn-Hotels und schaute skeptisch in die Gesichter von 200 Zuschauern: rechts CDU-Landeschef Bernd Neumann, ein noch immer glühender Kohl-Verehrer, links Finanzsenator Hartmut Perschau, ein alter Rühe-Freund.
Hier in Bremen hatten sie den ehemaligen Ehrenvorsitzenden, den Rechtsbrecher Helmut Kohl, vor 4000 ergriffenen Parteimitgliedern beim Neujahrsempfang ein letztes Mal hochleben lassen.
Feindliches Gelände, Anspannung in Angela Merkels Miene, doch Beklommenheit war unnötig. Die Traditionalisten von der Weser jubelten zwar nicht wie anderswo »Angie, Angie«. Aber sie beklatschten höflich jene Frau, die der Partei den Abschied von ihrem Helden Helmut abverlangt.
Wo immer Angela Merkel sich in diesen Tagen auf Regionalkonferenzen den Parteimitgliedern stellt: Applaus ist ihr sicher. Verkehrte CDU-Welt: So kritiklos das Fußvolk früher den Patriarchen Kohl angehimmelt hat, so reflexhaft bejubeln jetzt viele Merkel als weibliches Anti-Modell. Ausgerechnet sie dient der orientierungslosen Basis als Ersatz-Kohl. Nur verläuft alles mit überhöhter Geschwindigkeit: Lange wurde Merkel unterschätzt, nun kann sie sich vor Lob kaum retten.
Die plötzliche Popularität könnte zur Last werden. Teile der CDU verfolgen den anscheinend unaufhaltsamen Siegeszug von Kohls einstigem »Mädchen« mit wachsender Unruhe. Neider giften: »wie die heilige Johanna der Schlachthöfe«.
Offen sollte der Prozess der Neuorientierung sein, haben die Berliner Parteioberen verfügt. Langsam wird ihnen die Offenheit allerdings unheimlich. Denn die Regionalkonferenzen, bei denen die verstörte Partei eigentlich nur Dampf ablassen sollte, entwickeln sich zu heimlichen Vorwahlen für den Parteivorsitz. Auf einmal scheint wirklich alles möglich, sogar eine Frau als Parteichefin. Das Old-Boys-Network der CDU wird von Angst befallen.
Als Merkels schärfster Konkurrent galt vergangene Woche der frühere Verteidigungsminister Volker Rühe, der sich nach der verlorenen Wahl in Schleswig-Holstein von Deichen, Fischkuttern und Güllegruben verabschiedete und in Berlin auf Woh-
nungssuche ging. Mit dem Satz »Ab sofort bin ich wieder Bundespolitiker« kündigte Rühe an, dass er wieder richtig mitmischen will. Einen Job hat er schon. Am Dienstag wählten die Unionsabgeordneten den Ex-Minister mit knapp 80 Prozent zum Fraktionsvize für das Thema Außenpolitik.
Riefe ihn die Partei, würde er auch als Parteichef antreten. Doch Rühe weiß selbst, dass das unwahrscheinlich ist. Er hat nie einen Landesverband oder eine Parteiorganisation geführt, nicht mal die Junge Union. Der Generalsekretärsposten war sein erstes und einziges Parteiamt.
Ohnehin ist Rühe keine Alternative zu Merkel. Zwar brüstet sich der Hanseat mit dem Raufbold-Image, ist der Traditions-CDU aber so suspekt wie die Ossi-Frau: Beide kommen aus dem Norden, beide sind evangelisch, beide gelten als liberal.
Tatsächlich ist der gefährlichste Gegner der populären Generalsekretärin derzeit die Leerstelle, die Manfred Kanther hinterließ - ihr fehlt die Bindekraft für einen großen Teil der Law-and-Order-Unionswählerschaft. Allein dem Hessen Roland Koch, 41, wird zugetraut, dass er den rechten Flügel binden kann. Doch der ist als Alternative zu Merkel wegen der Lügen bis auf weiteres verhindert. Nicht mal als Stellvertreter kommt er nach Einschätzung von Parteifreunden derzeit in Frage.
Vor allem CSU-Chef Edmund Stoiber befürchtet, dass das süddeutsch-konservative Element in der Union heimatlos werden könnte. Allein könne die CSU den rechten Part nicht übernehmen, warnte der Bayern-Premier intern. Damit werde die »bayerische Volkspartei« überfordert. Stoiber selbst käme als CSU-übergreifende Identifikationsfigur für die konservativen Wählerschichten allenfalls in zwei Jahren als Kanzlerkandidat in Frage.
Aber wer hält den Laden bis dahin zusammen? Selbst Anhänger Merkels stellen sich gelegentlich die Frage, ob ihre Favoritin »eigentlich zum Marken-Kern der Union gehört«. Und dass nicht alle, die sich für sie begeistern, die CDU auch wählen würden, hält die konservative Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann für ausgemacht.
Beim Baggern an der Basis leiht sich Merkel sogar das Vokabular von Altkanzler Kohl, um Bedenken zu zerstreuen. Ein »indonesisches Hausboot« sei die Union, mit einem Hauptschiff und vielen kleinen Beibooten, ohne die der große Kahn kentern würde. Die Botschaft ist klar. Niemand soll fürchten, dass unter ihrer Führung das konservative Traditionsgut abgeworfen würde.
Merkels Unterstützer in der CDU - der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan und der niedersächsische CDU-Chef Christian Wulff etwa - wissen längst, dass ihre Kandidatin nur als Teil einer Mannschaft Akzeptanz finden kann. Das innere Gleichgewicht zwischen Jung und Alt, rechts und links, Nord und Süd muss garantiert werden.
Konservatives »Backup« könnten die Parteivize oder eine Art Ältestenbeirat bringen. Senioren wie die Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, Kurt Biedenkopf und Erwin Teufel könnten als Stabilisatoren dienen.
Auch um Zeit zu gewinnen, halten Merkels Gegner an der Idee eines Übergangskandidaten fest. Nun soll - weil der thüringische Ministerpräsident Vogel als verbraucht gilt - Kohls Erzfeind Biedenkopf, 70, auf den Schild gehoben werden.
Für ihn sprachen sich vergangene Woche öffentlich der baden-württembergische Ministerpräsident Teufel und der rheinlandpfälzische Fraktionschef Christoph Böhr aus. Bereits vor der Wahl in Schleswig-Holstein sollen sich der neue Fraktionschef Friedrich Merz, Rühe, Biedenkopf und CSU-Chef Stoiber im Lübecker Ratskeller auf diese Lösung verständigt haben. Auch Wolfgang Schäuble, beobachteten Parteifreunde, »ackert auf der Bieko-Schiene«.
Doch soll Biedenkopf nicht mehr als Übergangskandidat empfohlen werden. Er würde unter dem Etikett »Regionalisierung« und »Stärkung der Länder« laufen. »König Kurt«, so glauben seine Befürworter, böte eine Projektionsfläche für ein breites Spektrum an Hoffnungen und Wünschen.
Die Ministerpräsidenten sähen die Ländermacht gestärkt. Die Alten bräuchten sich nicht ausgegrenzt zu fühlen. Die Jungen und Mittelalten könnten erwarten, in kurzer Zeit selbst ans Ruder zu kommen. Die Modernisierer könnten darauf hoffen, dass es dem Querdenker gelingt, einen programmatischen Neuanfang zu organisieren. Und den Traditionalisten bliebe wenigstens ein vertrautes männliches Gesicht.
Bis zum Parteitag am 10. April bleibt das Rennen offen. Eigentlich wollten Präsidium und Bundesvorstand am 20. März eine Entscheidung fällen, doch nicht einmal das ist derzeit sicher. Sollte es mehrere Kandidaten geben, werde der Bundesvorstand »das nicht verhindern«, kündigte Noch-Parteichef Schäuble an. Denkbar seien sowohl eine Kampfkandidatur zwischen mehreren Bewerbern als auch eine Mitgliederbefragung.
Dagegen hat Schatzmeister Matthias Wissmann Bedenken angemeldet: Auf die ohnehin finanziell ruinierte CDU kämen Kosten von rund 1,5 Millionen Mark zu.
So werden am Ende wohl die 1001 Delegierten des Parteitags entscheiden - derzeit größter Unsicherheitsfaktor im Spiel um die Macht. Denn sie repräsentieren weder die Führung noch die Basis. Die großen Landesverbände halten sich mit Sympathiebekundungen für diesen oder jenen Kandidaten bislang zurück.
Merkels Freunde in der Partei vertrauen darauf, dass die Regionalkonferenzen in Kaiserslautern, Stuttgart, Berlin und Eisenach die Delegierten vor vollendete Tatsachen stellen. »Wir können nicht sagen, wir fragen die Basis, um am Ende jemand anderen zu wählen«, sagt ein Präsidiumsmitglied.
Viel hängt davon ab, wie sich Jürgen Rüttgers als Vorsitzender des größten Landesverbands entscheidet. Einen Monat vor der wichtigen Wahl an Rhein und Ruhr kann ihm der Parteitag kaum etwas abschlagen.
Rüttgers'' Spielraum ist eingeschränkt. Bei der Regionalkonferenz in Recklinghausen vorige Woche empfingen die 900 CDU-Mitglieder Merkel mit hymnischen Sprechchören. Ausgerechnet der CDU-Vorsitzende aus Bergheim im Erftkreis, Rüttgers'' Wahlbezirk, flehte die ostdeutsche Pastorentochter an: »Frau Merkel, es spricht alles für Sie - bitte treten Sie an!« TINA HILDEBRANDT, HANS MICHAEL KLOTH
* Am vergangenen Montag in Recklinghausen.* Mit Ehefrau Ingrid nach seinem Wahlsieg am 19. September1999.