OBERLÄNDER Baustein oder Dynamit
Noch oft wird man die Lanze werfen,
Doch da hat Theo ruh''ge Nerven.
Er wird noch von sich reden machen
Und manchen harten Kampf entfachen ...
Diese Knittelverse schrieb ahnungsvoll eine kleine Münchner Sekretärin, genannt »Stachelschwein«, ihrem nach Bonn versetzten Chef zum Abschied ins Stammbuch.
Der Chef, ein Mann, der selbst den sportlichen Speerwurf liebt, wirkt äußerlich wie ein kommandogewohnter Gutsherr aus Stallupönen. Er sitzt seit dem 20. Oktober vergangenen Jahres, seit der Bildung des zweiten Adenauer-Kabinetts, im Sattel des Ministeriums an der Bonner Husarenstraße 30, das seit 1. April den Langnamen »Ministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte« führt.
Dieser neue Flüchtlingsminister, Professor Dr. Dr. Theodor Oberländer, 48, hat in den letzten Wochen die politischen Lanzen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf sich gezogen. Kaum war Bundeskanzler Adenauer von seiner Reise in das Land der Griechen zurückgekehrt, da überfielen ihn seine CDU/CSU-Fraktionskollegen mit einer heftigen Beschwerde über den geharnischten Oberländer.
Adenauer mußte sich anhören, daß sein Flüchtlingsminister das ihm anvertraute Ministerium mit breiten Ellbogen rigoros umkremple. Oberländer habe bewährte Mitarbeiter entlassen und dafür »frühere Nationalsozialisten von hohen Graden« auf Schlüsselpositionen gesetzt.
Dieses Revirement lief parallel mit der ohnehin vorgesehenen Ausweitung der Kompetenzen des Ministeriums an der Husarenstraße. In Oberländers Zuständigkeit fallen jetzt:
* 8,45 Mill. Vertriebene,
* 2,15 Mill. Zugewanderte und Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone,
* rund 8 Mill. geschätzte einheimische Kriegssachgeschädigte,
* 300 000 Evakuierte.
Die Machtausweitung (auf die Ausgebombten) war im vergangenen September, während der damaligen Koalitionsverhandlungen, die Hauptbedingung für das Einschwenken des »Gesamtdeutschen Blocks/BHE"*) in Adenauers EVG-bejahende Koalitionsfront. Haupttreiber dieses Engagements der Flüchtlingspartei in Bonn war BHE-Chef Waldemar Kraft, während Oberländer zu den Verträgen noch kurz vorher erklärt hatte: »In ihrer jetzigen Form untragbar ... Wir wollen schon Vorposten des Abendlandes gegen den Bolschewismus sein, aber nicht solche des Westens gegen den Osten. Deutschland wird immer die Brücke zwischen Ost und West darstellen, und zu einem Rapallo mit den Völkern des Ostens - nach ihrer Befreiung vom Sowjetregime - sagen wir ''ja'', lieber heute als morgen.«
Aber schließlich ließ sich auch Oberländer umstimmen, nachdem Konrad Adenauer in einer internen Unterredung mit den vier BHE-Aposteln (BHE-Chef Kraft, seiner Adjutantin Eva Gräfin von Finckenstein, dem jetzigen BHE-Fraktionsführer Haasler und Oberländer) sein Kompensationsangebot für die Bindung der Flüchtlingspartei an die Regierungskoalition präsentiert hatte. Die 27 BHE-Abgeordneten im Bundestag, die er dringend für die erstrebte verfassungsändernde Mehrheit braucht, waren dem Kanzler zwei Ministerposten wert.
Bei dem Feilschen kam schließlich so viel heraus, daß BHE-Chef Kraft Sonderminister und Oberländer Vertriebenenminister wurde. (Kraft trat aus gesundheitlichen Gründen - er leidet seit vier Jahren zunehmend an Kreislaufstörungen -
*) Der »Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten« (BHE) taufte sich vor der letzten Bundestagswahl in »Gesamtdeutscher Block/BHE« um, ohne eine echte gesamtdeutsche Konzeption zu entwickeln. Die Flüchtlingspartei führt jetzt Preußenadler und Brandenburger Tor als Emblem. und weil er sich als Minister ohne Portefeuille mehr der Parteiarbeit widmen möchte, das bedeutendere Ministerium an den vitaleren Oberländer ab.)
Mit diesem Eintritt in die Bundesregierung bog sich das ohnehin recht schwache Rückgrat der an sich zu echter sozialer Opposition berufenen Flüchtlingspartei noch mehr durch. Der Kanzler aber hatte seine Zwei-Drittel-Mehrheit in der Tasche.
Immerhin handelte Oberländer noch einige Konzessionen ein, die er jetzt mit schroffer Hartnäckigkeit verteidigt. Adenauer mußte ihm nicht nur die Kompetenzausweitung des bestehenden Flüchtlingsministeriums zugestehen, sondern auch einige Reformpläne und, soweit sich das als notwendig erweise, eine personelle Umbesetzung des Ministeriums.
Daraufhin setzte sich der politische Professor so forsch aufs hohe Pferd, daß Adenauers Bundestagsfraktion sich sehr bald in der Manege die Augen rieb. CDU-Veteranen aus der Amtsperiode des ersten Bundesflüchtlingsministers Lukaschek wurden unruhig, als zwei leitende Angestellte die Kündigung bekamen und sechs neue Beamte - größtenteils aus Oberländers Bekanntenkreis - im Ministerium an der Bonner Husarenstraße einzogen. Heimlich zirkulierten dort anonyme Protestschreiben gegen Oberländers Personalpolitik.
Hatte Adenauer schon darüber hinweggesehen, daß sein neuer Flüchtlingsminister einmal SA-Hauptsturmführer und Gauamtsleiter der NSDAP war, so wollten die CDU/CSU-Fraktionskollegen aber keineswegs tolerieren, daß Adenauers BHE-Erwerbung einen früheren Reichspropaganda-Redner und Träger des goldenen Parteiabzeichens der NSDAP, den ehemaligen NSV - Gauamtsleiter Venzki, neben einigen anderen NS-verdächtigen Leuten in sein Ministerium holte. Hinzu kamen gewisse Differenzen mit dem von der CDU gestellten Staatssekretär Dr. Peter-Paul Nahm.
Nachdem die CDU/CSU-Fraktion in einer internen Sitzung bereits den Rücktritt Oberländers gefordert hatte, goß Kanzler Adenauer nach seiner Rückkehr vom Balkan Olivenöl auf die Wogen. Oberländer wurde gebeten, sich zu seinen personellen Änderungen im Ministerium zu erklären.
Der Minister schilderte - an Hand von Unterlagen - Mißstände, die er nach der Amtsübernahme im Vertriebenenministerium angetroffen habe. Darüber habe er schon wenige Tage nach seinem Amtsantritt den Bundeskanzler unterrichtet.
In einer interfraktionellen Besprechung der Regierungsparteien wurde Oberländer noch deutlicher. Teilnehmer mußten den Eindruck gewinnen, als habe sich Oberländers Vorgänger, der konziliante, aber weichere Minister a. D. Lukaschek, mit Mitarbeitern umgeben, die unter den Trottel-Paragraphen fallen.
Der neue Flüchtlings-Minister, der den alten Lukaschek vor allem durch mehr Ehrgeiz und Initiative überragt, verteidigte seine Neueinstellungen so temperamentvoll, daß auch der vom stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Johannes Kunze eingeholte Personal-Test aufweichte.
Immerhin war jedoch Oberländer schon vor den Bundestagswahlen mit der Idee hervorgetreten, den ehemaligen General der Waffen-SS Felix Steiner ausgerechnet im Wahlkreis Nürnberg als BHE-Kandidaten aufzustellen. Erst nach längerem Zureden habe er eingesehen, daß Steiners Weg in die Politik im Ausland sehr böse aufgenommen werden würde, kritisierten Oberländers BHE-Freunde in München seine »starre, manchmal undiplomatische Haltung«.
»Frack oder Smoking passen auch gar nicht zu meinem Mann«, bestätigt sogar Ehefrau Erika Oberländer, die einmal seine Sekretärin war, bevor sie 1935 in der Schloßkapelle von Rominten dem politischen Professor angetraut wurde. Gesellschaftliche Verpflichtungen sind dem robusten Mann ein Greuel. Auf konventionellen Parties sitzt er steif hinter dem Cocktailglas. »Viel lieber steigt er in die Berge«, sagt Frau Erika Oberländer, »aber seine Wanderungen arten immer in regelrechte Gebirgsjägerübungen aus.«
Solcher Kraftüberhang beruht offensichtlich auf Rudimenten, die mit Oberländers Passionen als Globetrotter und »Ostlandreiter« zusammenhängen. Er durchforschte mit Vorliebe die historischen Gefilde der preußischen Ordensritter und der Ostgoten.
Dabei ist der ehrgeizige, agile Mann, der heute durch die westdeutschen Bundesländer fährt, um längst überfällige Barackenlager aufzulösen und Neuland für Flüchtlingsbauern aufzuspüren, kein Kind der ostdeutschen Weite oder der kahlen Steppe, sondern vielmehr des lieblichen »Grünen Herzens«. Im thüringischen Meiningen besuchte der Sohn des Geheimen Regierungsrates Oskar Oberländer das humanistische Gymnasium.
Danach präparierte er sich als Gutseleve praktisch auf das landwirtschaftliche Fachstudium. Im Frühjahr 1928 wagte der Agrar-Student von Ostpreußen aus seinen ersten Abstecher nach Osteuropa. Er ließ sich von der Deutsch-Russischen Saatbau AG (Drusag) anwerben, die damals in der Sowjet-Union gutgehende Konzessionsbetriebe unterhielt.
Bald darauf brach in Rußland die große Agrar-Revolution aus. Die Getreidekäufe der Sowjetregierung bei den Bauern waren im Januar 1928 um zwei Millionen Tonnen hinter dem Minimum zurückgeblieben. In den Großstädten herrschte Hungersnot.
Stalins Politbüro ordnete »Notstandsmaßnahmen« an, die schließlich - mit der
Verkündung des ersten Fünfjahresplans - zur Enteignung des bäuerlichen Privatbesitzes führten und die hemmungslose Kulaken-Jagd entfesselten. Im Schatten dieses Umbruchs nahm die Drusag den Kampf gegen den Hunger auf. Auf den überdimensionalen Saatzuchtschlägen reiften die Super-Eliten, die den ersten Kolchosen trächtiges Saatgut - Weizen, Mais und Sojabohnen - lieferten.
Nebenher Iernte Oberländer, der 23jährige Konzessionsangestellte, zum erstenmal die fruchtbaren Gebiete am Kuban kennen. Es gab damals für Ausländer im Sowjet-Dienst kaum Reisebeschränkungen. Seinen Rubel-Sold legte Oberländer hauptsächlich in Fahrkarten an. »Man konnte sich sonst doch nur Papyrossis oder Rotwein kaufen. Ich war mehr für Reisen.«
Als er im Oktober 1928 nach Deutschland zurückkehrte, bestand er seinen Dr. agr. und - eineinhalb Jahre später, nach dem Studium der National-Ökonomie an der Universität Königsberg - auch den Dr. rer. pol. mit einer Dissertation über »Die Landflucht in Deutschland«. Dieses Problem bewegt ihn heute noch genau so: »In Westdeutschland wandern heute jährlich 350 000 Menschen vom landwirtschaftlichen Beruf und vom Land ab; das sind Tag für Tag etwa 1000 Menschen.«
Der inzwischen zum Wahl-Ostpreußen gewordene Thüringer fuhr häufig über die blutende Grenze nach Polen, Litauen und in die baltischen Länder. Dann packte ihn wieder der Nomadentrieb. Er startete 1930, zusammen mit dem ältesten Sohn des ehemaligen Reichsjustizministers Erich Koch-Weser, zu einer zweijährigen Weltreise, die ihn zunächst ins Wolgabecken und nach Zentral-Sibirien führte. Sein Studien-Thema lautete: Rationalisierungsmethoden des Ackerbaus.
Die Funktionäre der Gebiets-Komitees zeigten den Deutschen nicht nur die ersten Großkolchosen, sondern führten sie auch auf die Schlachtfelder der industriellen Großbauten bei Nowo-Sibirsk, wo ausgemergelte Muschiks nach dem Text eines Antreiber-Liedes in die Hände spuckten, das sich auf deutsch etwa so anhörte:
Flieg vorwärts, Lok, beeil'' Dich schon,
Befleck nicht unsere Ehre,
Kommune heißt die Endstation -
Festhalten die Gewehre.
Von »Sib-Chikago« ("das sibirische Chikago«, so nennen die Sowjets Nowo-Sibirsk wegen seines rapiden Wachstums) reisten Oberländer und sein Begleiter über den Jenissej, die Taiga entlang, an Irkutsk und dem Baikalsee vorbei, nach China zu den Reisbauern. Und dann nach Japan. Unterhalb des Fudschijama war das Wort Rationalisierung noch Hekuba.
Die jungen Globetrotter, Oberländer und Koch-Weser, legten ihre letzten Dollars zusammen, um die Überfahrt nach Kanada zu bezahlen. Auf Vancouver verdingte sich Oberländer bei einem Farmer als Knecht. Dann trampte er weiter nach den USA und versuchte sich bei Henry Ford in Detroit als Autoschlosser für sieben Dollar Tageslohn.
Als er 1931 nach Deutschland zurückkehrte, konnte er den geliehenen Reisekosten-Vorschuß von 4000 Mark auf Heller und Pfennig zurückzahlen.
1932 lockte ihn wieder ein Auftrag der Drusag in die Sowjetunion. Er bereiste die Ukraine und das Kaukasus-Gebiet und erkannte an der zunehmenden Zahl der »Sojus-Chleb«-Speicher*) und Maschinen-Traktoren-Stationen, wie sehr sich in den verflossenen zwei Jahren Stalins große Kampagne »Sozialismus in einem Land« durchgesetzt hatte
*) »Sojus-Chleb« = staatliche Getreide-Handelsorganisationen der UdSSR. 1934 durfte der Agrar-Soziologe noch einmal unter friedlichen, wenn auch schwierigeren Bedingungen in die Sowjet-Union einreisen. Er hatte sich inzwischen, mit 29 Jahren, als Professor für Agrar-Politik an der Universität Danzig habilitiert. Gleichzeitig übernahm er die Leitung des Osteuropäischen Wirtschaftsinstituts in Danzig (später Königsberg).
Die Sowjets ließen den Pg. Theodor Oberländer noch schnell einen Blick hinter ihren unverriegelten Eisernen Vorhang tun. Er zog dann auch sehr nachdenkliche Schlußfolgerungen aus seinen Beobachtungen und teilte sie später interessierten politischen und militärischen Stellen mit.
Als Kenner des Ostraumes und der Grenzprobleme übernahm der politisierende Wissenschaftler die Leitung des Bundes Deutscher Osten (BDO), einer Organisation, die sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen um die Stärkung des deutschen Besitzstandes in den ostdeutschen Grenzgebieten bemühte. Der BDO sollte in erster Linie das organisierte Eindringen fremden (polnischen) Volkstums, z. B. durch Saison-Arbeiter, abwehren.
Mit wissenschaftlicher Akribie ließ Oberländer damals, vor 20 Jahren, die internen Schachzüge der nationalen polnischen Volkstumsverbände erforschen. Er fuhr jede Woche mindestens einmal zum BDO-Hauptquartier nach Berlin und traf sich in der Motzstraße 46 im Volksdeutschen Club mit den Führern anderer deutscher Volkstumsverbände.
Diese Begegnungen und ihre informativen Ausstrahlungen waren auch für das Auswärtige Amt sehr interessant. Es sah in dem Professor eine Stütze gegenüber dem engstirnigen Denken der reinen Parteifüchse. Die Verbindungen liefen über den Leiter der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes, Meyer, der wegen seines dynamischen Schwunges »Raketen«-Meyer genannt wurde*).
Die ersten Unstimmigkeiten mit Ostpreußens gernegroßem NS-Gauleiter Erich Koch stellten sich für Oberländer bald ein. Der kleine Eisenbahner Koch aus Wuppertal war, genau wie der thüringische Oberländer, Wahl-Ostpreuße. Beide waren Anhänger des historischen preußischen Kolonisationsgedankens, wenn auch jeder in seiner Art: Der arrivierte »Herrenmensch« Koch schwappte gern mit der Reitpeitsche, der überlegene, weitgereiste Professor behielt die Glacé-Handschuhe an.
Er warnte vor der Unterschätzung des biologischen Ost-West-Gefälles und besonders der sowjetrussischen Potenz. (Unter Oberländers Anleitung entstand damals ein genauer Bericht über das Kusnezker Kombinat.) Doch solche Argumente paßten nicht auf Kochs geistige Schmalspur. Oberländer hieß für ihn nur noch der »Bolschewiken-Professor«. Die Roten hätten ihn bei seinen Rußlandreisen sicher infiziert.
Da der Dienststelle Ribbentrop daran lag, den Ostexperten Oberländer weiterhin als unverdächtigen Verbindungsmanu auf der Grenzinsel Ostpreußen zu halten, mußte schließlich ein Beauftragter des Außenamtes nach Königsberg fahren, um ein Versöhnungsgespräch zwischen Koch und Oberländer einzufädeln. Aber der Burgfrieden währte nicht lange. Oberländer wurde an die Universität Greifswald und später nach Prag versetzt.
Nach dem Polenfeldzug - Oberländer hatte sich inzwischen als Oberleutnant d. R. freiwillig zum Wehrdienst gemeldet - erschien
*) Meyer wurde 1943 aus rassischen Gründen verabschiedet, obwohl er ein eifriger Verfechter der deutschen Memel-Politik gewesen war. Er durfte aber nach Stockholm emigrieren, wohin ihm seine Pension bis 1945 in Devisen transferiert wurde. in der Zeitschrift »Neues Bauerntum« unter dem Autorennamen Theodor Oberländer ein Artikel, in dem ganz offen die Austreibung der Polen aus den eroberten Gebieten gefordert wurde.
Wörtlich: »Die Eindeutschung der Ostgebiete muß in jedem Falle eine restlose sein. Solche Maßnahmen völliger Aus- und Umsiedlung mögen für die Betroffenen hart erscheinen - es war für Balten-, Galizien- und Wolhyniendeutsche keine Kleinigkeit, sich von dem Boden, auf dem man durch eigene große Kulturleistung Heimatrecht erworben hatte, zu trennen - , aber eine einmalige Härte ist besser, als ein durch Generationen währender Kleinkampf.«
Und weiter: »Eine klare Trennung zwischen Deutschtum und Polentum ist nach den Ereignissen der letzten Jahre eine absolute Notwendigkeit, wenn die Reinerhaltung der Rasse gewährleistet sein soll und die neuen Ostgebiete zu einer Vermehrung der Landbevölkerung beitragen sollen. Aus diesem Grunde ist neben vielen anderen eine Assimilierung des Polentums abzulehnen. Sie würde unserem Rassenprinzip, unserem Volkstumsprinzip und dem Sinn unseres Kampfes für einen neuen Lebensraum widersprechen.«
Wer diesen Wind säte, mußte Sturm ernten.
Der Bundesflüchtlingsminister Oberländer, der heute die von Polen und Tschechen verjagten zwölf Millionen Ostdeutschen wieder heimführen möchte, distanzierte sich - unter Berufung auf eidesstattliche Erklärungen - energisch von dieser Veröffentlichung. Der mit seinem Namen gezeichnete Artikel sei von
der Redaktion der NS-Zeitschrift »frisiert und materiell verändert« worden.
Der zähe Krieg im Osten brachte den Offizier und Rußlandkenner Oberländer auf kluge Ideen, die auch bei dem Chef der deutschen Abwehr, Admiral Canaris, zündeten.
Im Herbst 1941, als der deutsche Vormarsch ins Stocken geriet, versammelte sich auf einem Truppenübungsplatz bei Mittenwald ein buntscheckiger Fremdvölkerhaufen: dunkelhäutige Aserbeidschaner, Georgier und Nordkaukasier. Chef dieser Auslese freigelassener ehemaliger Kriegsgefangener war der Hauptmann d. R. Theodor Oberländer. Als untere Chargen wurden u. a. ehemalige Weißgardisten der Pariser Emigrantenkolonie nach Mittenwald verfrachtet.
Oberländer war einer der wenigen deutschen Offiziere, die wußten, wie man die Bergsöhne behandelt. Er knöpfte sich jeden einzelnen Unteroffizier vor und gab ihm auf Abendspaziergängen genaue Verhaltungsmaßregeln. Die sorgfältig ausgewählten Kaukasier sollten ganz bestimmte Sonderaufgaben der psychologischen Kriegführung lösen, zum Beispiel:
* nächtlich hinter den sowjetischen Linien mit Fallschirmen abspringen, um die Bevölkerung gegen die Sowjets aufzuputschen und mit kleinen Gastgeschenken deutschfreundlich zu stimmen*);
* strategisch wichtige Einrichtungen
*) Zu diesem Zweck wurden Kisten mit Taschenmessern, Armbändern und billigem Tand - wie bei Expeditionen in den afrikanischen Dschungel - mitgeführt. sprengen (dafür wurde ein besonderer »S-Zug« aufgestellt).
Bei diesen Plänen spekulierten die Abwehrchefs des OKW auf das unterdrückte Nationalgefühl der kaukasischen Bergstämme, die noch 1934 einen blutigen Aufruhr gegen die örtlichen Sowjet-Machthaber angezettelt hatten.
Im bayerischen Ausbildungslager putschten sieben von Stalins georgischen Landsleuten aber erst einmal gegen ihre Ausbilder. Sie hatten heimlich eine kommunistische Zelle gebildet, unterminierten die Ausbildungseinheit und wurden nach kriegsgerichtlicher Aburteilung erschossen.
Während der Offensive 1942 rollte die »Abteilung Bergmann«, so lautete die Tarnbezeichnung für Oberländers Sondertruppe, bis nach Mosdok am Terek. Bald verfügte Oberländer über mehr als 1000 »Bergmänner«. Aus der Abteilung war ein Regiment geworden. Der Nachschub kam direkt vom Iwan.
Manchmal genügte schon der martialische Singsang der georgischen Kohorten, um die Landsleute von der anderen Frontseite herüberzulocken. Das Befreiungsfest der Kabardiner in ihrer kleinen Hauptstadt Naltschik war ein orientalischer Verbrüderungsrausch.
Aber schließlich scheiterte die ganze »Aktion Bergmann« am Unvermögen der Heeresgruppe Süd, nach dem Debakel von Stalingrad den verfahrenen Frontalangriff gegen den Kaukasus fortzusetzen. Oberländers Spezialbataillone wurden als Lückenbüßer in die Frontbreschen gestopft. Der Professor im Hauptmannsrang hatte Mühe, sein buntscheckiges Regiment zusammenzuhalten. Unter schweren Verlusten kämpften sich die Kaukasier auf die Krim zurück. Hier - in der Abgeschiedenheit seines Gefechtstandes bei Kokosi - schuftete Oberländer häufig in seinem improvisierten Krautgarten wie ein ostpreußischer Bauer.
»Unser Chef war ein Initiativ-Bulle und Bewegungsfanatiker, der sich selbst ein hartes spartanisches Pflichtsoll auferlegte«, so charakterisiert der ehemalige Regimentsarzt Dr. Hermann Schneider den heutigen Bundesminister. »Er war sportlich sehr in Form, ritt mit den Kaukasiern um die Wette und prostete ihnen gelegentlich auch mal mit vollen Wodkagläsern zu, obwohl er sonst ein reiner Puritaner war.«
Oberländer versuchte, sich auf seine Weise von dem bedrückenden Gefühl zu befreien, das ihn seit dem Auszug aus dem Kaukasus nicht mehr verließ.
Er hatte die Greuel des entarteten Krieges in ihrer Wechselwirkung kennengelernt und verurteilte die Politik der Goldfasane, besonders die Massenerschießungen, die sein brutaler Widersacher, der Gebietskommissar der Ukraine, Erich Koch, zynisch als »politische Flurbereinigung« abtat. Für Koch ("Wenn ich einen Ukrainer finde, der wert ist, mit mir an einem Tisch zu sitzen, muß ich ihn erschießen lassen") war jeder Russe und Ukrainer ein Untermensch.
In diesen kritischen Monaten verfaßte der Reserve-Hauptmann Oberländer nacheinander fünf Denkschriften (zwei, nach seinen eigenen Angaben, über die Ukraine, drei zum Kardinalthema: »Wie behandeln wir die Ostvölker, um zu einem einheitlichen Europa zu kommen?")
Die intelligentesten Leute des »Bergmann«-Stabes feilten an den Memoranden mit, die Oberländer nicht nur an die Heeresgruppen- und Armee-Hauptquartiere, sondern auch an alle Reichsminister schickte. Sogar Hitler wurde mit mehreren Exemplaren bedacht.
Für weitreichende Verbreitung sorgten zwei alte Rußlandspezialisten des Außenamtes: der zu Rosenbergs Ostministerium kommandierte Generalkonsul aus Batum, Dr. Otto Bräutigam, und Botschaftsrat Hilger (beide heute in der Ostabteilung des Bonner Außenamtes). Oberländer: »Es schwirrten über 1000 Exemplare herum.« Darin standen Binsenweisheiten wie:
»Die bisherige Praxis, insbesondere in den nach der amtlichen Ausdrucksweise ''besetzten'', nach unseren eigenen Propagandaparolen ''befreiten'' Ostgebieten, ist wenig geeignet, werbend zu wirken. Denn sie fußt - aus den Notwendigkeiten des Krieges heraus - auf der Überschätzung der wirtschaftlichen Belange und auf der Mißachtung des Menschen. Sie wird daher von den Bewohnern dieser Gebiete dem Bolschewismus und dessen Menschenverachtung gleichgesetzt.
»Es ist politisch verhängnisvoll und sachlich unbegründet, die Slawen als rassisch minderwertige Heloten ... anzusehen. Auf dem Boden Europas ist für Kolonien und koloniale Ausbeutungs-Methoden kein Platz mehr.«
Und weiter aus einer anderen Denkschrift: »Die Gefahr, daß wir uns psychologisch kurzsichtig über die Lebensnotwendigkeiten der Ostvölker hinwegsetzen, die wir unserer dauernden Führung unterstellen wollen, muß unbedingt vermieden werden. Geschieht das nicht, so würde nicht nur die benötigte Arbeits- und Ertragssteigerung auf dem Lebensmittel- und Rohstoffsektor ausbleiben, es würde über den Zwischenzustand des Partisanentums ein schwelender Widerstandsgeist erzeugt werden, der früher oder später zu politisch-militärischen Empörungen und Sabotageaktionen größeren Ausmaßes führen kann...
»Der Sieg der Front hängt ab von dem psychologischen Sieg der Etappe. Wie lange der Krieg auch dauern mag, wir sind nicht zu schlagen, wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt.«
Die NS-Hierarchie geriet in Wallung, als die Minister Schwerin-Krosigk und Speer
hintergründig bei Rosenberg anfragten, was er denn von den mehr oder minder kritischen Auslassungen des Reserve-Hauptmanns Oberländer halte. Ostminister Rosenberg wandte sich hilflos-indigniert an Keitel: Wie könne ein Hauptmann aus dem Felde unter Umgehung des Dienstweges Denkschriften an Reichsminister schicken?
Als Koch von diesem Affront seines gehaßten »Bolschewiken-Professors« erfuhr, hetzte er Himmler auf. Oberländer mußte sofort einen Bataillonsführer-Lehrgang, zu dem er gerade einberufen worden war, verlassen. Unterwegs erreichte ihn der Befehl Keitels, unverzüglich die Uniform abzulegen und nach Prag zu fahren. Dort blieb er monatelang ohne Lehrauftrag in »Stadtarrest«, d. h. er durfte Prag nicht verlassen. Später bereitete er studierende Ordensjunker*) auf anstehende Examen vor.
Erst Anfang März 1945 betraute das OKW den Rußland-Spezialisten Oberländer wieder mit einer Sondermission. Seine Bergmann-Verbände waren inzwischen bataillonsweise in alle Winde verstreut.
Der frühere Luftwaffenattaché in Moskau, General Aschenbrenner, holte den perfekt Russisch sprechenden Professor zum Stab der »Russischen Befreiungsbewegung« des ehemaligen Sowjet-Generals Wlassow. Oberländer übernahm die Leitung des Schulungslagers »Ostprop-Abt. zbV.« in Dabendorf bei Berlin. Von hier mußte er vor den Sowjets nach Karlsbad ausweichen. Er stieß dann zur SS-Kriegsberichter-Standarte »Kurt Eggers«, die im Inferno des Zusammenbruchs noch Propaganda für Andrej Andrejewitsch Wlassow machte. Oberländers letztes Kriegstraktat trug einen auch heute wieder hochaktuellen Titel: »Das Märchen Europa«.
Dann kam die 3. US-Armee und mit ihr am 23. April der Weg hinter den Stacheldraht. Der Auslieferung an die Sowjets entging Oberländer nur mit Not. Die Amerikaner transportierten ihn nach England in ein amerikanisch-britisches Ausfragelager. Dort wurde er als Rußland-Sachverständiger
*) Als Ordensjunker wurde die auf sogenannten Ordensburgen (Führerschulen) ausgebildete Nachwuchselite der NSDAP bezeichnet. gründlich herumgereicht. (Andere Ostexperten, wie Professor Peter Heinz Seraphim und General Reinhard Gehlen, wurden 1946 in einem Verfügungslager bei Washington von Beamten des State Department, die zur Tarnung Offiziersuniform trugen, über die Sowjets ausgequetscht.)
Im Sommer 1946 hielt dann auf dem kleinen Heidehof des Flüchtlingsbauern Dithloff in Suderburg, Kreis Uelzen, ein verschlossener stämmiger Mann in abgetakelter Wehrmachtsuniform um Arbeit an. Bauer Dithloff, der im Pyritzer Weizacker ein Mustergut an die Polen verloren hatte, merkte sehr bald, daß der neue Knecht ein perfekter Landwirt war: Dr. agr. Oberländer. Zwei Flüchtlinge hatten sich zusammengefunden. Zur selben Zeit verdiente Ehefrau Erika Oberländer, Volkswirtin und Tochter des in Ostpreußen einmal sehr populär gewesenen Superintendenten Buchholz aus Goldap, ihren Lebensunterhalt als Aufwärterin bei einem amerikanischen Obersten in Kissingen.
Als Oberländer sich wieder von Dithloffs Heidschnucken trennte, zog er zum Stubbenroden in die Rhön. Er ging dem Dreck der Nachkriegsjahre nicht aus dem Wege, sondern auf den Grund, ehe er wieder Saatgut verkaufen konnte, wie vor 27 Jahren in Rußland.
Er übernahm die Geschäftsleitung einer Saatzuchtfirma und wandelte sich bald vom armen Flüchtling zum bescheidenen Kleineigenheim-Besitzer mit unvermeidlichem Küchengarten. Aber er bezog nur die Hälfte des schlichten Neubaues an Augsburgs Arnulf-Straße. In die andere Haushälfte zog ein ehemaliger »Bergmann": der georgische Arzt und ehemalige deutsche Leutnant Dr. Gabliani mit seiner jungen georgischen Ehefrau, die er erst in Deutschland geheiratet hatte. Sie wohnten mit dem alten Regimentschef unter einem Dach, bis sie nach USA auswandern durften.
Mittlerweile meldeten sich die versprengten Kaukasier aus den verschiedensten Richtungen. Einer schrieb sogar aus Argentinien und bat Oberländer, ihm zu bestätigen, daß er, der Kaukasier Schanturia, stets ein guter Nationalsozialist und Kämpfer der deutschen Wehrmacht gewesen sei. Das würde ihm in Argentinien sehr nützlich sein. Oberländer dagegen brauchte damals eher ein Attest dafür, daß er ein schlechter Nationalsozialist gewesen sei. Er wurde in Gruppe V der Entlasteten eingestuft.
Zur selben Zeit hospitierte ein anderer vierschrötiger Mann mit einem politischen Gründerstab in der schmutzigen, alten Jägerkaserne im schleswig-holsteinischen Ratzeburg: der frühere Präsident der Landwirtschaftskammer Posen, Waldemar Kraft. Ihm gelang es mit einer Portion gesunder Bauernschläue, unter Ausnutzung der Unzufriedenheit der in Schleswig-Holstein hochgestauten Flüchtlingsmassen, nach der Landtagswahl im Sommer 1950 in die Landesregierung Kiel einzurücken.
Dieser Start einer Konjunkturformation, die sich »Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten« nannte, animierte auch im Flüchtlingsland Bayern etliche politisch Ehrgeizige, es dem BHE-Kraft gleichzutun. Es taten sich in wenigen Wochen gleich drei Simultan-Gruppen der Flüchtlinge und Entrechteten auf, von denen jede behauptete, die einzig berufene und legitime Richtung zu sein, den »Lizenz-Parteien« den Garaus zu machen und selbst an die Schalthebel der Macht zu gelangen.
Allen Gruppen aber fehlte der wichtigste Betriebsstoff: Geld. Die Gründungsversammlungen unter dem Motto: »Der fünfte Stand fordert sein Recht« verliefen so bescheiden, daß die Kellnerin Anni am 28. Juli 1950 im Münchner Löwenbräu-Keller ärgerlich knurrte: »Gred'' hams, gschriern hams, aber g''sagt hams nix. Und
a Zech hams aa koane gmacht, de Biersierda! A scheene Partei!«
Erinnert sich einer der konkurrierenden Kraft-Imitatoren dieser »schweren Zeit":
»Wir waren im wahrsten Sinne des Wortes eine Partei der Ärmsten, denn recht selten in diesen Tagen konnten sich der Landesvorsitzende und sein Stab ein warmes Mittagessen leisten. Die Misere tat der guten Hoffnung aber keinen Abbruch; wartete doch der eine auf ein günstiges Wahlergebnis und damit auf ein Landtagsmandat und der andere auf eine Fügung des Schicksals... Der Mensch denkt, die Industrie lenkt. Die Lösung kam wesentlich früher, als die kühnsten Hoffnungen erwarten ließen.«
Sie kam mit dem näherrückenden Termin der bayerischen Landtagswahl. Präzise am 29. August 1950 übermittelte ein »Gremium distinguierter Herren mittleren Alters in Hemdsärmeln« der stärksten BHE-Gruppe (dem sogenannten Huber-BHE) das Angebot der bürgerlichen Mitte (CSU, FDP, Bayerischer Heimat- und Königsbund und Donhauser-Flügel der Bayern-Partei), die Flüchtlings-Gschaftl-Huber in den beabsichtigten Wahlblock einzugemeinden.
Auf den Einwand der Hungerleider, eine solche Wahlehe könnte von den Mitgliedern als Verrat an dem so lange vertretenen Programm »Kampf den alten Versager-Parteien« ausgelegt werden, servierte der markanteste Mann des seriösen Herrenklubs ein bestechendes Angebot:
* Dem Huber-BHE seien im Bündnis-Fall - neben einer größeren Zahl von Landtagsmandaten und Schlüsselstellungen in der kommenden Landesregierung - 2 00 000 Mark aus dem Wahlfonds des »Blocks« sicher.
Dieser markante Sprecher war ein Dr. Dr. Oberländer, der sich drei Wochen zuvor - genau am 6. August 1950 - auf einem Flüchtlingstreffen in Landshut (damals gehörte er noch der FDP an) gegen die politische Emanzipierung der Flüchtlinge ausgesprochen hatte. Nur wenn der Heimatvertriebene sich einordne - so sagte Oberländer damals - und wenn der Flüchtling seine unabdingbaren Forderungen in den bestehenden Parteien vertrete, könne er zum Erfolg kommen.
Drei Wochen später plädierte derselbe Sprecher für eine starke Separatpartei der Flüchtlinge. Die Wirkung seines Angebots faßte der Geschäftsführer der Huber-Gruppe in einer Denkschrift ("Aus dem
Tagebuch eines Parteifunktionärs") so zusammen: »Ziemlich benommen verließen wir den Sitzungsraum, und nicht einmal die von unserem Landesvorsitzenden-Stellvertreter gespendeten drei Maß Bier und drei Doppelkorn konnten uns anschließend den unangenehmen Druck vom Kopf nehmen.
»Wir sollten uns bis nächsten Morgen 8 Uhr entscheiden, da um 10 Uhr vormittags in der Staatskanzlei eine Besprechung führender Wahlblock-Politiker stattfinden sollte, in der Professor Oberländer über den Erfolg seiner Verhandlungen mit uns zu berichten hatte ... Klar war, daß Oberländer eine Plattform suchte, die ihn legitimieren sollte, im Namen eines BHE zu sprechen und Verhandlungen zu führen.«
Am 1. September 1950 rangierte FDP-Renegat Oberländer bereits als zweiter Vorsitzender in Heinz J. Hubers bayerischem BHE. Huber hatte sehr schnell vor den zu erwartenden 200 000 Mark und der Möglichkeit, Staatssekretär zu werden, kapituliert. Nach der Einschmelzung weiterer Entrechteten-Splitter rückte der Professor dann zum ersten Vorsitzenden des nunmehr geeinten bayerischen BHE auf. Er brachte die meisten Partikularisten, die aus der Flüchtlingsnot eine Weltanschauung zu schmieden versuchten, unter seinen Professorenhut.
Die auf der Strecke gebliebenen Opfer des bayerischen Ur-BHE resignierten: »Wir kommen uns vor wie ein Reitknecht, der seinem Herrn den Steigbügel gehalten hat und verlassen zurückbleibt, während sein Herr mit dem von ihm gepflegten Pferd davonreitet.«
So drückte es »mit unverminderter Hochachtung« das ausgebootete Landesvorstandsmitglied Rechtsanwalt Ernst Hermann Sund am 20. September 1950 in einem Brief an Oberländer aus, gleichzeitig mit einer Mahnung um Gelder*).
Sie alle, die sich jetzt als Roßknechte vorkamen, hatten aber selbst den starken Mann gerufen, der dann mit 96 Kandidaten in den bayerischen Wahlkampf ging. Davon erreichten immerhin 20 ihr Ziel. Die parlamentarische Rückendeckung verschaffte dem BHE zwei Staatssekretärs-Sitze in Bayerns neuer Regierung. Den einen besetzte Theodor Oberländer als Staatssekretär
*) Die Aussicht auf den bürgerlichen Wahlblock hatte sich zerschlagen. Die finanziellen Hoffnungen waren durch den Bonner »SPIEGEL-Ausschuß« so stark zusammengeschrumpft, daß Oberländers versprochene Großfinanzierung im weiten Feld blieb. Auch Hubers Staatssekretär-Träume blieben Illusion. für Angelegenheiten der Vertriebenen - wenn auch die Regierung, der er dann bis zur Berufung als Bundesminister angehörte, keine Regierung eines Bürgerblocks war, sondern die der großen Koalition CSU/SPD. So begann der politische Professor seine Nachkriegskarriere.
Krafts BHE im Norden hatte plötzlich einen energiegeladenen Ableger in Süddeutschland bekommen, der sich mehr und mehr als die »eigentliche Bewegung« entpuppte. Hier, beim sogenannten Oberländer-Flügel (60 000 eingetragene BHE-Mitglieder), entwickelte sich die stärkere Dynamik; von hier kamen die tragenden sozial-politischen Ideen - gegenüber den konservativ-bürgerlichen Einflüssen enterbter Ostelbier, die auf Kraft in Schleswig-Holstein und Niedersachsen retardierend einwirkten.
Der zwischen beiden Polen pendelnde BHE-Chef Kraft, heute 56, mußte dem acht Jahre jüngeren Oberländer, den er erst in den bayerischen Wahlwochen kennengelernt hatte, schon aus Gesundheitsrücksichten sehr bald die Stoßtrupparbeit überlassen. So kam Oberländer mehr und mehr in Führung. Er ist heute - als zweiter BHE-Bundesvorsitzender - bereits mehr als nur der »Kronprinz« seiner Partei.
Die Konzentration der Macht geht so weit, daß Oberländer trotz seines Ministeramtes und seiner zentralen Vorstandsfunktion - mangels geeigneter Persönlichkeiten in einer Partei ohne Jugend - neuerdings noch zum Vorsitzenden zweier Landesverbände (Bayern und Nordrhein-Westfalen) gewählt worden ist. Das geschah offensichtlich nicht nur aus spekulativen Gründen - in Bayern und Nordrhein-Westfalen finden in diesem Jahr Landtagswahlen statt - , sondern auch, weil Oberländer ein Mann mit hundert Händen sein möchte.
Jetzt kommt er wegen Arbeitsüberlastung kaum noch zum sonst geübten Diskus- und Speerwerfen. Wenn er morgens gegen 5.30 Uhr sein Wohn-Schlafzimmer direkt im Ministeriumsbau verläßt - die Familie wohnt nach wie vor in Augsburg - legt er nur noch einen Morgenlauf ein, um sich körperlich fit zu halten. Über dieses eiserne Training mokierten sich einige gelegentliche Frühaufsteher der SPD-Bundestagsfraktion, und Ollenhauers Essener Parteiorgan schmälte postwendend in einem Artikel über den Chef des Langnam-Ministeriums: »Er sieht aus wie der typische Spieß, auf alle Fälle wie ein Militarist.«
Konrad Adenauer dagegen findet sich vorläufig mit ihm ab, obwohl Oberländer
auch in seinen Ressort-Forderungen robustes Stehvermögen an den Tag legte, um seinen Zweijahresplan durchzuboxen. Dieser Zweijahresplan ist praktisch eine Verlängerung der Arbeit, die Oberländer 1950 als Staatssekretär in München begann. Damals dozierte der Frühaufsteher: »Wir sind in einem Wettlauf mit der Zeit. Nach 1946 waren 48 Prozent des deutschen Volkes ohne wirtschaftlichen Rückhalt. Schlimmer als alle furchtbaren Verluste... ist die Verschlechterung der deutschen Sozialstruktur. Baustein oder Dynamit, das ist die Frage, die über der Vertriebenen-Eingliederung steht.«
In Bayern hat der Staatssekretär Oberländer die Dynamitpatronen zuerst dort beseitigt, wo sie am ehesten zünden können: zwischen primitiven Barackenwänden. 285 Lager, in denen früher 50 000 Vertriebene zusammengepfercht waren, wurden aufgelöst. Oberländer entwickelte sein eigenes Wohnungs-Bauprogramm, um die Auflösung weiterer Lager zu beschleunigen, die von 1949 bis 1952 einen Zuschuß von 12,93 Millionen Mark erfordert hatten.
Das ist auch heute Minister Oberländers stärkstes Argument für die sukzessive Auflösung der noch im Bundesgebiet vorhandenen 4000 Massenunterkünfte für Vertriebene. Sie belasten den Bund jährlich mit 100 Millionen Mark. Dafür könnten etwa 6700 Wohnungen gebaut werden.
In seinen Planungen kamen bei Oberländer wieder die Erfahrungen des ehemaligen BDO-Chefs und des im Osten geschulten Agrarpolitikers zum Durchbruch: »Wer an eine Rückkehr der Gebiete ostwärts des Eisernen Vorhangs in das Abendland glaubt, muß dafür eintreten, daß die besten Kräfte an die Zonengrenze kommen.« Oberländer möchte hier zwar keine Wehrbauernhöfe, aber soziale Bunkerstellungen errichten. Die Abwanderung der Betriebe aus dem Zonengrenzgebiet soll durch stärkste Vergünstigungen, zum Beispiel bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, und durch Kreditspritzen, gestoppt werden.
Seine nächste Vorrang-Forderung nach verstärkter Ansiedlung von Flüchtlingsbauern keimte ebenfalls aus dem ideologischen Versuchsfeld: »Keine Verwestlichung im negativen Sinne durch weiteres Einschmelzen landloser Ostbauern.« Unter den ostdeutschen Vertriebenen befanden sich 1,4 Millionen Bauern, Landarbeiter und landwirtschaftliche Angestellte. Rund 50 000 kamen in den Besitz von Bauern- und Siedlerstellen. Das Gros wurde in andere Berufe eingegliedert. 78 000 Ostbauernfamilien sind heute noch siedlungswillig. Ihnen will Oberländer wieder zu einer eigenen oder gepachteten Scholle verhelfen.
Oberländer glaubt, in den nächsten zwei Jahren 40 000 Flüchtlingsbauern zu Hofbesitzern oder Hofpächtern machen zu können.
Der Weg zur friedlichen Landnahme - ohne Ostlandritt - führt in die dornigen Heckenwälder der Pfalz, die jetzt gerodet werden, auf die vom Krieg zerkraterten Höhen des Hürtgenwaldes und hoch im Norden in die Polderlandschaft am Hindenburgdamm, wo das Meer 1500 Hektar eindeichbaren Neulandes an die Dammwurzel spülte. Trotzdem: Ödland- und Neulandgewinnung können wegen der hohen Kosten nur langsam neue Ackernahrung erschließen. Oberländer rüttelt daher am dürren Lebensbaum des westdeutschen Bauernstandes. 250 000 Höfen fehlt heute der Bauer, und auf 51 500 dieser »Weiber-Wirtschaften« sind die Hofbesitzerinnen schon über 65 Jahre alt.
Sie sollten ihre Höfe an junge Flüchtlingsbauern verpachten, propagiert der Bundes - Flüchtlingsminister. Außerdem müßten noch viel mehr Ehen zwischen landlosen Jungbauern und einheimischen Bauernmädchen geschlossen werden. Die Freier werden vom Bundes-Vertriebenen-Ministerium hoffähig gemacht. Sie bekommen als »Aussteuer« bis zu 20 000 Mark Eingliederungskredit und können außerdem noch ein Aufbaudarlehen als Starthilfe beantragen. Außerdem will Oberländer
die 1953 ins Stocken geratene Völkerwanderung in der Bundesrepublik aktivieren*).
Bis Ende dieses Jahres sollen 120 000 Heimatvertriebene aus den Hauptflüchtlings-Ländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern in weniger überfüllte Gebiete übersiedeln, die ihnen bessere Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten bieten. Muster-Aufnahmeland ist nach wie vor Nordrhein-Westfalen. Eine in Nordrhein-Westfalen durchgeführte Sonder-Erhebung hat ergeben, daß 84 Prozent aller Umsiedler ihre Wünsche und Erwartungen als vollständig erfüllt, 15 Prozent als zum Teil erfüllt und nur 1 Prozent als nicht erfüllt bezeichnen.
Diese Bevölkerungsverschiebung auflange Sicht (Oberländer rechnet mit einer weiteren Umsiedlung von 300 000 Vertriebenen bis Ende 1960) findet ihre Grenzen nicht nur im Etat des Flüchtlings-Wohnungsbaues, sondern vor allem in der Beschaffung von Arbeitsplätzen. Seit Wochen reist der Bundes-Vertriebenenminister von Wirtschaftsverband zu Wirtschaftsverband, um den »Herren der Wirtschaft« Moral zu predigen, damit sie sich in den Gebieten der Vollbeschäftigung nicht darauf versteifen sollen, die Einrichtung neuer Arbeitsplätze ausschließlich von der Vergabe der limitierten Arbeitsplatzdarlehen (bis 5000 Mark je Dauer-Arbeitsplatz) abhängig zu machen.
Großindustrielle aus dem Ruhrgebiet schickten z. B. Unterhändler ins Ministerium, die gleich auf Globalkredite von einer Million Mark spekulierten, um mit diesen zinsbilligen Arbeitsbeschaffungskrediten ihre ohnehin notwendig gewordenen Kapazitätsausweitungen zu finanzieren.
Der Volkswirt und Agrar-Soziologe Oberländer ist ein nüchterner Rechner. Drei Milliarden Mark aus dem Lastenausgleichs-Aufkommen stehen ihm jährlich zur Verfügung. Davon werden zwei Drittel von Renten und Unterstützungen aufgesogen, nur ein Drittel dient produktiven Zwecken der Arbeitsplatz-Beschaffung und Existenzgründungen (siehe Graphik S. 15).
Aber auch dieses schmale Produktiv-Drittel und damit der ganze Zweijahresplan-Schwerpunkt wird zur Seifenblase, wenn der Flüchtlingsstrom aus der Sowjetzone anschwillt.
Den Mangel an finanzieller Substanz will Oberländer jetzt durch eine ostdeutsche Kultur - Offensive kompensieren: »Ich glaube, daß der kulturelle Reichtum der Vergangenheit das beste Mittel ist, über eine gewisse materielle Verarmung hinwegzukommen.« In seinem extensiven Betätigungsdrang mischte er sich dabei in die Kompetenz des gesamtdeutschen Ministeriums Jakob Kaisers, dem bisher entgangen war, daß 14jährige Schulkinder in Westdeutschland die Frage: »Wo liegt Breslau?« oft nicht mehr beantworten können.
Oberländer ließ auch die Schwächen des Kaiser-Ministeriums in Westberlin (speziell wegen der mangelhaften kulturellen Hilfe für Sowjetzonen-Lehrer) erkunden. In dieselbe Richtung zielte ein Informationsbesuch, den der Leiter der Westberliner »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit«, Ernst Tillich, kürzlich dem in allem so rührigen Bundesminister Oberländer abstattete.
Oberländers Kulturthese Nr. 1 lautet:
* Ostkunde-Unterricht in allen westdeutschen und Westberliner Schulen.
Denn: »Europa braucht eine kulturelle Strophantinspritze, damit es zu sich selber kommt und geistig wieder aktiv wird. Man braucht uns nicht? Man braucht uns dringend. Wir sind der Aufruf, wir sind das Gewissen.«
*) Eingegliedert wurden 1953 rund 300 000 Ostvertriebene, dazu kamen aber 325 000 Sowjetzonen-Flüchtlinge.[Grafiktext]
UNPRODUKTIVER LASTENAUSGLEICH
Nur ein Drittel für Existenzgründung und Aufbau
Rechnungsjahr 1953/54 Millionen DM
Aufbau- u. Arbeitsplatz-Darlehen 795
Berufsförderung 125
Flüchtlingssiedlung 100
Währgsausgleich Härtefonds 100
Wohnraum- und Hausrathilfe 930
Kriegsschadenrenten 1035
PRODUKTIV 1020
UNTERSTÜTZUNGEN 2065
[GrafiktextEnde]