BUNDESLÄNDER / RHEINLAND-PFALZ Bester Feind
Schäferhund Igo, 6, Haustier des rheinland-pfälzischen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, kennt Freund und Feind: Christdemokraten begrüßt er mit wedelndem Schwanz. Ruft Herrchen hingegen: »Igo, da is'n Soz«, fängt der Hund zu bellen an.
Herr und Hund tragen ein Risiko -- im roten Ludwigshafen.
Igo fraß unlängst im Vorgarten einen Giftköder und kam nur knapp am Tode vorbei. Und dem Tierfreund Kohl, der demnächst neuer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wird, sind Drohanrufe und anonyme Schmähbriefe nicht fremd. Manchmal -- so 1964 bei der Kommunalwahl -- brennen gar Feuerchen vor seinem Haus.
Dem Wahlsieger von Ludwigshafen, SPD-Führer Werner Ludwig, brachten damals ergebene Parteigenossen einen Fackelzug. Anschließend zogen sie vor die Kohl-Villa im Vorort Gartenstadt und warfen die glimmenden Fackeln über den Zaun. Vor dem Haus gingen Plakat-Ständer mit Kohl-Bildnissen in Flammen auf.
Feuerwerk, Hundegebell und Schmähungen gehören in der Chemie-Metropole am Rhein zum Alltag der lokalen Matadore. Der eine, Dr. Werner Ludwig, 42, regiert als Oberbürgermeister die Stadt; Kohl hält ihn für »unfähig« und für einen »Dummkopf«. Der andere, Dr. Helmut Kohl, 38, führt im Stadtrat die schwächliche Mannschaft der CDU-Opposition; er ist -- so Ludwig. -- »ein ungehobelter, schrecklicher Mensch«.
Wenn es sich nicht umgehen läßt, bei offiziellen Anlässen, geben sie sich noch die Hand. Doch seit vier Jahren haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Ludwig: »Seit zehn Jahren warte ich gar auf eine Aussprache unter vier Augen.«
Kohl verübelt Ludwig, daß er als pfälzischer SPD-Chef die Verwaltungsreform im Raum Ludwigshafen blockiert und die Genossen Im Mainzer Landtag daran hindert, Kompromisse einzugehen.
Direkten Verhandlungen mit dem starken SPD-Mann weicht der Christdemokrat freilich aus. Der promovierte Volljurist Ludwig Ist in Kohls Augen ein »radikaler Proletarier« -- aber kein Gesprächspartner. Spruchweisheit des aus einem Beamtenhaus stammenden Kohl, auf Ludwig gemünzt: »Soz bleibt Soz -- da hilft auch kein Zylinder.« Und Ludwig -- Sohn eines Gewerkschaftsführers, der samt Familie vor den Nazis nach Frankreich fliehen mußte und nach dem Kriege SPD-Vorsitzender der Pfalz war -- beklagt »die schlechten Manieren« seines zukünftigen Landesherrn.
Als der Neustädter Oberbürgermeister Wolfgang Brix, ein Parteifreund Kohls, den Versuch unternahm, die Widersacher zu einem Arrangement zu überreden, machte Kohl die Versöhnungsaktion zunichte. Bei der Einweihung eines Ludwigshafener Krankenhauses plauderte der CDU-Führer in Gegenwart von Sozialdemokraten ganz unbefangen: »Der Ludwig hat mich um einen Termin gebeten -- ich gebe ihm aber keinen.«
Und jüngst, beim Tauziehen der Prominenten auf dem Ludwigshafener Sportpressefest, riet Kohl dem SPD-Bürgermeister Erich Reimann: »Sie hätten sich besser hinter den Ludwig gestellt -- dann hätten sie dem mal kräftig in den Arsch treten können.« Reimann hinterbrachte den Ausspruch prompt dem OB. Der machte »den unglaublichen Vorfall« in der Lokaipresse publik.
In Stadtratssitzungen, so der »Rheinpfalz«-Redakteur Heinz Tüffers, »fährt Kohl den Leuten barsch über den Mund«. Wenn es zu arg. wird (Kohl: »Das Schlimmste an mir ist das Mundwerk"), erteilt der Stadtvater dem Widersacher Ordnungsrufe -- und erntet Gelächter bei der Opposition. Kohl zu Ludwig: »Wenn Sie unfähig sind, die Sitzung zu leiten, geben Sie den Vorsitz doch ab.«
Und auch außerhalb des Parlaments ist einer des anderen bester Feind. Ludwig über Kohl: »Bei Empfängen der Stadt geht er an mir vorbei und hält in der Ecke Audienz.« Kohl über Ludwig: »Das liegt daran, weil ich meistens nicht begrüßt werde.«
Pfälzer Kohl und Pfälzer Ludwig, Im Starrsinn einander ebenbürtig, spielen den Zweikampf verbissen und unerbittlich. Den Zuschauern ist es ein Gaudi. Doch der große Christdemokrat (1,93 Meter), der sich den kleinen Sozialdemokraten (1,67 Meter) zum Prügelknaben erkor, meint es ernst.
Die unüberwindliche Abneigung des Katholiken Kohl gegen den konfessionslosen Stadtvater begann, als Ludwig noch Sozialdezernent war und kirchlichen Kindergärten die Zuschüsse kürzte. 1962 wurde Ludwig Bezirksvorsitzender der pfälzischen SPD. Als »Kopf einer kleinen Clique von Radikalen« (Kohl) ließ er sich 1965 zum OB wählen; Vorgänger Dr. Hans Klüber wurde vorzeitig in Pension geschickt.
Und schon bald war der fleißige SPD-Mann, der 1947 an der Mainzer Universität den SDS gegründet hatte, Herr über die ganze Pfalz. Als Vorsitzender des pfälzischen Bezirkstages regiert er heute über Energieversorgung und Pfalzorchester« Krankenhäuser und Sparkassen. In Ludwigshafen kann er sich auf eine absolute Mehrheit von 58,4 Prozent stützen (CDU: nur 34,6 Prozent).
Auch der Name half dem Mann, der fast so heißt wie seine Stadt. Ludwigstraße und Ludwigsplatz zu Ludwigshafen erinnern an den Stadtgründer, Bayernkönig Ludwig 1. Kohls Christdemokraten aber muß es vorkommen, als seien die Straßenschilder Symbole des Personenkults, Huldigungen an den obersten Sozi einer roten Kommune. Selbst Ludwigs-Apotheke und St.-Ludwig-Kirche, so scheint es, werben für den OB.
CDU-Mann Kohl hingegen, tief verwurzelt in Pfalz und Vaterstadt, erlitt daheim stets Niederlagen. Um so größer waren seine Erfolge in der Landeshauptstadt Mainz. Er reformierte die unbewegliche Honoratioren-Partei zu einer jungen, schlagkräftigen Union und drängte den Landesfürsten Peter Altmeier, 69, vom Regierungssessel. Wachwechsel ist am 19. Mai, doch schon längst regiert Kohl im geheimen das Land.
Er setzte Reformen in Justiz und Verwaltung durch, beseitigte die konfessionelle Zwergschule und verhalf der Partei zu einem neuen Selbstverständnis. Doch mit sich selbst und seinem Ludwigshafener Ludwig-Komplex kam der Christdemokrat bislang nicht ins reine.
»Vielleicht«, meint der geprügelte Ludwig, »bin ich für ihn ein Rätsel, weil ich auf Stilfragen Wert lege.« Jederzeit, ließ Ludwig den designierten Regierungschef wissen, sei er zur Versöhnung bereit.
Kohls Mitarbeiter reden dem »Meister« gut zu -- bislang vergebens. Enge Kohl-Freunde, wie Kultusminister Bernhard Vogel, sehen auch für die Zukunft keinen Wandel: »Dieses Ludwigshafen, das sitzt bei ihm sehr tief.«
Drei Wochen nach der Amtseinführung in Mainz wird der Ministerpräsident wieder für Ludwigshafens Stadtrat kandidieren. OB Ludwig: »Und dann ist er für uns nicht mehr als der Herr Kohl.«