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MINISTER / LÜCKE Bild ab

• aus DER SPIEGEL 9/1967
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Auf der Mattscheibe erscheint Paul Lücke, Innenminister. Er sitzt am Schreibtisch und arbeitet. Hinter ihm, an der Wand, hängt ein Gemälde seines Freundes Dr. med. Max Gossens aus dem Bergischen Land: stilisierte Dornen.

Wie im Grimmschen Märchen vom Dornröschen sich unversehens die sonst undurchdringliche Dornenhecke auftut, verschwindet plötzlich auf dem Bildschirm auch das abstrakte Strauchwerk des Freizeitmalers Gossens, und aus dem Rahmen blickt: Fürst Bismarck.

Ein Fernseh-Kommentator spricht: »Als seine Vorgänger hier an diesem Schreibtisch Gesetze unterzeichneten, schaute ihnen Bismarck über die Schulter. Lücke hatte Bismarck entfernen lassen und durch Dornen ersetzt. Er fühlte sich der preußischen Tradition nicht verpflichtet ...«

Seit die Dornenhecken-Schützen des NDR-Fernsehmagazins »Panorama« dieses Wechselspiel am 2. Januar dieses Jahres über die Bildschirme flimmern ließen, steht der gebürtige Preuße Paul Lücke im Ruch, kein rechter Preuße und schon gar nicht ein Bismarck-Anhänger zu sein -- genau 20 Jahre, nachdem Preußen durch Kontrollratsbeschluß liquidiert worden ist.

Das bewegt. »Die Schamröte«, schrieb die »National- und Soldaten-Zeitung«, müsse »jedem nationalbewußten Deutschen ins Gesicht steigen, wenn er von dieser ersten Amtshandlung des derzeitigen Bundesinnenministers hört«.

Doch zum Forum der Auseinandersetzung wurde nicht das Rechtsblatt in München, sondern eine Zeitung, hinter der immer kluge Köpfe stecken. Einer davon, der Senatspräsident i.R. Dr. Karl Münzel, schrieb der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ("FAZ"), es sei »wenig erfreulich«, wenn der bundesdeutsche Innenminister »in dieser Weise gegen das frühere Preußen Stimmung« mache.

Prompt mußte sich Leser Münzel von Leser Lücke sagen lassen, er habe in »geradezu unverantwortlicher Weise« dem Bilderwechsel »hintergründige politische Absichten unterstellt«. Lücke im übrigen: »Die Zeit, in der vorgeschrieben wurde, welche Bilder aufzuhängen sind, sollte der Vergangenheit angehören.«

»Welch ein Vergleich«, fand daraufhin »FAZ«-Leser Dr. Heinrich Frobenius, »das ist ja nun gänzlich zusammenhangslos und abwegig.« Und Dr. Willy Glasebock, Verfasser der ersten Lücke-Attacke in der »National-Zeitung«, erinnerte jetzt in einer Zuschrift an die »FAZ« daran, daß Papst Leo XIII. eben diesem Bismarck, seinem Gegenspieler im Kulturkampf, den höchsten päpstlichen Orden, den Christus-Orden; verliehen habe.

Unterdessen war aber schon der Staatssekretär im Bonner Innenministerium, Professor Dr. Werner Ernst, für Lücke in die Bresche gesprungen. Er schilderte seinen Chef als eine Art geläuterten Preußen und fragte, ob das abstrakte Dornen-Bild in Lückes Dienstzimmer die Idee des Preußentums heutzutage nicht besser ausdrücke als ein Bismarck-Porträt.

Gleichwohl rügte »FAZ«-Leser Walter Engeßer, Oberstudienrat zu Sinsheim: »Wenn die Post unserer Bundesrepublik unlängst eine Bismarck-Sondermarke zum Gedenken an einen großen Preußen und größeren Deutschen herausgebracht hat, so entspricht das durchaus der Volksmeinung im allgemeinen, denn auch der einfachste Mann im Volk ... versteht Bismarck als groß.«

Nun hielt es die »FAZ« für angezeigt, sich gründlich mit dem Thema zu befassen. In einer esoterischen Betrachtung ("Das Bild kommt zurück auf den Weg zum Vorbild") erwog »FAZ«-Feuilletonist Günther Rühle am Donnerstag letzter Woche Für und Wider und befand abschließend über Otto von Bismarck: »Der Politiker hat ihn besser im Bücherschrank als an der Wand.«

So mag auch Paul Lücke denken. Aber daß er deswegen den Bildersturz inszeniert hätte, stimmt nicht. Denn nicht er war es, der Bismarck (eine Leibgabe) von der Wand nahm, sondern sein Amtsvorgänger Höcherl. Als Höcherl im Oktober 1965 aus dem Innenministerium ins Landwirtschaftsressort wechselte, nahm der Bayer den Preußen mit.

Lücke ("Ich halte Bismarck für einen der größten deutschen Staatsmänner") hatte nichts dagegen. So blieb ihm auch möglicherweise die Versuchung erspart, es Otto von Bismarck gleichzutun: Als der Eiserne Kanzler die Porträts der gekrönten Häupter in seinem Dienstzimmer in der Berliner Wilhelmstraße nicht mehr sehen mochte, kehrte er die Gesichter zur Wand.

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