BITTERE BILANZ
Bei der melancholischen Wahlnachlese im SPD-Hauptquartier, die Sie in Ihrem Artikel »Wenn Ihr wollt« so stimmungsgemäß geschildert haben, ist eifrig der Sündenbock für die verlorene Wahl gesucht - und nicht gefunden worden. Dabei ist es doch ganz einfach: Es liegt sicher nicht am Parteiprogramm und auch nicht an der Organisation des Vorstandes, sondern es fehlt dieser Partei an den »terribles simplificateurs«, die Sie am Beispiel des Bundeskanzlers in Ihrer Vor-Wahlausgabe so glänzend vorstellten. Klug durchdachte Reden, gewandtes Argumentieren, wer mag das schon hören? Die Volksseele muß zum Kochen kommen.
Iserlohn WENDELIN HARTKOPF
Nicht mit »Treuekomplexen« behaftet, möchte ich als Sozialdemokrat Ihre Ausführungen unter dem Titel »Wenn Ihr wollt« als »Bilanz eines verpfuschten Wahlkampfes« bezeichnen... Im übrigen möchte ich dem im Wahlkampf nicht sehr einfallsreichen Pressechef Fritz Heine sagen: Wenn wir Mitglieder als »Außenstehende« auch keine Rechenschaft verlangen über das von uns zum Wahlkampf gespendete Geld, so verbitten wir uns doch das uns zum »Stimmvieh« herabwürdigende Wort »Außenstehende«!
Emden R. HEYEN
Der Sündenbock heißt weder Ollenhauer noch Heine, sondern Kurt Schumacher. Er nahm an, daß sich die Geschichte wiederholt und die Erfahrungen von Weimar auch für Bonn Gültigkeit haben. Seine Rechnung ging nicht auf. Weder kam es in der Bundesrepublik zu so schweren sozialen Erschütterungen wie 1923 und 1930, noch fanden nationale Parolen Widerhall beim Wähler. Der Staatsbürger der Weimarer Zeit glaubte an die Dolchstoßlegende, sein westdeutscher Nachfahre glaubt an US-Amerika. Deshalb mußte der Entschluß der SPD, 1948 im Frankfurter Wirtschaftsrat in die Opposition zu gehen, zum Nachteil der Partei ausschlagen. 1949 wurde sie dann konsequenterweise in die Opposition gedrängt, 1953 und 1957 im Vergleich zur CDU hoffnungslos abgeschlagen. Das Volk schrieb das »Wirtschaftswunder« Adenauer zu. Es wählte nicht. Es stimmte ab.
Frankfurt WOLFGANG LIPPMANN
Ihr Artikel über die SPD läßt deutlich werden, daß diese Partei nichts dazu lernt, woraus folgt, daß sie jetzt schon auch die nächste Wahl verloren hat. Der SPD-Vorstand sollte aber wissen, daß es dabei nicht um eine Sache geht, die man intern - vielleicht mit seinem eigenen Gewissen - erledigen kann. Die SPD-Wählerschaft wird langsam in die Verbitterung gedrängt, und diese Verbitterung entsteht weniger aus dem Sieg der CDU als aus der Niederlage der SPD.
So hat die SPD nach meinem dummen Wählerverstand folgende Wahlkampf-Fehler begangen:
- Sie hat sich in die Defensive drängen lassen.
- Sie hat sich nicht personifiziert, denn man wählt Menschen und keine Theorien. Bestimmt solange wie Frauen wählen.
- Sie hat zu bestreiten versucht, was nicht bestritten werden kann, daß es uns Deutschen gut geht.
- Die Wahlparolen waren schlankweg lahm. So argumentiert keine Partei, die endlich ans Ruder will, sondern eine, die es ebensogut auch lassen kann. Man merkt das.
- Die Massivität der CDU-Propaganda wurde nicht als Bumerang ausgenutzt. Wenn man so wenig Geld hat, wie die SPD angibt, sagt man ganz sachlich: Wähler, laß dich nicht von diesem Trommelfeuer einschüchtern. Die scheinen es nötig zu haben.
- Man hat es nicht fertiggebracht, jeden Geistlichen so weit einzuschüchtern, daß er seine Wahlhilfe einstellt. Da mußte Kleinarbeit geleistet werden: »Geschätzter Pfarrer Sowieso, Sie haben heute nicht für Gott gepredigt, sondern für die CDU. Das ist gemein.«
Hamm (Westfalen) H. ZECHLIN
Der diesjährige Wahlausgang ist für die Sozialdemokraten beachtlich. Er zeigt, wie sehr die SPD bereits »Volkspartei« geworden ist. Eine überstürzte Reform an Haupt und Gliedern kann ihr also nur schaden. Die SPD sollte sich deshalb nicht beirren lassen und den Kurs der letzten sechs Jahre weitersteuern mit dem Ziel: Öffnung nach rechts.
Hamburg 21 MANFRED BAUMGARTEN
Entweder hat Dein Informant nicht richtig mitstenographiert, oder Deine dichterische Phantasie hat Dich zu sehr beschwingt. So einen geistig minderbemittelten Satz wie den von den »liebgewordenen Begriffen«, die man »nicht einfach über Bord werfen« kann, gibt selbst eine »besoldete Genossin« nicht von sich.
Bonn HERTA GOTTHELF
SPD-Vorstandsmitglied
Man muß sich darüber klar sein, daß es vorzugsweise die Frauen waren, die Hitler wählten, die Frauen es sind, die CDU wählen, und daß insbesondere gescheite Frauen es waren, die eine nicht sehr genaue, aber unüberwindliche Abneigung gegen Herrn Ollenhauer hatten, während sie nichts gegen Carlo Schmid gehabt hätten - im Gegenteil.
Rheydt-Odenkirchen ALFRED HITZE
Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, daß die Verwirklichung des Frauenwahlrechts durch die Sozialdemokratie nach dem Ersten Weltkrieg heute (und eigentlich seit eh und je) von unseren sonst recht lieben Schwestern so wenig honoriert wird?
Somborn (Gelnhausen) ALBERT HOP
Rheinischer Merkur
»Unser Stück ist eben zu gut für das verfressene Volke