Blankes Entsetzen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 122

EUROPA Blankes Entsetzen

AA-Staatsminister Zöpel hat sich durch unkonventionelle Auftritte um seine EU-Zuständigkeit in Brüssel gebracht.
Von Dirk Koch
• aus DER SPIEGEL 30/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jetzt wird es wieder langweilig in der Regierungskonferenz. Christoph Zöpel, Staatsminister im Auswärtigen Amt, kommt nicht mehr zu jenen Zusammenkünften in Brüssel, bei denen sich Vertreter der EU-Länder bislang vergebens um die Reform der Gemeinschaft bemühen. Außenminister Joschka Fischer hat ihm die EU-Zuständigkeit entzogen.

Wenn der SPD-Bundestagsabgeordnete im Rang eines Parlamentarischen Staatssekretärs sich in den endlosen, öden Sitzungen zu Wort gemeldet hatte, war ihm ungeteilte Aufmerksamkeit sicher. Pflegte er sich doch, anders als die Kollegen der anderen Staaten mit ihren nichts sagenden Statements, im Plenum oder bei Gesprächen am Rande nur selten an die Sprechzettel zu halten, die Berliner Diplomaten für ihn aufgeschrieben hatten.

So verblüffte Zöpel in Brüssel mit der Mitteilung, eigentlich gebe es Deutschland gar nicht, jedenfalls nicht als Nationalstaat. Es gebe Bayern, Preußen, Westfalen. Was er selber sei, ob Deutscher oder Pole, erklärte Berlins Chefunterhändler, »das weiß ich nicht so genau«. Die Deutschen seien schuld daran, dass er, Jahrgang 1943, nicht in seinem Geburtsort Gleiwitz im ehemaligen Oberschlesien habe leben können. »Von daher mag ich die Deutschen nicht.«

Oder er teilte mit, die EU könne »man doch vergessen«. Deutschland und Österreich müssten wie einst nur enger zusammenarbeiten, dann würde manches besser laufen.

So kam es bei seinen Zuhörern an. Was er eigentlich habe sagen wollen, erläuterte Zöpel hinterher. Aus Ärger über die Kontroverse um einen EU-Zuschuss von 20 Millionen Euro für Montenegro habe er daran erinnert, dass im »deutsch-österreichischungarischen« Vielvölkerstaat doch manches besser geklappt habe als in der EU.

Unmissverständlich dagegen fiel seine Attacke gegen die Spanier aus. Die sind in der EU berüchtigt für ihre Neigung, bei jeder passenden Gelegenheit finanzielle Vorteile zu erpressen. Als sich die Konferenz mal wieder bei den institutionellen Problemen festgefahren hatte, wischte Zöpel die Notwendigkeit von Reformen bloß wegen der osteuropäischen Beitrittskandidaten beiseite und gab offiziell zu Protokoll: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polen schlechtere Europäer sind als die Spanier.« Den dabeisitzenden AA-Beamten habe »das blanke Entsetzen« in den Gesichtern gestanden, freute sich Zöpel hinterher.

Getrieben vom Groll über »Dünkel und Hochmut der Westeuropäer gegenüber den Staaten im Osten«, führte der streitbare

Sozialdemokrat einen Rundschlag gegen die EU-Partner: Es sei »eine eklatante Beleidigung« westorientierter Balkanstaaten, von ihnen mehr Demokratie zu fordern. Er stellte Kroatien gar als Vorbild heraus: »Kroatien hat mehr demokratischen Mut als mancher Mitgliedstaat der EU.«

Mit den Beamten des eigenen Hauses lag er in Dauerfehde, denn »Diplomat, das ist für mich ein Schimpfwort«. Zunehmend störte ihn, »dass wir hier zu zweit in Brüssel rumhängen«. Zöpel war stets von dem für Europa zuständigen AA-Staatssekretär Gunter Pleuger begleitet worden. Als er dann Anfang Juli in einem Schreiben an den Minister forderte, entweder er oder der Beamte sollten allein für die Europa-Politik zuständig sein, fiel Fischer die Entscheidung nicht schwer: Pleuger macht es.

Zöpel tat so, als sei ihm das auch ganz recht: »Ich brauche diesen Job für nichts, nicht mal für mein Selbstbewusstsein. Das schmerzt manchen hier.«

Der Apparat rächte sich auf seine Weise. Genüsslich verbreitete das AA in einer Pressemeldung, welch neuen Herausforderungen sich der Abgehalfterte stellt: »Staatsminister Zöpel reist zu politischen Gesprächen nach Island.« DIRK KOCH

* EU-Kommissar Günter Verheugen und Außenminister JoschkaFischer.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 122

Mehr lesen über