Bunter Verein - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 46 / 88

JUGOSLAWIEN / OPPOSITION Bunter Verein

• aus DER SPIEGEL 13/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Griechische Flüchtlinge gründeten die Stadt vor 1300 Jahren auf Felsen am Meer, Sie wollten Schutz vor den Slawen finden. Doch ihre Feinde waren stärker. Sie errichteten dort die erste selbständige slawische Republik, wehrten sich gegen Byzantiner, Serben, Kroaten, Ungarn, Venezianer und Türken, bis Napoleon 1806 das Schmuckstück der dalmatinischen Küste eroberte: Ragusa, heute Dubrovnik.

Obwohl nur noch Touristen die Stätte musikalisch-literarischer Sommerfestspiele okkupieren, warnte die jugoslawische Wochenschrift »Vjesnik u srijedu« (VUS) vor neuen Eindringlingen -- mit einem Artikel unter der Überschrift: »Die Dubrovniker Bühne der politischen Spiele.«

In der Wasserburg mit 113 wolkenlosen Tagen im Jahr haben die beiden jugoslawischen Familien Rankovic und Djilas Wohnung genommen. Die Rankovics leben schon seit geraumer Zeit in einer Villa des Stadtteils Lapad in der Ivo-Vojnovic-Straße. Frau Stefanie Djilas, deren Mann Milovan vor kurzem der Reisepaß entzogen wurde, unterschrieb einen Kaufvertrag über eine Wohnung in der Frane-Supilo-Straße. Preis 68 000 Mark.

Rankovic und Djilas sind laut VUS »bekannte kompromittierte Persönlichkeiten« -- beide galten einmal als Titos Kronprinzen.

Vizepräsident Djilas war 1954 von Tito wegen Rechtsabweichung in Unehren entlassen worden, weil er die »neue Klasse« der Parteibürokraten kritisiert hatte. Wegen Linksabweichung feuerte Tito 1966 seinen Stellvertreter Rankovic: Sowjetfreund Rankovic plante, gegen den zum Liberalkommunismus gewandelten Tito die Positionen der neuen Klasse zu restaurieren.

Zur Sommer-Saison 1970 drohen in Dubrovnik wie in ganz Jugoslawien wieder politische Offensiven von rechts und links. Im Bundesland Kroatien brach eine offene Revolte gegen die Zentrale in Belgrad aus. Kroatische Kommunisten forderten weitgehende Unabhängigkeit von der Bundesregierung,

Als ihnen der jugoslawische Parlaments-Vizepräsident Milos Zanko -- er vertritt Kroatien in der Nationalitätenkammer Jugoslawiens -- Separatismus vorwarf, beschloß die kroatische Parteiorganisation, Zanko wegen »unitaristischer Umtriebe« abzuberufen. Zanko ist ein alter Rankovic-Anhänger.

Dabei wollten Kroatiens Kommunisten, die als Vorkämpfer einer Liberalisierung Jugoslawiens gelten, nur den Kontakt zum Volk behalten. Der kroatische Parteisekretär Pirker erklärte, es gäbe »viele Anzeichen einer Opposition gegen die Politik des Bundes der Kommunisten Kroatiens« und nannte Beweise: »Die ganze Aktion ist gut organisiert. Das beweist auch die Tatsache, daß Flugblätter und anonyme Briefe in erster Linie an Adressen in den unterentwickelten Gebieten verteilt wurden, also dort, wo man annimmt, daß solche Parolen Gehör finden würden.«

Im benachbarten Slowenien, dem industriell am weitesten entwickelten Bundesland Jugoslawiens, hatten oppositionelle Losungen schon im vorigen Jahr ein Echo gefunden: Wegen der Benachteiligung Sloweniens im gesamtjugoslawischen Investitionsprogramm für Straßenbau forderten im August Wählerversammlungen In ganz Slowenien den Rücktritt der Belgrader Zentralregierung.

Im Februar dieses Jahres mußten sich zwei ZK-Ausschüsse der slowenischen KP gleichfalls mit »ausländischer Propaganda« befassen: »Auch illegale Methoden werden angewandt. wie Einschmuggeln von Zeitungen, Flugblättern und anderem Material. Das Ziel ist es, bei der arbeitenden Bevölkerung durch eine verzerrte Darstellung der Schwierigkeiten in unserer Entwicklung und durch Idealisierung ausländischer Systeme Verwirrung und Defätismus zu schaffen.«

Im Gebiet Kossovo-Metohia, wo eine albanische Minderheit siedelt, wurden Ende 1968 gegen Demonstranten, die ihre albanische Nationalflagge gehißt hatten, sogar Panzer eingesetzt. Im vorigen Jahr erhielten 40 Albaner von jugoslawischen Gerichten insgesamt 147 Jahre Zuchthaus, weil sie angeblich durch bewaffnete Aktionen die mazedonischen Orte Tetovo, Gostivar, Debar, Kicevo und Struga dem albanischen Staat angliedern wollten.

Am vorletzten Sonnabend verfügte das Innenministerium des jugoslawischen Bundeslandes Mazedonien die Beschlagnahme aus Albanien eingeführter Bücher. Abgeordneter Bajra beschuldigte in der Belgrader Bundesversammlung die mazedonischen Sicherheitsorgane, in der »altbekannten Art« gehandelt zu haben.

Sogar unter den Serben, die sich als Staatsvolk Jugoslawiens betrachten, meldet sich Opposition. In mehreren Gemeinden kam es zu Protestkundgebungen gegen die Beigrader Regierung. In der serbischen Stadt Pozarevac stürmten etwa 200 Personen den Gemeinderat und proklamierten: »Wir wollen keine Kommunisten, weil sie die Steuern erhöhen!«

Der serbische Innenminister Sacevic warnte am 10. März vor »feindlichen Aktionen aus dem In- und Ausland«. Die explosive Lage im Tito-Land erklärt möglicherweise die Nervosität, mit der Belgrad neuerdings auf kritische Berichte -- beispielsweise des SPIEGEL -- reagiert.

Besondere Feindtätigkeit machte das Parteiorgan »Borba« »an der Adria-Küste« aus. Dort, im kroatischen Dubrovnik« warten potentielle Führer einer liberalen Opposition wie auch der orthodoxen Kräfte auf ihre Rückkehr in die Politik -- Djilas und Rankovic.

»Hier treffen kroatische Nationalisten gern zusammen, um in der heißen Sonne des Südens endlos von dem allmählichen Untergang der Kroaten in der Föderation zu phantasieren«, berichtete die Zeitschrift VUS aus Dubrovnik; »hier treffen auch großserbische Nationalisten zusammen, um das serbische Dubrovnik zu begrüßen.«

Das Tito-treue Blatt fürchtet sogar die Ansiedlung »verschiedener ausländischer Spionagedienste«. VUS: »Und dieser bunte Verein tut alles, um aus dieser Stadt ein jugoslawisches Macao zu machen.«

Zur Ausgabe
Artikel 46 / 88