Hausmitteilung Chávez / Titel / Schulz
Rohr in Caracas
Foto: Andrés SchäferSPIEGEL-Reporter Mathieu von Rohr war eigentlich nach Caracas gefahren, um über das Vakuum zu schreiben, in dem Venezuela sich befand, seit Präsident Hugo Chávez zwischen Leben und Tod schwebte. Rohr beobachtete am vergangenen Dienstag gerade eine Chávez-treue Miliz, die die Zufahrt zu einem regierungskritischen Fernsehsender blockierte - da traf kurz nach 17 Uhr die Nachricht vom Tod des Präsidenten ein. Die Schläger brachen in Tränen aus, stimmten mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nationalhymne an und machten sich schnell auf zur Plaza Simón Bolívar, dem Sammelplatz der Chávez-Anhänger. In den nächsten Tagen erlebte der Reporter einen religiösen Personenkult, mit dem Chávez für immer in die Mythologie der Nation eingeschrieben werden soll, »sein Tod«, so Rohr, »hat ihn unsterblich gemacht« (zum Artikel ).
Für Journalisten gilt der Grundsatz, dass sie die Wirklichkeit bloß beschreiben, nicht aber handelnd in sie eingreifen sollen. SPIEGEL-Reporter Jürgen Dahlkamp musste bei der Arbeit für die Titelgeschichte ausnahmsweise gegen die Regel verstoßen. Er ging (gemeinsam mit den Kollegen Jan Friedmann, Andreas Ulrich und Antje Windmann) der Frage nach, was Lebensretter ausmacht, warum manche einschreiten, während andere nur zuschauen. Als Dahlkamp den Betriebsleiter Horst Hoffmann traf, der 2009 bei einem Unfall auf der A 40 die Auszubildende Lena Formanowicz aus einem brennenden Auto gezogen hatte, erfuhr er, dass Hoffmann die Frau danach niemals wiedersah. Auch sie hatte sich nie bei ihrem Retter gemeldet, aus Scham oder aus Taktgefühl. Dahlkamp vermittelte eine Begegnung. »Das Unglück«, so Dahlkamp, »verursachte ein Trauma, das Treffen war trotz aller Unsicherheit am Ende für beide befreiend« (zum Artikel ).
Der SPIEGEL erzählt hautnah vom Leben und Treiben der Mächtigen. Damit das möglich ist, muss man sich vorher auf Spielregeln einigen. Was darf zitiert oder beschrieben werden, was nicht? Als Martin Schulz vor gut einem Jahr zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde, traf er mit SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen eine ungewöhnliche Vereinbarung. Er gewährte dem Journalisten nicht nur die Möglichkeit, ihn ein Jahr lang durch seine Präsidentschaft zu begleiten, er gestattete ihm auch, bei internen Besprechungen in Straßburg oder Brüssel dabeizusitzen. Nur eine Bedingung nannte Schulz: Der oft aufbrausende Politiker nahm Feldenkirchen das Versprechen ab, auf den Abdruck der schlimmsten Kraftausdrücke und Schimpfworte zu verzichten, er habe »doch so ein loses Mundwerk«. In der Tat wurde der SPIEGEL-Autor Zeuge, wie Schulz diverse bekannte Persönlichkeiten mit nicht zitierfähigen Attributen bedachte. Vor allem aber erlebte er einen Mann, der so leidenschaftlich und impulsiv Politik macht, wie er es nie zuvor gesehen hatte (zum Artikel ).