»Dann gibt es die ganze Palette«
Von weitem sieht der Ferdinandshof aus wie ein Weltraumbahnhof. Glitzernde Metallsilos ragen in den Himmel. Das riesige Gelände ist rundherum eingezäunt und strengstens bewacht.
In den modernen Stallgebäuden stehen 24 000 Rinder dicht an dicht. Zum Gut gehören 6000 Hektar Ackerland, auf dem Mais und Grünzeug für das Tierfutter angebaut werden.
Der vorpommersche Ferdinandshof ist die größte Rindermastanlage Europas. Zu DDR-Zeiten, als hier sogar 40 000 Rinder und 12 000 Schweine standen, galt die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) als »die Fleischerei der Republik«.
»Das ist kein Bauernhof, das ist ein Monster«, sagt ein Landwirt aus der Nachbarschaft. »Wir produzieren hier eben in einem etwas größeren Stil«, gibt sich der Geschäftsführer des Guts Ferdinandshof, Hans Gotthardt, bescheiden.
Der ehemalige Staatsbetrieb, vor fünf Jahren privatisiert, gehört jetzt einem Getreidehändler aus der Nähe von Augsburg. Dass der Ferdinandshof jetzt Gewinne macht, verdankt er der Europäischen Union: Brüssel bezahlt für jedes Rind eine Prämie von derzeit 313 Mark, unabhängig davon, ob das Fleisch tatsächlich gebraucht wird.
Ob bei Rindern, ob bei Schweinen - dies ist der groteske Widersinn der EU-Subventionsregeln: Wer viel hat und viel produziert, dem wird viel gegeben. 20 Prozent der Landwirte erzeugen 80 Prozent der Produkte und bekommen folglich das Gros der Fördermittel. Den Großen gehört die Zukunft.
Die LPG-Nachfolger in der ehemaligen DDR haben einen historisch begründeten Wettbewerbsvorteil. Ein Hof in Westdeutschland verfügt durchschnittlich über 41 Hektar Land, einer im Osten über 127 Hektar. Auch neue Agrarfabriken - geplant sind in Deutschland 33 Großanlagen für 320 000 Mastschweine - werden vorzugsweise zwischen Elbe und Oder errichtet.
Die Geflügelwirtschaft unterliegt, wenngleich eher aus betriebswirtschaftlichen Gründen, ebenso dem Trend zum Gigantismus. In Neubukow bei Rostock will die Mecklenburger Frischei GmbH & Co. Farmanlagen KG eine Legehennenbatterie mit 800 000 Plätzen bauen.
Zwar hat das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Sommer geurteilt, ein Lebensraum von nur 450 Quadratzentimetern - kleiner als ein DIN-A4-Blatt - pro Huhn sei Tierquälerei. Aber die 1997 vom Staatlichen Amt für Umwelt und Natur in Rostock erteilte Bau- und Betriebsgenehmigung hat noch immer Bestand. Über eine Klage von Tierschützern und Anwohnern verhandelt das Schweriner Verwaltungsgericht nächsten Monat.
Die Eierfabrikanten lamentierten sogleich, der von Karlsruhe geforderte Mindestplatz von 690 Quadratzentimetern pro Legehenne rechne sich nicht. Deshalb sannen sie auf einen Ausweg: Jetzt wollen sie in dem tschechischen Dorf Vseruby, knapp jenseits der bayerischen Grenze, eine Riesenfarm für 1,8 Millionen Hühner bauen.
Vor 40 Jahren hielt ein deutscher Schweinemäster durchschnittlich zehn Tiere, heute füttert er mehr als neunmal so viele. Die Zahl der Zuchtsäue je Betrieb hat sich im selben Zeitraum verzehnfacht.
Oft vegetieren 1000 Schweine in einem dunklen feuchten Stall, je 20 in einer Box mit Spaltenböden, unter denen der Kot schwimmt. Selbst die ständig laufende Klimaanlage kommt gegen den Gestank nicht an, die Luft ist voller Ammoniak, die Augen triefen. Zuchtsäue werden während der Deck- und Wurfzeit in körperenge Stahlboxen, so genannte »Kastenstände«, gezwängt, die ihnen keinen Bewegungsraum lassen.
Milchkühe, mokiert sich die holsteinische Tierärztin Anita Idel, »stehen in Anbindehaltung 365 Tage im Jahr auf einer Stelle«. Auf den verschmierten Rosten rutschen sie leicht aus, Klauen und Gelenke leiden. »Dann gibt es schmerzhemmende Mittel, Cortison, die ganze Palette«, empört sich die Veterinärin.
Der großzügige Einsatz von Medikamenten soll zucht- und haltungsbedingte Krankheiten eindämmen, hat jedoch üble Nebenwirkungen. Durch das abnorme Wachstum entzünden sich die überlasteten Knochen und Gelenke. Die Leiden verschlagen den Tieren den Appetit, was das Mastziel gefährdet. Deshalb werden schon den Ferkeln schmerzstillende Medikamente ins Futter gemischt.
Auch die Pute, von der Agrarwirtschaft als kalorienarme Gesundkost vermarktet, ist »nur noch ein elendes Wesen, dem immer mehr Fleischleistung abverlangt wird«, beklagt Heinz-Wilhelm Selzer, Präsident des Bundesverbandes Tierschutz.
»In Deutschland werden die weltweit schwersten Puten überhaupt gemästet«, so das alternative »Agrar-Bündnis": Erreichte ein Mast-Truthahn vor 25 Jahren noch elf Kilogramm, so bringt er es nun auf fast das Doppelte.
Skelett, Beine und Sehnen brechen oder reißen unter der Fleischeslast. Die mit Kraftfutter und Medikamenten angemästete überschwere Brust bringt die Tiere aus der Balance und lässt sie ständig vornüber in die stinkende Einstreu kippen.
Rund 90 Prozent des deutschen Rind- und Schweinefleischs lassen sich nicht wirklich von der Fleischtheke zum Tier zurückverfolgen, hat der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland herausgefunden. Spätestens in den Zerlegebetrieben werden Teile aus verschiedenen Schlachthöfen vermischt, so dass niemand mehr wissen kann, woher ein bestimmtes Stück Fleisch stammt.
Der Deutsche Bauernverband steuert kaum gegen. Er vertrete »eine Klientel von 20 Prozent agrarindustrieller Wachstumsbetriebe«, die »einseitig auch durch staatliche Gelder in die Massenproduktion und die Rationalisierung gefördert« worden seien, kritisiert der grüne Europa-Abgeordnete Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf.
Die Subventionen seien »über Jahre in die falschen Kanäle geflossen«, beklagt Baringdorf. Jetzt sei es an der Zeit, »das knappe Geld für weniger Masse und für mehr Qualität« zu verwenden.