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NATURSCHUTZ Deichen oder weichen

Die Kieler Regierung hat den »Nationalpark Wattenmeer« vergrößert - gegen massiven Widerstand der Friesen. Nun hofft die CDU bei der Landtagswahl auf ein Debakel von Rot-Grün.
• aus DER SPIEGEL 44/1999
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Für Postkarten-Fotografen wäre der Mann genau richtig: Vollbart, stahlblaue Augen und unter dem Wollpullover ein Brustkorb wie ein Fass. Seit 27 Jahren tuckert Jürgen Sörns, 44, mit seinem Kutter »Theodor Storm« durch das schleswig-holsteinische Wattenmeer, zwischen Halligen und Inseln, zwischen Sandbänken und Küste. Immer hin und her und immer auf der Jagd nach Crangon crangon, der Nordseegarnele, im Volksmund: Krabbe.

Das Tierchen ist nicht nur schwer zu pulen, sondern auch äußerst sensibel: »Die können beispielsweise keinen Schnee ab«, sagt Fischer Sörns, und sein Helfer Harry Rogalli, 51, wiegt schweigend den Kopf. So treiben die Krabbenschwärme heute hier und morgen dort. Die Fischer halten mit: »Wir sind ja so was von flexibel. Da, wo die sind, da fahr''n wir hin.«

Aber nicht mehr lange: Wenige Monate vor der Landtagswahl am 27. Februar verabschiedete die rot-grüne Mehrheit jetzt im Kieler Landtag ein neues Gesetz für den »Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer«. Geschützt werden sollen unter anderem die Schweinswale, eine etwa einen Meter lange Delfin-Art.

Die Wahl vor Augen, den Wal im Kopf, bestimmten die Koalitionäre für Deutschlands Matschecke verschiedene Zonen, die für den Menschen tabu sind oder, so fürchten zumindest die Einheimischen, ganz schnell tabu werden könnten.

Die Gesetzesnovelle hat an der Westküste einen Sturm der Entrüstung entfacht. Drei Jahre lang wurde gestritten und gezetert. Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) und ihr grüner Umweltminister Rainder Steenblock mussten sich mit Eiern bewerfen lassen. Entlang der gesamten Küste zwischen Elbmündung und dänischer Grenze wurden Mahnfeuer entfacht, in Tönning brannten Strohpuppen mit Namensschildern »Heide« und »Rainder«. Überall stritten die Bürger mit Umweltschützern und Beamten, die dann auch noch meistens von der Ostsee kamen, dieser »Pfütze« (Friesen-Hohn).

Höhepunkt der Proteste war Ende August die bislang größte Fischkutter-Demonstration. 150 bunte Kutter tuckerten durch den Nord-Ostsee-Kanal gen Kiel, um direkt vor Landtag und Staatskanzlei gegen die Pläne zu demonstrieren. Zwischen den Masten flatterten Transparente ("Stoppt den Öko-Wahn«, »Alles Rainder Blödsinn"), die grüne Fraktionschefin Irene Fröhlich wurde als »blöde Schlampe« tituliert.

Nur wenige Monate vor der Landtagswahl, der »Schicksalswahl« (Steenblock) im Norden, die als Weichenstellung für die Wahl in Nordrhein-Westfalen gilt, nahm die CDU unter ihrem Spitzenkandidaten Volker Rühe den Kampf ums Watt dankbar auf.

Der Zugereiste Rühe, der hinterm Deich bei Tönning seine neue Heimat gefunden haben will, kündigte prompt an, die Novelle sofort nach seinem Wahlsieg zu kassieren. Der Ex-Verteidigungsminister wird nicht müde, von Hallig zu Hallig zu touren und in rammelvollen Gemeindesälen seine Botschaft zu verkünden. Auf der Insel Pellworm blieb er sogar über Nacht, was CDU-Bürgermeister Jürgen Feddersen, 55, als besondere Ehre sieht: »Jau, das war schon super.«

Der Streit um das Wattenmeer wurde in den Augen der Friesen zum Symbol für eine Politik, die über die Köpfe der Menschen hinweggeht.

Künftig reicht Deutschlands größter Nationalpark bis an die Drei-Seemeilen-Grenze. Er wird damit um 60 Prozent vergrößert. Westlich von Amrum und Sylt wird zudem das erste europäische Walschutzgebiet eingerichtet. Hier ist lediglich das Fischen mit großen, engmaschigen Schleppnetzen verboten, wie es nur die Dänen und Holländer betreiben.

Südlich des Hindenburgdamms gen Sylt wird es jedoch eine Nullnutzungszone geben, die etwa so groß ist wie die Inseln Föhr und Amrum zusammen. Hier soll die Natur ohne jeden menschlichen Einfluss gedeihen. Die zentralen Schutzzonen für Seevögel werden zudem zusammengefasst und vergrößert. Damit sind sie während der Mauserzeit für die Fischerei gesperrt.

Grund genug für Krabbenfischer Sörns, um in Kiel bei der Kutter-Demo seinem Ärger Luft zu machen. Er sieht durch den Nationalpark seine Existenz bedroht. Die Schutzzone sei außerdem der »allergrößte Quatsch": Er habe in 27 Jahren »höchstens« zehn Wale gesehen.

Das Misstrauen sitzt tief an der Westküste. »Die Verselbständigung des Naturschutzes und der Wissenschaft macht hier Angst«, sagt Rüdiger Kock, 36, Geschäftsführer des holländischen Krabbenmultis Heiploeg in Husum. Wenn die Fischer aus dem Watt vertrieben würden, müssten sie auf hoher See gegen die Hightech-Konkurrenz aus Holland und Dänemark anschippern. »Und das überleben die nicht.«

Der Streit um den Nationalpark dreht sich weniger um die Frage, wie man das Wattenmeer schützen soll. Was die Landesregierung nun beschlossen hat, wird die Krabbenfischer auch keineswegs in den Bankrott treiben. Stattdessen geht es vor allem um die Frage, wer bestimmt, wie man schützen kann - die Einheimischen oder die Obrigkeit von der Ostküste?

Noch halten sich die Friesen für die alleinigen Kenner des weltweit einzigartigen Ökosystems hinter ihren Deichen. Hans-

* Im August auf dem Weg nach Pellworm.

Ulrich Rösner, 41, vom Husumer »Projektbüro Wattenmeer« der Umweltstiftung

WWF hält dagegen: »Ein Nationalpark ist eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung. Das kann man nicht einer Region überlassen.«

Seit Jahrhunderten leben die Nordfriesen gegen das Meer an. Meterhohe Deiche sollen vor der unbeherrschbaren Kraft der Nordsee schützen, mit Entwässerungen holen sich Bauern Hektar für Hektar verlorenes Land zurück.

Dort, wo heute Ebbe und Flut wechseln, wo der Wattschlick Zugvögel und Touristen anzieht und wo Schafe auf Deichen grasen, war immerhin einst Festland: Vor allem die katastrophalen Sturmfluten von 1362 und 1634 hatten ganze Landstriche mit sich gerissen. »Die Leute hier sind stolz auf ihre Deiche, das versteht kaum einer«, beschreibt Muschelfischer Paul Wagner, 57, aus Wyk auf Föhr den ständigen Überle-

* Oben: Ende August im Nord-Ostsee-Kanal auf dem Weg nach Kiel; unten: beim Abkochen von Krabben.

benskampf. »Wer nicht deichen will, muss weichen« ist zum Grundsatz friesischer Existenz geworden.

Dieser uralte Kampf zwischen Mensch und Meer lässt keinen Platz für die Erkenntnisse von Umweltschützern, Biologen oder Ministerialen. Wenn WWF-Biologe Rösner beruhigend sagt, die küstennahe Kutterfischerei sei doch »genau das, was wir wollen«, weil sie nachhaltig sei und keinen ökologischen Schaden anrichte, glaubt ihm das niemand mehr.

Zwischen 1996 und 1999 fanden 15 öffentliche Anhörungen und mehr als 200 Informationsveranstaltungen der Landesregierung statt. Auch als Steenblock ein Stück nachgab und sich von der Ausdehnung der Schutzzone auf Strände und Dünen verabschiedete - was ihm unter anderem Rücktrittsforderungen der Umweltschutzverbände einbrachte -, ließen die Friesen nicht locker.

Neue Tourismuskonzepte und Naturschutz, Nachhaltigkeit oder gar Biosphäre sind an der Westküste kein Thema mehr. »Rot-grün wird es hier nicht mehr schaffen«, sagt Muschelfischer Wagner.

Der Husumer CDU-Landrat Olaf Bastian, 47, der von der Zeitschrift »natur« schon den »Hammer des Monats« für sein Engagement gegen die Windkraft verliehen bekam, macht hoch erfreut Stimmung gegen die Gesetzesnovelle: »Man fühlt sich von der Landesregierung gelinkt.« Weder sei die Erweiterung ausreichend begründet worden, noch gebe es genügend Argumente für ein Nullnutzungsgebiet: »Das ist eine reine Prestige-Fläche«, poltert Bastian in Anspielung auf die flaue Bilanz von vier Jahren grüner Umweltpolitik in Kiel.

Tatsächlich hat Umweltminister Steenblock ein Problem mit seinen Wählern. Spätestens seit er den brennenden Holzfrachter »Pallas« hilflos ins Watt treiben ließ - eine wesentlich derbere Umweltsünde als die Krabbenfischerei -, gilt er als politisch schwer angeschlagen. Schon als er beim umstrittenen Bau der Ostseeautobahn A 20 durch das Wakenitztal bei Lübeck vor der SPD einknickte, zog er sich den Unmut der grünen Basis zu.

Als ebenso schwach beurteilen Umweltschützer und Beamte aus dem eigenen Haus die Performance in Sachen Nationalpark: »Man möchte ihn immer trösten«, sagt ein Beamter mitleidsvoll. Da kommt die Wattenmeer-Novelle gerade recht, um die aufgebrachte grüne Klientel zu befrieden.

Gegen solch angeschlagene Gegner hat die CDU leichtes Spiel, den Widerstand der Westküste zu mobilisieren. »Naturschutz eignet sich offenbar als wunderbarer Prügelknabe«, sagt Wattenmeer-Experte Rösner. »Eine sachliche Debatte war in dieser emotionalisierten Atmosphäre überhaupt nicht mehr möglich.«

Dass der Nationalpark auch große Möglichkeiten für den Tourismus berge, sei überhaupt nicht mehr vermittelbar gewesen, sagt Helmut Grimm, 58, vom Nationalpark-Amt in Tönning: »Hier herrschen Ängste vor Veränderung. Der Park stellt doch eine große Chance für die Region da. Das kann man doch vermarkten!«

Dass das funktioniert, zeigt das »Multimar Wattforum« in Tönning, das Heide Simonis Anfang Juni eröffnete. Inzwischen haben rund 80 000 Besucher die Aquarien und Multimedia-Simulationen des Wattenmeers bestaunt. Draußen hinterm Deich sollen Wattführer den Touristen das Geheimnis von Ebbe und Flut erklären.

Krabbenfischer wie Jürgen Sörns haben davon allerdings erst mal wenig: »Nur wenn Volker Rühe einhält, was er versprochen hat, können wir bis zur Rente fischen«, sagt er und hofft auf die Wahl - wenn auch ein bisschen zaghaft. Schließlich ist Rühe ja kein Einheimischer, zudem »eben auch nur Politiker«. FLORIAN GLESS

* Im August auf dem Weg nach Pellworm.* Oben: Ende August im Nord-Ostsee-Kanal auf dem Weg nach Kiel;unten: beim Abkochen von Krabben.

Florian Gless
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