109 Stunden: Castor-Transport vor letzter Etappe
15 Stunden Castor-Protest Vier Bauern in Beton
Hitzacker/Dannenberg - 15 Stunden haben es drei Männer und eine Frau auf den Schienen ausgehalten, bei Regen und Kälte. Gemeinsam haben sich die Aktivisten der Bäuerlichen Notgemeinschaft an eine 600 Kilo schwere Betonpyramide gekettet, um den Transport des Atommülls zu behindern. Erst am späten Abend haben die vier Landwirte aufgegeben - es konnte niemand mehr für ihre Sicherheit garantieren.
"Wir haben eine Verantwortung für unsere Familien, Kinder, Enkel und unsere Höfe in der Region", sagt Georg Janßen. Zusammen mit Heiko Müller-Ripke, Fritz Pothmer und Hanna Schwarz hat er sich durch einen komplizierten Schließmechanismus im Innern der Pyramide mit einem Arm festgekettet. So kann die Polizei sie nicht einfach wegtragen. "Ein Anheben ohne schwerste Verletzungen an den Armen der vier wäre dabei nicht zu vermeiden", sagt Herbert Waltke, Sprecher der Bäuerlichen Notgemeinschaft, eine von Landwirten getragene Interessenvertretung aus dem Wendland. Dies sei bereits die dritte Generation von Betonpyramiden. "Wir haben seit dem letzten Castor-Transport getüftelt", sagt Waltke.
Wie die schwere Konstruktion auf die Gleise gekommen ist? "Mit viel Witz und Phantasie", sagt Waltke. Verwundert sind die Landwirte über die geringe Polizeipräsenz beim Platzieren der Pyramide. "In der Zeit hätte man fünf davon aufstellen können", sagt einer der Bauern. Doch gegen 23.15 Uhr war Schluss, der letzte Blockierer in einen Krankenwagen gebracht, die Pyramide von den Gleisen geschafft.
Aktionen wie diese haben dafür gesorgt, dass der Castor-Transport sich in diesem Jahr stark verzögert. Mehr als hundert Stunden nach seiner Abfahrt in Frankreich hatte der Konvoi am späten Sonntagabend sein Ziel in Gorleben immer noch nicht erreicht - noch nie hat ein Atommülltransport ins Wendland mehr Zeit in Anspruch genommen.
Unbekannte Intensität der Gewalt
Am Sonntag kam es jedoch auch zu weniger friedlichen Protesten: In einem Waldstück spitzte sich die Lage zwischen vermummten Demonstranten und der Polizei zu, Beamte wurden mit Steinen und Böllern angegriffen, Barrikaden brannten. "Das ist eine Intensität der Gewalt, die wir hier sonst nicht kannten", sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Dietmar Schilff.
Die Polizei ging ihrerseits mit Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen die Demonstranten vor - und erntete heftige Kritik. Grünen-Chefin Claudia Roth sprach von einem "absolut überzogenen" Polizeieinsatz. "Er ist ein Anschlag auf die Demokratie." Roth rechtfertigte auch ihre Teilnahme an den Anti-Castor-Protesten im Wendland. Sie werde so lange demonstrieren, bis das letzte Atomkraftwerk vom Netz gegangen sei, sagte die Politikerin am Sonntag.
Die Gewerkschaft der Polizei wies die Vorwürfe zurück. Der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut erklärte, die Polizisten hätten die Verhältnismäßigkeit gewahrt und sich um Deeskalation bemüht. "Sie haben allerdings die Aufgabe, den rechtmäßigen Transport der Behälter in das Zwischenlager sicherzustellen." Dazu dürften die Polizisten auch körperliche Gewalt einsetzen.
Hunderte Verletzte
Bis Sonntagabend wurden mehr als 200 Verletzte gemeldet. Bei etwa 160 Demonstranten handle es sich um Folgen der Schlagstock- und Reizgaseinsätze der Polizei, sagte eine Sprecherin der Rettungszentrale der Bürgerinitiative Umweltschutz in Dannenberg. Mindestens drei Demonstranten wurden demnach schwer verletzt.
Die Polizei meldete 51 verletzte Einsatzkräfte, mehrere von ihnen seien dienstunfähig. Zudem seien 16 Polizeiwagen beschädigt worden. Mehrere Personen wurden festgenommen. Auch zwei Sanitäter erlitten den Angaben der Rettungszentrale zufolge Verletzungen.
Für die letzte Etappe des Castor-Transports sollen die Atommüllcontainer zuvor im Verladebahnhof in Dannenberg auf Speziallaster umgesetzt werden. Dort wird bereits alles für die Ankunft der elf Castoren vorbereitet - und das Gelände stark gesichert.