Klimagipfel: Kompromisspapier vorgelegt - Einigung ist greifbar nah - DER SPIEGEL
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Klimagipfel Kompromisspapier vorgelegt - Einigung ist greifbar nah

23 Uhr 15 legte der Präsident der Uno-Klimakonferenz in Bonn ein eigenes Kompromisspapier aus allen Kritikpunkten der vergangenen Tage vor, in dem die EU große Zugeständnisse macht. Auch gegenüber Japan, Kanada und Russland. Damit will Jan Pronk unabhängig vom G-8-Gipfel und den USA eine Einigung über das Kyoto-Protokoll erreichen. Jan Pronks Sonderdiplomat heißt Jürgen Trittin. Begleitend demonstrierten friedlich 3000 Umweltschützer vor der Tür mit Sprüchen wie: "Toxic Texan".
Von Holger Kulick
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Bonn - "Hört die Bootschaft" hatte eine Kölnerin auf ein Holzschiff gemalt, "Boycott US-Products" ein Ravensburger und "The world needs trees, not Bushes" zwei Demonstranten aus Frankreich. Vollkommen friedlich zogen rund 3000 Umweltschützer aus aller Welt am Samstag ein selbstgezimmertes Rettungsboot zum Tagungsort des Uno-Klimaschutzgipfels in Bonn. Ängstlich sperrte die Polizei die anwesenden Umweltminister zunächst im Tagungshotel ein, bis klar war, dass sich kein schwarzer Block unter den zumeist jungen Leuten befand, sondern ausschließlich pfiffige Wortgewalttäter. Denn das angeschleppte Boot hatten sie unter Anleitung des Bunds für Umwelt- und Naturschutz (BUND) aus 2000 handbeschrifteten Holzplanken gebaut, mit Sprüchen wie "Freiheit ist auch die Freiheit zum Atmen", "Bush, die geistige Senke", "Toxic Texan", "Apokalypse never!", oder "Global warning" statt global warming, dem Fachbegriff für die Erderwärmung.

Klaus Töpfer auf Demonstrantenseite

Sichtlich angetan begrüßte der ehemalige deutsche Umweltminister Klaus Töpfer als Uno-Vertreter den Tross und bat darum, den Gipfel anzuspornen, dass nun im Tagungshotel ein vernünftiges Ergebnis gelingt. es sei "kristallglasklar", dass die Erderwärmung menschengemacht sei - "zu Lasten der Ärmsten unter den Armen".

Ob es zur Lösung des Kyoto-Protokolls auch der Hilfe aus Genua bedarf? Nein, das sei "Kaffeesatzleserei" sagte Töpfer gegenüber SPIEGEL ONLINE, "hier haben fast alle den Ehrgeiz, das selber zu schaffen, es kommt nur darauf an, ob sich dann wirklich alle mit dem Kompromiss identifizieren können, dass danach ein Nagel nach dem anderen dazukommen kann."

Sonntagabend soll das Ziel erreicht sein

In Sitzungen, die seit Mitternacht laufen und heute am Sonntag bis in den Abend fortdauern werden, wird sich das erweisen. Dafür legte Versammlungspräsident Jan Pronk allen Delegierten ein 15-seitiges Kompromisspapier vor, das nun zunächst in kleinen Gruppen und schließlich wieder im Plenum beraten wird. Bis Sonntag am späten Abend will Pronk endgültig "im Ziel sein", äußerte er zuvor im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Aber nicht an Einzelpunkten soll sich zerrieben werden. Pronk appellierte wiederholt an seine Ministerkollegen, lieber über das Paket als Ganzes zu entscheiden. Dafür sagte ihm der deutsche Umweltminister seine Unterstützung zu.

Jürgen Trittin als Sonderdiplomat Jan Pronks

Jürgen Trittin hatte bis Nachts um drei als Sonderdiplomat Pronks fungiert und die Gruppe der 77 Entwicklungsländer, die EU, mehrere Länder Südamerikas und anderen Gruppen zur Unterstützung dieser Vorgehensweise gewonnen. Das zusätzliche Ziel: Unabhängig vom Gipfel in Genua entscheidungsfähig zu werden.

Gelingt Jan Pronk der "Goldene Schuss?"

Allerdings herrschte den ganzen Tag über äußerste Anspannung, was in dem neuen "Pronk-Papier" stehen könnte. Sowohl Japan, Kanada als auch die Europäische Union sagten ihre offiziellen Pressebriefings ab. Denn Pronk tagte nur mit vier Gruppenleitern, die ihm die Kompromisspunkte aus allen Fachbereichen vorbereitet hatten. Der deutsche Delegationsleiter Hendryk Vygen zeigte sich optimistisch: "Das wird gut ausgehen". Entweder es gelänge Pronk in dieser Nacht der "Goldene Schuss" oder schreckliche Ernüchterung würde einkehren. Denn auf dem nächsten Gipfel in Marrakesch würde man "dann auch nicht weiterkommen".

Genuas schlechtes Image als Ansporn

Schon am Mittag hatte die EU-Kommissarin Margot Wallström appeliert: "Gerade die schrecklichen Ereignisse in Genua mahnen uns, hier zu beweisen, auf welche konstruktive Art Globalisierung auch gelingen kann" - mit verantwortungsbewusstem Klimaschutz weltweit. Die 178 Umweltminister in Bonn müssen das jetzt beweisen.