Wahl in Berlin: Zieht Wowereitdie rot-rote Karte? - DER SPIEGEL
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Wahl in Berlin Zieht Wowereitdie rot-rote Karte?

Nach 30 harten Jahren sind die Berliner Sozialdemokraten wieder die stärkste Macht in der Hauptstadt. Doch durch die Koalitionsfrage droht den Roten schon bald nach der kollektiven Harmonie wieder der innere Riss.
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Berlin - Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg. Die Arbeiterpartei SPD feierte ihren Berlin-Durchbruch im glitzernden Atrium des Daimler-Chrysler Gebäudes. Dort, wo sich die von Kanzler Schröder umgarnte neue Mitte tummelt, am Potsdamer Platz, dem künstlichen Herzen der Stadt, versammelten sich die Sieger. Erstmals seit 30 Jahren stellen die Sozialdemokraten wieder die stärkste Fraktion in der Hauptstadt, deren Wähler die politische Landschaft kräftig durcheinanderwirbelten. "Überwältigender Erfolg, großartiges Ergebnis, tolle Leistung", waren die Lieblingsvokabeln der siegreichen Sozen.

Der Übergangs-Regierende Klaus Wowereit, der sich nach dem Ende der großen Koalition im Schongang nun endgültig an die Macht lächelte, muss entscheiden zwischen einer rot-roten oder Ampelkoalition. Doch die für Verhandlungen eigentlich günstige Ausgangsposition von mehreren Optionen, lag dem Sieger bereits am Wahlabend schwer im Magen. Soll er es mit den PDS-Schmuddelkindern aus dem Osten wagen oder fünf Jahre lang mit einem fragilen Bündnis aus Grünen und FDP balancieren?

Das kuschlige Gefühl der Einheit

Der realpolitische Kater deutete sich schon im Siegesrausch an. Schulsenator Klaus Böger wurde nicht müde, immer wieder die große, für ihn auch mehr als ungewohnte Geschlossenheit der Partei im Wahlkampf zu betonen. Gerade so, als ahnte er, dass es bald schon wieder vorbei sein kann damit. Das kuschlige Gefühl der Einheit der Berliner SPD rund um ihren Wowi-Bär trug sie zur Macht. Aber so gespalten wie das Wahlergebnis in Ost und West von Berlin war, so gespalten ist auch die SPD in ihrer Koalitionsfrage. "Die Wessis in der SPD feiern, die Ossis trauern", sagte ein Sozialdemokrat, der im Bezirk Mitte knapp den Einzug ins Abgeordnetenhaus verpasste.

Er ist überzeugt, dass die SPD zu wenig differenziert hat zwischen Ost und West. "Wenige Tage vor der Wahl 700.000 Briefe zu verschicken mit gleichem Inhalt war Wahnsinn", sagt er. Die uneingeschränkte Solidarität mit den kriegführenden USA, die Wowereit als Kanzler-Darling in den Brief schreiben ließ, habe die PDS im Osten erst recht stark gemacht, glaubt der Sozialdemokrat.

Will die SPD nun den politischen Mehrheitswillen der Stadt abbilden, muss sie theoretisch mit der PDS koalieren. Aber das stößt auf großen Widerstand bei westlichen Sozialdemokraten. Zwei Drittel der Mitglieder, so eine interne Parteiumfrage, stehen der PDS skeptisch gegenüber. Als Steigbügelhalter für den Übergangssenat waren die Postsozialisten noch in Ordnung. Aber jetzt hätten die meisten Sozen am liebsten ein bewährtes bundesrepublikanisches Modell mit vertrauten Kräften aus FDP und Grünen. Doch das stünde mit einer nur knappen Mehrheit auf sehr wackligen Füßen.

Lavieren in der Koalitionsfrage

Fraktionschef Müller lavierte: "Wir müssen in Ruhe nachdenken und werden nach Inhalten entscheiden. Die FDP ist uns eigentlich unbekannt und bei der PDS muss man Fragen wie die nach dem Großflughafen in unserem Sinne entscheiden können." Festlegen wollte sich am Sonntag abend noch niemand.

Der Generalsekretär der Bundespartei überbrachte Glückwünsche von "720.000 Brüdern und Schwestern aus dem ganzen Land." Wowereit dankte artig und versprach der Festgemeinde, dass die Bundespartei nicht in die Koalitionsentscheidung reinreden werde: "Entscheiden müssen wir." Aber das ist nicht mehr als ein frommer Wunsch. Denn die Signale aus der Kommandozentrale der Bundes-Sozen sind eindeutig. Ohne den 11. September hätte man sich dort ein Experiment mit der PDS vorstellen können, als Testlauf. Nicht weil die SPD die PDS plötzlich für hoffähig hält oder die Einheit der Stadt Berlin sucht, sondern weil der SPD-Bundesvorstand gerne in Ostdeutschland gute Stimmung bei den PDS-Wählern machen will für die Bundestagswahl 2002. "Die wollten nie uns, sondern unsere Leute", sagte PDS-Fraktionschef im Bundestag, Roland Claus.

Keine Experimente

Doch in Zeiten der Krise und des Krieges heißt des Kanzlers Devise: Keine Experimente. Auch sind längst nicht alle Sozialdemokraten von dem Wahlergebnis so "grenzenlos begeistert" (Wowereit) wie das Führungspersonal. Mit zwei Prozent mehr hatten viele schon gerechnet angesichts der flauen Konkurrenz. Nur einer, den es nichts kosten kann, prophezeite der SPD den weiteren Aufstieg aus der Asche von 22,4 Prozent im Jahr 1999. "In fünf Jahren macht ihr aus den 30 Prozent von heute über 40", dröhnte Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel. Doch für so erfolgreich halten nicht mal die Gewinner ihren Erfolg. Wowereit ahnt: "Liebe Freunde, die Arbeit fängt erst an."

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