Abbau West: Verblühende Landschaften - DER SPIEGEL
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Abbau West Verblühende Landschaften

Graue Städte, marode Infrastruktur, hohe Arbeitslosigkeit - das nördliche Ruhrgebiet ist in der Krise. Dort wächst die Wut über die Subventionierung des Aufbau Ost. Manche siechen Regionen im Westen fühlen sich inzwischen allein gelassen - auch vom Kanzler, der gerade durch den Osten tourt.
Von Alexander Bürgin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Schalker Fankneipe schwenken Männer ihre blau-weißen Schals, Frauen tanzen auf den Tischen. Zwei Stunden vor dem Spiel gegen Leverkusen animiert der DJ mit der T-Shirt-Größe XXL die Königsblauen zum Mitsingen: "Wer hat Oliver Kahn entmannt?" Die Antwort aus dem Saal: "Ebbe Sand." Hans grölt mit. Wann immer er eine Karte bekommt, egal ob für Heim- oder Auswärtsspiel, geht er ins Stadion. Wenigstens am Wochenende will er, "gelernt auf der Zeche wie alle hier", seine Sorgen vergessen und feiern. Seit zwölf Monaten ist der 42-jährige Bergmann arbeitslos.

In Gelsenkirchen ist das keine Seltenheit. Fast jeder fünfte Erwachsene im Erwerbsalter ist ohne Job. Das Ende der Kohleförderung konnte nicht durch neue Arbeitsplätze kompensiert werden, die Stadt ist von einst 400.000 Einwohnern auf 273.000 geschrumpft. Bis zum Jahr 2020 wird ein weiterer Verlust von 13 Prozent der Bevölkerung vorhergesagt. Die Folgen des Strukturwandels sind mit bloßem Auge sichtbar: Die Bahnhofsstraße, in ihrer Blütezeit die umsatzstärkste Straße der Bundesrepublik, verkommt zur Ramschmeile, eine Billigbude steht neben der anderen. In leer stehenden Wohnungen in der Innenstadt lässt die Stadt inzwischen Gardinen aufhängen, um die Misere zu kaschieren.

Schuld an den Problemen des nördlichen Ruhrgebiets ist zwar nicht der Osten Deutschlands: Bereits in den achtziger Jahren lag hier die Arbeitslosigkeit durch die sterbende Kohleindustrie bei 15 Prozent. Aber je angespannter die Kassenlage im Westen, desto weniger nachvollziehbar wird es für die Menschen, dass ihnen seit über einem Jahrzehnt der Solidaritätszuschlag abgezwackt wird und die Kommunen ihren Beitrag zum Solidarpakt teilweise auf Pump finanzieren müssen. Seit der Wiedervereinigung flossen 4,8 Milliarden Euro der Bundesmittel für die Städtebauförderung nach Ostdeutschland, in den Westen nur 1,3 Milliarden. Und nicht nur im nördlichen Ruhrgebiet, sondern auch in Ostfriesland, in der Oberpfalz und in Teilen des Saarlandes und Oberbayerns werden die Defizite in der öffentlichen Infrastruktur immer gravierender.

Akzeptanz für Ostförderung schwindet

Der Volkzorn West wird noch stärker angeheizt, wenn bekannt wird, wie im Osten das Geld manchmal verschleudert wird. Hans kann nicht verstehen, dass die Gemeinde seiner Ost-Verwandten "wie aus dem Ei gepellt" aussieht, und in Gelsenkirchen alles verkomme. Außerdem seien dort Häuserreihen mit Hilfe von Fördergeldern abgerissen worden, die Anfang der neunziger Jahre mit Transferleistungen modernisiert wurden. "Dat is doch bekloppt!" Hans fasst sich an den Kopf und bestellt sich ein weiteres Bier.

Oberbürgermeister Oliver Wittke (CDU), heute zum ersten Mal zu Besuch in der Fankneipe, warnt in gesetzten Worten: "Will man die Akzeptanz für die Ostförderung nicht aufs Spiel setzen, müssen auch die strukturschwachen Regionen im Westen stärker gefördert werden." Allerdings dürften die erfolgreichen Ansätze in der Stadt nicht unter den Tisch gekehrt werden: Ein modernes Steinkohlekraftwerk soll gebaut werden, die Ölraffinerien und die Solarzellenfabrikation belebten den Standort - und natürlich der Besuchermagnet und Stolz der Stadt: die Arena "AufSchalke", das modernste Fußballstadion Europas.

Es hat sich herumgesprochen, dass der Oberbürgermeister gekommen ist. Vom Bier gerötete Gesichter wollen sich mit dem Stadtoberhaupt fotografieren lassen und seinen Tipp hören. Für seine 3:1-Prognose wird ihm ein weiterer Bierkrug gereicht. "Er tut, was er kann, aber neue Arbeitsplätze kann er auch nicht zaubern", sagt Hans, der für die, ihm vom Arbeitsamt gebotenen, sechs Euro vierzig die Stunde nicht auf dem Bau malochen gehen will. "Da kann ich ja gleich daheim bleiben und Stütze kassieren."

Besichtigungstour durch den Ruhrpott

Auf einer Brachfläche so groß wie fünfzig Fußballfelder, zehn Gehminuten vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof entfernt, steht einsam eine letzte Werkhalle, die Fensterscheiben allesamt eingeschlagen. Der letzte der vier Hochöfen wurde Mitte der achtziger Jahre gesprengt - ein Bild des Niedergangs.

Der richtige Ort für Michael Vesper (Grüne), Bauminister von Nordrhein-Westfalen, um einer Delegation von Landespolitikern aus den neuen Bundesländern "schonungslos die Probleme des Ruhrgebietes" vorzuführen: Industrieruinen, Arbeitslosigkeit auf Ost-Niveau, verödete Stadtviertel. Seine Botschaft: Schluss mit der Bevorzugung des Ostens bei den Fördergeldern - Teile des Ruhrgebietes sind mindestens genauso bedürftig.

Nach einer Stippvisite in Ostdeutschland hat er zu einem Gegenbesuch eingeladen. 15 Stationen in den Städten Gelsenkirchen, Gladbeck und Duisburg stehen auf dem Programm. "Das sonnige Wetter ist schlecht für unsere Zwecke", scherzt der Bauminister. Eine Fahrt durch das ehemalige Zentrum der deutschen Wirtschaft bei grauem Himmel und Nieselregen hätte die Atmosphäre des Verfalls besser vermittelt. Doch auch so verfehlt die rumpelige Fahrt durch ein ehemaliges Zechengelände bei den Gästen die Wirkung nicht. Wo einst die Kumpels in den Berg einfuhren, proben heute Musikbands. "Das Ausmaß der Deindustrialisierung ist beeindruckend", findet Inés Brock, Landesvorsitzende der Grünen in Sachsen-Anhalt.

Lesen sie im zweiten Teil, wie den West-Kommunen das Geld ausgeht

Nächste Station der Besichtigungstour ist die Gesamtschule im Stadtteil Ückendorf. Drei von vier Schülern haben nichtdeutsche Wurzeln. Die Hälfte der Schulabgänger fand im letzten Jahr keine Lehrstelle. Dieses Jahr wird es für die Jugendlichen noch schwieriger: 500 Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen fallen weg. "Sollen sie doch ins Umland gehen - unsere Azubis gehen auf der Suche nach Arbeit doch auch in den Westen", sagt Brock. Die Westkollegen winken ab: "Köln und Bonn hat auch nix übrig für unsere Jugendlichen." Die Direktorin zeigt einen Ausschnitt aus einem Tanzclip: "Unsere Gruppe kam bundesweit unter die ersten acht. Hier, er mit dem Stirnband - vielleicht wird er jetzt Tänzer."

Die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher schafft Konflikte in den Stadtteilen. Bisher habe man im begrenzten Umfang ankämpfen können gegen die sozialen Folgen des Strukturwandels, sagt Thomas Rommelspacher, Sprecher für Stadtentwicklung der Grünen im Landtag in NRW - etwa durch die Förderung von Begegnungszentren für Jugendliche unterschiedlicher nationaler Herkunft. Doch in Zukunft werde das Geld für Stadtentwicklungsprojekte fehlen. Die Folge: eine weitere Entmischung der Stadtteile. Wer es sich leisten kann, haut ab in bessere Wohngegenden. Die Armen bleiben frustriert zurück. Der Soziologe, der die Armutsentwicklung des Ruhrgebietes schon seit den achtziger Jahren erforscht, blickt düster in die Zukunft. "Demnächst bricht hier alles zusammen."

Blanke Kassen

Zwischen 2003 und 2005 will NRW sieben Milliarden Euro an Ausgaben im Haushalt einsparen - und muss dennoch in der gleichen Zeit 14 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen. Land und Kommunen beklagen massive Steuerausfälle - die Wirtschaftsflaute und die Senkung der Unternehmenssteuern engen die Handlungsspielräume massiv ein. Gelsenkirchen kann nach jahrelang defizitären Haushalten keine Ausgabe, zu der die Stadt nicht per Gesetz verpflichtet ist, wie etwa die Auszahlung der Sozialhilfe, ohne Genehmigung der Bezirksregierung tätigen. 177 Millionen Euro hat NRW für den Städtebau im Haushalt eingestellt. Anträge in Höhe von 1,2 Milliarden Euro liegen vor.

Der Bus mit den Landespolitikern aus Ost und West hält in der Phönixstraße im benachbarten Gladbeck. Die Fenster der Erdgeschosse sind mit braunen Gittern oder Holzspanplatten verbarrikadiert. Von 178 Wohnungen sind gerade noch 30 belegt. Die Grünen-Landesvorsitzende Brock lässt den Blick durch die verwaiste ehemalige Arbeitersiedlung streifen: "Die leer stehenden Häuser hier - das sieht aus wie bei uns in der Dessauer Gegend." Bauminister Vesper hört das mit Genugtuung.

Verödete Straßen

Gerne hätte er den Ostlern noch mehr von der Misere gezeigt. Doch die wollen zurück, der ICE von Duisburg nach Berlin fährt bald ab. Schnell werden im Vorbeifahren noch Straßen mit leer stehenden Ladengeschäften gestreift. Ines Brock schwirrt der Kopf. Aber sie ist sich mit den Kollegen aus den alten Bundesländern einig: "Anfang der neunziger Jahre wurde zu viel Geld in den Osten gebuttert, ohne dessen sinnvolle Verwendung zu evaluieren." Jetzt müssten bundesweite Kriterien für die Prüfung der Bedürftigkeit her - für die Förderung des Stadtumbaus in Ost und West.

Das Fazit der baupolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag, Franziska Eichstädt-Bohlig, fällt ähnlich aus: "Der Ausbau der Infrastruktur im Osten muss sich auf Regionen mit Wirtschaftssubstanz konzentrieren - auch wenn das bedeutet, manche Gegenden aufzugeben." Allerdings warnt sie davor, die Situation im Ruhrgebiet zu dramatisieren: "Während im Osten die Probleme flächendeckend sind, handelt es sich hier um punktuelle Probleme einiger Inseln, die aber von einer stabilen ökonomischen Basis umgeben sind. Das spürt man."

Schalke-Fan Hans spürt das nicht. An eine berufliche Zukunft glaubt er nicht mehr. "Die Unternehmen gehen doch alle nach Osteuropa." Auch die Hoffnung auf drei Punkte gegen Uefa-Cup-Konkurrent Bayer Leverkusen erfüllt sich nicht, die Königsblauen verlieren nach einem kämpferischen Match mit 2:3. Zerknirscht trottet Hans nach Spielende Richtung Tramhaltestelle. Dann sagt er: "Wir lassen uns nicht unterkriegen, mag es mit dem Ruhrpott auch weiter bergab gehen und Schalke sich nicht für den europäischen Wettbewerb qualifizieren" - wobei er offen lässt, was für ihn schlimmer wäre.